
Ein Cyberangriff, ein Terroranschlag oder eine Naturkatastrophe: Die Ursachen mögen unterschiedlich sein, die Folgen ähneln sich: Wasser, Strom oder Gas fallen aus, vielleicht tagelang, Kommunikationswege und Internet brechen zusammen.
Fachleute raten davon ab, sich in einem solchen Ernstfall zu sehr auf staatliche Hilfe zu verlassen. Denn die Möglichkeiten für staatliche Stellen, bei Notlagen wie Stromausfällen, bei großen Katastrophen oder gar im Krieg zu helfen, sind beschränkt. Auf Krisen sollten Bürgerinnen und Bürger daher auch selbst vorbereitet sein.
Inhalt
- Selbst vorsorgen: Wichtig für jeden Einzelnen
- Selbst vorsorgen: Ein Beitrag für die Gemeinschaft
- Krisenbewusstsein: Von Einkommen und Wohnort abhängig
- Aufklärung und Kurse: Was der Staat tut
- Lettland oder Polen: Was in anderen Ländern besser läuft
- Was tun? Die Bausteine einer privaten Krisenvorsorge
Selbst vorsorgen: Wichtig für jeden Einzelnen
Bei der selbstständigen Krisenvorsorge geht es darum, im Ausnahmefall einigermaßen vorbereitet zu sein und sich selbst sicherer zu fühlen. Das hat auch mentale oder psychologische Auswirkungen. Wer vorsorge, habe ein Gefühl von subjektiver Kontrolle so Eva-Lotta Brakemeier, Psychologie-Professorin an der Universität Greifswald. Dennoch schieben viele die Beschäftigung mit diesen Themen beiseite. Eva-Lotta Brakemeier erklärt das so:
„Wenn wir uns mit Krisenvorsorge beschäftigen, beschäftigen wir uns mit unserer eigenen Verletzlichkeit. Das aktiviert Angst, und auf Angst reagieren wir Menschen evolutionär, also in der Regel mit Verdrängung.“
Vermeidung sei dennoch falsch, so Brakemeier, auch wenn sie kurzfristig angstregulierend wirke. Langfristig sei es jedoch besser, Vorkehrungen zu treffen, um dann loslassen und sich wieder dem Alltag widmen zu können.
Selbst vorsorgen: Auch ein Beitrag für die Gemeinschaft
Im Hinblick auf Vorsorge vermisst der Sicherheitsexperte Ferdinand Gehringer in Deutschland Eigenverantwortlichkeit. Menschen hierzulande hätten die Erwartungshaltung, dass sich der Staat kümmern würde, falls eine Krise ausbricht.
„Genau dieses staatliche Versprechen – wir kümmern uns, egal in welcher Situation – ist in der heutigen Sicherheitslage nicht mehr durchzusetzen“, erklärt Gehringer.
Daher ist die eigene Vorsorge auch im Hinblick auf die Gemeinschaft wichtig. Denn: Im Not- und Krisenfall ist es die Priorität der Einsatzkräfte, Leben zu retten, vulnerablen Gruppen zu helfen, Krankenhäuser und Pflegeheime zu evakuieren. Jeder, der zu Hause vorgesorgt hat und dadurch eine Weile autark ist, entlaste Einsatzkräfte und damit das Gesamtsystem, erklärt Gehringer.
Wie wichtig dieser Aspekt der Entlastung der Einsatzkräfte ist, zeigt sich am Beispiel des Stromausfalles in Berlin Anfang 2026: Notrufsysteme waren schnell überlastet – aufgrund der Anfragen besorgter Bürger, wann denn der Strom wieder laufe. Solche Fragen zu beantworten, könne keine Priorität für Einsatzkräfte haben, betont Ferdinand Gehringer.
Entscheidend ist also, dass Bevölkerungsschutz als gesamtgesellschaftliche Aufgabe etabliert wird. Damit möglichst alle Menschen wissen, was im Krisenfall zu tun ist.
Krisenbewusstsein: Von Einkommen und Wohnort abhängig
Die Menschen in Deutschland sind sehr unterschiedlich gut auf Krisen vorbereitet. Denn das Bewusstsein dafür unterscheidet sich unter anderem nach Alter, Haushaltsgröße und sozioökonomischen Status, so eine repräsentative Befragung der TU Kaiserslautern-Landau zur Notfall- und Katastrophenvorsorge. Demnach haben sich Personen zwischen 45 und 59 Jahren, in Mehrpersonenhaushalten mit Kindern und einem hohen sozioökonomischen Status am häufigsten mit dem Thema befasst.
Wer genügend Platz, finanzielle und mentale Kapazitäten hat, kann tendenziell leichter Vorräte anlegen und vorsorgen. Andere Studien ergeben, dass auch der sogenannte Urbanisierungsgrad eine Rolle spielt: Wer in einer ländlichen Region lebt, ist tendenziell besser auf längere Stromausfälle vorbereitet.
Aus welchen Gründen beschäftigen sich Menschen in Deutschland nicht mit Krisenvorsorge? Etwa 59 Prozent der Menschen in Deutschland gaben als Antwort auf diese Frage an, bislang einfach noch nicht daran gedacht zu haben, so die Ergebnisse der TU Kaiserslautern-Landau. Weitere häufige Antworten: Eine Katastrophe, die sie selbst betreffe, wird von den Befragten als unwahrscheinlich eingeschätzt. Und die Menschen geben an, sich auf Hillfe durch staatliche Organisationen zu verlassen.
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) sieht ein etwas höheres Bewusstsein für Krisen im Vergleich zur Erhebung der TU Kaiserslautern-Landau: So hätten bei einer eigenen Umfrage in Vorbereitung des neuen Ratgebers mehr als zwei Drittel angegeben, sich schon mit Krisenvorsorge beschäftigt zu haben.
Das THW teilt mit, dass zwar das Krisenbewusstsein in der Bevölkerung in den vergangenen Jahren durch Ereignisse wie den Ukrainekrieg, Naturkatastrophen und Stromausfälle wie in Berlin gestiegen sei. Es bestehe aber großes Potenzial, Eigenvorsorge und Selbstschutz weiter zu stärken.
Aufklärung und Kurse: Was der Staat tut
Insgesamt seien die nationale Krisenvorsorge und der Zivil- und Katastrophenschutz in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten massiv vernachlässigt worden, kritisiert Ferdinand Gehringer. Das sei auch ein staatliches Defizit.
Als vorbildlich nennt er die Städte Essen und Krefeld sowie den Kreis Viersen. Hier sei die Information breit in der Bevölkerung verteilt worden. So wurden beispielsweise in Essen Informationsflyer zur Krisenvorsorge an alle Haushalte geschickt.
Um Defizite aufzuholen, wird der Bevölkerungsschutz mit zusätzlichen Finanzmitteln ausgestattet: Bis 2029 sollen mit einem "Pakt für den Bevölkerungsschutz" insgesamt rund zehn Milliarden Euro in die grundsätzliche Modernisierung des Bevölkerungsschutzes investiert werden. Das plant das CSU-geführte Bundesinnenministerium.
Im Bundeshaushalt 2026 sind mit rund 1,3 Milliarden Euro deutlich mehr Mittel vorgesehen – für das BBK und das Technische Hilfswerk, die Zivil- und Katastrophenschutzorganisation des Bundes. Der Bund finanziert unter anderem neue Unterkünfte und Fahrzeughallen sowie die Modernisierung bestehender Bauten beim THW. Damit werde auch der Mitgliederzuwachs berücksichtigt, so das Hilfswerk. Seit 2020 ist die Zahl der ehrenamtlichen Mitglieder beim THW um rund zehn Prozent auf bundesweit etwa 88.000 gestiegen.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt hat zudem kürzlich gefordert, den Zivil- und Krisenschutz als festes Element im Schulunterricht zu integrieren. Das könnte einen Beitrag zur besseren Krisenvorsorge und Selbstschutz leisten.
Lettland oder Polen: Was in anderen Ländern besser läuft
Die nordeuropäischen Länder, die baltischen Länder und Polen gelten unter Zivilschutzexperten als deutlich besser vorbereitet. Westlich von Polen seien den Menschen in Europa Rechte und Pflichten im Fall einer Krise dagegen nicht ausreichend bewusst – auch weil wenig darüber gesprochen und informiert werde, so die litauische Sicherheitsexpertin Maria Martisiute.
Neben der theoretischen Information sei auch wichtig, Krisenfälle konkret durchzuspielen und praktisch zu üben, erklärt Maria Martisiute. Das müsse in Abstimmung mit den Regierungsbehörden, den lokalen Zuständigen, und auch mit Schulen und Privatunternehmen passieren, die eine sehr wichtige Rolle in Krisen spielen.
Eine andere Einstellung bei der Krisenvorsorge in den nordischen und baltischen Staaten sieht auch der Sicherheitsberater Ferdinand Gehringer. Sicherheit werde dort zusammen mit den Bürgern organisiert und nicht für die Bürger, wie derzeit noch in Deutschland. Dieses Denken müsse überwunden werden, um neue Rollen zu bilden: „Man kann von staatlicher Seite einen Anspruch an die Zivilbevölkerung, aber auch an wirtschaftliche Unternehmen stellen, in dem Sinn: Wenn wir das machen, müssen wir uns darauf verlassen, dass auch ihr diese Aufgaben erfüllt.“
Was tun? Die Bausteine einer privaten Krisenvorsorge
Möglichst zehn Tage lang sollten sich Haushalte im Krisenfall selbst versorgen können, empfiehlt das BBK. Das bedeutet konkret vor allem Wasser (zwei Liter pro Person und Tag), haltbare Lebensmittel, Hygieneartikel und Medikamente auf Vorrat zu Hause haben.
Auf der Checkliste des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe stehen weiterhin Taschenlampe und Kerzen, ein Verbandskasten, geladene Akkus und Powerbanks und ein Back-up aller wichtigen Dateien.
Auch ein Stromgenerator oder ein Campingkocher können hilfreich sein, beispielsweise zum Heizen und Kochen. Besonders wichtig bei einem Stromausfall: Ein stromunabhängiges Radio, um informiert zu sein.
Das Heft "Vorsorgen für Krisen und Katastrophen" des BBK hilft bei der Vorbereitung – wie auch Erste Hilfe Kurse mit Selbstschutzinhalten. Hier erfahren die Teilnehmenden, wie sie sich auf Krisen vorbereiten können und wo sie im Krisenfall Anlaufstellen finden.
Die Kurse werden von Hilfsorganisationen, wie etwa dem Arbeiter-Samariter-Bund angeboten und finanziert vom BBK.
Grundsätzlich gilt es auch als sinnvoll, sich mit Nachbarn oder Bekannten auszutauschen. Manche Vorkehrungen lassen sich gut oder gar besser gemeinsam treffen. Hier setzt die Idee des "Solidarischen Preppens" an, eine Strategie der gemeinschaftlichen Katastrophenvorsorge.
Online-Text: Catherine Shelton














