Dienstag, 21.05.2019
 
Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteInformationen am MorgenAntiklerikale Stimmung in Polen nimmt zu11.05.2019

Katholische KircheAntiklerikale Stimmung in Polen nimmt zu

Die katholische Kirche gerät in Polen zunehmend unter Druck. Viele Polen sind genervt, dass Politiker Glaube und Religion zunehmend für ihre Zwecke instrumentalisieren, auch im Europa-Wahlkampf. Außerdem sorgt eine neue Missbrauchs-Doku für Aufsehen.

Von Jan Pallokat

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Vor einem weißen Obergewand fällt eine Kette mit einem Kruzifix ab, eine Hand hält einen Rosenkranz. (CTK / dpa / Radek Petrasek)
Kritiker werfen der nationalkonservativen Regierung in Polen Absprachen mit der Katholischen Kirche vor. (CTK / dpa / Radek Petrasek)
Mehr zum Thema

Ireneusz Karolewski "Die meisten Polen sehen EU als erfolgreiches Projekt"

Neues Sozialgesetz in Polen Mehr Kindergeld für mehr Wählerstimmen?

EU-Kommission Neues Vertragsverletzungs-Verfahren gegen Polen

"Ich habe den Eindruck, die Kirche wird hier zum Prügelknaben und auf pädophile Priester reduziert", so der PiS-Europaabgeordnete Ryszard Czarnecki in einer Fernsehsendung.

Es ist Europa-Wahlkampf in Polen, und die einflussreiche katholische Kirche des Landes ist mitten hinein geraten. Dabei geht es nicht nur um das Thema Missbrauch. Die Rolle der Kirche in Europa, aber auch das Verhältnis von Kirche und Staat in Polen sind generell stark den Wahlkampf prägende Themen. Und während Teile der Opposition sich mehr oder weniger deutlich für eine klarere Trennung von Staat und Kirche einsetzen, behauptete PiS-Parteichef Jaroslaw Kaczynski. "Wer die Hand gegen die Kirche erhebt und sie zerstören will", der erhebe die Hand gegen Polen.

Protest gegen homophobe Plakate in der Kirche

Zusätzlich angeheizt wird die Debatte durch Ereignisse wie eine umstrittene Festnahme Anfang der Woche, die der Innenminister zunächst im Internet stolz kommentierte. Frühmorgens um sechs war eine Homosexuellen-Aktivistin abgeführt und stundenlang verhört worden, weil sie in der Nähe einer Provinzkirche Sticker verteilt haben soll, auf der die Schwarze Madonna von Tschenstochau - also die polnische Nationalikone schlechthin - um einen bunten Heiligenschein in Regenbogenfarbe ergänzt worden war. Es war ein Protest gegen homophobe Plakate in der Kirche.

Das robuste Vorgehen der Staatsmacht machte weltweit Schlagzeilen. Der Oppositionspolitiker Slawomir Nitras zeigte sich empört. Er sagte: "Wir alle wissen, dass diese Intervention nur deswegen stattgefunden hat, weil Kaczynski sie gefordert hat." Der PiS-Parteichef habe sein Urteil bereits gesprochen. "Er hatte doch festgestellt, dass sich diese Hand gegen den polnischen Staat richtet."

Unangenehme Debatten über Pädophilie

Tatsächlich deutet einiges darauf hin, dass es weniger die Plakate von Homo-Aktivisten sind, die der Kirche schaden, als die politische Instrumentalisierung von Glaube und Religion selbst. Das bestätigt auch Priester Andrzej Kobylinski, Philosoph und katholischer Vordenker.

"Menschen im älteren oder mittleren Alter fühlen sich angegriffen und befürchten, dass moralische Revolutionen aus den westlichen Ländern kommen könnten", so Kobylinski. "Es gibt ihnen ein Gefühl der Sicherheit, wenn konservative Politiker sagen, wir werden das nicht zulassen, wir werden traditionelle Werte verteidigen. Auf längere Sicht könne das der Kirche jedoch schaden, "denn sie verliert die junge Generation."

Antiklerikale Stimmung nimmt zu

In einer Großstadt wie Lodsch etwa blieb zuletzt eine Mehrheit der Schüler dem Religionsunterricht fern. In Oppeln machte ein 14-Jähriger Schlagzeilen, der im Klassenzimmer das Kreuz von der Wand nahm. Er begründete das damit, dass höchstens sechs von 20 Mitschülern zur Religionsstunde gingen. Was solle das dann noch?

"Antiklerikale Stimmungen nehmen zu. Das betrifft nicht die 30 Prozent, die jeden Sonntag in die Kirche gehen. aber es gibt 70 Prozent der anderen Polen, bei denen die Abneigung zur Kirche größer werde, sagt Kobylinski, ein profunder Kenner der Missbrauchs-Thematik. Er habe den Tsunami, wie er es nennt, lange kommen sehen, betont er.

Millionen Polen sahen schon im vergangenen Jahr den scharf kirchenkritischen Spielfilm "Der Klerus". Nun erlebt "Aber sag es nur niemandem" eine sogenannte Youtube-Premiere. Eine abermalige Dokumentation über das Leid der Opfer, mit Schwarmfinanzierung ermöglicht.

Bislang galt in Polen eine Grundannahme als gesetzt: "Du kannst politisch alles wollen, aber verscherze es dir nicht mit der Kirche, sonst bist du erledigt." Gilt diese Regel noch? "Weltanschauliche Fragen" sollten bei dieser und den nächsten Abstimmungen wahlentscheidend sein, glaubt jedenfalls Priester-Philosoph Kobylinski.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk