Donnerstag, 19. Mai 2022

Archiv


Keine Überraschungen

Ein erwarteter Sieger - "The King's Speech" räumte vier Preise ab - und eine humorlose Präsentation von James Franco und Anne Hathaway: Die diesjährige Oscar-Verleihung bot Zuschauern wenig Spannung.

Von Josef Schnelle | 28.02.2011

Die Wettbüros, bei denen man auf den Gewinner der 83. Oscar-Nacht setzten konnte, werden frohlockt haben. Sie müssen keine nennenswerten Prämien auszahlen. Es kam nämlich wie allgemein erwartet: Tom Hoopers Film über den sprachgestörten englischen König Georg VI., der von einem unkonventionellen Sprachtherapeuten für die entscheidende Radio-Rede zum Eintritt in den Zweiten Weltkrieg fit gemacht wird, kassierte die wichtigsten vier Oscars als bester Film mit Tom Hooper als bestem Regisseur, mit dem besten Originaldrehbuch und mit dem besten Hauptdarsteller Colin Firth.

Der britische Regisseur Tom Hooper weitete das Lob gleich auf Geoffrey Rush aus, der als windiger Sprachtherapeut Colin Firth einige Male die Schau stielt. Ein Dreieck der Männerliebe sei das gewesen mit ihm und seinen Hauptdarstellern:

"Thank you. My wonderful actors. The triangle of man love."

Die Konkurrenten um die wichtigsten Oscars hatten wenig zu lachen. Der Erzrivale "The Social Network" von David Fincher war wie "True Grit" von den Coen-Brüdern von Anfang an aussichtslos im Hintertreffen. Schließlich wird die Mehrzahl der Academy-Mitglieder von den Schauspielern gestellt, die sich die Auszeichnung für das Dreipersonenstück "The King's Speech" nach einer australischen Theatervorlage nicht entgehen lassen konnten.

Der Film ist im guten Sinne altmodisch und hat dazu noch einen verführerischen Adelsfaktor als Film über den Vater der gegenwärtigen Queen Elisabeth II. Untergegangen im Jubel dürfte aber wohl sein, das ausgesprochene Hollywoodproduktionen unter den prämierten Filmen Mangelware waren. "The King's Speech" ist schließlich eine britische Produktion, inszeniert von einem britischen Regisseur.

Gewiss, der Film erinnert an solide Hollywoodfilme der 40er- und 50er-Jahre. Aber in der Filmmetropole selbst werden nur noch 3D-Filme und Sequels, mutlose Fortsetzungsfilme wie Spiderman 4 gedreht. Hollywood macht keine Hollywoodfilme mehr und rückt immer mehr an die Peripherie des Geschehens im Weltkino. Nimmt man noch die amerikanischen Filme der Independent-Produktionen hinzu, kann man sagen: Die schillernden großen Studios wie Warner Bros oder Twentieth Century Fox haben zumindest künstlerisch abgedankt.

Sie verwalten nur noch vermeintliche Erfolgsformeln und in den Regiestühlen sitzen immer weniger Autoren, dafür immer mehr ausführende Produzenten direkt aus den Investment-Büros. Da hätte das Kostümdrama eines stotternden Königs gleich von Anfang an keine Chance gehabt. Allerdings dürfte "The King's Speech" für lange Zeit auch der letzte Erfolg der britischen Filmförderung sein, die gerade aus Ersparnisgründen mehr oder weniger aufgelöst wird.

Deutsche Erfolge aus Babelsberg gab es in diesem Jahr nicht zu vermelden. Weswegen sich in den heute Morgen schon herumgeisternden Werbemails vor allem die Verleiher freuten, die die Filme mit Oscar-Erwähnungen in die Kinos bringen. Wozu auch "True Grit" von den Coen-Brüdern gehört, der trotz zehn Nominierungen spektakulär leer ausging.

Bleibt noch die Oscar-Show, für die sich die deutschen Filmkritiker mit 50 Millionen Zuschauern in aller Welt die Nacht um die Ohren schlagen. Diesmal hatte man sich für die völlig humorfreie Präsentation durch die Jungstars James Franco und Anne Hathaway entschieden, was die spannungsfreie Atmosphäre der Veranstaltung noch mehr unterstrich. Wie soll man die Augen aufhalten, wenn der lustige Beitrag des Abends ausgerechnet in gepflegtem britischem Understatement von dem britischen Oscar-Preisträger Colin Firth vorgetragen wird:

"Ich muss Sie aber leider warnen, dass ich gerade einen inneren Aufruhr spüre. Ich habe Gefühle im Bauch, die androhen, sich in Tanzbewegungen zu äußern. So freudig das für mich wäre, so problematisch wäre es, wenn das passieren würde, solange ich auf der Bühne bin."

Gelegenheit zum Ausdruckstanz dürfte Colin Firth wenigstens hinterher auf einer der zahlreichen After-Show-Partys gehabt haben, die Los Angeles einmal im Jahr einen Sitzungs-Karneval der Reichen und Schönen bescheren. Fazit: Viel Lärm um nichts. Vielleicht wird ja die Verleihung des deutschen Filmpreises in ein paar Wochen spannender und lustiger. Thomas Gottschalk moderiert. Saalwetten werden angenommen.