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Keitum auf Sylt
Friesendorf wie aus dem Bilderbuch

Wer auf die Nordseeinsel Sylt kommt, fährt meistens nach Westerland oder Kampen, den Badeorten an der Westküste. Doch immer mehr Urlauber zieht es in den grünen Ostteil der Insel, vor allem nach Keitum. In diesem Dorf mit reetgedeckten Häusern liegen die Wurzeln des Eilands.

Klaus Deuse | 27.08.2017
    Ein weisses Friesenhaus mit Reetdach in Keitum auf Sylt.
    Vor der touristischen Erschließung auf Sylt führte kein Weg an Keitum vorbei. (picture alliance/dpa/Horst Galuschka)
    Autoverladung Niebüll nach Sylt/Durchsage:
    "Moin, moin und herzlich willkommen auf dem Sylt-Shuttle der Deutschen Bahn. Bevor der Sylt-Shuttle startet, beachten Sie bitte folgendes: Schalten Sie die Fahrzeugbeleuchtung aus und bleiben Sie während der Überfahrt angeschnallt in Ihrem Fahrzeug sitzen. Wir wünschen Ihnen eine angenehme Überfahrt und einen schönen Aufenthalt auf Sylt."
    Dann setzt sich der Autozug in Bewegung, nimmt Fahrt Richtung Hindenburg-Damm auf, der das Festland mit der Nordseeinsel verbindet. Nach der Ankunft biegen die meisten Fahrzeuge gen Westerland oder Kampen ab, den Badeorten an der Westküste. Doch immer mehr Urlauber zieht es inzwischen in den grünen Ostteil der Insel. Vor allem nach Keitum, einem Friesendorf wie aus dem Bilderbuch. Ein idyllischer Ort mit reetgedeckten historischen Häusern. Hier fühlten sich auch kreative Köpfe wohl wie etwa der frühere Intendant der Staatlichen Schauspielbühnen Berlin, Boleslaw Barlog. Aber auch pragmatische Politiker wie Finanzminister Wolfgang Schäuble schätzen die friesische Beschaulichkeit und die Weite des Horizonts. An Keitum führte übrigens vor der touristischen Erschließung auf Sylt kein Weg vorbei. Der Lage wegen, erläutert die Diplomgeografin und Gästeführerin Silke von Bremen.
    "Keitum avancierte dann im Laufe der Jahre zum Hauptort, weil Keitum einfach hoch attraktiv war. Man hatte die bedeutendste Kirche. Hier war der Arzt, hier war später die Apotheke. Und die Kapitäne, wenn die sich hier zur Ruhe gesetzt haben, haben sich natürlich auch gerne untereinander unterhalten, was sie auf ihren Reisen nach Indonesien oder Afrika erlebt haben. Und so haben sich zunehmend Kapitäne in Keitum angesiedelt. Und dass sie das gemacht haben, davon profitieren wir heute noch."
    Die alten Kapitäne hatten den richtigen Riecher
    Eben: Von der "Goldenen Zeit" im 18. Jahrhundert, als sich Seefahrer, die exotische Raritäten wie Gewürze mitbrachten, und Kapitäne, die es mit Walfang zu Wohlstand gebracht hatten, in Keitum niederließen. Denn sie wussten um das vorteilhafte mildere Klima im Sommer an der Wattseite der Insel. Ein Spaziergang durch enge, teils kopfsteingepflasterte oder kiesbedeckte Gassen, vorbei an üppig blumigen Vorgärten und prächtigem Baumbestand führt vor Augen: Die alten Kapitäne hatten den richtigen Riecher. Und sie haben Häuser hinterlassen, die Geschichte atmen, wie Silke von Bremen anschaulich ihren Rundgangteilnehmern vermittelt.
    "Herzlichen Guten Morgen, meine Damen und Herren, bei diesem herrlichen Wetter zu unserer Dorfführung durch Keitum. Und ich möchte Ihnen Grundsätzliches zur Geschichte von Keitum erzählen, zum Beispiel: Warum Keitum so schön ist, warum stehen so viele Häuser dicht an dicht. Wenn Sie an den Häusern vorbeigehen, haben sie fast alle Maueranker, die ihnen verraten, wie alt die Häuser sind. Und verblüffender Weise fast immer aus dem 18. Jahrhundert. Also wenn wir uns hier umschauen, das Heimatmuseum wie gesagt von 1759. Gegenüber das Haus sehen Sie 1775. Hier quer über das Eck 1786. Und noch eine Jahreszahl: 1794. Also Zahlen soll man jetzt gerne gleich wieder vergessen. Aber man sieht ja, dass die Häuser alle in einem ganz engen Zeitfenster gebaut wurden."
    In den erwähnten "Goldenen Jahren". Wie es zu der Zeit drinnen aussah, diesen Rückblick eröffnet ein Besuch im "Altfriesischen Haus". Hier, im Haus eines Walfängers, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Im Pesel, der guten Wohnstube, der Küche und den übrigen Räumen mit den niedrigen Decken befinden sich auf Hochglanz polierte originale Möbel und Utensilien aus dem 18. Jahrhundert. Unweit vom Altfriesischen Haus entfernt liegt das Sylter Heimatmuseum. Hier zeugt am Eingang ein ganz besonderer Torbogen von der Profession der Keitumer Kapitäne: in Gestalt der ausgebleichten, mächtigen Kieferknochen eines Wales. Vom Heimatmuseum sind es dann nur wenige Schritte bis zum "Grünen Kliff". Gerade einmal zehn Meter über Normal Null hoch. Doch das ist für norddeutsche Küstenverhältnisse schon beachtlich und hat nach den Worten von Silke von Bremen in der Vergangenheit verhindert, dass Keitum "über den Strand ging." Also vom Meer überspült wurde. Nicht nur von hier führt in Keitum der Weg ans Watt.

    Fernab des touristischen Trubels in Westerland und der in der Sommersaison aufgeplusterten Schicki-Micki-Atmosphäre von Kampen suchen und finden hier Urlauber wie Marion Wiemann Entspannung.
    "Das heißt also wir sind am Watt entlanggegangen Richtung Kampen. Ganz weiter hinten ist dann ja auch List. Vorher die Braderuper Heide. Der Blick ist einfach: unendliche Weite, Ruhe, Horizont. Und es bietet so viel fürs Auge."
    Hier befindet sich der nördlichste Weinberg Deutschlands
    Auf diesem Weg Richtung Norden gelangt man am Ortsende von Keitum zu St. Severin. Passiert übrigens vorher noch den nördlichsten Weinberg Deutschlands. Wobei von Berg keine Rede sein kann: Vielmehr handelt es sich um eine Ansammlung Dutzender Weinstöcke der Rebsorte Silvaner auf einer auf einer flachen Wiese. Mehr als wenige hundert Flaschen wirft dieser Weinberg zwar nicht ab, aber für einen gepfefferten Preis. Sylt lässt sich halt auch abgefüllt gut vermarkten. Eine Einkehr in St. Severin, der ältesten Kirche in Schleswig-Holstein, ist dagegen ein Muss. Diese urkundlich 1240 erstmals erwähnte und auf dem höchsten Punkt des Sylter Geestrückens gelegene Kirche, ist ein Zeugnis Sylter Geschichte. Insbesondere von der Atmosphäre im Kircheninneren fühlt sich Marion Wiemann berührt.
    "Man hat immer das Gefühl, man sitzt da mit den Seemannsfrauen oder Kapitänsfrauen zusammen. Also irgendwie gehört die sehr zu der Landschaft, zu dem Meer."
    Seit 2005 predigt Pastorin Susanne Zingel in St. Severin. Und in dieser Zeit haben viele den Weg nach St. Severin und zu ihr gefunden, die im Urlaub in Keitum den Weg am Watt entlanggegangen sind.
    "Die Zeit und Muße, die man hat. Die langen Spaziergänge am Meer. Überhaupt die Erfahrungen mit dem Meer. Es scheint so zu sein, dass es die Menschen zu sich und mit sich selbst in Kontakt bringt, dass Seele und Herz aufgehen. Und dass man auch das Bedürfnis hat, darüber zu sprechen."
    Nicht fehlen darf ein Rundgang über den Friedhof, den ich nach meinen Besuchen quasi als ein Bekenntnis für das Lebensgefühl auf dieser Nordseeinsel betrachte. Menschen, die in ihrem Leben viele und vieles bewegt haben, haben sich hier unter dem weiten Horizont ihre letzte Ruhestätte gewünscht. So wie der Gründer des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" Rudolf Augstein, der Literaturkritiker Fritz J. Raddatz, der Verleger Peter Suhrkamp oder der Außenminister aus den frühen Jahren der Bundesrepublik Gerhard Schröder. Allesamt bescheidene Ruhestätten, getreu friesischer Zurückhaltung und zugleich kerzengerader Haltung wie im Leben. In Anlehnung an den Leitspruch der Keitumer Kapitäne "Rüm Hart, Klaar Kiming." Freies Herz – Weiter Horizont. Auch darauf kommt Silke von Bremen bei ihren Führungen zu sprechen. Ebenso wie auf die Frauen der Kapitäne, die oft auf sich allein gestellt waren.
    "Man sagt ja so schön: Man wächst mit seinen Aufgaben. Und die Frauen haben in dieser Zeit ein großes Selbstbewusstsein auch bekommen. Und was ich ganz spannend finde: im 18. Jahrhundert haben die Frauen entschieden, wen sie heiraten. Wenn man bedenkt, dass es ja bis heute Kulturen gibt, wo Väter und Brüder sagen, wen die Mädels heiraten müssen, da waren die damals schon sehr fortschrittlich. Und sie haben dann wirklich monatelang Vater und Mutter in einer Person gespielt. Sie haben Häuser mit bauen müssen, sie haben die Äcker bestellt."
    Ein Keitum-Spaziergang sollte zu einem Sylt-Urlaub dazu gehören
    Und dieses Selbstbewusstsein hat sich über Generationen hinweg fortgepflanzt. Wer sich allein auf den Erkundungsweg der Geschichte von Keitum zu Fuß machen will, dem steht übrigens eine einfache Navigationshilfe zur Verfügung.
    "Im Dorf befinden sich 20 Tafeln vor bedeutenden Häusern oder Häusern, wo bedeutende Menschen gelebt haben. Und erzählen kurz und knapp, warum das wichtig ist. Dazu gibt es einen begleitenden Flyer mit einem Ortsplan, der fast überall ausliegt. Also das wäre ein Tipp, den ich den Gästen vom Sonntagsspaziergang auch gerne geben würde."
    Auch wer in Westerland in die Brandung springt, in Kampen viel Geld in Nobelboutiquen ausgibt oder in List in der nördlichsten Fischbude der Republik schlemmt, ein Spaziergang durch Keitum sollte zu einem Sylt-Urlaub immer dazu gehören, um die Wurzeln dieses Eilands in der Nordsee zu entdecken. Und um vielleicht zu begreifen, dass Sylt für eine komplette Immobilien-Vermarktung einfach zu schade ist. Trotz lukrativer Rendite im Tal der niedrigen Zinsen.