
Wikipedia feiert 2026 ihr 25-jähriges Bestehen. Die Idee war zum Zeitpunkt der Gründung konkurrenzlos: Der Aufbau einer Open-Source-Enzyklopädie, die kostenlos und allgemein zugänglich ist und von den Nutzern selbst erweitert und verändert werden kann. Nach dem Start 2001 wuchs Wikipedia sehr schnell. Schon nach zwei Jahren gab es mehr Artikel als in der Encyclopedia Britannica.
Heutzutage nutzen viele Millionen Menschen Wikipedia täglich als digitales Nachschlagewerk. Etwa 250.000 ehrenamtliche Autorinnen und Autoren weltweit verfassen und editieren die Inhalte. Da aber immer mehr Menschen Chatbots wie ChatGPT für die Suche im Internet benutzen, gehen die Wikipedia-Abrufzahlen zurück. Denn die Bots liefern direkte Antworten, ohne auf die Wikipedia-Artikel zu verlinken, von denen sie oft ihre Informationen beziehen.
Doch selbst wenn Wikipedia als Quelle angegeben wird, klicken die Nutzer laut der Wikimedia Foundation eher selten auf die weiterführenden Links. Hinzu kommt, dass insbesondere jüngere Menschen Informationen vor allem auf Videoplattformen wie YouTube, oder in sozialen Netzwerken wie TikTok oder Instagram suchen.
Welchen Stellenwert hat Wikipedia?
Wikipedia liegt seit vielen Jahren stetig in der Top Ten der meistgenutzten Websites. Laut Angaben der Wikimedia Foundation, verbrachten Leser im Jahr 2025 bis Anfang November 4,6 Milliarden Stunden auf Wikipedia-Artikeln weltweit, das heißt in allen der über 300 verfügbaren Sprachen. Davon entfielen 2,4 Milliarden Stunden auf englischsprachige Artikel.
Die Wikimedia Foundation betreibt neben Wikipedia auch Wikimedia Commons (ein Medienarchiv für freie Bilder, Videos und Töne), Wiktionary (ein freies Wörterbuch), und Wikidata (eine freie Wissensdatenbank).
Wie haben sich die Abrufzahlen entwickelt?
Der Trend ist rückläufig: Während im Mai 2022 noch 5,1 Milliarden Besuche verzeichnet wurden, waren es im Mai 2025 noch 3,8 Milliarden. Seit Mitte 2025 besuchen etwa 8 Prozent weniger Menschen Wikipedia als in den jeweiligen Vorjahresmonaten.
Wie wirken sich KI-Bots auf die Abrufe aus?
Der Rückgang der Visits auf Wikipedia-Seiten habe viel damit zu tun, dass sich das Internet verändere, sagt Franziska Heine, Vorständin von Wikimedia Deutschland: Da immer mehr Menschen Chatbots fragten, statt auf Google zu suchen, stießen sie auch weniger auf Links in den Google-Suchen, die auf Wikipedia leiten. Laut einer repräsentativen Umfrage des TÜV-Verbands nutzen in Deutschland etwa 70 Prozent der Anwender die KI-Bots vorrangig für die Recherche.
Die problematische Rolle der Bots
Bei den komprimierten Antworten der generativen KI sei das Problem, dass man nicht mehr genau sagen könne, woher welcher Anteil der Information komme, so Heine. Die Bots benutzten die Inhalte, führten die Menschen aber nicht auf die Quelle dieser Inhalte zurück.
Die Gefahr sei, dass in den Antworten der Chatbots nicht mehr erkennbar und überprüfbar sei, was tatsächlich eine validierte Information ist, weil eben diese Quellen nicht angegeben würden, sondern die generative KI lediglich versuche, plausible Antworten mit einer logischen Aneinanderreihung von Wörtern zu geben. Sie leiten ihr "Wissen" also von Wahrscheinlichkeitsrechnungen ab.
Außerdem benutzen die KI-Bots Wikipedia nicht nur für Antworten auf Anfragen der User, sondern sie trainieren mit deren Inhalten auch ihre Modelle – ohne Wikipedia jedoch als Quelle zu stärken.
Für den Fortbestand von Wikipedia und ihrer Schwesterprojekte sei es wichtig, dass die Menschen bei ihren Suchen auch auf deren Seiten landen, sagt Heine. Dadurch würden sie nämlich animiert, vielleicht selbst etwas beizutragen. Schließlich beruht das gesamte Projekt auf der Arbeit von Ehrenamtlichen:
"Je weniger Menschen wissen, dass sie etwas beitragen können, desto weniger Wissen wird es am Ende geben und desto weniger divers wird dieses Wissen sein."
Fehlendes Entgegenkommen der KI-Firmen
Die Bots und Crawler, die gezielt Inhalte von Wikipedia anzapfen, belasten die Infrastruktur enorm. Laut Wikimedia sind deren automatisierte Anfragen exponentiell gestiegen und mittlerweile sorgen Bots für 35 Prozent des Traffics auf den Wiki-Servern. Diese Anfragen verursachten Kosten und hätten Einfluss auf die Auslastung und die Erreichbarkeit der Inhalte, sagt Heine.
Um zu verhindern, dass Serverkapazitäten und die zur Verfügung stehende Bandbreite an ihre Grenzen stoßen, bietet die Wikimedia Foundation für Bot-Anfragen sogenannte Datendumps an, also herunterladbare Datensets, oder bei Wikidata, mit dem Embedding Project eine Vektordatenbank, die speziell auf die Nutzung durch generative KI ausgelegt ist, und schließlich auf Wikimedia-Enterprise-Inhalte, die auch kostenpflichtig sein können.
Heine beklagt, dass die großen KI-Firmen kaum auf das letztgenannte Angebot eingingen. Sie argumentierten stattdessen, dass sie nicht bereit sind, für etwas zu bezahlen, solange sie auch kostenlos darauf zugreifen könnten. Wenn die Firmen sich aber an einem Allgemeingut bedienten, ohne etwas in das “Ökosystem” der Allmende zurückgeben zu wollen, müsse man sich überlegen, ihre Zugänge zu beschränken. Deswegen plant Wikimedia, in Zukunft Bots zu sperren, die zu stark die Wikipedia-Seite abgrasen.
rja


















