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StartseiteInterview"Schulsport-Ausfälle müssen reduziert werden"14.08.2015

Kindersport-Bericht"Schulsport-Ausfälle müssen reduziert werden"

Die Deutsche Schulsportstiftung beklagt, dass Sport zu wenig Beachtung im Unterricht findet. Die Schulen müssten zum regelmäßigen Sportunterricht zurückkehren, sagte Christian Breuer von der Deutschen Schulsportstiftung im Deutschlandfunk. Unterrichtsausfälle müssten reduziert werden.

Christian Breuer im Gespräch mit Christoph Heinemann

Kinder werfen in der Turnhalle der Grundschule Ulm-Einsingen mit Bällen. (pa/dpa/Puchner)
Bälle werfen, Slalom laufen: Schulsport kommt Experten zufolge in Deutschland zu kurz. (pa/dpa/Puchner)
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Der Vorsitzende der Deutschen Schulsportstiftung, Christian Breuer, warnt vor Fettleibigkeit und anderen gesundheitlichen Problemen durch mangelnde Bewegung. Sport habe einen hohen Einfluss darauf, wie man später seinen Rumpf halte, sagte er im DLF. Derzeit fehlten an den Schulen aber die Möglichkeiten, den Schulsport in dem Umfang durchzuführen, wie es nötig sei.

In Essen wird heute der dritte Kinder- und Jugendsportbericht der Krupp-Stiftung vorgestellt. Der Report wird an Bundesinnenminister Thomas de Maizière übergeben.


 

Das Interview in voller Länge:

Christoph Heinemann: Wenn man bei Twitter das Wort "Schulsport" eingibt, dann finden sich mehrere Hinweise auf belegte Turnhallen, weil gegenwärtig viele Menschen, die in Deutschland Sicherheit suchen, in Sportstätten untergebracht sind. Bei den bewertenden Äußerungen liest man dann Bemerkungen wie: "Ich verstehe nicht, was man an Schulsport mögen kann; weder richtiger Sport, noch irgendetwas Nützliches zum Lernen." Oder: "Immer werde ich ignoriert wie damals beim Schulsport. Mich wollte dort auch nie jemand." Oder in der ausdifferenzierten Sprache des Netzes auch dies: "Schulsport finde ich zum Kotzen!"

Bundesinnenminister Thomas de Maizière, der auch für den Sport zuständig ist, und Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, werden heute teilnehmen, wenn in Essen der dritte deutsche Kinder- und Jugendsportbericht der Krupp-Stiftung vorgestellt wird. Ein Schwerpunkt: Sport und Ganztagsbetreuung. Für uns Anlass, zum Schulbeginn (in Teilen der Republik zumindest) über den Schulsport zu sprechen mit dem früheren Eisschnellläufer Christian Breuer. Er ist Vorstandsvorsitzender der Deutschen Schulsportstiftung. Guten Morgen.

Christian Breuer: Guten Morgen!

Heinemann: Herr Breuer, Sie haben die Stimmen aus dem Netz gehört. Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie sich an den Sport Ihrer Schulzeit erinnern?

Breuer: Es ist natürlich leicht für mich als ehemaliger Leistungssportler und Eisschnellläufer zu sagen, dass mir nur Gutes in den Sinn kommt, wenn ich über Schulsport rede und man auch dort viel lernen kann. Ich glaube, es ist immer schwierig und das ist ein Trend der heutigen Zeit, dass man auf Einzelstimmen, die wichtig sind, im Internet oder auf Portalen hört beziehungsweise die Meinung direkt als gegeben annimmt, aber ich glaube die ganzen vielen anderen dabei missachtet, die genau das Gegenteil sagen und sagen, Mensch, der Schulsport war klasse für mich, ich habe dadurch auch einen Zugang zum Sport gefunden, in meine heutige Sportart. Und selbst wenn jemand sich noch nicht mal im Verein engagiert, sondern einfach nur, ich sage mal, am Wochenende laufen geht. Das darf man dabei, glaube ich, nicht aus dem Blickwinkel verlieren, dass der Schulsport auch in dem Bereich ganz, ganz viel bewirkt hat in der Vergangenheit und auch in Zukunft tun wird.

Heinemann: Besser als sein Ruf, sagen Sie. Wie stellen Sie sich guten Schulsport vor?

Breuer: Regelmäßig!

Heinemann: Damit geht's mal los.

"… immer mehr Berichte über Fettleibigkeit bei Kindern"

Breuer: Das ist, glaube ich, der Schlüssel, den wir finden müssen beziehungsweise wohin wir zurück müssen, dass er regelmäßig stattfindet, dass die Ausfälle reduziert werden, die ja immer noch bemängelt werden beziehungsweise auch vorhanden sind. Einfach aus dem Grund, weil es ist mit allem, was man lernt, so ist es auch mit dem Sport. Man muss es regelmäßig ausführen, um einfach ein Gefühl zu bekommen, was hat sich entwickelt bei mir, wo werde ich besser, wo bin ich vielleicht noch schlecht. Der Schulsport gehört eben auch dazu und auch der Aspekt, dass wir uns mehr Gedanken machen müssen über Ernährung und den Zustand unserer Kinder und Jugendlichen. Sprich: Wir haben immer mehr Berichte über Fettleibigkeit bei Kindern und ähnliche Probleme, gesundheitliche Probleme, die eigentlich erst im späteren Alter kommen dürften, und auch das ist ein Thema, was man nicht vergessen sollte. Man macht den Sport heute auch zu einem vielseitigen Element, um auch Kinder dahingehend zu erziehen: Wie ernähre ich mich richtig, was ist gut für meinen Körper? Und das auch in einer Zeit, in der die Ablenkung immer höher wird, sei es durch multimediale Elemente oder Spiele am Computer oder Ähnliches. Das ist ein Trend, der ist nicht aufzuhalten, aber ich glaube, man muss schauen, wie man da ein ausgewogenes Verhältnis hinbekommt.

Heinemann: Muss Schulsport auf Leistung trimmen?

Breuer: Nein, das ist nicht gesagt.

Heinemann: Aber tut er doch.

Breuer: Bitte?

Heinemann: Das macht er doch. Das ist doch das Ziel.

Breuer: Er trimmt nicht unbedingt auf Leistung. Aber es ist natürlich logisch: Wenn ich ein Spiel spiele, möchte ich Punkte zählen. Jedes Kind möchte irgendwo gewinnen. Gehen Sie heute mal auf einen Spielplatz oder schauen Sie, wie Kinder spielen. Es möchte immer jeder der erste sein, es wird in der Schlange vorgedrängelt. Das ist ja nun mal eine normale Entwicklung, die auch Kinder mitmachen. Er muss nicht auf Leistungssport trimmen oder nur auf Leistung, aber ich glaube, er kann durch spielerische Elemente schon vermitteln, dass Leistung wichtig ist auch in der Gesellschaft und auch in der Schule.

Heinemann: Es gibt im Internet eine Petition - die kennen Sie wahrscheinlich -, die Bundesjugendspiele abzuschaffen. Die Begründung: Der Zwang, dieser Wettkampfcharakter könnte zu Demütigungen führen. Noch mal verbunden mit der letzten Frage: Ist höher, schneller, weiter wirklich als Ziel des Sports noch zeitgemäß?

Breuer: Ich glaube, die Petition muss man erstens ernst nehmen und auch die Aussagen, die dazu getätigt worden sind, auch wenn ich mich über die Initiatorin auch schlau gemacht habe. Auf der anderen Seite sage ich, es muss nicht immer höher, weiter, schneller sein, aber ich muss überlegen, in welchen Bereichen ich jetzt jedes Mal davor zurückschrecken kann, ob ein Kind an etwas gemessen wird. Ich kann Kinder heutzutage auch nicht und darf ich auch nicht in Polsterfolie einpacken. Sie dürfen sich gerne auch mal messen, weil das wird im Leben weiter auch danach stattfinden. Es muss nicht immer nur an einem Tag stattfinden, bei den Bundesjugendspielen logischerweise, aber da muss man sich wirklich grundlegend fragen, welche Rolle soll denn die sportliche Erziehung spielen, dass ich in dem Sinne Regeln vermittele über andere Methoden als eben nur im Unterricht, dass man auch im Sport so was erlernen kann, welche Regeln im Leben irgendwann auch eine Rolle spielen. Ich glaube, das darf man dabei nicht vergessen. Aber es muss nicht immer höher, weiter, schneller sein.

Frühes Kinderturnen hat hohen Stellenwert

Heinemann: Wäre Fitness lernen nicht besser als irgendwelche Verrenkungen am Reck oder das Scheitern am Barren?

Breuer: Ja, das kann man so sehen. Aber man muss den Begriff dann vorher erst mal schärfen. Sprich: Was heißt es, fit zu sein? Welche Übungen gehören dazu? Dazu sollte man vielleicht die Übungen, die gemacht werden, auch erst mal ausprobieren. Ich habe es selber erlebt, auch bei meinen eigenen Kindern bei den Bundesjugendspielen, dass sie gesagt haben, na ja, ich möchte jetzt schon mal üben, weil ich, glaube ich, die Bewegungen noch nicht so raus habe. Das sind so Sachen. Man kann immer sagen, man kann es auch anders tun oder anders durchführen, aber ich glaube, man sollte erst mal ein Gefühl dafür bekommen, wie schwierig selbst die einfachsten Übungen sein können und wie wenig man vielleicht selber seinem Körper abverlangt in dem Moment. Ich glaube, das muss man ins Gesamtbild rücken und dadurch sollte man das nicht direkt von den normalen Turnübungen ablenken und sagen, na ja, generelle Fitness reicht, weil die muss ich auch durch irgendetwas erzeugen. Es müssen ja irgendwelche Übungen sein, natürlich nicht die schwierigsten Reckübungen, aber es wird heutzutage in jedem Sportverein immer noch Kinderturnen angeboten und das hat auch - das kann ich wiederum als Leistungssportler sagen - einen ganz hohen Stellenwert, wie ich später meinen Rumpf, um es klassisch zu sagen, auch gerade halten kann. Das spielt eine große Rolle.

Heinemann: Und das wäre die Frage: Muss Schulsport nicht eher dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche Freude am Sport erleben, dass sie ihre Sportdisziplin fürs Leben entdecken, vielleicht auch Disziplinen, mit denen man später noch was anfangen kann, Schwimmen, Laufen, Springen zum Beispiel, Radfahren?

Breuer: Mein Wunsch ist genau aus dem Blickwinkel der Schulsportstiftung genau das, dass man nicht unbedingt zu dem großen Leistungssportler werden soll, auch nicht durch unseren Bundeswettbewerb "Jugend trainiert für Olympia" und "Jugend trainiert für Paralympics", sondern einfach vielleicht auch einer von denen ist, der Sport für sich entdeckt und später, 20, 30 Jahre danach, doch noch Sport treibt, in einem Verein oder auch selbstständig. Ich glaube, das ist das, was erreicht werden muss. Es ist nur auch wiederum einfach zu sagen, Sport oder Schulsport soll. Ja, das soll er auch, aber er muss die Möglichkeit dazu haben. Man muss auch dem Sport die Möglichkeit geben, dies zu tun, und da schneiden wir uns, glaube ich, gerade momentan stärker ins Fleisch, als die Methodik denn angewandt wird, ob es nun am Reck ist oder ein normales Fitness-Programm.

Heinemann: Wieso? Was fehlt denn genau?

Breuer: Dass wir die Möglichkeit dazu haben, dass der Schulsport auch in dem Umfang durchgeführt werden kann und darf, wie es notwendig sein müsste.

Heinemann: Sollte Schulsport auch das Thema Doping behandeln?

Breuer: Ich glaube, das Thema Doping in der Weise, dass man da einen ganzen Batzen Prävention hineinpacken kann auch im Schulsport. Denn "Doping" ist so feingliedrig im Leistungssport aufgeschlüsselt. Aber ich glaube, der Bereich Prävention spielt gerade in den Schulen eine große, große Rolle, denn es geht dabei nicht nur um Medikamente und Medikamentenmissbrauch am eigenen Körper, sondern es geht dabei auch um andere Dinge, die den Körper schädigen können. Wenn man die Substanzen sieht, die man heutzutage zu sich nimmt, da ist einiges Schädigendes dabei, was auch nicht unbedingt auf der Dopingliste steht oder verboten ist. Aber dennoch: Ich glaube, da kann man viel, viel bewegen, wenn man den Kindern vermittelt, dass der Körper selbst das höchste Gut ist, was sie haben, und das beste Instrument, was sie bekommen können, das zu schützen ist. Da macht - das habe ich selber gemerkt in all den Jahren Leistungssport -, da ist die Prävention wirklich im Bereich, auch Dopingprävention, erfolgreich.

Heinemann: Letzte Frage mit Bitte um eine kurze Antwort. Ihrer Erfahrung nach, was ist wichtiger für die sportliche Entwicklung eines jungen Menschen, die Schule oder das Elternhaus, das Vorbild der Eltern?

Breuer: Die Kombination aus beidem.

Heinemann: Das war eine kurze knappe Antwort. Wunderbar! Ich möchte noch einen Twitter-Eintrag nachtragen, den ich noch zu den bundesjugendspielen gelesen habe: "Alles vor sieben Uhr morgens ist reine Quälerei, erfunden von garstigen Menschen, die Diätdrinks, bundesjugendspiele und Meetings mögen." Was für eine Trias. Das gilt nicht für unser Gespräch mit Christian Breuer, dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Schulsportstiftung. Danke schön für das Gespräch und auf Wiederhören.

Breuer: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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