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StartseiteHintergrundTrauma statt Erholung 01.03.2021

Kinderverschickung Trauma statt Erholung

Ihre Eltern schickten sie zur Erholung an die Nordsee oder in den Schwarzwald. Doch für zahlreiche Kinder wurden die Kinderkuren zum Trauma, sie wurden psychisch oder physisch misshandelt. Nun wird dieses dunkle Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte aufgearbeitet, wenn auch sehr langsam und mühselig.

Von Claudia Hennen

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Ein Graffiti eines schreienden Kindes. (picture alliance | Martin Schroeder)
Betroffene der Misshandlungen in Verschickungsheimen berichten von Zwangsmahlzeiten, Verwahrlosung und angedrohtem Ertrinken (picture alliance | Martin Schroeder)
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Rückblickend klingt der Name geradezu zynisch: "Schloss am Meer" hieß das Kinderkurheim auf Föhr, in dem Christa Schneider im Sommer 1958 sechs Wochen verbrachte. Denn die damals Neunjährige erlitt Höllenqualen in der Kur. Wegen schlechter Verdauung bekam sie Abführmittel, davon dann Durchfall. Sie wurde isoliert, nachdem sie ins Bett gemacht hatte.

"Ich habe dann nur gemerkt, dass ich in den künftigen Tagen nicht mehr an den Strand durfte, musste dann im großen Speisesaal auf meinem Platz alleine essen. Und man gab mir auch keine neue Unterwäsche, man gab mir keinen neuen Schlafanzug, keine neue Bettwäsche. Und in diesem beschmutzten Bett musste ich also etwa vier bis fünf Wochen liegen."

Zu diesen Demütigungen und Strafen kamen Zwangsmahlzeiten. Der Erfolg der Kur wurde unter anderem an der Gewichtszunahme der Kinder gemessen.

"Und dann gaben sie mir Haferschleim zu essen. Ich konnte es einfach nicht essen, und ich musste es natürlich essen und dann habe ich erbrochen in den Teller rein, und dann haben sie mir die Nase zugehalten und den Mund aufgesperrt und ich musste das Erbrochene essen."

"Du musst dich schämen ..."

Wegen ihres Asthmas war Christa Schneider in die Kur verschickt worden, abgemagert und traumatisiert kehrte sie nach Hause zurück. Aber auch dort stand ihr niemand bei:

"Meine Eltern haben mir das nicht geglaubt. Und meine Mutter hat mir dann nur verboten, darüber zu sprechen. Sage das bloß niemandem, ich habe es heute noch im Ohr, du musst dich schämen, dass du noch ins Bett und in die Hose machst."

Anzahl der Betroffenen geht in die Tausende

Erlebnisse wie diese von Christa Schneider gibt es unzählige. In den Jahrzehnten nach dem Krieg wurden zwischen acht bis zwölf Millionen Kinder an die Nordsee, in den Harz oder in den Schwarzwald verschickt. Die Kinder sollten sich erholen, zunehmen, Atemwegserkrankungen oder andere Beschwerden auskurieren. Ärzte verschrieben die sechs- bis achtwöchigen Kuren bis in die 1980er-Jahre hinein, finanziert wurden sie von den Kranken- und Rentenkassen.

  (imago / Werner Schulze) (imago / Werner Schulze)Das lange Schweigen der Politik
Nachdem durch DLF-Autorin Lena Gilhaus Berichte von Betroffenen über Missstände in ehemaligen Kinderkurheimen publik wurden, versprachen viele verantwortliche Träger eine umfassende Aufarbeitung. Doch die ist zaghaft. 

Es war ein System, bei dem viele Akteure mitverdienten, weiß die Publizistin Anja Röhl. Gerade ist ihr Buch "Das Elend der Verschickungskinder. Kindererholungsheime als Orte der Gewalt" erschienen.

"Also damit wurde unglaubliches Geld gemacht. Denn diese Fahrten wurden voll bezuschusst, die Eltern brauchten nichts zahlen. Und damit hat die Bahn verdient, und die Heimbetreiber natürlich auch. Tagessätze nennt man da so von 12 bis 18 D-Mark in den 60er-Jahren. Und in den 1980er-Jahren waren das dann schon 110, 120, 180. Und dann kann man sich ja vorstellen, bei 56.000 Betten die ganzjährig belegt sind, was das dann bedeutet, ja, also wenn man das dann hochrechnet."

Röhl ist selbst betroffen, sie wurde als Kind nach Föhr und Bad Rothenfelde verschickt und hat die "Initiative Verschickungskinder" vor eineinhalb Jahren gegründet. Im November 2019 organisierte Röhl auf Sylt die erste Konferenz zur Aufarbeitung von Kinderverschickungen. Mehrere Tausend Betroffene haben mittlerweile auf der Webseite verschickungsheime.de von Schlafentzug, Schlägen, körperlicher und psychischer Gewalt berichtet. Anja Röhl:

"Also seitdem wir an die Öffentlichkeit gegangen sind, arbeiten hier mehrere Leute acht bis zehn Stunden pro Tag an dem Ganzen, um überhaupt die Kommunikation hinzukriegen."

Die Nachwirkung nationalsozialistischer Erziehung 

Die Kinder reisten ohne Eltern an, in Sammeltransporten mit Betreuerinnen quer durch Deutschland zu den Kurheimen, daher auch das Wort "Verschickung". In den Heimen waren sie dem Pflegepersonal wehrlos ausgeliefert. Auch die Journalistin Hilke Lorenz hat ein Buch geschrieben: "Die Akte Verschickungskinder. Wie Kurheime für Generationen zum Albtraum wurden"

  (dpa-Zentralbild/Patrick Pleul) (dpa-Zentralbild/Patrick Pleul)Die Suche der Opfer - das Schweigen der Täter
Im Jahr 2017 machte unsere Autorin öffentlich, was Kinder erlebt hatten, die in den 1950er- und 80er-Jahren zur Kur geschickt wurden: Gewalt, Sadismus, Zwangsernährung. Nun hat sie bei den Einrichtungen nachgefragt, wie sie die Vergangenheit aufarbeiten.

"Es war alles von der Konzeption, ob willentlich oder unwillentlich, so, dass man sich für sechs Wochen, oder manchmal ja auch für länger, in ein geschlossenes System begeben hat. Es gibt ja auch die Berichte von Nachbarn von Kurheimen, die heute Kurkindern, die dort auf Recherche unterwegs sind, sagen, ‚Wir haben euch immer die kleinen Sträflinge genannt‘."

In vielen Heimen herrschte eine schwarze Pädagogik. Kinder wurden nicht als Individuen, sondern wie Objekte behandelt.

"Dass zum Beispiel in Borkum Kinder nicht mit ihrem Namen sondern mit einer Nummer angeredet wurden. Sie waren Teil in einer Masse, die verwaltet wurde. Kinder haben sich in eine Ordnung fügen müssen. Sie sollten die Abläufe nicht durcheinanderbringen, sie wurden eingenordet."

Drei dokumentierte Todesfälle

Die nationalsozialistische Erziehung wirkte nach bis in die 80er-Jahre – und wurde nicht hinterfragt. Hilke Lorenz nennt als Beispiel den NS-Erziehungsratgeber von Johanna Haarer "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind", der noch Jahrzehnte nach Kriegsende kaum verändert weiterverkauft wurde.

Nicht nur beim Personal, auch auf der Führungsebene gab es Kontinuitäten, so leiteten bekannte Kinderärzte der Nazi-Zeit später Kinderkurheime. In Bad Dürrheim etwa wirkte der Arzt Hans Kleinschmidt, er testete sogar Medikamente an Kurkindern. Gerade ist eine zehnseitige Liste aus dem Landesarchiv Baden-Württemberg aufgetaucht, welche Kleinschmidts Zusammenarbeit mit Pharmaunternehmen belegt. Ebenfalls gesichert ist mittlerweile, dass in Kinderkurheimen auch Kinder ums Leben kamen. Dokumentiert sind drei Todesfälle in der Heilanstalt Bad Salzdetfurth im Jahr 1969. Das erste Kind erstickte – wahrscheinlich, weil es zum Essen gezwungen wurde. Das zweite Kind starb an Herzversagen nach einer rasant verlaufenden Infektion. Das dritte wurde von drei Jungen zu Tode geprügelt.

Eine Hand hält eine Postkarte mit der Ansicht der Kinderheilanstalt Waldhaus in Bad Salzdetfurth. (Picture Alliance / dpa / Hauke-Christian Dittrich)Im Waldhaus Bad Salzdetfurth und ähnlichen Einrichtungen soll es in der Nachkriegszeit zu schweren Misshandlungen gekommen sein (Picture Alliance / dpa / Hauke-Christian Dittrich)


Als erster Verband hat die Diakonie Niedersachsen die Todesfälle in einer Studie aufgearbeitet und sich im November 2020 bei Angehörigen entschuldigt.

Träger der Kinderheime waren nicht nur Wohlfahrtsverbände, sondern auch Kommunen, Versicherungsanstalten und Krankenkassen. In das System der Verschickung waren sowohl Institutionen der Länder wie etwa Jugendämter involviert als auch bundesweit tätige Sozialträger. Dass es so viele unterschiedliche Akteure gibt, macht die Aufarbeitung daher nun mühsam. In vielen Bundesländern organisieren sich ehemalige Verschickungskinder ehrenamtlich in Regionalgruppen. Die meisten Heime gab es in Baden-Württemberg, gefolgt von Bayern, dann Nordrhein-Westfalen. In Baden-Württemberg ist die Aufarbeitung in vollem Gange. Es gibt einen Runden Tisch mit Betroffenen, Versicherungsträgern und einer Arbeitsgruppe im Sozialministerium, seit Anfang des Jahres unterstützt das Ministerium die Regionalgruppe der Verschickungskinder finanziell. Der baden-württembergische Sozialminister Manfred Lucha:

"Ich bin froh, dass Betroffenen so die benötigte Hilfe zuteil werden kann. Gemeinsam mit allen Akteuren auf Bundes- und Landesebene werden wir auf eine wissenschaftlich fundierte Aufarbeitung der Geschehnisse in den Kinderkurheimen hinarbeiten."

Zuständig dafür: Andrea Weyrauch. Sie ist Vorsitzende der Regionalgruppe Verschickungskinder in Baden-Württemberg. Etwa 370 Betroffene haben sich bislang dorthin gewandt. Der Verein baut ein Zeitzeugenarchiv auf, hilft bei der Recherche im Landesarchiv. Mit einigen Trägern bestehen Kooperationen, andere aber mauern noch. Andrea Weyrauch sieht diese in der Pflicht, "dass sie ihre Archive öffnen, wie sie beispielsweise überhaupt selbst mal recherchieren, von wie vielen Heimen sie Träger waren. Aber eines der wichtigsten Forderungen derzeit, die uns noch nirgends ermöglicht wurden, ist das Thema Öffnung der Archive und Zugang von uns Betroffenen in die hauseigenen Archive."

Politisch will der Verein, dass das Thema für alle Parteien im Land zur Chefsache wird. Aber: Bislang steht das Thema in keinem Parteiprogramm. In anderen Bundesländern ist man in der Aufarbeitung auch noch ganz am Anfang, beispielsweise im ebenfalls stark betroffenen Nordrhein-Westfalen. Zwar sagte dort im Oktober CDU-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann im Landtag:

"Es ist jetzt an uns, Licht in das Dunkel zu bringen und das Leid der Opfer anzuerkennen."

Doch noch liegt vieles im Dunkeln. Die genaue Zahl der Kurheime, ihre Träger, damit auch die Aktenlage, ist der Landesregierung nicht genau bekannt, wie aus einer kleinen Anfrage durch Dennis Maelzer, familienpolitischer Sprecher der SPD-Opposition, hervorgeht. In der Antwort auf die Frage, wie das Land die Vorgänge aufarbeiten will, heißt es im März 2020, "dass eine Aufarbeitung auf Landesebene wenig zielführend ist, da Kinder aus dem gesamten Bundesgebiet in Kur- und Erholungsheime geschickt worden sind. Für diese waren zudem die unterschiedlichsten Einrichtungen und Träger verantwortlich. Die Landesregierung wird sich daher für eine bundesweite Aufklärung und Aufarbeitung der Geschehnisse einsetzen."

  (dpa / Karl-Josef Hildenbrand) (dpa / Karl-Josef Hildenbrand)Heimerziehung - Albtraum Kinderkur
Der Vater erzählt seiner Tochter, was er und seine Schwester 1967 in einem Kinderkurheim an der Nordsee erlebten: Gewalt und sexuelle Übergriffe. Die Tochter beginnt eine Recherche.

Auch ein knappes Jahr später gibt es noch keine Liste über die NRW-Verschickungsheime, allerdings eine Arbeitsgruppe im Ministerium, die im Austausch mit Betroffenen aus NRW steht. Dessen Leiter, Anselm Kipp, ist der Meinung, dass das Thema zunächst auf Bundesebene erforscht werden muss. Dennis Maelzer wirft der Landesregierung vor, sich ihrer Verantwortung zu entziehen:

"Man möchte alles, was mit Aufarbeitung zu tun hat, am liebsten nach Berlin schieben. Ich bin aber schon der Auffassung, dass wir als Nordrhein-Westfalen, dem Land, in dem die meisten Betroffenen auch leben, es schuldig sind, Aufklärung zu leisten, für Aufarbeitung zu sorgen und vor allen Dingen auch die Selbsthilfeorganisationen von Verschickungskindern strukturell zu unterstützen. Das ist, glaube ich, keine Aufgabe, die auf Dauer nur ehrenamtlich geleistet werden kann."

Auf Antrag der SPD-Fraktion soll nun im April eine persönliche Anhörung von Betroffenen im Familienausschuss des Landtags in Düsseldorf stattfinden. SPD-Politiker Maelzer hofft auf eine finanzielle Unterstützung der Initiative wie in Baden-Württemberg, damit Betroffene eine feste Anlaufstelle haben. Was Entschädigungen betrifft, verweist die nordrhein-westfälische Landesregierung auch auf mögliche Leistungen durch das Opferentschädigungsgesetz. Für Dennis Maelzer und für viele Betroffene keine Lösung. Denn:

"Das Opferentschädigungsgesetz wird immer wieder als Unterstützungsangebot angeführt. Man hat aber schon bei den ehemaligen Heimkindern gesehen, dass das oftmals ein stumpfes Schwert ist. Denn es ist schwierig nachzuweisen, dass die aktuellen Probleme, und die aktuellen psychischen Belastungen, die ich habe, wirklich darauf zurückzuführen sind. Und darum ist es beispielsweise bei den Heimkindern, den wenigsten gelungen, auf diesem Weg eine Opferentschädigung zu erhalten und darum wird das auch für die betroffenen Verschickungskinder sicherlich eine hohe Hürde sein."

Aufklärung für Betroffene oftmals wichtiger als Entschädigung

Ohnehin sind für die Betroffenen-Initiativen Entschädigungen erstmal kein Thema, vielmehr geht es um grundsätzliche Aufklärung – und um Verantwortung: Deshalb hat Anja Röhl im Jahr 2019 den "Verein zur Aufarbeitung und Erforschung von Kinderverschickung" – kurz AEKV – gegründet. Dieser bemüht sich darum, dass neben den Bundesländern auch der Bund Verantwortung übernimmt. Der AEKV fordert nicht nur die Finanzierung von Anlaufstellen in jedem Bundesland und eine Bundesgeschäftsstelle, sondern auch ein Forschungsvorhaben. Ein Antrag auf Förderung durch das Bundesforschungsministerium ist im vergangenen Frühjahr gescheitert. Bei der Erforschung sollen die verantwortlichen Träger eng mit Betroffenen zusammenarbeiten, denn, so die selbst Betroffene und Buchautorin Anja Röhl:

"Die Forschung muss ansetzen an unseren Erinnerungen, denen muss nachgegangen werden. Wir haben ein Forschungsprojekt ausgearbeitet, Bürgerforschung, Citizen-Science-Projekt. Das ist schon entwickelt, das haben wir schon gemacht und sind eigentlich den Trägern, wenn die jetzt anfangen, schon um ein Jahr voraus."

Im Mai 2020 haben die Jugend- und Familienminister auf ihrer Konferenz den Bund aufgefordert, sich der Aufklärung des Themas anzunehmen. Doch bis heute ist nicht geklärt, welches Ressort der Bundesregierung dabei die Federführung übernehmen soll. Da die Kuren teils auf Grundlage kinderärztlicher Verordnungen, das heißt, zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung, durchgeführt wurden, aber auch im Rahmen der gesetzlichen Rentenversicherung als Kuren oder Reha-Maßnahmen oder im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe – sind mehrere Ressorts zuständig: Das Familien-, das Gesundheits- sowie das Arbeitsministerium. Bei Anfragen zum weiteren Procedere, verweist eines der Ministerien gerne auf das andere.

Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben

Immerhin: Ein erstes Gespräch zwischen AEKV, dem "Verein für Aufarbeitung und Erforschung der Verschickungskinder", sowie den beteiligten Ministerien hat Mitte Januar stattgefunden. Mit am Tisch saß die Deutsche Rentenversicherung Bund. Sie gab eine Machbarkeitsstudie in Auftrag, zur Frage, ob die Vorgänge in Kinderkurheimen systematisch aufgearbeitet werden können. Susanne Weinbrenner von der Deutschen Rentenversicherung Bund zu dem Ergebnis dieser unveröffentlichten Studie:

"Grundsätzlich lässt die Quellenlage belastbare Ergebnisse erwarten, da über die Staats-, Landes- und Stadtarchive eine Vielzahl von Dokumenten bewahrt werden konnte. Aufgrund der Vielzahl an Quellen und der generellen Komplexität des Themas lässt sich die Geschichte der Kindererholungskuren jedoch nicht durch eine alleinige Studie der Deutschen Rentenversicherung bewerkstelligen."

Wie es nun weitergeht, welches und ob eines der Ministerien eine groß angelegte Studie finanzieren würde, dazu äußert sich jedoch keines der zuständigen Ministerien. Für Anfang März ist nun ein weiteres Gespräch mit der AEKV geplant. Anja Röhl stellt sich auf eine jahrelange Aufarbeitung ein:

"Naja, wenn man das jetzt mit den Heimkindern vergleicht. Die Heimkinder waren ungefähr 800.000, davon haben sich 14.000 gemeldet. Wenn man unsere Dimension jetzt ansieht, die acht bis zwölf Millionen, gehen wir von zehn Millionen aus, naja, ich glaube die Dimensionen sind größer und deswegen kann das sogar länger dauern."

Derweil kämpfen viele Betroffene durch die erlittenen Misshandlungen in den Kurheimen mit körperlichen und seelischen Folgen. Christa Schneider, heute 71 Jahre alt, schildert wie der Kuraufenthalt bei ihr nachwirkte.

"Und ich muss auch meinen Eltern nicht erlaubt haben, abends wegzugehen. Also, ich habe Gespenster gesehen nachts, Ängste, geschrien, geträumt. Das war lange Zeit, lange Zeit danach noch."

Andere wie die 61-jährige Silvia Wisbar kämpfen noch immer mit den Folgen. Eine Betreuerin im Kinderkurheim Bad Dürrheim hatte sie zur Strafe in einer Badewanne immer wieder unter Wasser getaucht. Die damals Sechsjährige stand Todesängste aus.

"Ich habe nie schwimmen gelernt, weil ich heute noch Angst habe mit dem Kopf unter Wasser zu geraten. Ich bin selber Mutter von zwei Kindern, mittlerweile auch erwachsenen, und ich konnte meine Kinder im Schwimmbad nicht begleiten, konnte ihnen keine Hilfe sein."

Eine Entschädigung fordern beide Frauen nicht. Auch wissen sie, dass die Verantwortlichen nach so langer Zeit nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden können.

"Für mich ist es jetzt nicht relevant, ob ich persönlich, ich sage mal, eine Art Schmerzensgeld erhalte oder nicht. Da wird es kaum noch jemanden geben von Seiten der Verantwortlichen, der noch lebt. Die Zeit hat da eben einen Strich durch die Rechnung gemacht, diese Menschen damit zu konfrontieren. Das macht mich sehr wütend."

"Es gibt viele, die heute noch leiden, die also heute noch psychosomatische Störungen usw. haben. Die habe ich nicht, Gott sei Dank. Und das wäre verlogen, wenn ich dann sage, ich will eine Entschädigung haben. Eine Entschuldigung wäre natürlich etwas Anständiges, ja."

Deutsches Rotes Kreuz will externen Historiker beauftragen

Die Träger der betreffenden Kinderkurheime in Bad Dürrheim und auf Föhr – das Badische Rote Kreuz und die Barmer Ersatzkasse – haben sich bis heute nicht offiziell entschuldigt. Der Deutschlandfunk hat beide Krankenkassen um Stellungnahmen gebeten. Beide Träger reagieren betroffen. Leider seien aber hausintern keine Akten mehr zu den genannten Einrichtungen vorhanden. Der Gesamtverband des Deutschen Roten Kreuzes will einen externen Historiker beauftragen, die Geschehnisse in DRK-Kinderkurheimen zu untersuchen. Die Barmer Ersatzkasse will – Zitat - "nichts unversucht lassen, so viele Informationen wir möglich zusammenzutragen".

Nur ein schwacher Trost für Betroffene wie Silvia Wisbar. Sie wird weiter forschen zu ihrem "Alptraum" Kinderkur, denn:

"Wir Betroffene, wir müssen irgendwie, in irgendeiner Form es schaffen, diese Traumata anzugehen, und das können wir nur, indem wir forschen, wer was gemacht hat. Aber ich möchte, dass die ehemaligen Träger auch anfangen für uns zu forschen, mit uns zu forschen. Ich möchte einfach auch für Kinder, die heute Kinder sind, dass so etwas nie wieder passiert."

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