Para-Sport
Immer wieder Ärger mit der Klassifizierung

Die Klassifizierung soll im Para-Sport eigentlich für mehr Gerechtigkeit sorgen. Athletinnen und Athleten prangern jedoch Willkür und Intransparenz an. Das Internationale Paralympische Komitee hat Nachbesserungen angekündigt – für 2028.

Von Jennifer Stange | 25.06.2023
Rollstuhlbasketballerin Barbara Groß, hier bei den Paralympics 2016, beendete 2021 aufgrund der mentalen Belastung durch die Klassifizierung ihre Karriere.
Rollstuhlbasketballerin Barbara Groß, hier bei den Paralympics 2016, beendete 2021 aufgrund der mentalen Belastung durch die Klassifizierung ihre Karriere. (imago / Conny Kurth / imago sportfotodienst)
"Schön Ferse an Spitze, Ferse an Spitze", ruft Marion Peters. Para-Leichtathletik Talent-Tag im Steigerwaldstadion Erfurt. Die sportlich ambitionierten Kinder und Jugendlichen von der Christopherusschule zeigen hier was sie können. "Jeremy, Ferse an Spitze! Also das ist jetzt einfach ein Balance-Test. Das ist auch ein Test aus der Klassifizierung, aber den Kindern macht es Spaß. Und wir sehen da schon, wie sind die Voraussetzungen, zum Beispiel kognitive Entwicklungen, die sich in der Motorik dann zeigen."
Ausgerichtet wird der Talent-Tag vom Thüringer Behinderten und Rehabilitations-Sportverband, der zusammen mit den Kindern einen Sportverein sucht. Marion Peters ist Bundestrainerin im Para-Sport und aus Neugier auf den Nachwuchs dabei. Gebannt, als ginge es um einen entscheidenden Wettkampf, beobachtet sie die Schülerinnen und Schüler, wie sie entlang einer weißen Linie auf dem roten Tartanbelag einen Fuß vor den anderen setzen. Es sind sportlich ambitionierte Kinder mit unterschiedlichen körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen, die bei ihrer sportlichen Laufbahn im Breiten- oder Leistungssport unterstützt werden sollen.
"Für mich ist es völlig wurscht, ob jemand ein Handicap hat oder nicht, für mich ist entscheidend, dass jemand sich ein Ziel setzt und diesen Sport mit einer gewissen Zielstellung verbindet", sagt Peters.

Klassifizierungs-System im Para-Sport ist kompliziert

So einfach ist es aber nicht. Das Klassifizierungs-System im Para-Sport ist kompliziert. Wer bei Wettkämpfen starten will, muss eingeteilt werden. Das Klassifizierungssystem unterscheidet erstmal zwischen körperlichen-, geistigen- und Seh-Behinderungen. Je nach Ausprägung folgt dann die Zuteilung in die jeweilige Startklasse. Bei Sportlerinnen und Sportlern mit körperlicher oder geistiger Behinderung werden neben medizinischen Untersuchungen und psychologischen Tests auch Bewegungseinschränkungen geprüft. Aber: Wer Pech hat, fällt durch das Raster.
"Ja natürlich, der Para-Sport ist sehr exklusiv, also nicht inklusiv sondern exklusiv", sagt Karl Quade, Goldmedaillen-Gewinner von Seoul 1988 und langjähriger Vizepräsident des Deutschen Behindertensportverbands DBS. Der Gedanke hinter den vielen Startklassen: Chancengleichheit schaffen und spannende Leistungsvergleiche in den Wettbewerben. "Schlimm ist das nur, wenn man lange Zeit mitgemacht hat, es gibt dann Änderungen in der Klassifizierung und dann ist man draußen."

Neue IPC-Richtlinien 2017 in Kraft getreten

2015 verabschiedet das Internationale Paralympische Komitee, kurz IPC, neue Richtlinien, seit 2017 sind sie in Kraft und haben den Para-Sport umgekrempelt wie schon lange nicht mehr. Quade: "Es gab da schon im Vorfeld ein bisschen Wildwuchs, wie klassifiziert wurde. Das ist viel, viel aufwendiger geworden, aber aus meiner Sicht viel klarer und gerechter."
Tatsächlich ist das Ansichtssache. Athletinnen und Athleten, die nach der Neustrukturierung nicht mehr bei den Paralympics teilnehmen durften sehen das anders, das weiß auch Quade: "Da waren natürlich beim Basketball beim Rollstuhlbasketball, Rollstuhltennis etliche Athleten, die nicht mehr in dieses Raster passten."
Ein Beispiel: Plötzlich war die langjährige deutsche Nationalspielerin Barbara Groß mit ihrer sogenannten Minimalbehinderung, durch die sie im Alltag nicht auf den Rollstuhl angewiesen ist, nicht mehr teilnahmeberechtigt. Die Silbermedaillengewinnerin hatte eine Re-Klassifizierung durchlaufen müssen und 2020 ihre internationale Starterlaubnis erst verloren und dann nach Protesten und offiziellen Eingaben wieder zurückbekommen. Ein Jahr später hängt sie ihre Karriere an den Nagel. Diesem „mentalen Hexenkessel“ wolle sich die Rollstuhlbasketballerin nicht mehr aussetzen, berichtete das Magazin "Rollt".

Überarbeitete Klassifizierungsregeln für 2028 erwartet

Wegen derartigen Fällen hagelt es bis heute Kritik. Der Paralympics-Star Andre Brasil, der ebenfalls seine Starterlaubnis verlor, bezeichnete die Entstehung des Paralympics-Regelwerks als intransparent und sogar undemokratisch. DBS-Vize Quade widerspricht und verweist auf einen Überarbeitungsprozess, der gerade wieder begonnen habe: "Der Classification Code ist jetzt wieder aufgerufen. Die Nationen werden gefragt, wo gibt es noch Nachsteuerbedarf aus eurer Sicht? Es gibt dann Panels der Athletinnen und Athleten, es gibt Panels der Sportdirektoren, und dort werden in diversen Runden diese Themen besprochen und diskutiert. Das IPC macht das ja nicht von sich aus, sondern die steuern einen Prozess der ganzen Mitglieder."
Eine überarbeitete Fassung der Klassifizierungsregeln erwartet Quade erst für die Paralympics in Los Angeles 2028, kommendes Jahr in Paris bleibt alles wie es ist.
Weder Quade noch Marion Peters rechnen generell mit großen Veränderungen. Peters, die als Bundestrainerin und Klassifiziererin tätig ist, will über noch mehr Genauigkeit einen gerechteren Wettbewerb schaffen: "Mein Kritikpunkt ist, dass wir einfach bessere Klassifizierungs-Settings brauchen. Wir brauchen einfach die Unterstützung der Wissenschaft. Also uns schwebt zum Beispiel seit einiger Zeit auch dieses Thema Klassifizierungszentrum vor. Mit einer wissenschaftlichen Basis, dass man Hirnströme misst, dass eben auch die Spastizität objektiviert gemessen wird. Dieses Thema der objektiveren Messung und Einschätzung, das ist, glaube ich, das, woran man jetzt in der Zukunft arbeiten muss."

Mehr Gerechtigkeit hieße mehr Tests für Athletinnen und Athleten

Mehr Gerechtigkeit hieße dann vor allem mehr Tests für die Athleten. Für alle Beteiligten eine Gratwanderung, denn manche Athletinnen empfinden die intensiven und immer eingehenderen Untersuchungen als sehr belastend.  Sie seien aber immer notwendiger, um Betrug zu vermeiden, sagt Peters. In den letzten Jahren gab es immer wieder Fälle, bei denen Athletinnen und Athleten im Verdacht standen, sich in Leistungsgruppen gemogelt zu haben, beziehungsweise von nationalen Klassifizieren zu ihrem Vorteil in schwächere Leistungsklassen eingeteilt worden zu sein. 
Das sei Betrug so Peters: "Cheating! Da ist jetzt auch der DBS hergegangen, finde ich auch richtig so, und hat alle Hauptamtlichen in die Pflicht genommen, jegliche Formen von Klassifizierungsbetrug zu verbieten und im Zweifelsfall auch zu ahnden. Das ist neu, das kam erst vor einer Woche mit der Post."