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StartseiteEuropa heuteFridays mit Greta25.03.2019

Klima-Proteste in StockholmFridays mit Greta

Mit ihrem "Schulstreik fürs Klima" ist Greta Thunberg zu einer internationalen Ikone geworden. Die schwedische Schülerin hat die "Fridays for Future"-Bewegung ins Rollen gebracht und insbesondere in ihrer Heimat einen Nerv getroffen: Viele junge Schweden haben Angst vor einer Klima-Katastrophe.

Von Simonetta Dibbern

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Die schwedische Schülerin Greta Thunberg demonstriert in Stockholm für mehr Klimaschutz (pa/TT/Hanna Franzén)
"Schulstreik fürs Klima": Die schwedische Schülerin Greta Thunberg demonstriert in Stockholm für mehr Klimaschutz (pa/TT/Hanna Franzén)
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"Es ist schon seltsam, es fühlt sich so an, als ob jemand mein Gesicht mit Photoshop in alle Zeitungen und Fernsehsendungen kopiert hätte", sagt Greta Thunberg. "Daran gewöhnt man sich wohl nie."

Heute sind ihre Pippi-Langstrumpf-Zöpfe nicht zu sehen. Zwei dicke Mützen übereinander, eine Art Schneeanzug in Lila und dunkelrot – an diesem Morgen sieht Greta Thunberg viel jünger aus als 16.

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Grüner Schwede! Klima-Aktivisten im Norden Europas".

Ein Freitag im Februar vor dem Stockholmer Parlament. Seit dem 20. August 2018 ist das der Ort, wo die junge Klimaaktivistin fast jeden Freitag demonstriert – wenn sie nicht unterwegs ist, in Davos, Paris, Brüssel oder Hamburg. Manche ihrer Mitschüler ahnen dennoch gar nicht, wie berühmt sie ist:

"Ich glaube, dass nicht alle wissen, was ich mache. Manche finden es cool. Und manchmal kommt einer und fragt: Warum hast du so viele Follower auf Instagram?"

Greta ist froh, dass die Schule ein Ort ist, wo sie einfach selbst sein kann.

"Fridays for future" international

Gerade ist eine Kindergartengruppe angekommen, mit selbstgemalten Schildern aus Pappe. In der Mitte steht Janine, Tablet in der Hand. Hübsches Plakat, lobt sie und dirigiert die Kinder Richtung Foto.

Ein leichtes Spiel im Vergleich zu der viel größeren Aufgabe: Janine versucht, die weltweite Klimaschutzbewegung "Fridays for future" im Blick zu behalten und zu vernetzen:

"In Deutschland, in Belgien, in Frankreich, Australien, es werden immer mehr – es ist, als ob man auf einem wilden Pferd reitet!"

Janine O’Keeffe, Mitte 50, lebt seit fast 30 Jahren in Schweden. Die australische Ingenieurin ist nach Nordeuropa gekommen wegen eines Jobs bei der Technologiefirma Ericsson – und geblieben. Seit sie nicht mehr arbeitet, engagiert sie sich in Sachen Klimaschutz. Kennt alle Forschungsergebnisse und alle Katastrophenszenarien, die das Klimaforschungsinstitut der Universität Stockholm entworfen hat. Sie ist Mitglied bei den schwedischen Grünen und bei der Graswurzelbewegung "Extinction Rebellion", die zum zivilen Ungehorsam aufruft und für den Herbst einen weltweiten Generalstreik organisiert. Janine O'Keeffe unterstützt nun Greta Thunberg wo sie kann:

"Seit ihrer allerersten großen Rede hier in Stockholm im September verfolge ich, was sie macht, habe sie getroffen. Denn wir brauchen sie aus drei Gründen: Erstens ist sie inhaltlich auf derselben Linie wie das Klima-Institut in Potsdam. Danach müssen wir unsere Emissionen jährlich um mindestens zehn Prozent reduzieren, um die vereinbarten Klimaschutzziele zu erreichen. Zweitens hat sie den Mut, die Wahrheit zu sagen. Und drittens setzt sie das einzige Mittel ein, das sie hat: Sie streikt. Und zwar jede Woche. Es ist so einfach, dass jeder ihr folgen kann."

Die australische Ingenieurin Janine O'Keeffe im Schneetreiben bei einer "Fridays for Future"-Demo in Stockholm (Deutschlandradio/ Simonetta Dibbern)Die australische Ingenieurin Janine O'Keeffe im Schneetreiben bei einer "Fridays for Future"-Demo in Stockholm (Deutschlandradio/ Simonetta Dibbern)

Die Klima-Angst geht um

Die Demonstranten-Grüppchen, die an diesem Freitag im Schneeregen stehen, halten ihre selbstgebastelten Pappschilder hoch. Wie die Kinder. Für die, sagt Janine O’Keeffe, ist dies eine doppelte Therapie:

"Sie kommen her, weil sie Angst haben. Hier können sie etwas tun und merken, dass sie nicht alleine sind. Denn was sie in der Schule über Umweltschutz und Klimawandel lernen, passt nicht damit zusammen, im Urlaub nach Thailand zu fliegen."

Das Phänomen ist nicht neu: Schon 2010 berichtete die Zeitung "Aftonbladet", dass Psychiater die Angst vor der Klimakatastrophe als Ursache für zunehmende Depressionen bei Teenagern erkannten. Klima-Angst und Klima-Bedrohung – Begriffe wie diese sind seitdem in der schwedischen Gesellschaft angekommen.

"Die Schweden glauben an ihre Regierung. Sie vertrauen ihr von der Wiege bis zum Grab. Wenn dieses Vertrauen erschüttert wird, sehen sie keine Möglichkeit, sich zu beschweren. Denn in Schweden kritisiert man die Regierung nicht, das muss ich mir immer wieder klarmachen, in Australien ist das komplett anders. Und daher kommt auch die Klima-Angst: Wenn dein Gott versagt, wie hier die Grünen, und ich bin selber Mitglied, an wen kann man sich dann wenden? Die Schweden müssen erst lernen, selber Verantwortung zu übernehmen."

"Wir dürfen nicht zu groß werden"

Ein junger Mann mit Bart drängelt: Auf dem Gruppenfoto darf Janine nicht fehlen. Für den Gemeinschaftsgeist. Es muss eine Graswurzelbewegung bleiben, sagt die Australierin:

"Wenn du erstmal Macht hast, als Einzelner oder als Gruppe, dann kannst du nicht mehr radikal sein. Und deswegen dürfen wir nicht zu groß werden. Große NGOs haben viele Unterstützer und sie müssen immer mehr Kompromisse machen, um sie nicht zu verlieren. Und plötzlich sind manche Ideen nicht mehr möglich, weil sie zu radikal sind. Aber wenn du dich derartig einschränkst, wirst du immer schwächer."

Höchstens 100 Menschen frieren heute vor dem schwedischen Parlament – von Radikalität keine Spur. Janine O’Keeffe klemmt sich das Tablet unter den Arm, und rückt sich die rosa Wollmütze zurecht. In Australien, sagt sie noch, ist der Schulstreik für heute schon vorbei. Aber wir schicken ihnen das Bild von uns.

"Ich fliege kaum noch nach Hause. Und ich habe ein ungutes Gefühl, wenn ich Besuch aus Australien bekomme. Greta sagt ja, dass Journalisten, die fliegen, nicht willkommen sind. Das ist konsequent. Und das ist gut."

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