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StartseiteInterview"Relativ viele Schlupflöcher"15.12.2018

Klimaexperte zum UN-Gipfel in Kattowitz"Relativ viele Schlupflöcher"

Wenn es bei den UN-Klimaverhandlungen um Finanzhilfe für Entwicklungsländer gehe, versuchten viele Länder, sich aus der Verantwortung zu stehlen, sagte Sven Harmeling von CARE im Dlf. Auch die Verhandlungen für künftige Ziele wurden in Kattowitz erst mal in die Zukunft verschoben.

Sven Harmeling im Gespräch mit Christine Heuer

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Blick auf das Braunkohlekraftwerk Niederaußem der RWE Power AG in Bergheim-Niederaußem (picture alliance/ Geisler-Fotopress)
Klimaschutz sei heute günstiger als noch vor vielen Jahren, sagt Sven Harmeling von CARE. Dies könne mit vielen sozialen und auch ökonomischen Nebennutzen einhergehen. (picture alliance/ Geisler-Fotopress)
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Christine Heuer: In Kattowitz begrüße ich Sven Harmeling von der Hilfsorganisation Care Deutschland.

Sven Harmeling: Ja, hallo!

Heuer: Svenja Schulze, die deutsche Umweltministerin, die hat gestern Abend gesagt, es sieht gut aus. Wie gut ist es denn wirklich, wie optimistisch sind Sie?

Harmeling: Also, ich glaube, wir sehen jetzt heute Morgen, wie sehr viele verschiedene Puzzleteile hier zusammenkommen, wobei ein sehr großes Teil fehlt - und das entscheidet letztendlich auch mit darüber, wie gut oder wie moderat wir diese Konferenz bewerten können. Ich glaube aber, was schon relativ wahrscheinlich ist, ist, dass die Länder es hier schaffen, dieses sogenannte Tarifregelbuch zu vereinbaren, und das war auch eines der Hauptergebnisse, die man hier erreichen wollte. Natürlich ist es bei den Ergebnissen immer so, dass viele Teufel manchmal im Detail stecken. Und deswegen wird unsere Bewertung auch gemischt ausfallen, aber wie gesagt, im Moment sind noch einige Fragen offen.

Deutschland kann man "hervorheben durch finanzielle Zusagen"

Heuer: Aber beim Regelbuch würden Sie den Daumen heben und sagen, immerhin, das haben wir?

Harmeling: Ja, darauf läuft es hinaus und das ist ein wichtiger Schritt. Wir haben ein paar kritische Punkte, zum Beispiel die Frage, wie Industrieländer künftig anrechnen können, welche finanzielle Unterstützung sie an Entwicklungsländer leisten zum Beispiel, damit diese mehr Klimaschutz machen und sich auch an die Klimafolgen anpassen können. Da sind aus unserer Sicht relativ viele Schlupflöcher drin, wo viele Länder sich ein bisschen aussuchen können, was sie anrechnen. Da sind wir zum Beispiel nicht mit zufrieden, aber es gibt auch eine ganze Reihe positiver Aspekte.

Heuer: Es soll mehr Geld geben für die ärmsten Länder, wenn es denn so beschlossen wird in Katowice. Aus Ihrer Sicht genug Geld?

Harmeling: Es ist so, dass man hier in Katowice jetzt keine konkrete Zahl beschließt. Es gibt im Moment ein Finanzierungsziel für 2020 von 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr, wo es noch viele Fragezeichen gibt, ob das eingehalten wird. Und Verhandlungen für ein zukünftiges Ziel für die zweite Hälfte des nächsten Jahrzehnts, die hat man jetzt auch erst mal in die Zukunft verschoben. Wir sehen leider, dass im Moment die Industrieländer sehr unterschiedlich darangehen. Ich glaube, Deutschland kann man hier schon hervorheben durch finanzielle Zusagen, aber es gibt andere Länder, die sich zunehmend aus der Verantwortung stehlen wollen, und das bereitet den Entwicklungsländern, die einfach auch auf Unterstützung angewiesen sind, große Sorgen.

"Wir sind in einer enormen Gefahrenlage"

Heuer: Was das Geld angeht, höre ich da raus, wirklich eine sehr gemischte Bilanz. Viele Inselstaaten sind buchstäblich kurz vor dem Untergehen. Wird auch nur ein Land sicherer durch die erwartbaren Beschlüsse von Katowice, Herr Harmeling?

Harmeling: Zum Teil hängt es noch davon ab, weil ein Großteil wichtiger Text, der auch in die Frage reingeht, ob die Länder in den nächsten zwei, drei Jahren ihre Klimaschutzpläne überarbeiten und wie ernst dieser Wissenschaftsbericht über das 1,5-Grad-Ziel genommen wird, der wird noch sehr viel über die Botschaft hier entscheiden. Ich glaube, was man schon sagen kann, ist, dass dieser UN-Klimaprozess hier gestärkt rausgehen wird. Es ist nach bisherigem Stand ist es Abweichlern wie den USA nicht gelungen, hier wirklich den Prozess zu blockieren oder vom Klimaschutz abzutreten. Aber wir sind in einer Situation, dass wir im Grunde schon in einer enormen Gefahrenlage beim Klimawandel sind und jetzt wirklich sehr konkret schnell Klimaschutz überall vorangebracht werden muss und es nicht reicht, nur die Regeln zu setzen.

"Mehr konkrete Maßnahmen in verschiedenen Bereichen"

Heuer: Ja. Und in Katowice wird ja gerade darüber gesprochen, wie erreicht man bestimmte Ziele, da wird ja sehr über die Details auch verhandelt. Sie haben die nationalen Klimaschutzzusagen schon angesprochen, was erwarten Sie denn von Deutschland in dieser Hinsicht?

Harmeling: Deutschland ist hier in einer schwierigen Situation, das haben auch ganz viele Länder mitbekommen und auch angemerkt. Unsere Emissionen sind ja seit Jahren nicht mehr runtergegangen, wir haben zwar durchaus ambitionierte Klimaziele und Klimapläne, aber es ist bisher nicht gelungen, die notwendigen gesetzlichen Verpflichtungen dazu zu erreichen. Das steht jetzt für 2019 ganz klar auf dem Plan, das Klimaschutzgesetz, aber es muss eben auch unterlegt werden durch mehr konkrete Maßnahmen in verschiedenen Bereichen, dass die Emissionen wirklich runtergehen. Wenn wir die internationalen Ziele zum Klimaschutz einhalten wollen, dann müssen global die Emissionen um etwa 50 Prozent runtergehen in den nächsten zwölf Jahren – und ein großes Land wie Deutschland hat natürlich einen wesentlichen Anteil daran.

Appell, Zusagen unbedingt einzuhalten

Heuer: Ja, aber Herr Harmeling, wie zuversichtlich sind Sie denn da, wenn man sich mal die deutsche Klimaschutzpolitik ansieht, zum Beispiel den aktuellen Streit über den Kohleausstieg. Sieht das wirklich so aus, als würde Deutschland da wieder aufholen können?

Harmeling: Ich glaube, da werden wirklich die nächsten Monate ganz entscheidend. Zum einen will ich auch noch mal an alle Parteien appellieren, das Paris-Abkommen ist ja damals von allen Parteien angenommen und entschieden worden, und jetzt muss man auch die nächsten Schritte gehen. Der Kohleausstieg muss eben sich an den Klimazielen orientieren, natürlich ist es ganz wichtig, auch die sozialen Aspekte miteinzubeziehen, das wird ja auch an allen Stellen gesagt, aber wenn Deutschland nach den nächsten sechs Monaten dasteht und nicht wirklich glaubwürdig sagen kann, wir machen mit Klimaschutz ernst, dann würde das einen enormen Schaden weltweit verursachen.

Thema "wenig ernst genommen"

Heuer: Ich frage Sie trotzdem, wie zuversichtlich Sie da sind. Es hat ja von NGOs zum Beispiel in Katowice einen offenen Brief an Angela Merkel gegeben, die Kanzlerin solle neue Klimaschutzzusagen der Industrieländer bis 2020 unterstützen. Ich habe nicht mitbekommen, dass Angela Merkel darauf reagiert hätte, Herr Harmeling.

Harmeling: Ob sie genau auf den Brief reagiert hat, das kann ich jetzt auch nicht sagen. Natürlich haben wir auch eine gewisse Skepsis, weil wir eben gesehen haben, wie wenig ernst das Thema in den letzten Jahren genommen worden ist. Gleichzeitig hoffe ich natürlich schon, dass die ganzen internationalen Diskussionen zum Klimaschutz, die vielen Proteste weltweit, auch in Deutschland, jetzt wirklich dazu führen, dass die aktuelle Regierung umdenkt und jetzt wirklich in den Klimaschutz einsteigt.

"Klimaschutz heute günstiger als noch vor vielen Jahren"

Heuer: Die Wissenschaft sagt, zwei Grad weniger Erderwärmung reichen nicht aus, anderthalb Grad sind nötig. Wird sich die Weltgemeinschaft darauf je verpflichten?

Harmeling: Ich glaube zumindest, dass wir in der Richtung große Fortschritte gemacht haben, was das Verständnis angeht, warum das 1,5-Grad-Limit viel verfolgenswerter ist, weil die zwei Grad wirklich massivste Konsequenzen für große Teile der Welt mit sich bringen würden. Gleichzeitig haben uns die wissenschaftlichen Berichte auch gezeigt, dass Klimaschutz heute günstiger ist, als noch vor vielen Jahren, mit vielen sozialen und auch ökonomischen Nebennutzen einhergehen kann und deshalb gilt es jetzt, diese wissenschaftlichen Erkenntnisse in die Tat umzusetzen. Auch eben als Vorsorgeprinzip und als Solidarität gegenüber den Menschen, die besonders von den Folgen betroffen sind.

Heuer: Also, Sie setzen weiter auf Vernunft?

Harmeling: Wir setzen auf Vernunft, wir setzen auch auf Mobilisierung der Menschen, wir setzen auf Widerstand gegen Maßnahmen, die eben die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimaschutz nicht ernst nehmen, aber das ist natürlich eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, wo es nicht nur die Regierung allein ist, sondern wo wir letztendlich alle im gleichen Boot sind und wir alle unsere Verantwortung haben, hier unseren Beitrag zur Lösung beizutragen.

Heuer: Sven Harmeling von Care Deutschland. Vielen Dank für das Interview, Herr Harmeling!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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