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StartseiteInterview"Das Pariser Abkommen ist noch einzuhalten"03.12.2019

Klimakonferenz"Das Pariser Abkommen ist noch einzuhalten"

Wenn alle Industriestaaten sehr intensiv Klimaschutz betrieben, sei der Vertrag von Paris noch einzuhalten, sagte Tobias Fuchs vom Deutschen Wetterdienst im Dlf. Deutschland allein könne das Problem nicht lösen, müsse aber trotzdem Vorreiter sein, so Fuchs.

Tobias Fuchs im Gespräch mit Christine Heuer

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Tobias Fuchs, Leiter Klima und Umwelt, Deutscher Wetterdienst (imago images / Metodi Popow)
"Wir müssen mit vielen kleinen Bausteinen das große Ganze ändern", sagt Tobias Fuchs, Leiter Klima und Umwelt beim Deutschen Wetterdienst. (imago images / Metodi Popow)
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Christine Heuer: In Madrid tagt die 25. Klimakonferenz. Zum Auftakt gestern waren dramatische Warnungen zu hören, von UN-Generalsekretär Guterres etwa. Er sagte: "Wenn wir nicht schnell unseren Lebensstil ändern, dann gefährden wir das Leben an sich." – Und von der neuen EU-Kommissionspräsidentin. Ursula von der Leyen hat den Klimaschutz in Europa zur Chefsache und zu einer der wichtigsten Aufgaben überhaupt erklärt. Und wie dringend das ist, das wird heute wieder sehr greifbar werden. In Madrid wird heute nämlich die Weltorganisation für Meteorologie ihre jüngsten Zahlen vorlegen.

Ich bin mit Tobias Fuchs verbunden, dem Leiter Klima und Umwelt beim Deutschen Wetterdienst. Guten Morgen, Herr Fuchs.

Tobias Fuchs: Guten Morgen, Frau Heuer.

Heuer: Dieser Bericht dieses Gremiums, WMO abgekürzt, haben Sie vorab schon erfahren, was da drinsteht?

Fuchs: Na ja. Die wesentlichen Fakten sind mir und den Wetterdiensten natürlich bekannt. Selbstverständlich! Der Anstieg zeigt sich weiterhin. Die letzten fünf Jahre sind die wärmsten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Wir hatten einen neuen Rekord letztes Jahr und dieses Jahr läuft es darauf hinaus, dass wir eventuell auf Platz zwei landen könnten.

Heuer: Was heißt Platz zwei?

Fuchs: Platz zwei seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, nach 2018, was das wärmste Jahr bisher der Messungen ist.

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Heuer: Das heißt, diese Sommer von 2018 vor allen Dingen und 2019, das ist jetzt immer so in Deutschland?

Fuchs: Na ja. Immer so kann man nicht sagen. Wir denken ja in 30-Jahres-Zeiträumen in der Klimatologie. Wenn wir zurückschauen werden auf die 30 Jahre, dann werden wir vermutlich eine größere Häufung feststellen als in vorigen 30-Jahre-Perioden.

Größere Anzahl von Hitzewellen und Hitzetagen

Heuer: Wie schlimm ist das eigentlich für Deutschland? Wir reden ja immer über Dürren zum Beispiel in Ostdeutschland, dass die Bauern es da so schwer haben. Aber verglichen mit anderen Weltregionen sieht das ein bisschen so aus, als kämen wir gerade noch mal mit einem blauen Auge davon, oder?

Fuchs: Es gibt andere Regionen, gerade die, die weniger wirtschaftlich stark sind, die natürlich noch verwundbarer sind wie wir. Aber wir haben natürlich auch eine hochentwickelte Gesellschaft. Wir haben eine hochentwickelte Infrastruktur, die auch sehr anfällig ist für die Folgen des Klimawandels. Das haben wir ja letzte Woche auch in unserem Monitoring-Bericht vorgestellt, letzten Dienstag.

Heuer: Welche konkreten Folgen sehen Sie denn in 30, in 60 Jahren? Sie rechnen in 30-Jahres-Schritten. Was passiert da, was wird sich ganz konkret ändern in Deutschland und für uns, die wir hier leben?

Fuchs: Na ja. Wir sehen, dass die Extrema schon zugenommen haben in den letzten 30 Jahren, und wir erwarten auf der Basis der Modellprojektionen, dass sich das weiter verschärfen wird. Das heißt, dass es dann eine größere Anzahl von Hitzewellen und Hitzetagen gibt, aber jetzt nicht jedes Jahr so intensiv wie 2018 und auch 2019, aber in der Häufung dann im Rückblick. Wir werden eine Verschärfung im hydrologischen Zyklus sehen.

Heuer: Was ist das?

Fuchs: Das heißt einerseits eine Häufung auch von trockenen Phasen und dann auch Niedrigwasserphasen im Sommer. Gleichzeitig aber dann, wenn es mal regnet, sehr intensiven Regen, der zu entsprechenden Sturzfluten und Hochwasser und entsprechenden Schäden für die Infrastruktur führt.

Heuer: Und das heißt dann konkret: Werden die Straßen überflutet sein, kaputt sein?

Fuchs: Ich sehe keine Katastrophen voraus. Es ist nicht jedes Jahr und nicht jeder Ort permanent getroffen. Aber wenn wir auf Deutschland schauen, in 30-Jahres-Schritten gesprochen, dann werden wir laut aktuellem Stand der Modelle, der Projektionen eine Zunahme, eine Häufung sehen und beim Niederschlag vermutlich auch eine Intensivierung der starken Niederschläge.

Heuer: Das heißt, es gibt Überschwemmungen mit vielen Schäden an der Infrastruktur?

Fuchs: Ja. Wir müssen uns entsprechend vorbereiten. Ja!

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Heuer: Es wird Regionen geben, die werden unbewohnbar sein. Nun arbeiten Sie für den Deutschen Wetterdienst, aber ich denke, Sie können uns darüber auch etwas sagen. Wen trifft es denn besonders hart?

Fuchs: Ein großer Effekt ist natürlich der Meeresspiegelanstieg. Das betrifft bei uns die Küste in Deutschland auch, aber andere, gerade Inselstaaten, die weniger geschützt sind beziehungsweise direkt am Meer liegen, die werden natürlich dann große Probleme kriegen, wenn der Meeresspiegel um einen halben Meter oder einen Meter höher ist als derzeit.

"Afrika könnte es sehr intensiv treffen"

Heuer: Diese Prognosen, wenn das Weltklima sich um 3,9 Prozent möglicherweise sogar …

Fuchs: Grad!

Heuer: Grad, Entschuldigung, erhöht. Das haben wir alle in der "Zeit" vorvergangene Woche, glaube ich, gesehen.

Fuchs: Ja!

Heuer: Da gab es eine Skizze, ein Schaubild. Da war Afrika unbewohnbar.

Fuchs: Unbewohnbar – das ist ein sehr dramatisches Szenario.

Heuer: Eine einzige Wüste.

Fuchs: Ja. Aber die Ausbreitung der Wüsten ist einer der Effekte des Klimawandels, und es mag sein, dass es Afrika sehr intensiv treffen könnte, was dann auch auf einem langen wieder zu Migrationswellen führen könnte, die in Richtung Europa versuchen, sich in Schutz zu bringen.

Heuer: Dagegen ist dann das, was wir 2015 Flüchtlingskrise genannt haben, eine Kleinigkeit, oder wie?

Fuchs: Das ist ein mögliches Szenario, natürlich ein extremes Szenario, aber am langen Ende auch denkbar, ja.

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Heuer: Haben Sie Kinder?

Fuchs: Nein.

Heuer: Ich wollte Sie jetzt fragen, ob Sie sich Sorgen um deren Zukunft machen.

Fuchs: Na ja, gut. Aber ich habe natürlich schon im Familien- und im Freundeskreis viele mit Kindern, und natürlich mache ich mir ein bisschen Sorgen darum. Ja!

Heuer: Was denken Sie, wenn Sie das Wort Klimapaket hören, Herr Fuchs?

Fuchs: Na ja. Es ist ein erster Wurf der Bundesregierung, den Klimaschutz aktiv mit Gesetzen jetzt auch in den Griff zu kriegen.

Heuer: Wird da genug getan?

Fuchs: Es könnte sicher noch mehr getan werden. Aber ich würde es erst mal positiv sehen. Es ist ein Anfang! – Nein, es wird noch nicht genug getan, aber die nächsten Jahre gibt es noch Möglichkeiten. Wir müssen relativ schnell natürlich noch mehr machen, aber wir müssen anfangen damit. Das ist erst mal das positive Signal. Wir fangen an mit Klimaschutz.

Heuer: Das hätten wir vor 30 Jahren schon ziemlich beherzt machen können und da waren wir auch schon mal besser. – Ist es nicht eigentlich schon zu spät?

Fuchs: Das würde ich nicht sagen. Wenn wir die Projektionen mit dem bestmöglichen Klimaschutz-Szenario rechnen, landen wir schon etwa im Bereich von 1,5, zwei Grad Anstieg gegenüber vorindustriell. Das heißt, das 1,5-Grad-Ziel aus dem Vertrag von Paris ist schon noch einzuhalten, wenn wir sehr intensiv in Richtung Klimaschutz in allen Industriestaaten, in allen großen Ländern der Erde gehen, nicht in Deutschland alleine.

Heuer: Wenn alle mitziehen und richtig ehrgeizigen Klimaschutz machen würden weltweit, wieviel Zeit bliebe uns denn dann noch, um das Schlimmste zu verhindern?

Fuchs: Die derzeitigen Zahlen sagen, dass wir bis 2050 klimaneutral sein müssen, CO2-neutral sein müssen. Das heißt, dass wir nicht mehr emittieren dürfen, als was wir wieder rausziehen können aus der Atmosphäre.

Heuer: Jetzt beschäftigen Sie sich in Ihrem Beruf ja jeden Tag mit dem Wetter, mit Wetterphänomenen, mit Ausschlägen, die es gibt, also mit dem Klimawandel ganz konkret.

Fuchs: Ja.

"Jeder Deutsche kann etwas beitragen"

Heuer: Wenn Sie sich die Weltgemeinschaft ansehen, die da in Madrid tagt – Sie wollen auch zur Konferenz fahren -, glauben Sie, die haben den Schuss wirklich gehört?

Fuchs: Ich war die letzten zwei Male schon bei den Klimakonferenzen dabei. Ja, ich denke schon. Die, die auf den Klimakonferenzen vertreten sind, auch die Wissenschaftler und die Politiker, haben den Schuss sehr wohl gehört. Leider sind nicht alle auf den Klimakonferenzen, die da sein sollten.

Heuer: Wer sollte kommen?

Fuchs: Es gibt ja die großen Staaten, zum Beispiel die Vereinigten Staaten. Da sieht man natürlich die Bundesstaaten, aber die Zentralregierung hält sich sehr bedeckt auf Basis der aktuellen politischen Lage.

Heuer: Das macht Ihnen Sorge?

Fuchs: Das macht Sorge, weil das sicher ein Land ist, was sehr viel tun müsste.

Heuer: Deutschland ist zwar ein wichtiges Land und wirtschaftsstark, aber natürlich haben wir vergleichsweise wenige Einwohner, wenn wir das etwa mit China vergleichen oder mit den USA. Selbst wenn jeder Deutsche Veganer würde, kein Auto mehr fahren würde, nicht mehr fliegen würde, selbst dann – das würde doch die Erderwärmung nicht wirklich spürbar senken, oder?

Fuchs: Global angesehen nicht. Aber es wäre einer von vielen Effekten. Wir müssen mit vielen kleinen Bausteinen das große Ganze ändern. Das ist, glaube ich, die wesentliche Aussage. Jeder kann für sich dazu beitragen, auch jeder Deutsche. Wir Deutsche allein können das Problem nicht in den Griff kriegen, das ist klar. Aber wenn wir es nicht können und wir es nicht machen mit unserem doch auch entsprechenden Wissen und unseren wirtschaftlichen Möglichkeiten, wer soll es denn hinkriegen.

Heuer: Also müssen wir wieder Vorreiter werden? Waren wir ja mal angeblich.

Fuchs: Ja, müssen wir schon. Deutschland als ein großer und starker Teil der Europäischen Union, so würde ich das auch sagen wollen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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