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StartseiteBüchermarktDer große Schied20.01.2020

Köln im SpätmittelalterDer große Schied

Köln im Jahr 1396: Stefan Lochner malt die "Madonna im Rosenhag". Kölner Kaufleute stehen in Verbindung mit fast allen Teilen Europas. Frauen spielen ganz selbstverständlich eine wichtige Rolle im Wirtschaftsleben – davon berichtet eine beeindruckende Stadtgeschichte.

Von Michael Köhler

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Buchcover "Köln im Spätmittelalter" und der Altar der Stadtpatrone im Kölner Dom (Cover: Grevenverlag / Hintergrund: Bildarchiv Monheim GmbH)
Das Buchcover "Köln im Spätmittelalter" und der Altar der Stadtpatrone im Kölner Dom (Cover: Grevenverlag / Hintergrund: Bildarchiv Monheim GmbH)
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Die ausfaltbare und herausnehmbare Große Kölner Stadtansicht, ein Holzschnitt von Anton Woensam aus dem Jahr 1531, zeigt eindrücklich:

"Köln war die größte und gleichzeitig damit auch die bedeutendste Stadt im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Die genaue Einwohnerzahl kann man einfach nicht eruieren, man schätzt so zwischen fünfunddreißig und vierzigtausend Einwohner."

Die Betriebsamkeit der Rheinschifffahrt, des Handels, die dichte Bebauung, die große Zahl an Kirchen und der Kölner Dom bezeugen: was eine Stadt ist, ist keine Frage der Einwohnerzahl allein, der Quantität, es ist wesentlich eine Frage der Qualität. Die europäische Stadt wie wir sie seit dem Mittelalter kennen ist eine Einheit aus Festung und Markt, ein Ort des Austauschs, Handels, des Güter- und Ideenumschlags. Und sie ist Ort der Herrschaft, der Verwaltung und des Rechts. Nicht zuletzt ist die Stadt der Entfaltungsraum für Religion und Kultur.

Es geht ums Seelenheil

Es entsteht im Mittelalter ein Bürgerstand, der sich in Stadtgemeinden organisiert und Privilegien vergibt. Köln am Rhein nimmt dabei eine herausragende Stellung ein. Der Historiker Carl Dietmar, Ko-Autor und Verfasser von Band 4 der Geschichte der Stadt Köln erklärt, wesentlich sei die Form des Gebens und Nehmens gewesen. Sie betraf das Lehnswesen, aber auch das Stiftungswesen.

 "Und zwar ging es letztlich immer um das Seelenheil des Stifters. Das war der eigentliche Grund für jede Art von Stiftung. Und eigentlich war das auf Ewigkeit angelegt. Also, wenn der Stifter sich eine Stiftskirche oder ein Kloster als Objekt seine Gabe ausgesucht hatte, dann erwartete er auf Ewigkeit Gebete für sein Seelenheil. Eigentlich war es eine Interaktion zwischen Lebenden und Toten, bis zum Tag des Jüngsten Gerichts."

Wohltuend an diesem Buch sind zwei Aspekte. Erstens ein ungewöhnlich flüssiger, geradezu süffiger Schreibstil. Carl Dietmar ist erfahrener Buchautor und hat viele Jahre als Redakteur beim Kölner Stadtanzeiger gearbeitet. Er schreibt sehr leserfreundlich. Zweites sein grundsätzlich kultureller Blick. Der Leser wird nicht mit Wirtschaftsstatistiken oder Tabellen erschlagen, erfährt aber in einem Kapitel über "die da unten" auch etwas über Außenseiter und Randgruppen der spätmittelalterlichen Gesellschaft, etwa über "schyssefeger" wie die Entsorger der Latrinen auf rheinisch hießen.

Über das Judenprivileg

Ein umfangreiches, reichhaltig bebildertes Kapitel widmet sich der Alt-Kölner Malerei, die zu Beginn des 15.Jahrhunderts einen Höhepunkt erfährt und sich auch dem Stiftungswesen verdankt.

"Im Grunde alle herausragenden Gemälde dieser Alt-Kölner Malerei im 14. Und 15. Jahrhundert verdanken wir eigentlich diesem Prinzip."

Stefan Lochners großer Altar der Stadtpatrone von 1445, den Dürer zu sehen eigens nach Köln kam, hängt heute in der Marienkapelle des Kölner Doms. Zum Leben im Heiligen Köln gehörte wesentlich auch die große Jüdische Gemeinde. Davon zeugt das in Stein gehauene sogenannte "Judenprivileg" von 1266 im Kölner Dom. Sie genossen erzbischöflichen Schutz und später auch städtischen Schutz. Trotzdem kam es 1349 zu Pogromen. Auch darüber schreibt Dietmar ausführlich.

"Die jüdische Gemeinde Kölns war die größte in Deutschland, zumindest von der Zahl ihrer Mitglieder her. Es gab in Mainz, Speyer gab es vielleicht theologisch bedeutendere Gemeinden. Aber dies war die größte und hatte natürlich ein wirtschaftliches Potential. Die Handelsbeziehungen der Kölner Juden reichten ja bis in den Orient hinein und bis nach Spanien. Und insofern waren die Juden auch ein wirtschaftlicher Faktor."

Ein früher Freund des Mietendeckels

Ebenso bedeutsam war Köln als Ort der Bildung. Untrennbar damit verbunden ist Albertus Magnus. Der Universalgelehrte richtete einerseits ein Generalstudium für die Dominikaner ein. Sein Schüler war Thomas von Aquin. Andererseits hat Albert die Rezeption der griechischen Philosophie ermöglicht. Er erkennt durch das Studium des Aristoteles, dass zur Leitidee einer städtischen Verfassung das Gemeinwohl zählt. Albert hat ganz praktisch im "Großen Schied" von 1258 die Auseinandersetzung zwischen dem Erzbischof und der Bürgerschaft geschlichtet. "Das war ein Praxistest der aristotelischen Philosophie", sagt Historiker Dietmar.

"Man kann Albert sozusagen als den Geistesmenschen bezeichnen, der die griechische Philosophie mit der christlichen Theologie versöhnte, sie zusammenbrachte. Man konnte von nun an mit dem Werkzeug der Philosophie theologisch arbeiten, Bibel interpretieren, Kirchenväter auslegen usw."

Albert hat das praktisch umgesetzt und Konflikte gelöst. Im Großen Schied von1258 ist ersichtlich wie sich Albertus Magnus mit der Staatslehre des Aristoteles befasst hat. Er kam zum Ergebnis, dass das Beste für eine städtische Ordnung eine gemischte Verfassung ist. Heute wäre er vermutlich im teuren Köln ein Freund des "Mietendeckels". Noch in anderer Hinsicht war Köln modern.

"Wir haben seit dem 13. Jahrhundert eine zunehmende Verschriftlichung sowohl der Verwaltung als auch des Handels usw. und da entstand auch in bürgerlichen Kreisen der Wunsch nach Schulbildung. Dafür hat man die Pfarrschulen gegründet und weil in Köln die Frauen in der Wirtschaft eine so bedeutende Rolle spielten, hat man sogar – zumindest für Mädchen aus der Ober- und Mittelschicht – Mädchenschulen eingerichtet. Auch in der Hinsicht ist Köln ein Vorreiter."

Das muss die EU erstmal nachmachen

Auch Handwerker lernen in Köln Lesen und Schreiben, und Frauen können in Mädchenschulen gehen. Auch in dieser Hinsicht war das spätmittelalterliche Köln fortschrittlich. Auch in Bildungsfragen ist Köln Vorreiter.

Die Frauen hatten mehr Rechte und finanzielle Möglichkeiten als in anderen Städten. Hinzu kam das sogenannte "Frauenzeugnis". Vor Gericht hatten Frauen, wenn sie vereidet waren, dieselbe Rechtsstellung wie Männer.

"Frauenzünfte gab es in ganz Europa nur in Köln und Paris."

Die Themenvielfalt des Buches, seine Erkenntnisse über die Modernität des Spätmittelalters, sein guter Schreibstil, die sorgfältige umfangreiche Illustration, der großzügige Satzspiegel, nicht zuletzt das vorzügliche Personen-, Orts - und insbesondere Sachregister machen es zu einem neuen Standardwerk, das weit über die Kölner Stadtgeschichte im engeren Sinne hinausgeht. Wer sich für Stadt-, Sozial- und Kulturgeschichte der spätmittelalterlichen Stadt interessiert, ist mit diesem Buch bestens bedient.

 "Es ist ja eines der Kennzeichen des Spätmittelalters, das man in früherer Zeit immer unterschätzt hat, also die Internationalität des Spätmittelalters ist unglaublich groß, was den Handel, was den Austausch angeht, aber vor allem im Bildungswesen. Man muss sich vorstellen, mit dem Abschluss an einer Kölner Universität, als Bachelor, den man in Köln gemacht hat, konnte man ohne jede Einschränkung, konnte man nach Salamanca gehen, konnte man an allen europäischen Universitäten weiter studieren. Das muss uns die EU erst mal nachmachen."

Wolfgang Herborn (1940- 2015), Carl Dietmar: "Köln im Spätmittelalter 1288-1512/13: Geschichte der Stadt Köln, Band 4".
Greven Verlag, Köln, 629 Seiten, 60 Euro.

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