Donnerstag, 08. Dezember 2022

Erst fortschrittlich, dann verarmt
Wie sich Köln am Mittelalter festklammerte

Im Mittelalter zählte Köln zu Europas fortschrittlichsten Städten, 300 Jahre später sahen manche es als „abscheulichste Stadt Deutschlands“ an: intolerant, verarmt und verknöchert. Neue historische Forschungen erhellen, wie es zu diesem Niedergang kam und wann er begann.

Von Matthias Hennies | 16.06.2022

(Historischer Stich des unvollendeten Doms vo dem Weiterbau) Der Kölner Dom stand seit dem Baustopp 1528 als Torso, der Baukran über dem Südturm "wurde zum Symbol für eine zurückgebliebene Stadt." Erst 1823 wurde mit der Fertigstellung begonnen.
Von 1528 bis 1823 stand der Dom als unvollendeter Torso in Köln - ein Symbol für eine zurückgebliebene Stadt? (imago/imagebroker)
„Ihr habt gesehen, dass unsere Stadt sich niemals das Recht angemaßt hat, Toleranz einzuführen. Nun bitte ich euch, dem Himmel zu danken, dass er die wahre, uralte Religion in unseren geheiligten Ringmauern jederzeit so rein erhalten habe.“

Als diese Streitschrift 1788 in Köln publiziert wurde, galt die Stadt als tief katholisch und streng konservativ, ja, verknöchert. Was war aus der Metropole geworden, die im Mittelalter so innovativ gewesen war? Symbol dafür ist ein großformatiges, leicht bräunliches Pergament, das im Stadtarchiv aufbewahrt wird. Es ist mit dunkler Tinte eng beschrieben, 22 schwarze Siegel hängen daran: Der „Verbundbrief“, die Verfassung der Stadt von 1396, die Kaufleuten und Handwerkern erstmals eine Teilhabe an der Macht sicherte.
„Lange feierte man sich in Köln dafür, dass man eine frühe Demokratie gehabt habe, das ist aber nicht richtig, der Verbundbrief garantiert Mitbestimmungsrechte für Vollbürger, für Männer – also die Hälfte der Gesellschaft ist sowieso raus – und Kölner Einwohner, die nicht das Bürgerrecht hatten, sind auch raus.“

Sowohl die Armen, als auch die zahlreichen Geistlichen durften nicht an Ratswahlen teilnehmen, erzählt der Historiker Max Plassmann, Experte für das Mittelalter im Historischen Archiv Kölns.

Symbol der politischen Emanzipation und der Erstarrung

Die Stadt gehörte damals zu Europas bedeutendsten Metropolen, sie hatte vermutlich an die 40.000 Einwohner – wie vielen verschaffte der „Verbundbrief“ politischen Einfluss? „Man kann davon ausgehen, dass das einige Tausend waren, fünf-, sechs-, sieben-, achttausend vielleicht, und das ist doch für das Spätmittelalter eine recht hohe Zahl, insofern rechnen wir den Verbundbrief schon zur Vorgeschichte der Demokratie.“

Damit war es Vertretern der wichtigsten Berufsgruppen nach vielen, auch blutigen Unruhen gelungen, den Adel weitgehend aus der Herrschaft zu verdrängen. „Man hat einen Verbund geschlossen, insofern sind da Bestimmungen zu finden - wie wird der Rat gewählt, wer hat Zugang zur Macht, wer darf Krieg erklären – die dazu dienen, die inneren Frieden in der Stadtgesellschaft zu erhalten.“

Die Verfassung von 1396 war die Basis für Kölns Blütezeit im 15. Jahrhundert. Sie blieb jedoch 400 Jahre lang in Kraft, mit nur einer nennenswerte Ergänzung: So wurde sie auch zu einem Inbegriff der Erstarrung, in die Köln nach dem Mittelalter zunehmend versank.
Der "Verbundbrief" von 1396 ist die mittelalterliche "Verfassung", mit der sich die in "Gaffeln" (Zünfte) organisierten Kölner Bürger von Kirche und Adel emanzipierten. Die Urkunde existierte in 23 Ausfertigungen - eine für die Stadt und jeweils eine für die 22 Gaffeln - symbolisiert durch die unten anhängenden Siegel.
Der "Verbundbrief" von 1396 ist die mittelalterliche "Verfassung", mit der sich die in "Gaffeln" (Zünfte) organisierten Kölner Bürger von Kirche und Adel emanzipierten. (imago/agefotostock/Heinz-Dieter Falkenstein)

Einstellung des Dombaus als Symptom der Krise

Als Ende des Mittelalters gelten Historikern die Jahre um 1500: Mit Kolumbus‘ Landung in Amerika und der Entdeckung des Seewegs nach Indien verlagerten sich die großen Handelsrouten vom Binnenland auf die Ozeane. Zugleich verbreiteten sich in Mitteleuropa die Ideen der Renaissance, und ab 1517 löste die Reformation einen tief gehenden Umbruch aus. Köln hatte an den neuen Trends wenig Anteil. Bezeichnend ist jedoch, dass der Bau des riesigen gotischen Doms um 1530 abgebrochen wurde.

"Es gibt einen Rückgang der Kauf- und Finanzkraft, wofür die Einstellung des Dombaus sicher ein Symptom ist – die Reformation dürfte eine weitere Ursache sein - aber wir sehen ja auch, dass in Köln damals wenig moderne Gebäude gebaut worden sind. Sicherlich gibt es auch Renaissance- und Barock-Gebäude, aber doch relativ wenig - und das dürfte von einer gewissen Verknöcherung, aber auch zu wenig Geld zeugen."

Bedeutende Reichsstädte wie Frankfurt, Nürnberg oder Straßburg schlossen sich rasch der Reformation an, und auch in Köln verbreitete sie sich stärker, als man lange dachte. Gérald Chaix, Professor an der Universität in Tours, hat die Epoche erforscht und im neuesten Band der großen Kölner Stadtgeschichte detailliert dargestellt:
"Es gab natürlich in der Stadt schon 1518 Leute, die Bücher von Luther, Flugschriften gekauft, gelesen, diskutiert haben. Es gab Prediger, die im Sinne Luthers predigten, Kaufleute, die außerhalb von Köln andere Kaufleute trafen und mit ihnen diskutierten und die natürlich auch in Köln die neue Lehre importiert haben. Aber es gab nirgendwo eine Konzentration von Leuten, die wirklich die Macht übernommen haben."

Miteinander von Protestanten und Katholiken

Anders als etwa in Nürnberg waren die Protestanten in zu viele kleine Gemeinden zersplittert, um sich durchzusetzen, erklärt Chaix. Zwei Mal versuchten sogar protestantische Erzbischöfe, die neue Konfession in Köln zu etablieren. Doch die Stadt leistete entschiedenen Widerstand: Allzu lange hatte sie Erzbischöfe als Stadtherren erduldet, erst wenige Jahrzehnte zuvor war sie offiziell „Freie Reichsstadt“ geworden: Ob Protestanten oder nicht, Köln musste seine Unabhängigkeit verteidigen.

Von religiöser Verknöcherung kann im 16. Jahrhundert aber nicht die Rede sein. Der Ratsherr Hermann von Weinsberg, ein beunruhigter Zeitgenosse, hat das multi-konfessionelle Leben beschrieben:
„Ich sehe aber, dass allerlei in die edle Stadt Köln hereinströmt und dass viele gute Leute anderen Sinnes werden als ihre Eltern, Freunde und Obrigkeit es waren. So dass ich mir viele Sorgen mache, die neuen Religionen der Augsburger Konfession, Calvinisten, Hugonisten, Gausereien könnten einreißen. Ich will bei dem Alten bleiben.“

Das Miteinander der Konfessionen war die Regel. Der Kölner Rat nahm Hugenotten aus Antwerpen auf, die wegen ihres Glaubens vertrieben worden waren, verbot Protestanten jedoch die öffentliche Religionsausübung und gab sich mal streng, mal nachsichtig. Im Alltag versuchte man, sich das Leben nicht schwer zu machen. Gérald Chaix:

„Wenn wir die Protokolle der Reformierten Gemeinden lesen, sehen wir, dass die Leute, die wirklich reformiert waren, die gingen eventuell zur Messe. Wenn ein Nachbar heiratet, sind sie höflich, gehen sie zur Heiligen Messe. Für die Schulen dasselbe: Wenn sie Kinder haben, können sie Kinder zur Pfarrschule schicken, weil sie die nächste ist. Und man sieht in den Protokollen, dass die Grenze zwischen Protestanten und Katholiken nicht präzise war, es gab immer Flexibilität, man konnte ganz klar in seinen Gedanken und zugleich flexibel im Zusammenleben sein.“

Gegenreformation bringt Intoleranz und Niedergang

Im Lauf des Jahrhunderts begann jedoch die katholische Gegenreformation zu wirken. Anstelle der protestantischen Reformation kam es zu einer Reform des Katholizismus, vor allem durch den Einfluss der Jesuiten, erklärt Chaix. Manchem alt eingesessenen Kölner blieben ihre strengen Vorschriften allerdings fremd: „Man muss ganz genau fasten, regelmäßig in die Kirche gehen – und das ist für Hermann Weinsberg unverständlich: Ich bin ein guter Kölner, ein guter Katholik, aber warum so viele Übungen und Neuerungen?“

Ab Anfang des 17. Jahrhunderts war Köln streng katholisch, zugleich nahm seine Wirtschaftskraft weiter ab – die genauen Zusammenhänge sind aber noch nicht ausreichend erforscht worden, stellt Max Plassmann fest: Die Stadt selbst hatte immer weniger finanziellen Spielraum, aber wie stand es mit den Einrichtungen der Kirche? Manche waren bitterarm, andere sehr reich. Und während im Handel die Umsätze einbrachen, lebten wohletablierte Familien blendend von ihrem Kapital.

„Man kann es zum Beispiel immer dann sehen, wenn die Stadt Köln selber in Schlagseite geriet, weil etwa ein Krieg drohte und man Schulden aufnehmen musste, dann stehen da sehr viele reiche Bürger und sagen, ja, wir kaufen eine Rente. Was bedeutet, sie zahlen 5000 Gulden ein, aber kriegen lebenslang dann Raten zurück, dieser Rentenverkauf zeigt deutlich, es gab Geld in der Stadt, die öffentliche Hand konnte es nur nicht so leicht abschöpfen.“

Einmarsch der Franzosen beendet überholte Ordnung

Auch hier wirkte sich die Unfähigkeit zur Veränderung aus: Im Mittelalter hatte das Steuersystem der Stadt prächtige Einnahmen beschert, danach aber wurde es nicht mehr reformiert. Vielleicht war Köln insgesamt gar nicht ärmer geworden, meint Plassmann, doch im Vergleich zu prosperierenden Zentren wie Frankfurt oder Hamburg fiel es hoffnungslos zurück. Im 17. und vollends im 18. Jahrhundert scheint die Stadt zunehmend gelähmt. Die rückständige Universität wurde in halb Europa verspottet, Protestanten waren unerwünscht, die Zünfte nahmen keinen Fremden auf, um sich ihre Pfründen zu bewahren.

Erst die Franzosen, die 1794 einmarschierten, weckten die einstige Metropole aus dem Tiefschlaf – gegen ihren Willen: Mithilfe des 400 Jahre alten „Verbundbriefs“, einst ein Schritt bürgerlicher Emanzipation, wollten die Kölner nun die längst überholte Ordnung verteidigen. „Die haben ja eine Delegation nach Paris geschickt und haben gesagt, Ihr mit Eurer Revolution ist ja schön und gut, aber wir Kölner haben den Verbundbrief seit 1396 und damit haben wir seit 1396 Demokratie und brauchen Eure Revolution nicht.“

Es war vergeblich. Die französische Verwaltung hob den Verbundbrief 1796 auf. Man könnte sagen: Jetzt endete auch in Köln das Mittelalter.