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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWie Vorurteile zu wissenschaftlichen Wahrheiten erhoben wurden05.08.2021

Kolonialmacht FrankreichWie Vorurteile zu wissenschaftlichen Wahrheiten erhoben wurden

Rassismus gegenüber Schwarzen Menschen hat eine lange Vorgeschichte. Die Historikerin Delphine Peiretti-Courtis beleuchtet besonders die Rolle von Medizinern ab Ende des 19. Jahrhunderts, die rassistische Klischees als wissenschaftliche Erkenntnisse ausgaben - und die bis heute nachwirken.

Von Suzanne Krause

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Zwei Menschen in Paris bei einer Demonstration anlässlich des Internationalen Tag des Migranten in Paris (picture alliance / ZUMAPRESS.com | Julien MattiaLe Pictorium)
Rassistische Vorurteile aus Frankreichs Kolonialzeit spielen bis in die heutige Zeit hinein (picture alliance / ZUMAPRESS.com | Julien MattiaLe Pictorium)
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Auf der Tribüne ertönte Affengeschrei, als Kylian Mbappé, schwarzer Star der französischen Nationalelf, beim Europacup-Spiel kürzlich in Budapest den Ball übernahm. Christiane Taubira war Mitte der 2010er-Jahre Justizministerin in Paris. Als Aufmacher einer rechtsextremen Pariser Tageszeitung wurde die schwarze Politikerin als Bananen fressender Affe dargestellt.

Der Rassismus gegenüber Menschen mit schwarzer Hautfarbe hat eine lange Vorgeschichte. 1892 postulierte der französische Mediziner Paul Barret: "Der Schwarze ist minderwertig." Dieser Satz, schreibt Historikerin Delphine Peiretti-Courtis in ihrem Buch, bringe auf den Punkt, wie Frankreichs Mediziner früher über Schwarze Menschen dachten.

"Intellektuelle Minderwertigkeit, emotionaler Überschwang, Faulheit oder sexuelle Hyperaktivität: Das sind einige der Vorurteile gegenüber Afrikanerinnen und Afrikanern, die zwischen Ende des 18. und Mitte des 20. Jahrhunderts von der medizinischen Literatur in den Rang wissenschaftlicher Wahrheit erhoben wurden."

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk (imago / fStopImages / Malte Müller) (imago / fStopImages / Malte Müller)

Der weiße Körper galt als Norm

Zehn Jahre lang hat Peiretti-Courtis unter anderem medizinische Abhandlungen der damaligen Zeit ausgewertet. Sie weist nach, wie weiße Mediziner an der schwarzen Haut der afrikanischen Bevölkerung sukzessiv vorgebliche Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen festmachten, Stereotype, Klischees kreierten. Die Historikerin spricht von einer 'Fabrik der Rassenvorurteile'.

"Heute spricht man von Vorurteilen, damals galten sie als wissenschaftliche Erkenntnisse."

Beflügelt vom Geist der Aufklärung, studierten Forscher ab 1780 zunehmend die menschliche Gattung, deren vermeintliche Unterschiede. Der weiße Körper galt als Norm, ein schwarzer Körper als Inbegriff des komplett Anderen.

"Die Begegnung mit diesem Anderen markiert die erste Phase bei der Entwicklung von Vorurteilen. Erste Studien, erste Beobachtungen betreffs der Andersartigkeit afrikanischer Menschen kamen auf, die zumeist auf Reiseberichten basierten. Empirische Studien am lebenden Menschen gab es damals allerdings noch kaum. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dann entwickelten die Forscher neue Instrumente und Methoden, um ihr Wissen auch über die vorgebliche afrikanische Rasse zu vertiefen."

Allmacht der Wissenschaft

Körper wurden im Ganzen und im Detail vermessen: Schädel, Nase, Knochen oder Geschlechtsorgane. Katalogisiert wurden Haarstruktur, Augen – und Hautfarbe. Die Farbraster hatte Franz Pruner-Bey entwickelt, ein deutscher Arzt und Anthropologe.

"Da zeigt sich die Allmacht der Wissenschaft, die auf ihre Messdaten setzt. Man versucht, Rassen-Kategorien aufzustellen, die immer starrer, hermetischer sind, mittels der Daten, die man als wissenschaftlich und somit unwiderlegbar bezeichnet." 

Eine Collage aus vielen Gesichtern aller Hautfarben (imago) (imago)"Rasse" im Kopf - Man sieht es doch!
Wer Menschen nach ihrer Hautfarbe einteilt, erfasst ein unwesentliches Merkmal von Individuen, entstanden an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit. Erkenntnis gewinnt man so nicht.

Die Rolle Frankreichs als Kolonialmacht

In diese Zeit fällt auch der Aufstieg Frankreichs zur Kolonialmacht. Voll hinter dieser Expansionspolitik stand Jules Ferry. 1881 hatte er in seiner Heimat die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Vier Jahre später, als Präsident des Ministerrats, erklärte Ferry: "Die hochstehenden Rassen haben das Recht und die Pflicht, geringwertige Rassen zu zivilisieren."

Ein eigenes Bild von Schwarzen Menschen konnte die französische Bevölkerung sich erstmals 1889 bei der Pariser Weltausstellung machen: Zu deren Attraktionen zählten nachgebaute südafrikanische Dörfer, wo ganze Familien vom Stamm der San, ehemals Buschmänner genannt, vor aller Augen ihrem angeblich primitiven Alltag nachgingen. Die Ausstellung lockte 32 Millionen Besucher an. Traurigen Ruhm hatte da schon Saartje Baartman erlangt. Die schwarze Südafrikanerin ging als 'Hottentotten-Venus' in die Geschichte ein – aufgrund ihrer krankhaft breiten Hüfte und Gesäß. Ab 1810 tingelte die junge Frau mehr oder minder gezwungen erst über englische Jahrmärkte, bevor sie später in Paris in großbürgerlichen Salons zur Schau gestellt wurde. Sie starb 1815, ihre Leiche wurde seziert und blieb in einem Pariser Museum verwahrt. Erst 2002 konnten Baartmans Überreste in ihrer Heimat feierlich bestattet werden.

"Ab Ende der 1910er-Jahre entwickelt sich die Kolonialmedizin ebenso wie das Pasteur-Institut. Der medizinische Blick auf die afrikanische Bevölkerung wird pragmatischer. Selbst wenn noch versucht wird, die 'Rassenlehre' zu bereichern, geht es nun auch um die gesundheitliche Versorgung der schwarzen Bevölkerung. Darum, das 'menschliche Manna', dessen Arbeitskraft zu erhalten."

Studien sollten Vorurteile bestätigen

Das menschliche Rassenlehre-Konzept ist inzwischen dank der Gentechnik widerlegt. Während der Kolonialzeit jedoch waren die Mediziner von der vermeintlichen Überlegenheit der weißen Menschen überzeugt. Letztendlich suchten sie in ihren Studien nur Bestätigung für eigene, unbewusste Vorurteile, so die Historikerin. Jeglichem Widerspruch zum Trotz, wie Peiretti-Courtis an einem Beispiel illustriert.

Drei menschliche Schädel im Phyletischen Museum der Universität Jena. (dpa / picture alliance) (dpa / picture alliance)Über die rassistischen Wurzeln von Wissenschaft
"Menschenrassen" sind eine Erfindung. Doch diese Erkenntnis reicht offensichtlich nicht, um den Rassismus aus der Welt zu schaffen. Eine Mitverantwortung trägt ausgerechnet die Wissenschaft, auf deren Befunde sich Rassisten bis heute berufen. 

"Die Afrikanerin wurde in den medizinischen Diskursen zumeist herabgesetzt: Sie sei primitiv, geistig minderbemittelt, wegen der schweren Arbeit zu muskulös, männlich. Gleichzeitig wurde sie als vorbildhafte Mutter gepriesen -  zu einer Zeit, als man in Frankreich Mutterschaft und Stillen aufwerten wollte. Da diente die angeblich so naturnahe Afrikanerin dazu, gutbürgerlichen Französinnen die Leviten zu lesen."

"Die Nähe zur Natur wird also in einer Epoche aufgewertet, in der man meint, die afrikanische Bevölkerung zivilisieren, ihr die Kultur bringen zu müssen. Die afrikanische Frau aber soll nicht ihrer Naturnähe beraubt werden, denn schließlich entspricht die Fortpflanzung ihrer natürlichen Bestimmung."

Die Illustration zeigt einen schwarzen französischen Polizisten, der entsetzt auf sein Smartphone schaut, aus dem eine weiße Hand hervorkommt, die ihn würgt. (Arte Radio / Zaven Najjar) (Arte Radio / Zaven Najjar)Feature über Rassismus bei der französischen Polizei
Durch Zufall stößt der schwarze Polizist Alex auf eine WhatsApp-Gruppe, in der einige seiner Kollegen rassistische und antisemitische Sprachnachrichten austauschen. Er beschließt, sich zu wehren.

Mit ihrer umfangreichen und auf breite Resonanz gestoßenen Studie deckt Delphine Peiretti-Courtis nicht nur die historischen Ursprünge der rassistischen Klischees auf. Sie versucht auch, ihre Wirkung bis in die Gegenwart aufzuzeigen – und hofft, sie damit zu entkräften.

Delphine Peiretti-Couris: "Corps noirs et médecins blancs - La fabrique du préjugé racial, XIX - XX siècles"
Editions La Decouverte / ISBN: 978-348-04501-1

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