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StartseiteBüchermarktSchlaglichter aus dem Drogensumpf29.04.2015

Kolumbien und die MafiaSchlaglichter aus dem Drogensumpf

Juan Gabriel Vásquez Roman "Das Geräusch der Dinge beim Fallen" handelt von Kolumbien in den 90er-Jahren, als das Land durch die tägliche Gewalt der Drogenmafia geprägt war. Auf intelligente Weise versucht der Autor, die eng verflochtene Geschichte von Kolumbien und Mafia mit der persönlichen Geschichte der Protagonisten zu verbinden.

Von Klaus Englert

Luftansicht von Bogota, die Hauptstadt von Kolumbien vom Berg. Bogotá ist die Hauptstadt Kolumbiens und Verwaltungszentrum des Departamentos Cundinamarca. Mit ihren 6,8 Millionen Einwohnern im eigentlichen Stadtgebiet und 7,9 Millionen in der Agglomeration (Volkszaehlung 2005) ist Bogotá der groesste staedtische Ballungsraum Kolumbiens und ausserdem eine der am schnellsten wachsenden Metropolen Suedamerikas; (picture alliance / dpa / Foto: Mika Schmidt)
Luftansicht von Bogota, der Hauptstadt Kolumbiens - dem Land, in dem Vásquez Roman spielt. (picture alliance / dpa / Foto: Mika Schmidt)

Man könnte meinen, Juan Gabriel Vásquez' "Das Geräusch der Dinge beim Fallen" sei lediglich ein weiterer Roman, der sich mit Mafia und Drogenschmuggel in Kolumbien beschäftigt. Tatsächlich erwähnt Vásquez bereits im zweiten Satz Pablo Escobar, den Boss aller Mafiabosse, der fast 20 Jahre lang den kolumbianischen Staat im Würgegriff hatte. Er erzählt von Escobars Privatzoo, den der Drogenkönig auf seiner 3.000 Hektar großen Ranch, der Hacienda Napolés, unterhielt – ein Gehege mit Elefanten, Büffeln, Löwen, Nashörnern, Gazellen, Zebras, Kamelen und Flusspferden. Mit dem Privatzoo stellte Pablo Escobar seine Popularität unter Beweis: Denn nicht nur der Romanheld Antonio Yammara, sondern auch der Autor Juan Gabriel Vásquez besuchten – lange vor der Ermordung Escobars - in jungen Jahren den Mafia-Zoo:

"Als Kind besuchte ich Pablo Escobars Zoo. Er war eine Art touristischer Erlebnispark und unter Kindern äußerst beliebt. Man konnte dort Tiere sehen, die man normalerweise in Kolumbien nicht zu Gesicht bekommt. Escobars Zoo war ein mythischer Ort, er war gleichzeitig eine Metapher für alles, was mein Land über viele Jahre erlitt."

Der Roman beginnt mit einem entlaufenen Nilpferd, das "seine Freiheit" – wie Juan Gabriel Vásquez berichtet – "dazu nutzte, Felder zu verwüsten, über Tränken herzufallen, die Fischer in Angst zu versetzen und sogar Rinderherden anzugreifen." 18 Jahre nach dem Tod seines einstigen Besitzers wurde auch das Nilpferd von Scharfschützen erschossen. Die Anfangsszene ist eine bildhafte Überleitung zum eigentlichen Thema des Romans: Das Nilpferd zerstörte Ländereien, Pablo Escobar ein ganzes Land.

"Das Geräusch der Dinge beim Fallen" erzählt allerdings nicht nur, wie die allmächtige Drogenmafia ein ganzes Land zerstörte. Vázquez erklärt, anfangs habe er die Autobiografie des Drogenkuriers Ricardo Laverde schreiben wollen. Doch nach 120 Seiten musste er sich eingestehen, dass sich das Buch in eine falsche Richtung bewegt. Denn Kolumbianer über die Gewaltexzesse der Drogenmafia aufklären zu wollen, sei müßig, da sich jeder bestens über die Verwicklungen von Politik und Kriminalität informieren könne. Daher entschied Vásquez, dem Roman eine neue Richtung zu geben: Wie kam es - fragte er sich -, dass der alltägliche Terror "die Seelen der Menschen zerstörte?" Mit dieser Wendung fand der Autor ein Thema, das bisher in seinem Land allgegenwärtig war, aber niemals beschrieben wurde:

"Die Geschichte des Drogenhandels wurde auf viele Arten erzählt. In der Öffentlichkeit gibt es darüber viele, vielleicht sogar zu viele Informationen. Dagegen gibt es keinen Ort, an dem man etwas über die moralischen oder seelischen Schäden erfahren kann, die jeder einzelne erleiden musste. In meinem Roman bekommt der Protagonist die Auswirkungen des Drogenkriegs zu spüren, obwohl er mit ihm keinerlei Verbindung hatte. Das sind die Kollateralschäden im alltäglichen Leben"

Eine große Desillusionierung

Vásquez erzählt die Geschichte des jungen Jura-Professors Antonio Yammara, der sich öfters mit dem älteren, rätselhaften Ricardo Laverde in einem Billardsalon von Bogotá trifft. Beide kommen sich näher und Laverde beschließt, dem Freund vom Flugzeug-Unglück zu erzählen, bei dem seine amerikanische Frau Elaine Fritts starb. Doch dazu kommt es nicht. 1996, auf dem Höhepunkt des täglichen Terrors, wird Laverde auf offener Straße erschossen, Yammara schwer verwundet. Seither ist der junge Professor stark traumatisiert, kann kaum noch seinen Lehrberuf ausüben, wird von Panikattacken gequält, kann nicht mehr mit der Ehefrau schlafen, verliert die gewohnte Beziehung zur Tochter. Doch eines Tages entschließt sich Antonio Yammara, dem Geheimnis des Freundes auf den Grund zu gehen. Er weiß lediglich, dass Ricardo lange Zeit im Gefängnis verbrachte, mehr nicht. Nachdem sich eines Tages Maya Fritts – die Tochter von Ricardo Laverde und Elaine Fritts – bei ihm meldet, nimmt die Aufklärung ihren Lauf. Und es zeigt sich, dass "Das Geräusch der Dinge beim Fallen" ein typischer Vásquez-Roman ist, ein Roman, der geschmeidig Biographie und Landesgeschichte miteinander verquickt.

"Ich schreibe investigative Romane, da es mich interessiert, das Leben anderer Menschen zu erforschen. Auch der Protagonist ist von diesem Bedürfnis ergriffen, weil er das Geheimnis hinter dem Leben seines Freundes lüften will. Das ist eine literarische Strategie, die mir sehr liegt."

Antonio Yammaras nächtelange Gespräche mit Maya Fritts enthüllen die Geheimnisse ihres Vaters Ricardo. Und sie offenbaren, wie sehr er bei den sinistren Geschäften der kolumbianischen Drogenmafia mitmischte. Wie sehr der Freund Ricardo Laverde ein unersetzliches Rädchen im Getriebe des blühenden Drogengeschäfts wurde. Und wie sehr die amerikanischen Konsumenten dazu beitrugen, dass die Mafia mehr und mehr die staatliche Ordnung aushöhlte. Ricardo Laverde – so erkennt der Romanheld - gab Mitte der Siebziger Jahre dem Drogenhandel einen neuen Schub: Der erfahrene Pilot flog mit seiner kleinen Propellermaschine direkt nach Florida, und somit gelang die neue Wunderdroge Kokain schnell und sicher in die Vereinigten Staaten.

"Ich wollte wissen, wie sich ein kleiner Drogenschmuggel schließlich zur weltweit brutalsten und gefährlichsten Industrie entwickeln konnte. Vielleicht entstand diese Art des Drogengeschäfts 1972, als Richard Nixon den Begriff "Krieg gegen Drogen" prägte. Bereits 1969 ließ er die gemeinsame Grenze mit Mexiko schließen, um den Drogenfluss in die Vereinigten Staaten zu stoppen. Aber die Marihuana-Konsumenten kamen auch so an ihren Stoff, da sie nach anderen Quellen Ausschau hielten. Anfangs war es Jamaica, danach Kolumbien. In dieser Zeit schlossen sich viele Leute, die zur Protestbewegung gehörten, dem von Präsident Kennedy gegründeten Peace Corps an und gingen nach Lateinamerika. Diese Leute waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort, denn sie dienten als Bindeglied für die kolumbianischen Produzenten und die amerikanischen Verbraucher. Diese Geschichte faszinierte mich."

Juan Gabriel Vásquez meint zu Recht, ein Buch über das American Peace Corps müsse noch geschrieben werden. Auf jeden Fall wird es ein Buch über eine große Desillusionierung sein. Denn Ende der Sechziger Jahre waren Tausende junge US-Amerikaner, die gegen den Vietnam-Krieg protestierten, in die lateinamerikanischen Entwicklungsländer gegangen, um eine Verbesserung der Lebensbedingungen zu erreichen. Doch in Wirklichkeit träumten sie selbst vom besseren Leben, mit der täglichen Ration Marihuana. Zu diesen friedensbewegten Amerikanern gehörte auch – wie uns Vásquez erzählt – die junge Elaine Fritts:

"Eine junge Amerikanerin auf der Suche nach neuen Lebenserfahrungen spielt ihren Part in dieser Geschichte, die anfangs nur ein kleines Geschäft war, später aber eine Industrie voller Korruption und Gewalt."

Bisweilen erweckt Vásquez den Anschein als erfinde er die historischen Ereignisse, die er für seinen Roman benötigt. Tatsächlich verquickt er äußerst geschickt die unterschiedlichen Romanebenen, die verschiedenen Zeiten, allgemeine und individuelle Geschichte, Historisches und Fiktionales. Das ist der Unterschied zu einem Historien-Roman, der sich eng an die geschichtlichen Abläufe hält. Anders "Das Geräusch der Dinge beim Fallen": Aus dem fiktionalen Anteil, die der Historie beigemischt wird, gewinnt Juan Gabriel Vásquez einen Erkenntnisgewinn, der wesentlich weiter trägt:

"Nur in der Fiktion lassen sich selbst die kleinsten seelischen Veränderungen erkunden, die schließlich die Persönlichkeit verwandeln, wenn man unter diesen Verhältnissen leben muß. Genau das ist der Ort meines Romans: Ich wollte nachdenken über das, was mir und den Menschen meiner Generation zugestoßen ist."

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