Kommentar zum Amazonasgipfel
Es fehlt der Wille zur Rettung des Regenwalds

Der Amazonasgipfel in Brasilien habe eine historische Chance vertan, meint Michael Stang. Absichtsbekundungen zum Schutz des Regenwalds reichten nicht mehr: Ohne ein gesundes Ökosystem am Amazonas würden alle Klimaziele in unerreichbare Ferne rücken.

Ein Kommentar von Michael Stang | 12.08.2023
Blick auf den Fluss Guama und die Insel Combu im Amazonasregenwald. Menschen leben an den Ufern des Guamas in Holzhütten.
Der Schutz des Amazonasregenwalds ist für den Klimaschutz essenziell. Und doch gab es beim Amazonasgipfel im brasilianischen Belém nur Absichtserklärungen. (picture alliance / dpa / Filipe Bispo Vale)
Es brennt – dieses Bild trifft auf den Amazonasregenwald gleich doppelt zu. Zum einen setzen tatsächlich Feuer dem größten zusammenhängenden Regenwaldgebiet der Erde immer heftiger zu, zum anderen wissen politisch Verantwortliche längst, dass sie handeln müssen – es aber nicht tun. Es bleibt bei Absichtsbekundungen zum Schutz des Regenwaldes.
Der Amazonasgipfel in Brasilien hat so eine historische Chance vertan. Denn die Welt braucht einen gesunden, funktionierenden Amazonasregenwald – nicht nur wegen seiner Artenvielfalt. Speichert dieses Ökosystem nicht mehr ausreichend CO2, wird die globale Erwärmung alle optimistischen Prognosen torpedieren und alle Klimaziele in unerreichbare Ferne rücken.

Ökosystem nicht mehr stabil

Dabei ist das komplexe System Regenwald noch nicht einmal vollends verstanden. Seit Jahrzehnten erforschen ihn Teams aus aller Welt. Seine Besonderheit: Er schafft es, sich selbst Wasser zu organisieren und in einem Feuchtigkeitskreislauf zu halten, wodurch er sich immer weiter als stabiles Ökosystem ausbreiten kann.
Doch diese unverwüstliche Stabilität ist längst Geschichte. Vielerorts sind die Bäume und Böden bereits so trocken, dass Feuer – ob von Menschen zur Rodung gelegt oder durch Blitzeinschläge hervorgerufen – immer größeren Schaden verursachen.
Dass das System Regenwald in Gefahr ist, was die Menschheit noch nicht vollends erfasst hat, transportiert sich bereits dadurch: Das Ökosystem wird fälschlicherweise als grüne Lunge der Erde bezeichnet. Eine Lunge produziert keinen Sauerstoff, sondern entnimmt ihn der Luft, aber das Bild eines Organismus – oder besser – eines Patienten, der nur mit einer funktionierenden Lunge überleben kann, passt hier dennoch.

Kipppunkte rücken näher 

Eine Art Organversagen kann längst nicht mehr ausgeschlossen werden, sogenannte Kipppunkte rücken immer näher. Seit 1970 wurden mehr als 17 Prozent der einstigen Regenwaldfläche vernichtet. Modellen zufolge gibt es im Amazonas einen Schwellenwert, der geschätzt zwischen 20 und 40 Prozent Abholzung liegt. Ist dieser Wert erreicht, wird der Regenwald von einer Kohlenstoffsenke – also einem Ort, der CO2 aufnimmt – zu einer Quelle von Treibhausgasemissionen und klimaschädlichem CO2. Ist diese Schwelle erreicht, kann sich der Wald nicht mehr in absehbarer Zeit erholen.
Auch wenn es weiter viel Forschungsbedarf gibt, zeigen alle evidenzbasierten Erkenntnisse in eine Richtung: Der Regenwald muss in seiner Gänze erhalten werden. Ein Kollaps würde zu einer globalen Katastrophe führen. Denn der Amazonasregenwald erfüllt nicht nur eine wichtige Funktion als Sauerstoffproduzent und CO2-Speicher, sondern ist auch einer der Biodiversitätshotspots.
Es gibt also viele Gründe, weshalb politisch Verantwortliche handeln sollten – vor derart vielen Brandherden kann niemand mehr die Augen verschließen.