Donnerstag, 18. April 2024

Kommentar zu RKI-Protokollen
Pandemie-Diskussionen sind ein Zeichen des Fortschritts

Die veröffentlichten RKI-Protokolle haben die Diskussion über die Coronamaßnahmen neu angefacht. Bei aller Kritik sind wir bei diesem Thema gesellschaftlich tatsächlich viel weiter, als oft gedacht, findet die DLF-Journalistin Kathrin Kühn.

Ein Kommentar von Kathrin Kühn | 30.03.2024
Ein Polizeiauto und ein Schild der Stadt Köln, auf dem auf die Maskenpflicht in der Öffentlichkeit während der Coronapandemie hingewiesen wird.
Die Coronapandemie war eine Zeit der Entbehrungen und des Leids. Nun kommt es darauf an, dieses Leid anzuerkennen, meint Kathrin Kühn. (picture alliance / Geisler-Fotopress / Christoph Hardt / Geisler-Fotopres)
Die RKI-Protokolle sind eine Zäsur in der öffentlichen Debatte über die Pandemieaufarbeitung – und zwar nicht wegen der Vorwürfe, die das durchaus umstrittene Magazin Multipolar mit ihnen verbindet, sondern weil sie etwas angeschoben haben, was bei anderen Anlässen nicht gelang: Wirklich größer darüber zu diskutieren, dass es eine Aufarbeitung braucht.
456 Dokumente und Protokolle aus der ersten Zeit der Pandemie – öffentlich nachzulesen im Netz. 456 Dokumente, die einen tiefen Einblick geben in das Ringen um Wissen, um Einschätzungen, um politische Anweisungen, und die bald – so hat es Bundesgesundheitsminister Lauterbach angekündigt – auch entschwärzt werden sollen.
Auch in der Diskussion selbst hat sich etwas verändert: So mancher Austausch in den sozialen Medien läuft inzwischen um vieles besser. Nicht alle, aber viele haben vieles gelernt. Und als das Thema aus den sozialen Medien in die offizielle Berichterstattung übersprang, gab es schnell weitende und differenzierte Einordnungen. Die Stürme der Entrüstungen und Attacken lassen nach.

Nie zuvor wurde so viel diskutiert wie über Corona

Es ist sogar so: Die Art und Weise, wie wir aktuell über die Pandemie diskutieren, ist auch historisch einmalig. Wer Medizinhistoriker fragt, bekommt die Antwort, dass nie zuvor so viel diskutiert wurde über die Folgen der Krankheit, aber auch die Folgen von Maßnahmen. Und ja, auch wenn längst nicht genug getan wird:
Es wird über psychische Erkrankungen, verpasstes Lernen, Long Covid gesprochen. So etwas wie Long Covid wird es übrigens auch nach der Spanischen Grippe massenhaft gegeben haben. Sehr wahrscheinlich, ohne dass es ein Thema war.
Auch der Rückblick zeigt also: Wir sind als Gesellschaft hier schon um vieles weiter. Und es ist wichtig zu wissen: Viele derjenigen, die sich jetzt an den Diskussionen beteiligen, haben in der Pandemie massive Verletzungen erfahren: Leid durch das Virus, durch die Maßnahmen, durch die polarisierte Debatte.
Es war auch eine der ersten großen Krisen, die von social media begleitet wurde – einer neuen Öffentlichkeitswaffe.

Worauf kommt es jetzt also an?

Auf zwei Dinge. Erstens:
Bei dem Wunsch nach „Was war richtig oder falsch?“ braucht es tatsächlich eine offizielle Instanz wie eine Enquetekommission, die sich diesen Fragen nach festgelegten Regeln widmet. Und dabei auch etwas berücksichtigt, was in der Diskussion oft vergessen wird: Was wurde damals zu welchem Zeitpunkt tatsächlich gewusst und was nicht. Denn im Nachhinein ist man immer schlauer. 
So eine Analyse würde helfen, sicherzustellen, dass bestimmtes Wissen, bestimmte Stimmen in Zukunft nicht übergangen werden: Solche, die auf das Schicksal von ärmeren Menschen hinweisen, von Familien, Kindern, Müttern, aber auch Menschen mit Vorerkrankungen und Älteren. Sie würde helfen, dass wir in Zukunft besser darüber diskutieren können, was der Nutzen, was der Schaden einer Maßnahme ist.

Offizielle Anerkennung des Leids dringend geboten

Und zweitens: Es braucht dringend eine offizielle Anerkennung all des Leids. Das steht nach wie vor aus. Und offiziell heißt: von den Stellen, die die Menschen damals zu den Entbehrungen aufgerufen haben, die dazu aufgerufen haben, Solidarität zu zeigen in einer Krise, in der eine optimale Lösung niemals möglich war.
Wir sind kein Land der großen Reden an die Nation. Dabei könnte genau so eine Rede jetzt dafür sorgen, dass sich Menschen wegen ihrer erfahrenen Verletzungen nicht in Pseudo-Aufarbeitungsdiskussionen gegenseitig bekriegen. Es wäre zumindest ein Anfang.