Kommentar: Wahlkampf im Osten
Der versteckte Kanzler

Friedrich Merz war wenige Tage vor der Wahl zur Stippvisite in Sachsen-Anhalt und in Mecklenburg-Vorpommern. Beim ersten Besuch hinter verschlossenen Türen, beim anderen abgeschirmt vorm Wahlvolk. Versteckt sich der Kanzler vor wütenden Wählern?

Von Niklas Ottersbach |
Bundeskanzler Friedrich Merz breitet die Arme aus. Vor ihm liegt das Goldene Buch der Stadt Quedlinburg, direkt hinter ihm an der Wand prangt ein großes Kruzifix. Daneben steht der Spitzenkandidat der CDU-Sachsen-Anhalt, Sven Schulze.
Wahlkampf der CDU Sachsen-Anhalt: Bundeskanzler Merz trägt sich vor Spitzenkandidat Sven Schulze in das Goldene Buch der Stadt Quedlinburg ein. (picture alliance / dpa / dpa-Pool / Kay Nietfeld)
Nun also doch: Der Kanzler kommt nach Sachsen-Anhalt und bleibt doch unsichtbar. In Quedlinburg besucht Friedrich Merz CDU-Wahlkämpfer aus dem Harz. Es ist ein Treffen hinter verschlossenen Türen. Das Ganze vor der imposanten Kulisse der Schlosskirche, die auf einem Felsen über der Altstadt von Quedlinburg thront. Der Kanzler fährt grußlos an den wenigen Zaungästen vorbei.
Und das Auffällige: Die paar Dutzend Schaulustigen bleiben stumm. Kein Jubel, keine Buhrufe, keine Pöbeleien. Nichts. Der Kanzler weckt beim Wahlvolk in Sachsen-Anhalt keine Emotionen mehr. In der Beziehungspsychologie würde man sagen: Wenn nicht mal mehr Wut vorhanden ist, dann ist die Beziehung am Ende.

Die AfD besetzt Marktplätze, der Kanzler kommt durch die Hintertür

Der versteckte Auftritt des Kanzlers steht im Kontrast zum AfD-Wahlkampf in Sachsen-Anhalt: Grillfeste, Simson-Ausfahrten, Marktplatz-Stände. Die AfD nimmt sich weite Teile des öffentlichen Raums. Und das ist das Fatale an dem Besuch des Kanzlers in Sachsen-Anhalt: Es hinterlässt den Eindruck, dass der AfD die Marktplätze und Straßen gehören und sich der Kanzler nur durch die Hintertür hereintraut.
Immerhin: In Mecklenburg-Vorpommern hat Friedrich Merz ein paar Hundert Meter im Freien absolviert, ist ein paar Pöblern begegnet und hat ein Fischbrötchen gegessen. Abgesichert von jeder Menge Personenschützern, Zivilpolizisten und einer mobilen Drohnenabfangstation.
Merz hat sich den Urlaubsort Kühlungsborn ausgesucht, wo er vor allem auf Touristen aus ganz Deutschland trifft. Und weniger auf Wähler aus Mecklenburg-Vorpommern.
Man fragt sich angesichts der verzagten Merz-Auftritte in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern: Wäre es nicht besser, der Kanzler bliebe in Berlin? So wie es SPD-Ministerpräsident Dietmar Woidke vor zwei Jahren dem damaligen Kanzler Olaf Scholz im Brandenburg-Wahlkampf auftrug?
Klar: Es ist auch die Landes-CDU, die auf Abstand zum Kanzler geht. So hat Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze seinen Wahlkampf bestritten. Aber wenn die CDU Sachsen-Anhalt Merz schon einlädt, dann sollte es keine Auftritte hinter verschlossenen Türen geben.

Wo bleibt die Marktplatz-Rede des Kanzlers?

Was ist denn aus der Marktplatz-Rede geworden? Helmut Kohl hat sich der Wut im Osten noch gestellt. Inklusive Eierwurf von Halle. Auch Angela Merkel wurde 2017 in Bitterfeld-Wolfen ausgepfiffen. Ja, das ist rau. Aber gerade ein selbsternannter Reform-Kanzler Merz muss sich der Realität in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern stellen und der Wut über seine gebrochenen Versprechen. Stichwort: Schuldenbremse.
Und man darf nicht vergessen: Neben den Wütenden gibt es in Ostdeutschland ja auch noch Wähler, die sich Worte und Präsenz eines Bundeskanzlers wünschen. Sie sind nicht so laut, aber trotzdem da. Nicht unbedingt alles CDU-Wähler. Aber für die 60-Prozent, die nicht AfD wählen, sollte ein Kanzler sichtbar sein. In Quedlinburg, Halle, Dessau oder Demmin.