
Der Kabarettist Uwe Steimle hat auf einer AfD-Veranstaltung in Dessau nicht nur Mordfantasien gegenüber Angela Merkel und Friedrich Merz geäußert. Er stimmte gemeinsam mit AfD-Chef Tino Chrupalla auch die DDR-Nationalhymne „Auferstanden aus Ruinen“ an – obwohl die in Teilen rechtsextreme Partei die DDR regelmäßig als Unrechtsstaat bezeichnet. Also eigentlich ein Widerspruch. Kann das trotzdem bei den Wählern verfangen?
Welche Rolle spielt Ostalgie im AfD-Wahlkampf?
Die
DDR-Hymne
, gesungen auf einer AfD-Veranstaltung: Aus Sicht des Experten für Rechtsextremismus, David Begrich, fügt sich das in die Wahlkampfstrategie der in Teilen rechtsextremen Partei ein. Denn bei den Wahlkämpfen in Ostdeutschland hat sich die AfD in den vergangenen Jahren immer darum bemüht, an die kulturelle Erinnerung von DDR-Bürgern anzuknüpfen.
Es gehe der AfD darum, einen instrumentellen Zugriff auf die zeitgeschichtliche Erfahrung der Ostdeutschen zu nehmen, sagt Begrich von der Arbeitsstelle Rechtsextremismus beim Verein Miteinander.
Ein Muster, das in ähnlicher Form bei vielen extremistischen, autoritären Kräften zu beobachten sei, betont der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk. Diese würden ihren Anhängern vor allem versprechen, „dass es in der Vergangenheit Dinge gab, die schon mal besser waren und die man wiederbeleben will“.
Welche Narrative bedient die AfD bezüglich der DDR?
Die AfD setzt also auch auf Ostalgie. Schaut man sich die Erzählstruktur des Kabarettisten Uwe Steimle genauer an, erkennt man ähnliche Muster. Dieser vermische persönliche, lebensweltliche Erinnerungen – wie beispielsweise an die erste Liebe, den Freibadbesuch oder Ähnliches – mit einer politischen Nostalgie, die die Diktatur in der DDR verkläre, so Begrich.
Im nächsten Schritt ziehe der Kabarettist dann aber eine Parallele zwischen den derzeitigen politischen Verhältnissen und der Endphase der DDR. Damit diskreditiere er die heutige politische Kultur, delegitimiere sie vielleicht sogar.
Es gelingt, zwei scheinbar gegensätzliche Pole miteinander zu verbinden: DDR-Nostalgie, patriotische Heimatgefühle und autoritäre Staatsbilder einerseits – also ein eher DDR-verherrlichendes Bild. Andererseits sei die Rede von Stasi 2.0 und einer Art SED-Diktatur, in der wir heute vermeintlich leben würden, sagt Kowalczuk. Ein scheinbar eher DDR-kritischer Ansatz.
Beides könne miteinander vereint werden, denn es gehe nicht um Logik, sondern um Emotionen, sagt Kowalczuk: „Das sind keine geschlossenen, logischen und schon gar keine wissenschaftlichen Geschichtsbilder, die abgerufen werden. Da geht es um Gefühle.“
Für Kowalczuk ist es somit kein Zufall, dass bei der Dessauer AfD-Veranstaltung viele Teilnehmer die Hymne begeistert mitsingen. Dies treffe eine bestimmte Gefühlslage. Dabei gehe es vor allem um eine Sache: den Hass auf den westlichen liberalen Verfassungsstaat und die westliche liberale Lebensweise.
Weswegen kommt die DDR-Nostalgie anscheinend gut an?
„Es geht immer darum, zu sagen, die Ostdeutschen sind eigentlich die klügeren Staatsbürger, weil sie den Untergang eines politischen Systems schon einmal erlebt haben“, sagt David Begrich mit Blick auf Steimles Darbietungen.
Gerade in den heutigen, unsicheren Zeiten der digitalen Revolution verfangen solche Narrative gut. Viele Menschen sind stark verunsichert und fragen sich, was morgen sein wird.
„In so einer Situation sucht man nach Haltepunkten. Der sicherste Raum, den Menschen kennen, ist die Vergangenheit“, sagt Kowalczuk. Sie sei der einzige Raum, den man kenne. „Da kann jeder sich was zusammenbasteln, wie er will.“
Von den Stürmen der Weltpolitik unberührt
Begrich spricht von einer „heilen Welt der DDR“, die vom Kabarettisten Uwe Steimle gezeichnet werde: Eine beschützende Welt, in der die Bürger von Stürmen der Weltpolitik unberührt vor sich hinleben können. „Zugleich ist alles sehr deutsch“, so Begrich.
Der Blick zurück sei zudem Teil eines emotionalen Abgrenzungsdiskurses, über den sich Wähler mobilisieren lassen, so Kowalczuk. Diesen nutzte nicht nur die AfD, sondern alle Parteien. Die üblichen Narrative dabei: Ostdeutsch zu sein, sei etwas Besonderes, und der Westen diskreditiere die Ostdeutschen. Also ein Gefühl des Wir-gegen-die-anderen.
Bei purer Ostalgie und Wirgefühl bleibe es nicht. Patriotische Heimatgefühle und Nationalgefühle würden mit Gewaltfantasien gekoppelt, sagt Kowalczuk. Der eigentliche Skandal beim Auftritt des Kabarettisten Steimle war nicht das Absingen der DDR-Hymne, sondern die Gewaltfantasien gegenüber der ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem derzeitigen Bundeskanzler Friedrich Merz.
Onlinetext: Leila Knüppel














