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StartseiteCorsoDer "Stimmt-nicht-Button" fehlt17.11.2016

Kommunikation in Sozialen NetzwerkenDer "Stimmt-nicht-Button" fehlt

Soziale Medien bringen viele Formen der Beleidigung und Fehlinformation hervor. Millionenfach Geteiltes wird nicht mehr auf den Wahrheitsgehalt überprüft. Ein neu geschaffenes Forschungsnetzwerk untersucht, wie diese digitalen Diskurse möglicherweise die Gesellschaft verändern.

Konstanze Marx im Corso-Gespräch mit Tanja Runow

Verschiedene Homepages, auf denen über Donald Trump als Wahlsieger bei den Präsidentschaftswahlen in den USA berichtet wird. (Karl-Josef Hildenbrand, dpa picture-alliance)
In den sozialen Netzwerken allgegenwärtig: Der designierte US-Präsident Donald Trump (Karl-Josef Hildenbrand, dpa picture-alliance)
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Tanja Runow: "If you realize", Cosmo Pykes, der sich seine eigenen Gedanken  macht zu inszenierter Wirklichkeit in den sozialen Netzwerken. Da geht es weniger um Fake-News und Wahlkampf als um den zwischenmenschlichen Bereich. Aber auch da können soziale Medien ja sehr wirkmächtig sein. "Cybermobbing",  "Hatespeech" und "Shitstorms"-  Ist es ein Zufall, dass das Netz so viele Formen der digitalen Beleidigung und Diffamierung hervorgebracht hat. Gleichzeitig entfaltet das Netz hier eine ungeheure Macht. Tatsachen lassen sich behaupten und in Windeseile millionenfach teilen, wie wir es kürzlich im US-Wahlkampf erlebt haben. Sobald sie in der Welt spielt ihre Überprüfbarkeit quasi keine Rolle mehr.

Wie laufen solche digitalen Diskurse ab? Zum Beispiel in den sozialen Medien. Das will ein neu geschaffenes Forschungsnetzwerk namens "Diskurse digital" erforschen. Gestern ist an der Uni Mannheim die Auftakttagung zu Ende gegangen, bei der sich zum ersten Mal alle Beteiligten austauschen konnten. Und ich bin jetzt mit einer Teilnehmerin verbunden. Prof. Konstanze Marx, guten Tag.

Konstanze Marx: Guten Tag.

Runow: Frau Marx, Sie sind Professorin für Linguistik des Deutschen in Mannheim, forschen schon lange, insbesondere zur Kommunikation im Netz. Was waren denn die großen Themen bei diesem ersten Treffen? Was hat Sie und Ihre Kollegen am meisten beschäftigt?

Marx: Zunächst erstmal, das DFG-Netzwerk heißt nicht nur Diskurse digital, das heißt auch Theorien, Methoden und Fallstudien. Und damit werden eigentlich die zentralen Themen schon sehr gut umrissen. Bei unserem ersten Arbeitstreffen haben wir uns jetzt tatsächlich auf die Methoden konzentriert, denn, obgleich uns ja die Daten aus dem Netz wie auf einem Silbertablett serviert werden, ist es natürlich keinesfalls trivial, sie zu erheben und dann eben auch für die Forschung aufzubereiten. Wir nennen das dann annotieren, das heißt, sie dann auch so zu archivieren, dass man sie dann für andere Forscher zur Verfügung stellen kann. Und das ist eigentlich eine der größten Herausforderungen überhaupt, die Daten in großen Datenkorpora zu sammeln.

Runow: Aber sowas wie der Trumpsche' Wahlkampf zum Beispiel und die Tatsache, dass er selbst sagt, er verdankt seinen Sieg letztlich Facebook und Twitter, das hat auf Ihrer Tagung jetzt keine entscheidende Rolle gespielt?

Marx: Inhaltlich nicht. Wir haben natürlich genau mit dieser Thematik auch angefangen, sie aber letztendlich als Einstieg, als Aufhänger auch dafür genutzt, wie relevant auch die Forschung jetzt in diesem Netzwerk ist.

Subjektives Bewerten häufig im Vordergrund

Runow: Ein Schlagwort, was in diesem Zusammenhang ja eine Rolle spielt, ist das 'postfaktische', gerade zum internationalen Unwort des Jahres gewählt. Also diese Idee, man setzt ein Gerücht in die Welt, und letztlich ist es nicht wichtig, wie stichhaltig das ist, sondern dass es Leute findet, die es glauben und die es millionenfach teilen. Funktioniert das eigentlich in diesem Fall Wahlkampf genauso, wie in Ihrem Forschungsbereich Heiratsschwindel?

Marx: Zunächst erstmal zu diesem postfaktischen. Wie kommt das überhaupt zustande? Das ist ja wirklich ein sehr spannendes und auch beunruhigendes Phänomen, dass wir weniger Wert darauf legen, was wahr und was richtig oder falsch ist und vielmehr Wert darauf legen, wie wir etwas bewerten. Ja, ob uns das belustigt oder eher langweilt. Das scheint mir gerade durch die sozialen Medien und die Bewertungsfunktion sehr stark in den Vordergrund zu rücken. Jetzt sind aber die Heiratsschwindelstrategien doch sehr andere und sehr langwierige Strategien, also die Täter nehmen sich sehr viel Zeit, das ist kein kurzlebiges Geschäft, deswegen ist der Vergleich sehr schwer.

Runow: Weil die sich eine Identität aufbauen über lange Zeit?

Marx: Die bauen sich nicht nur eine Identität auf, sondern die bauen natürlich auch diese Beziehung sehr dezidiert auf. Also sie vermitteln einerseits das Bild einer Person, die liebenswürdig ist, aber gleichzeitig vermitteln Sie dem gegenüber auch, dass es eine Person ist, die liebenswürdig ist. Und das muss über längeren Zeitraum auch passieren, das geht nicht einfach so ad-hoc.

Runow: Jetzt haben Sie ja eben gesagt, letztlich, Emotion ist wichtiger als Information in den sozialen Netzwerken. Habe ich das richtig verstanden?

Marx: Der Eindruck entsteht. Der Eindruck entsteht auch deshalb, weil die Funktionen dafür da sind. Also wir haben ja beispielsweise keine Funktion 'Stimmt' oder 'Stimmt nicht', ja, wir haben aber eine Funktion 'Gefällt mir' oder 'Gefällt mir nicht'. Oder beziehungsweise die Funktion gibt es jetzt nicht, aber es gibt ja verschiedene Optionen, Stellung zu etwas zu nehmen. Diese Stellung basiert aber nicht darauf, ob etwas wahr oder falsch ist.

Gegenseitige Bestärkung als Grundsatz

Runow: Es erinnert mich an einen Satz, den Sascha Lobo in Spiegel Online geschrieben hat gestern. Da sagt er, es geht im Netz sowieso mehr um Gemeinschaftsbildung als um Informationsvermittlung. Ist das ein Eindruck, den Sie teilen?

Marx: Ja. Auf jeden Fall. Also das ist eine sehr interessante Beobachtung. Weil ja oftmals auch gesagt wird, das Netz zerstört sehr viel. Aber im Prinzip ist es ja tatsächlich so, dass sich sehr viele Netzwerke bilden. Natürlich eben dann bedingt durch das 'Echokammern-Phänomen', auch Netzwerke, die sich dann nach außen abschotten und vielleicht die ein oder andere gegenteilige Meinung, eben nicht mehr zulassen. Aber insgesamt habe ich auch den Eindruck, dass es sehr viel darum geht, sich gegenseitig zu bestärken, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, die man auf eine andere Art und Weise nicht befriedigen kann.

Runow: Verändert denn eigentlich die Art und Weise, wie wir im Netz miteinander kommunizieren, auch unsere Kommunikation außerhalb? Zum Beispiel gab es ja dieses Manifest des bayerischen Lehrerverbandes, wo es hieß, es gibt eine Verrohung der Sprache von Jugendlichen. Hat das irgendwas mit der vielleicht enthemmteren Kommunikation im Netz zu tun?

Marx: Es gibt empirisch keine Belege, dass Sprache verroht. Wir können, wenn etwas verroht, vielleicht davon ausgehen, dass die, die Sprache verwenden, verrohen. Dass daran jetzt die Internetkommunikation schuld ist, das kann man so auch nicht bestätigen. Früher war dann eben das Fernsehen daran schuld. Ich glaube, dass es viel wichtiger ist, dass man Kinder nicht mit den Medien alleine lässt, dass man eine vernünftige medienpädagogische Ausbildung, auch den Lehrern, angedeihen lässt. Dass da nicht so eine große Kluft entstehen kann. Und Kinder werden ja heutzutage einfach mit Medien ausgestattet, ohne dass ihre Eltern sie anleiten. Und das ist tatsächlich ein Problem, das würde ich eher darauf zurückführen.

"Die Funktionen sind generell sehr vielfältig"

Runow: Aber es gibt ja zumindest dieses Vorurteil, die Kommunikation in sozialen Netzwerken ist sehr oberflächlich. Ich erinnere mich noch, als Twitter an den Start ging und es hieß '140 Zeichen, was soll man denn da sinnvolles sagen'.

Marx: Oh. Da können eine ganze Menge Leute sehr, sehr sinnvolle Sachen sagen. Da entsteht Poesie, da entstehen sehr komprimierte, sehr interessante Äußerungen. Aber Twitter ist ja nun auch nicht die sozialen Netzwerke. Das ist eine Form und die hat auch eine ganz bestimmte Funktion. Auf Facebook beispielsweise finden Sie auch sehr elaborierte Beiträge, oder in anderen sozialen Netzwerken konzentriert man sich dann eben auf Bildinformationen. Also das hängt auch immer von der Funktion ab. Und die sind sehr vielfältig in den sozialen Netzwerken.

Vom Digitalen ins Analoge

Runow: Es gibt ja schon Phänomene, die aus dieser Internetkommunikation kommen und plötzlich im analogen auftauchen. Wie oft sieht man zum Beispiel den Hashtag auf Plakaten.

Marx: Genau, den Hashtag. Und interessanterweise ist er auch in die mündliche Sprache übergegangen, ein ganz interessantes Phänomen. Also, der muss eine Funktion erfüllen offenbar, die wir tatsächlich gebraucht haben. Meine Idee ist, dass gerade bei Twitter Hashtags nochmal eine Gesamtinformationen komprimieren, also auch eine Kategorisierung bieten für alldiejenigen, die möglicherweise den Text sonst nicht einordnen können. Interessanterweise eben auch, weil Twitter eben auf 140 Zeichen beschränkt ist und man dann durch den Hashtag nochmal einen großen, ganzen Zusammenhang geben kann. Und dass dieses Phänomen tatsächlich in die Offline-Kommunikation, wenn man das noch so trennen will - auch das ist ja streitbar - übergegangen ist und mündlich verwendet wird. Also Hashtag am Ende eines Satzes, Hashtag und dann Ironie, das ist ein sehr interessantes Phänomen.

Runow: Und der Freund. Der Freund hat auch so eine Doppelbedeutung bekommen, seit es Facebook gibt.

Marx: Doppelbedeutung oder Bedeutungserweiterung. Ja, klar. Man muss den Facebook-Freund heutzutage mitdenken und natürlich entwickeln sich dann neue kommunikative Praktiken, wie man das auseinanderhalten kann, beispielsweise werden dann die Gänsefüßchen markiert in der mündlichen Sprache oder man spricht tatsächlich von Facebook-Freund. Aber eben das Konzept des Freundes hat sich etwas aufgeweitet, ist etwas gelockert.

Kurze Sätze kommen beim Wähler an

Runow: Ganz zum Schluss würde ich dann doch gerne nochmal zu Trump zurückkommen, Frau Marx. Über den haben sich ja anfangs viele auch deshalb lustig gemacht, weil er gesprochen hat wie ein Grundschüler, immer diese einfachen, sehr kurzen Sätze. Das wirkte so ein bisschen dümmlich, hätte auch ein Bot sein können, wenn es nicht im Fernsehen gewesen wär. Die Neurolinguistin Elisabeth Wehling hat kürzlich erklärt, dass sei in Wirklichkeit unglaublich geschickt, weil dadurch ganz viel beim Wähler hängen bleibt. Sehen Sie so eine Gefahr, dass sich das durchsetzt, dass unsere Politiker ihre Facebook Accounts mit Vier-Wort-Sätzen bestücken?

Marx: Also Sie wollen, dass ich einen Blick in die Zukunft wage?

Runow: Auf das nächste Jahr, auf das große Wahljahr, natürlich.

Marx: Ich hoffe einfach, dass es bei uns nicht so weit kommt und ich hoffe auch, dass das Publikum dafür nicht da ist.

Runow: Gut. Sie haben gesagt, die Kommunikation im Netz ist divers. Das soll sie nach Ihrer Meinung nach auch bleiben, wenn ich Sie richtig verstehe?

Marx: Genau.

Runow: Konstanze Marx war das. Professorin für Linguistik der deutschen Sprache in Mannheim, mit Fachgebiet Internet, Linguistik und Onlinekommunikation. Wie erforscht man digitale Diskurse und was kommt dabei heraus? Darum ging es bei einer Tagung, die gerade in Mannheim zu Ende gegangen ist. Vielen Dank für das Gespräch, Frau Marx.

Marx: Sehr gern.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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