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StartseiteForschung aktuellStammbaum der Gebärdensprachen22.01.2020

KommunikationStammbaum der Gebärdensprachen

Gebärdensprache ist nicht universell. Das zugrunde liegende Fingeralphabet unterscheidet sich mitunter von Land zu Land. Forschende haben jetzt untersucht, wie sich die europäischen Gebärdensprachen auseinander entwickelt haben, und einen ersten Stammbaum des Sprechens mit den Händen vorgelegt.

Von Volkart Wildermuth

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Vier Gehörlose unterhalten sich in Gebärdensprache. (picture-alliance / Fredrik von Erichsen)
Die Entwicklung von Fingeralphabeten in unterschiedlichen Ländern zeigt Parallelen zur biologischen Evolution. (picture-alliance / Fredrik von Erichsen)
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Wenn Linguisten die Verwandtschaft von Sprachen studieren wollen, dann greifen sie zuerst zu den Wörterbüchern und suchen nach Ähnlichkeiten. Leider, so musste Justin Power von der Universität Texas in Austin feststellen, gibt es kaum umfassende Wörterbücher für die Gebärden in unterschiedlichen Ländern. Aber:

"Am Ende war es dann doch einfacher, als gedacht. Wir haben uns nicht die kompletten Gebärdensprachen angesehen, sondern nur die Fingeralphabete, bei denen Buchstaben durch Handformen ausgedrückt werden. Wir haben die Ähnlichkeit der Handhaltungen verglichen und in eine Datenbank eingegeben."

Stammbaum der Fingeralphabete

Im deutschen Fingeralphabet würde die Abkürzung für den Deutschlandfunk, Dlf, so ausgedrückt: D: Zeigefinger ausgestreckt, der Daumen bildet mit den restlichen Fingerspitzen einen Kreis. L: Zeigefinger nach oben, Daumen zur Seite. F: Daumen und Zeigefinger bilden einen Kreis, die restlichen Finger zeigen nach oben. In Frankreich ist es ganz ähnlich. Nur beim F bilden Daumen und Zeigefinger keinen Kreis, sondern werden übereinander gekreuzt. Es gibt also Ähnlichkeiten und Unterschiede - und damit genug Material, um einen Stammbaum zu erstellen.

Justin Power hat 40 heutige Fingeralphabete untersucht, und dazu 36 historische. Das älteste stammt aus einem Buch, das 1593 im spanischen Yebra gedruckt wurde. Die Daten analysierte Justin Power mit Kollegen aus Orleans und Jena mit denselben Methoden, mit denen Biologen evolutionäre Stammbäume rekonstruieren.

"Überraschenderweise scheinen sich die europäischen Gebärdensprachen recht unabhängig voneinander entwickelt zu haben."

Und das, obwohl es bereits Austausch gab. Zur Zeit der Aufklärung wurden in verschiedenen Ländern Schulen für gehörlose Menschen gegründet. Wörterbücher für Fingeralphabete wurden ausgetauscht, es gab auch persönliche Kontakte.

Gesten recht unabhängig voneinander entwickelt

"Die Leute aus anderen europäischen Ländern kannten zum Beispiel die Schule für Gehörlose in Frankreich und sie wussten auch von den historischen Wörterbüchern aus Spanien. Und trotzdem haben die jeweiligen Gemeinschaften ihre Gesten recht unabhängig voneinander entwickelt."

Dennoch gibt es heute kein babylonisches Gebärdengewirr. Justin Power kann fünf klar getrennte Familien von Fingeralphabeten unterscheiden. Eine spanische, eine französische, eine österreichische, eine britische und eine schwedische Gruppe. Zur französischen Gruppe gehören zum Beispiel auch die Alphabete von Griechenland, Irland, Brasilien, Pakistan und Dänemark, während sich das britische Alphabet in Tschechien, Australien und Indien durchsetzte.

Fingeralphabete können auch aussterben

Fingeralphabete können auch aussterben. Die österreichische Gruppe verschwand, als deren Nutzer in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zum internationalen Fingeralphabet wechselten, das zur französischen Gruppe gehört.

"Das war für eines der interessantesten Ergebnisse, dieser harte Bruch dieses Fingeralphabets. Warum auch immer verwendeten es die Leute nicht länger und übernahmen stattdessen das neue internationale Fingeralphabet."

Die eigentlichen Gebärdensprachen der österreichischen Gruppe dagegen sind noch nach wie vor eigenständig. Abstammung, getrennte Entwicklungen, überraschende Ähnlichkeiten, Aussterben. Die Fingeralphabete zeigen hier große Ähnlichkeiten zur biologischen Evolution und zur Entwicklung der gesprochen Sprachen. Aber Justin Power betont, dass es sich hier nur um einen allerersten Blick auf die Geschichte der Gebärdensprachen handelt. Denn die Sprachen sind nochmal um Größenordnungen komplexer als ihre jeweiligen Fingeralphabete.

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