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StartseiteInterview"Es bringt nichts, nur dem Bürgerwillen hinterherzugehen“26.03.2021

Kommunikationsexpertin über Corona-Maßnahmen"Es bringt nichts, nur dem Bürgerwillen hinterherzugehen“

Die Appelle der Politik in der Corona-Pandemie fruchten in der Bevölkerung immer weniger. Die Kommunikationsexpertin Cornelia Betsch sagte im Dlf, die Menschen seien durch das Hin und Her verunsichert. Zudem habe sich die Risikowahrnehmung verändert. Die Politik sei nun gut beraten, sehr sachbezogen zu entscheiden.

Cornelia Betsch im Gespräch mit Philipp May

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gibt im Bundestag eine Regierungserklärung zur Corona-Pandemie und zum Europäischen Rat ab. (picture alliance/dpa/Michael Kappeler)
Viele Menschen fühlten sich von der Regierung alleine gelassen, meint die Expertin für Gesundheitskommunikation, Cornelia Betsch (picture alliance/dpa/Michael Kappeler)
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Die Politik wirkt in diesen Tagen der Corona-Pandemie resigniert. "Wir sehen gerade, dass die Bevölkerung diese Dinge nicht so sieht, wie sie Virologen sehen, wie sie Menschen von der Intensivstation sehen, wie ich sie auch sehe, und das muss man einfach jetzt akzeptieren", sagte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer dazu im Dlf. Wie konnte es so weit kommen? Was wurde an welchen Stellen falsch oder ungeschickt kommuniziert? Cornelia Betsch, Professorin für Gesundheitskommunikation an der Uni Erfurt, meint, das Hin und Her in der Corona-Politik verunsichere die Menschen. Das Vertrauen sei dadurch immer mehr gesunken. Man sei deshalb zurzeit in einer sehr schwierigen Situation. Auch die anstehenden Wahlen würde ihren Teil dazu beitragen, meint Betsch. Es sei sehr schwierig, dem angenommenen Wählerwillen zu folgen. Das führe dazu, "dass die Maßnahmen immer wieder zersplittern."

Porträt des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) im Rahmen der 1000. Sitzung des Bundesrat in Berlin (imago / Political-Moments) (imago / Political-Moments)Michael Kretschmer (CDU) - "Tests sind kein Allheilmittel"
Der Gedanke, über Ostern alles runterzufahren, sei richtig gewesen, aber leider nicht richtig vorbereitet worden, kritisierte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) im Dlf. Das habe Vertrauen zerstört. Er warnte davor, dass mit den derzeitigen Instrumenten die Pandemie nicht aufgehalten werden könne.


Das Interview im Wortlaut: 

May: Warum fruchten die Appelle der Politiker immer weniger?
 
Betsch: Wir sehen, dass eigentlich seit Beginn des soften Lockdowns im November das Vertrauen in die Politik immer weiter gesunken ist. Wir sehen, dass es insbesondere jetzt im neuen Jahr seit Februar rapide gesunken ist, und da kommt natürlich die Regierungskommunikation nicht mehr beim Bürger an. Wir sehen auch, dass das sehr zersplittert, dass Dinge passieren, die nicht gut ankommen, wie es gibt erst mal Osterruhe, dann gibt es sie wieder nicht. Das ist ein gewisses Hin und Her und das fühlt sich so an, als wüsste man selber nicht so ganz genau, was da eigentlich passieren soll. Ich glaube, das führt zu großer Verunsicherung.

Es ist nicht so, kann man auch sagen, dass die Leute sich der Situation nicht bewusst wären. Wir gucken in unserer Kosmo-Studie ja schon auch immer, wie nehmen die Leute das Risiko wahr oder wie schätzen sie den Infektionstrend ein, und das passt letztendlich sehr gut zu den Zahlen. Die Leute sind dabei, sie nehmen das wahr. Es hat aber keine Implikation am Ende für Risikowahrnehmung im Verhalten, und ich denke, viele fühlen sich im Moment von der Regierung da auch alleine gelassen.

"Die Politik kann es dem Bürger gerade nicht recht machen"

May: Es liegt nicht daran, dass die Angst der Menschen vor dem Virus abgenommen hat, die ja vor allen Dingen vor einem Jahr sehr groß war, und das hat dann ja sofort zu einer starken Kontaktreduzierung und dementsprechend dann auch zu einer Verminderung der Fallzahlen geführt. Aber das ist es gar nicht so sehr?
 
Betsch: Doch. Wir haben uns natürlich schon daran gewöhnt. Im Moment schwankt unsere Angst und Risikowahrnehmung nicht so mit den Fallzahlen wie zu Beginn der Pandemie. Wir haben uns daran gewöhnt. Wir sehen ja auch, wir fangen wieder mit dem Leben an und wir infizieren uns trotzdem nicht. Das führt natürlich auch dazu, dass sich die Risikowahrnehmung daran anpasst. Aber gerade was die Maßnahmen jetzt angeht, sehen wir einen Wandel. Wir sind im Moment in einer sehr schwierigen Situation. Noch vor zwei Wochen hat die überwiegende Mehrheit gesagt, ich finde das alles angemessen, und diese Woche hat sich das gedreht. Die, die das angemessen finden, sind in der Minderzahl und der Rest teilt sich in zwei relativ gleich große Teile. Die einen finden es zu lasch und die anderen finden, es geht zu weit. Das ist natürlich jetzt eine Situation, da kann man sagen, die ist sehr schwierig. Man kann aber auch sagen, die Situation maximaler Freiheit, denn die Politik kann es dem Bürger gerade nicht recht machen. Deswegen muss man einfach sehr sachbezogen entscheiden und gucken, wie man die Infektionsdynamik jetzt wieder in den Griff kriegen kann.

"Es bringt nichts, nur dem Bürgerwillen hinterherzugehen"

May: Das heißt, wir sind in einer Phase, wo sich die Politik auch kommunikativ im Prinzip über die Bürger hinwegsetzen sollte? Ist das die Quintessenz?
 
Betsch: Ich glaube, es bringt nichts, nur dem Bürgerwillen hinterherzugehen. Natürlich ist die Akzeptanz wichtig, weil diese Pandemie kriegen wir nur in den Griff, wenn alle mitmachen. Aber mit alle sind auch alle gemeint, Arbeitgeber und so weiter. Die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Wir haben jetzt eine Befragung in Thüringen gemacht. Wir sehen, dass hier über 50 Prozent der Leute sagen, wir sehen jeden Tag am Arbeitsplatz fünf oder mehr Leute, bei denen sie sich anstecken könnten. Das sind, würde ich sagen, nicht die Rahmenbedingungen, die man sich wünscht, um einen guten Infektionsschutz zu betreiben.
 
May: Irgendjemanden enttäuscht man am Ende sowieso, weil einfach alle drei Gruppen gleich groß sind. Deswegen soll man sich davon freimachen?
 
Betsch: Genau. Das wäre im Moment die besondere Situation. Vor einer Weile gab es eine Studie aus München, die gezeigt hat, dass die öffentliche Wahrnehmung etwas ist, wo wir auch Täuschungen aufsitzen. Wir denken, wir möchten vielleicht Maßnahmen verschärft haben, aber die Mehrheit denkt, es sollte Lockerungen geben, und das stimmt am Ende gar nicht. Solchen Täuschungen unterliegen natürlich auch Politiker. Deswegen sind solche Befragungen natürlich wichtig, aber ich glaube, wir kommen jetzt den Wahlen immer näher, oder es finden immer wieder Wahlen statt.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

"Runterfahren, aber mit Perspektive"

Da ist es irgendwie sehr schwierig, dem angenommenen Wählerwillen zu folgen, und das führt, glaube ich, schon auch dazu, dass die Maßnahmen immer wieder zersplittern. Die Leute wollen eigentlich ein Regelwerk, was einheitlich ist. Wir haben ja gesehen, dass zum Beispiel Stufenpläne, wie von der No-Covid-Gruppe vorgeschlagen, relativ gut bewertet werden, Perspektiven, wo man sagt, man macht noch mal einen härteren Lockdown und bringt die Fälle runter, und dann ist aber auch klar, wie es danach weitergeht. Ich glaube, das wäre jetzt auch wichtig für die nächsten Schritte. Wieler hat das heute in der Pressekonferenz eigentlich sehr kurz beantwortet auf die Frage, würden Sie noch mal so einen Lockdown wie vorher wollen. Da sagte er einfach nur: Ja! Ich glaube, da ist es aber wichtig zu sagen, das reicht dann nicht, sondern wir müssen wissen, wie es danach weitergeht. Wir haben jetzt Tests, wir haben Impfungen, die Leute wünschen sich, dass es schneller geht mit dem Impfen, sie sind unglaublich bereit, diese Schnelltests auch zu benutzen, und jetzt müsste man sie noch in die Lage versetzen zu wissen, wann sollen sie das eigentlich einsetzen, was bedeutet ein positiver Test, was bedeutet ein negativer Test, was können sie damit tun. Ich glaube, das wäre sehr, sehr wichtig, dass wir da nicht nur runterfahren, sondern danach eine gute Perspektive haben, die sich ja an vielen Orten auch schon in Modellprojekten entwickelt.

Kritik: Ministerpräsidenten-Konferenzen

May: Sie sprechen die Modellprojekte an, die ja auch durchaus kritisiert werden von einigen Wissenschaftlern oder Experten, die sagen, das ist eigentlich gefährlich jetzt in dieser Situation – Modellprojekte, wo mit Hilfe einer massiven Ausweitung von Schnelltests das normale Leben zumindest einigermaßen wiederhergestellt werden soll. Wieviel Chance liegt dennoch darin?
 
Betsch: Es muss natürlich wissenschaftlich begleitet werden und es muss klar sein, sobald man merkt, dass es aus dem Ruder läuft oder die Effekte negativ sind, muss man damit natürlich aufhören. Deswegen ist es, glaube ich, sehr wichtig, dass das jetzt wissenschaftlich gut begleitet wird. Aber letztendlich müssen wir natürlich schon versuchen zu lernen, welche Modelle gut funktionieren, wie man Kultur oder Schule oder andere Dinge stattfinden lassen kann, ohne dass sich das Virus zu stark verbreitet.
 
May: Frau Betsch, was sich viele gerade fragen ist: Die Modelle inklusive der Warnungen, die sind ja seit Monaten bekannt, dass diese dritte Welle genauso kommen wird, wie sie jetzt auch kommt. Gleichzeitig sehen wir, wie beispielsweise Großbritannien seinen massiven Ausbruch mit der Mutante mit einem harten Lockdown unter anderem unter Kontrolle bringt. Die hatten in Großbritannien im Januar eine Inzidenz von über 600 und sind jetzt bei knapp über 50. Alles eigentlich bekannt, wie es gehen könnte, aber auch Boris Johnson in Großbritannien, muss man fairerweise sagen, hat wirklich erst reagiert, als es wirklich ganz schlimm war, als ihm das Wasser bis zum Hals stand. Wieso fällt den politisch Handelnden proaktives Handeln so schwer?
 
Betsch: Das ist schwer zu sagen. Wir haben es ja immer wieder in Politikeraussagen gehört und können es eigentlich auch nicht mehr hören. Man hofft, dass es doch anders kommt. Das hat sich jetzt doch, glaube ich, mehrfach als schlecht herausgestellt. Ich glaube, es ist hier immer wieder die Frage, wer entscheidet wo, wo gibt es Wahlen, wo wird was gut gefunden. Ich glaube, die Wahrnehmung, das man lokal entscheidet, der Föderalismus könnte letztendlich ein Vorteil sein in der Pandemie-Bekämpfung. Aber ich glaube, so wie es aktuell gehandhabt wird, macht es das eher komplizierter. Wie man immer so schön sagt: Alle Wege führen nach Rom, außer der Mittelweg.
 
Ich glaube, da landen wir immer wieder nach diesen Ministerpräsidenten-Konferenzen. Wenn man sich die Situation mit der Aussetzung von AstraZeneca anschaut, da sagte Spahn so was wie, das hat mir meine Behörde gesagt, dass man das aussetzen soll, und ich kann daran nicht vorbeigehen. Letztendlich hat heute die andere Behörde gesagt in Form von Herrn Wieler, man sollte einen Lockdown machen. Dann kann man sich auch fragen, wieso wird sich darüber hinweggesetzt und warum können am Ende die Ministerpräsidenten so eine Macht entfalten. Das ist etwas, was ich mich politisch frage, aber worauf ich leider auch keine gute Antwort habe. 
 
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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