Donnerstag, 04.03.2021
 
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Konflikt-Geschichte der BundesrepublikBeredetes Schweigen

Die frühe Bundesrepublik ist das Thema des Historikers Florian Huber. 2015 erschien sein Buch über eine Suizidserie nach der Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg. Nun schreibt er in seinem Buch "Das deutsche Familiendrama der Nachkriegszeit" über Konflikte und Verdrängungen im deutschen Alltag zwischen 1945 und dem Ende der 50er-Jahre.

Von Martin Hubert

Bei mildem Frühlingswetter sind Frauen mit ihrem Nachwuchs an der frischen Luft in einem Park (Aufnahme aus dem Jahr 1958).   (picture alliance / Göttert)
Bei mildem Frühlingswetter sind Frauen mit ihrem Nachwuchs an der frischen Luft in einem Park (Aufnahme aus dem Jahr 1958). (picture alliance / Göttert)
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Die Standardformel zur Entwicklung Deutschlands nach 1945 klingt heute so: Ja, es gab ein paar Schattenseiten, aber insgesamt war es eine Erfolgsgeschichte. Die Erfolgsetappen lauten: geglückte Demokratisierung, Westintegration und Wirtschaftswunder. Die Schattenseiten: mangelhafte Entnazifizierung, weitgehend verdrängte NS-Vergangenheit. Und eine materialistische Wohlstandsgesellschaft der 50er Jahre, die gepaart war mit autoritärer Ordnungsliebe und kultureller Biederkeit.

Florian Hubers Buch über die Mentalität der Nachkriegsdeutschen dreht den Spieß um. Ja, so lautet seine Bilanz, es war eine erfolgreiche Entwicklung - aber die Schattenseiten prägten die Gründungsgeschichte der Bundesrepublik entscheidend mit. Huber schreibt:

"Nach den gängigen Epochenbildern erscheint die Zeit nach den Dramen der Dreißiger- und Vierzigerjahre meist als glatte Oberfläche: 'Motorisiertes Biedermeier'; 'Kinder, Küche, Kirche', 'Petticoat und Nierentisch'. Keine Tiefe, aber auch kein Abgrund. Dabei waren die späten Vierziger- und Fünfzigerjahre eine Phase der Widersprüche und des Nebeneinanders von kaum vereinbaren Empfindungen. Unter der erstarrten Oberfläche gab es eine Ebene, wo Bruchlinien aufklafften und sich das Psychodrama einer in seinen Fundamenten erschütterten Gesellschaft entfaltete. Es war die Welt der Familiengeheimnisse. Sie gaben dieser Zeit ihre Abgründe, die zu verdecken man bestrebt war."

Um diesen Untergrund der bundesrepublikanischen Gründungsgeschichte aufzuschließen, hat Huber Tagebücher, Biografien und mündliche Äußerungen ausgewertet. Die Ergebnisse stellt er in Form einer historischen Reportage dar. Er schildert überkreuz die Geschichten von Vätern, Müttern und Kindern, die paradigmatisch das Familiendrama der Nachkriegszeit verkörpern. In klaren und verständlichen Sätzen informiert Huber immer wieder kurz über die historischen Hintergründe.

Historische Reportage über das Seelenleben der Bundesrepublik

Vor allem aber vermittelt er dem Leser in reportagehafter Sprache das Gefühl, unmittelbar dabei zu sein.

"Über dem Zeltlager am Großen Bittersee brütete die Tageshitze. Hinter dem Draht Steppengebüsch und ausgebackener Lehm. Auf seinen Gängen durch den 'Käfig', wie die Bewacher das Gefangenenlager nannten, blieb Wolfgang Matschoss gelegentlich stehen, um sich Gedanken zu notieren, aus denen er abends im Zelt lange Briefe komponierte. Er hatte seine Familie wiedergefunden. Hanny, Eva und Renate waren auf Norderney. Es ging ihnen gut."

Wolfgang Matschoss gehört zu den vielen deutschen Soldaten, die sich als Kriegsgefangene zurück in die wohlgeordnete deutsche Familie sehnten. Nach der Kriegsniederlage und angesichts der Schuld der NS-Verbrechen galt sie als letzter Fluchtpunkt und Rettungsanker. Doch die deutschen Krieger kamen als ausgemergelte und kranke Verlierer nach Hause. Ihren Kindern waren sie oft völlig fremd. Und sie stießen auf Frauen, die die Rolle der Familienversorger übernommen hatten und in Konflikt mit den Rückkehrern gerieten, die wieder Herr im Haus sein wollten. Das Familienklima der Nachkriegszeit war für Huber ein Klima der gegenseitigen Enttäuschung, Entfremdung, der Verloren- und Verlogenheit. Er zeigt das unter anderem am Beispiel des ehemaligen Rassekundlers Manfred Aust und seiner Frau Margarete:

"Verboten war es, über ihre Gegenwart zu sprechen, über ihre Liebe und ihre Kinder. Verboten war seine Vergangenheit, was er bei der SS oder im Krieg erlebt hatte. Stattdessen sprachen sie über Pflicht, Barmherzigkeit, Kameradschaft. Er warf ihr vor, nicht mit ihm sondern neben ihm zu leben. Als die Kinder größer wurden, bekamen auch sie seine Vorwürfe zu hören. Sie waren zu laut, sie halfen nicht, sie schrieben schlechte Noten. Gleichzeitig war da etwas in ihm, das nach draußen drängte, je mehr er sich in sich kehrte. Er presste Worte hervor, dann hielt er inne, rang mit ihnen, als ob er es mit einem Gegner im Ring zu tun hatte, verhedderte sich in der Grammatik und verstummte irgendwann. Und dabei wollte er doch so gerne reden."

Auch Opfer schwiegen nach dem Krieg

Das Schweigen nach 1945 über die NS-Vergangenheit ist aktenkundig. Aber Huber gelingt es, dieses Schweigen in seinen unterschiedlichsten Facetten beredt werden zu lassen. Er ruft in Erinnerung, dass nicht nur Täter und Mitläufer schwiegen, sondern auch viele Opfer - aus Scham. Und er führt plastisch vor Augen, wie das politische Schweigen oft mit persönlichen Motiven vermischt war. Es ging um verlorene Lebensträume, enttäuschte Liebe, überholte Rollenbilder und zerstörte Identitäten. Hubers Verdienst ist es, dieses sozialpsychologische Drama anschaulich zu machen, ohne es zu verharmlosen. Denn er zeigt auch, wie die Entnazifizierung gezielt hintertrieben und das Bild der unschuldigen deutschen Wehrmacht gepflegt wurde.

Vor allem aber weist er auf den Kontrast hin zwischen der verdrängten Gewalt der Vergangenheit und der neuen Gewalt in der Familie, in der autoritär und hart erzogen wurde. Die Halbstarkenkrawalle, die dann plötzlich in den 50er Jahren ausbrachen, als der Wohlstand eine geglückte Gesellschaft vorgaukelte, deutet Huber als Ergebnis der lange unterdrückten Spannungen.

"Der scheinbar unerklärliche Protest einer Gruppe von Jugendlichen war wie ein Spiegel, in den niemand gern blicken wollte. Darin offenbarte sich die Zwanghaftigkeit einer Gesellschaft, die die seelischen Kriegsfolgen in den Familien beiseitegeschoben hatte und deren Erziehungswerte erstarrt waren. Das Auftreten der verhassten 'Halbstarken' war ein Angriff auf den Autoritätsreflex der älteren Generation."

Unterschwellige Konflikte freigelegt

Florian Huber ist kein Theoretiker. Tiefen- oder massenpsychologische Erklärungen der NS-Verdrängung finden sich bei ihm nicht. Auch bezieht sich sein Buch ausschließlich auf Westdeutschland und nicht auf den Osten. Huber konzentriert sich zudem auf exemplarische Familienfälle, in denen die Entwicklung wirklich hoch dramatisch verlief. Aber es ist wohl nötig, derart zu emotionalisieren, wenn man die Kehrseite der frühen bundesrepublikanischen Geschichte nachhaltig ins Bewusstsein heben will. Hubers Buch sind jedenfalls viele Leser zu wünschen, weil es eine Spur von unterschwelligen Konflikten freilegt, die erst in der 68er-Bewegung politisch zum Ausbruch kamen.

Florian Huber: "Hinter den Türen warten die Gespenster. Das deutsche Familiendrama der Nachkriegszeit"
Berlin Verlag, 304 Seiten, 22 Euro.

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