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StartseiteForschung aktuellInfektiologin: Ebola könnte auf Nachbarländer übergreifen04.10.2018

KongoInfektiologin: Ebola könnte auf Nachbarländer übergreifen

Eine neue Therapie zeigt beim aktuellen Ebola-Ausbruch im Kongo offenbar gute Erfolge, berichtete die Infektologin Marylyn Addo im Dlf. Die Sicherheitslage in der Region könnte dennoch eine Ausbreitung begünstigen - auch von anderen Infektionskrankheiten, die wahrscheinlich mehr Opfer fordern würden.

Marylyn Addo im Gespräch mit Lennart Pyritz

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Das Bild zeigt mehrere Pfleger, die in Beni im Kongo einen Ebola-Patienten untersuchen. Dabei kommt erstmals auch ein Zelt mit einem speziellen Sicherheitssystem zum Einsatz. (AFP / John Wessels)
Untersuchung eines Ebola-Patienten in einem Sicherheitszelt im Kongo (AFP / John Wessels)
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Lennart Pyritz: Anfang August wurde der Ausbruch bekannt. Inzwischen sind mindestens 74 Menschen in Nord-Kivu, einer Provinz der Demokratischen Republik Kongo, an Ebola gestorben. Außerdem wurde der Erreger in mehr als 130 weiteren Verdachtsfällen bestätigt. Im Kongo wurden zuletzt experimentelle Impfstoffe und Therapien eingesetzt. Allerdings mussten die WHO und andere Hilfsorganisationen ihre Maßnahmen gegen Ebola vor einigen Tagen unterbrechen: Rebellenangriffe machen die Arbeit in der Region zu gefährlich.

Über die Lage im Kongo habe ich am Telefon mit Prof. Marylyn Addo gesprochen. Sie arbeitet am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung und dem Uniklinikum Hamburg-Eppendorf und hat vor einigen Jahren die Wirksamkeit des experimentellen Impfstoffs rVSV-ZEBOV mit erforscht, der jetzt in der Ausbruchs-Region im Kongo eingesetzt wird. Ich habe sie zuerst gefragt, welche Erfahrungen in der Vergangenheit und jetzt mit dem Impfstoff gemacht wurden.

Marylyn Addo: Der Impfstoff wurde in den letzten Jahren weiterentwickelt, im letzten großen Ebola-Ausbruch in Westafrika zum ersten Mal auf Wirksamkeit getestet - in einer gleichen Art und Weise, wie er jetzt auch im Kongo eingesetzt wird. In den früheren Studien wurde er als gut verträglich in Menschen eingestuft, mit wenigen Nebenwirkungen, und hat als einziger Ebola-Impfstoff ein Wirksamkeitssignal gehabt und wird deswegen jetzt zur Zulassung vorbereitet, aufgrund dieser Wirksamkeitsdaten.

Neue Antikörper-Therapie schlägt offenbar an

Pyritz: Gibt es denn schon erste Erfahrungen dazu, wie das jetzt im Kongo angeschlagen ist?

Addo: Das ist jetzt der zweite Ebola-Ausbruch im Kongo in diesem Jahr. In beiden Ebola-Ausbrüchen ist der Impfstoff zum Einsatz gekommen. Jetzt, in den letzten Zahlen aus dem jetzigen Ausbruch im Kivu, sind über 11.000 Dosen verimpft worden. Das Prinzip, mit dem verimpft wird, nennt sich Ringvaccinierung oder Riegelimpfung. Das heißt, es werden Betroffene oder Erkrankte identifiziert, und um den Erkrankten herum, in seiner Nachbarschaft, werden alle Menschen und alle Kontaktpersonen geimpft. Das ist das Prinzip, wie das in der heutigen Zeit eingesetzt wird in diesen Ausbrüchen. Und das hat sich bisher als erfolgreich dargestellt. Jetzt mit der politischen Situation muss man sehen, ob das noch weiter so greifen kann.

Pyritz: Auf die politische Situation würde ich später noch mal eingehen. Wenn wir erst mal bei der Prophylaxe beziehungsweise Therapie bleiben: Jetzt beim Ausbruch im Kongo wurde ja auch erstmals eine neue Therapie für Ebola-Erkrankte getestet, die auf einem Antikörper beruht. Was hat es damit auf sich?

Addo: Das ist eigentlich eine interessante Geschichte. Und zwar ist das ein sogenannter monoklonaler Antikörper, ein Antikörper, der von einem Überlebenden aus einem früheren Ausbruch isoliert wurde. Und man hat im Reagenzglas gesehen, dass dieser Antikörper das Virus, das Ebola-Virus, gut neutralisieren, also gut in der Vermehrung stoppen kann. Und dieser Antikörper kann jetzt eingesetzt werden in Erkrankten. Und man erhofft sich, dass man so den Krankheitsverlauf, der ja sonst zu einer Mortalität von oft über 60 Prozent führt, eindämmen kann.

Pyritz: Gab es da jetzt im Kongo erste Versuche und auch erste Therapieerfolge, erste Erfahrungen mit dieser neuen Therapieform?

Addo: Es gab bisher noch keine offizielle wissenschaftliche Publikation, das ist vielleicht auch noch zu früh. Aber aus ersten Berichten aus dem nationalen Institut für biomedizinische Forschung (INRB) im Kongo wurde berichtet, dass die ersten Patienten, die diese Therapie intravenös erhalten haben, das gut vertragen haben und geheilt entlassen werden konnten. Wir werden auf die weiteren wissenschaftlichen Publikationen noch warten müssen, aber die ersten Ergebnisse sehen vielversprechend aus.

Weitere experimentelle Therapien in der Erprobung

Pyritz: Beim derzeitigen Ausbruch sollen ja auch noch weitere experimentelle Therapien erprobt werden. Worum handelt es sich dabei?

Addo: Es sind momentan zugelassen für die klinische Prüfung, zugelassen im Sinne von, es dürfen angewendet werden. Es sind alles noch nicht zugelassene Substanzen, also auch Substanzen, die noch in der Entwicklung sind. Dabei handelt es sich bei drei Substanzen, also inklusive dem MAB114, was wir gerade besprochen haben, auch um Antikörper-Präparate, die zum Teil aus Überlebenden generiert wurden und eingesetzt werden können in der gleichen Weise, wie ich das eben geschildert habe.

Dann gibt es noch zwei andere Substanzen, Remdesvir, das ist eine Substanz, die auch schon im letzten Ausbruch kurz zum Einsatz kam und die die Replikation von Ebola hemmen kann, auch intravenös gegeben wird. Und dann gibt es noch eine Substanz, die nennt sich Favipiravir, das ist schon eine zugelassene Substanz, die eingesetzt werden kann gegen pandemische Influenza, also Grippe. Und diese fünf Substanzen dürfen auch in diesem Ausbruch geprüft werden. Inwieweit alle zur Anwendung kommen werden, auch in der jetzigen Situation, das muss sich zeigen.

Pyritz: Das klingt ja eigentlich nach hoffnungsvollen Signalen. Derzeit ruht allerdings die medizinische Arbeit in der Region aufgrund von gewalttätigen Rebellenkonflikten. Welches Szenario könnte da drohen, wenn das so bleibt, und die Ebola-Viren sich weiter ausbreiten, und die Hilfsmaßnahmen eben nicht sofort weiter betrieben werden können?

Addo: Ja das macht natürlich immer ein wenig Sorge, auch wenn man halt das Szenario im Kopf hat, dass wir vor einigen Jahren, 2013, 2014 bis 2018 in Westafrika gesehen haben. Diese Region, Nord-Kivu, hat ja Nachbarländer, Uganda und Ruanda, wo man Sorge hat, dass, wenn man jetzt nicht ganz aktives Case-Monitoring, Case-Finding betreibt, dass dann auch durch die Verschiebung von Menschen in dieser humanitären Krise das Ebola-Virus oder die Erkrankung auf die Nachbarländer übergreifen kann. Und das sind ja alles Länder, die keine gute Gesundheitsversorgung haben, und das ist immer Nährboden für Ausbrüche und Epidemien. Das hat die WHO und die World Community sehr gut im Blick. Es gibt Warnungen diesbezüglich, aber das muss man jetzt sehr, sehr engmaschig monitorieren.

Andere Infektionskrankheitsausbrüche im Blick behalten

Pyritz: Wie ließe sich denn der Ebola-Ausbruch unter diesen Umständen trotzdem eindämmen? Wäre es zum Beispiel denkbar, in den umliegenden Ländern, also in Uganda und Ruanda eventuell prophylaktisch eben diesen Impfstoff einzusetzen?

Addo: Ich glaube, das wird jetzt sehr intensiv auch diskutiert. Es wird ja schon an den portal of entrys, da sind ja ganz viele Screening-Maßnahmen engmaschig schon in die Wege geleitet worden. Die WHO bereitet die Nachbarländer vor und sensibilisiert auch die Bevölkerung in diesen Ländern. Und das wäre sicherlich ein Szenario, das man sich vorstellen könnte. Aber das muss man jetzt engmaschig betreuen. Der Impfstoff ist verfügbar in vielen Dosen und das könnte man auch im Kontext einer Riegelverimpfung sich vorstellen, würde man aber mit der WHO gemeinsam planen, wie die Strategie da sein soll.

Was man sich vor Augen führen muss, dass gerade in diesen Bereichen gleichzeitig auch noch andere Infektionskrankheitsausbrüche unterwegs sind, die zum Teil wahrscheinlich mehr Opfer fordern werden. Es gibt eine Polio-Ausbruch, der parallel momentan unterwegs ist, Cholera, Masern und Affenpocken sind auch gerade in der gleichen Region als großes gesundheitliches Problem unterwegs. Und man muss halt auch ein Augenmerk darauf legen, dass man nicht nur Ebola-Bekämpfung im Blick hat, sondern auch diese Situation für die Menschen in der Region, und dass man auch die anderen Ausbrüche mit betrachtet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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