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StartseiteForschung aktuell"Eine Sorge weniger im All"19.07.2019

Kontrollierter Absturz von Tiangong-2 "Eine Sorge weniger im All"

Der kontrollierte Absturz des chinesischen Weltraumlabors Tiangong-2 sei die richtige Art und Weise, um die Raumstation aus der Erdumlaufbahn zu bringen, sagte ESA-Experte Holger Karg im Dlf. Es gebe schon Hunderttausende Trümmerteile im All, die die Satelliten gefährdeten.

Holger Krag im Gespräch mit Arndt Reuning

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Besucher stehen in Peking auf der Internationalen Hightech-Ausstellung vor einem Modell des chinesischen Raumlabors Tiangong-2.  (picture alliance / Photoshot / Ju Huanzong)
Ein Modell des chinesischen Weltraumlabor Tiangong-2 auf einer Ausstellung in Peking (picture alliance / Photoshot / Ju Huanzong)
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Arndt Reuning: Im April des vergangenen Jahres stürzte das chinesische Weltraumlabor Tiangong-1 auf die Erde zurück – und zwar unkontrolliert. Die Hightech-Metalltonne hatte einige Jahre im All verbracht, bis dann im Jahr 2016 der Funkkontakt zu ihr abbrach. Beim Eintritt in die Atmosphäre verglühte ein Großteil von ihr, der Rest stürzte in den Pazifik, zufällig genau in jene Region, in die üblicherweise der Weltraummüll gelenkt wird. Heute nun ist ihrem Nachfolgemodell, Tiangong-2, ein ähnliches Schicksal widerfahren. Mit einem Unterschied: Die Raumstation sollte kontrolliert zum Absturz gebracht werden. Von Darmstadt aus hat Dr. Holger Krag dieses Manöver verfolgt. Er leitet das Weltraumsicherheitsprogramm bei der ESA. Aus terminlichen Gründen habe ich mit ihm vor dem Manöver telefoniert. Ich wollte wissen, wie solch ein gezielter Absturz abläuft.

Holger Krag: Das Verfahren ist schon sehr oft in der Raumfahrt zum Einsatz gekommen. Wir in der ESA haben das auch schon fünfmal erfolgreich eingesetzt, nämlich zur Entsorgung unseres eigenen Transportraumschiffs ATV. Und die Chinesen werden ähnlich verfahren, die werden starke Triebwerke an Bord von Tiangong-2 haben, die es erlauben durch ein Manöver von einigen Minuten Länge die Bahn so umzulenken, dass sie im Prinzip über der Erdoberfläche endet – und zwar über dem gewünschten Zielort im Südpazifik.

"Eine Trümmerschleppe von rund 1000 Kilometern Länge"

Reuning: Kann man denn die Absturzstelle noch näher eingrenzen?

Krag: Man braucht ein sehr großes Gebiet, denn trotz des kontrollierten Wiedereintritts wird sich die Raumstation in der Hochatmosphäre auflösen, in ihre Bestandteile zerlegen – und besonders hitzefeste Materialien werden den Wiedereintritt auch überstehen und werden relativ weit verteilt fallen. Wir gehen von einer Trümmerschleppe aus von rund 1000 Kilometern Länge. Und diesen Platz, den gibt es tatsächlich im Südpazifik. Da ist eine Region von mehreren tausend Quadratkilometern ohne Inseln, ohne Bevölkerung und mit einem sehr dünnen Schiffs- und Flugverkehr. Das ist die sicherste Option, um so einen Wiedereintritt durchzuführen, und genau das haben die Chinesen vor.

Auf diesem Bild einer Fernsehübertragung von CCTV (China Central Television) ist zu sehen, wie das erste chinesische Frachtraumschiff, Tianzhou-1, automatisch an das Raumlabor Tiangong-2 andockt. (dpa / Imaginechina / Jia Qing)Auf diesem Bild ist zu sehen, wie das erste chinesische Frachtraumschiff, Tianzhou-1, automatisch an das Raumlabor Tiangong-2 andockt. (dpa / Imaginechina / Jia Qing)

Reuning: Könnte dennoch irgendetwas schiefgehen bei diesem Manöver oder sind da irgendwelche Risiken mit verbunden?

Krag: Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass der Wiedereintritt nicht stattfindet oder man verliert dabei die Raumstation, dann hätte man einen ähnlichen Fall wie bei Tiangong-1 vor einiger Zeit, wo man dann einen unkontrollierten Eintritt haben würde. Das ist auch nicht besonders risikoreich, denn wir haben ja immer noch den Fall, dass drei Viertel der Erdoberfläche mit Wasser bedeckt werden, und wir haben ohnehin leider sehr viele unkontrollierte Wiedereintritte über das Jahr verteilt, mehr als 100 Tonnen. Dann würde die Tiangong-2 noch dazukommen.

"Ein kirschgroßes Objekt mit der Wirkung einer Handgranate"

Reuning: Bei all diesen Eintritten muss man doch bedenken, dass diese Raumstation ja ungefähr die Größe eines Reisebusses besitzt. Wie häufig kommt es denn vor, dass ein Trümmerteil dieser Größenordnung in die Erdatmosphäre eintritt?

Krag: Das mag viele überraschen, aber so etwas in der Größenordnung kommt schon alle drei, vier Jahre tatsächlich mal vor. Das muss nicht immer gleich eine Raumstation sein, es gibt auch teilweise sehr große Satelliten oder Raketenstufen. Und natürlich haben wir hier den Fakt, dass es gewollt und kontrolliert über unbewohntem Gebiet entsorgt wird und deswegen kein Grund zur Besorgnis ist.

Reuning: Wenn man sich all diesen Weltraumschrott anschaut, welche Trümmerteile bereiten Ihnen denn am meisten Kopfzerbrechen?

Krag: Uns bereiten alle Trümmerteile Kopfzerbrechen, die sehr lange im Orbit bleiben, und das betrifft leider den größten Teil der Trümmer. Wir gehen von rund 30.000 Objekten ab Fußballgröße im All aus und von rund 900.000 ab der Größe einer Kirsche. Und die sind zwar sehr klein, aber die haben eine sehr hohe Geschwindigkeit. Und bei den hohen Geschwindigkeiten, die sie haben, beim Aufprall auf einen Satelliten haben wir eine Relativgeschwindigkeit von 40.000 Kilometern pro Stunde, das ist sehr viel, und selbst so ein kleines kirschgroßes Objekt kann da sehr großen Schaden anrichten. Wir sprechen ungefähr von der Wirkung einer explodierenden Handgranate bei einem Einschlag auf einen funktionierenden Satelliten. Der wäre damit verloren, und das bereitet uns große Sorgen.

Reuning: Das heißt, Tiangong-2 stellt tatsächlich das kleinste Problem dar.

Krag: Tiangong-2 hat den Vorteil, dass es jetzt sogar aus dem All verschwindet und insofern eine Sorge weniger im All ist – und das auch noch auf dem bestmöglichen Wege: nämlich ein Wiedereintritt, bei dem sichergestellt ist, dass er über unbewohntem Gebiet runterkommt. Und nicht wie viele andere Objekte, wo es dem Zufall überlassen bleibt, wo sie herunterfallen. Also, das auf die Art und Weise zu machen, ist genau richtig.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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