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StartseiteCampus & Karriere"Müssen an Arbeitszeitmodelle für Lehrer ran"13.09.2018

Kooperation bei Lehrkräften"Müssen an Arbeitszeitmodelle für Lehrer ran"

Die Deutsche Schulakademie fordert von Lehrerinnen und Lehrern mehr Zusammenarbeit. Das Thema Kooperation werde bisher in der Lehrerbildung deutlich unterbewertet, sagte der Erziehungswissenschaftler Hans Anand Pant im Dlf. Aus mehreren Gründen hält er das Thema für heikel.

Hans Anand Pant im Gespräch mit Jörg Biesler

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Eine Lehrerin während des Unterrichts an einer Schule in Bremen. (dpa/picture alliance/ Mohssen Assanimoghaddam)
Viele Lehrerinnen und Lehrer sind eher Einzelkämpfer (dpa/picture alliance/ Mohssen Assanimoghaddam)
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Jörg Biesler: "Nicht mehr allein! Gute Schulen kooperieren." So heißt der Kongress der Deutschen Schulakademie, der gerade eben begonnen hat. Ich habe vor der Sendung mit Professor Hans Anand Pant gesprochen, Erziehungswissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität und Geschäftsführer der Deutschen Schulakademie. Guten Tag, Herr Pant!

Hans Anand Pant: Guten Tag!

Biesler: Es geht um die Kooperation der Schulen mit der Welt da draußen bei Ihnen, also mit anderen Lernorten, mit dem Stadtteil, mit den unterschiedlichsten Partnern. Es geht aber auch um Kooperation im Lehrerkollegium. Ich würde sagen, das ist ein heikles Thema. Würden Sie das auch sagen?

Pant: Das ist ein heikles Thema, es ist ein heißes Eisen, und zwar sowohl, was die Fragen der Strukturen angeht, die dazu zur Verfügung stehen an den Schulen in Deutschland im Moment. Das sind nicht genügend. Und das ist andererseits eine Frage, wo jede Lehrerin, jeder Lehrer persönlich an die eigene Mentalität ran muss. Wie sehr bin ich also bereit eigentlich, zu kooperieren mit meinen Kolleginnen und Kollegen?

40 Prozent der Befragten bereiten sich allein vor

Biesler: Sie haben vorher eine Forsa-Umfrage in Auftrag gegeben, um das Feld mal zu klären. Danach gibt es zwar Kooperation unter Lehrerinnen und Lehrern. Aber im Grunde sind, wenn ich das etwas übertreibe, die meisten doch Einzelkämpfer, die nach ihrem Unterricht an den heimischen Schreibtisch flüchten. Es gibt in vielen Schulen ja auch gar keine richtigen Arbeitsplätze.

Pant: Ja, das würde ich fast genauso sehen. Es ist zum Glück so, dass die Daten, die wir in unserer Studie erhoben haben, zeigen, dass es immer noch eine Mehrheit gibt, die bereit ist, zu kooperieren im Kollegium. Aber es ist ein richtig hoher Prozentsatz, über 40 Prozent der Befragten, die sagen, nein, eigentlich bereite ich mich lieber zumindest fachlich allein vor auf den Unterricht. Und wir sind der Meinung, dass das eine Grundeinstellung ist, die der Herausforderung, die die deutschen Schulen im Moment vor sich sehen, nämlich mit wahnsinnig heterogenen, unterschiedlichen Kindern umzugehen, nicht mehr zeitgemäß gerecht wird.

Biesler: Es gibt ja auch ganz unterschiedliche Formen von Kooperation, und wahrscheinlich auch ganz unterschiedliche Wahrnehmungen. Wenn ich es bei Ihnen richtig gelesen habe, dann findet die Kooperation natürlich in solchen Fachschaften statt, wo man sich unter Fachlehrerinnen und Fachlehrern trifft, um sich abzustimmen. Aber eine richtige Struktur, nicht nur grobe Unterrichtsinhalt festzulegen, sondern tatsächlich auch miteinander im Gespräch zu bleiben, wie zum Beispiel so eine Klasse funktioniert, das ist jedenfalls nicht selbstverständlich.

Gemeinsame Bewertungsstandards selten

Pant: Genau. Wir unterscheiden eigentlich auch in der Forschung so drei Niveaustufen von Kooperation. Die unterste Stufe ist, dass man sich sehr bereitwillig aushilft mit Materialien, Unterrichtsvorbereitung und Ähnlichem. Das machen richtig viele, auch in Deutschland. Sobald es aber darum geht, sich erst mal zu verständigen, was sind eigentlich zum Beispiel unsere gemeinsamen Bewertungsstandards für schulische Leistungen, was glauben wir eigentlich, ist guter Unterricht zum Beispiel in Mathematik, das passiert schon sehr viel seltener.

Und das, was wir als die fortgeschrittene Stufe von Kooperation bezeichnen, die sogenannte Kokonstruktion, da geht es darum, dass wir tatsächlich gemeinsam Unterricht planen, durchführen, reflektieren und ein gemeinsames Grundverständnis von guter Schule entwickeln im Kollegium. Das machen eher die wenigsten. Und man muss fairerweise sagen, die Schulen haben auch oftmals keine Zeit- und Raummöglichkeiten, um das durchzuführen. Das heißt, im Stundenplan kann das sehr selten gefunden werden als feste Kooperationszeit - das würden wir fordern. Und auf der anderen Seite ist es so, dass viele, die das dann tatsächlich machen, das on top auf ihre Unterrichtszeit machen. Und das ist natürlich anstrengend.

Biesler: Tatsächlich gehen Sie so weit in der Ankündigung Ihres Kongresses, ein ganz anderes Berufsverständnis für Lehrerinnen und Lehrern zu fordern, und zwar nicht nur von denen, sondern von denen, die sie ausbilden.

Pant: Ganz richtig. Ich bin selbst ja in der Lehrkräftebildung an der Humboldt-Universität tätig, kriege alle Lehramtsstudierenden, die jemals an der Humboldt den Beruf erlernen wollen, müssen bei mir durch sozusagen. Und ich merke, dass das Thema Kooperation, sei es in Form von Teamteaching oder kollegialen Hospitationen des Unterrichts anderer, dass das praktisch nicht vorkommt und auch nicht eingeübt wird, weder als Technik, noch als Haltung vorbereitet wird. Und da kann ich mich auch selbstkritisch fragen, dass wir in der Lehrerbildung bis jetzt dieses Thema deutlich unterbewertet haben. Das muss sich ändern.

Längere Arbeitstage in der Schule?

Biesler: Sie tun das wahrscheinlich, weil Sie eine Chance sehen, durch mehr Kooperation auch die Schulen besser zu machen. Inwiefern?

Pant: Wir glauben, dass langfristig der schulische Erfolg für eine sehr große Zahl von Schülerinnen und Schülern, die sagen wir mal zu dem Zeitpunkt, wo unsere durchschnittlich 50 Jahre alten Lehrerinnen und Lehrer selbst in der Ausbildung waren, dass dieser Erfolg heute andere Kompetenzen bei den Lehrerinnen und Lehrern selbst erfordert. Es ist vor allen Dingen das, was man gern als adaptive Lernkompetenz oder heterogenitätsgerechtes Unterrichten bezeichnet.

Das heißt, dass Lehrkräfte sehr schnell erkennen, wo sind welche Lernvoraussetzungen in meiner Lerngruppe vorhanden, wie gehe ich darauf ein, habe ich die entsprechenden Materialien sofort dazu bereit. Adaptiv zu sein für sehr unterschiedliche Lernvoraussetzungen. Und das, glaube ich, schaffen wir nur, wenn Lehrer sich austauschen, und zwar nicht nur untereinander, sondern - und hier ist das Stichwort natürlich inklusive Schule, auch mit Professionen, die auch an der Schule jetzt immer stärker vertreten sind, seien es Sozialarbeiter, seien es Sozialpädagoginnen und -pädagogen oder Integrationshelfer und -helferinnen.

Biesler: Müssen sich dann Lehrerinnen und Lehrer künftig auf einen Arbeitstag von 8 bis 16 Uhr einstellen?

Pant: Da sprechen Sie wahrscheinlich das heikelste Thema überhaupt an im Zusammenhang mit Kooperation. Ich glaube, dass wir Kooperation flächendeckend und wirklich effektiv nicht ohne eine Änderung der Präsenzzeitmodelle für Lehrerinnen und Lehrer hinkriegen. Das heißt im Klartext ja, dass Lehrerarbeitszeit nicht nur verstanden wird als Unterrichtszeit, sondern eben auch als Zeit, die für Kooperation, Abstimmung und vor allen Dingen in Ganztagsschulen auch für ein qualitativ hochwertiges Nachmittagsangebot zur Verfügung steht. Und damit würde ich Ihre Frage mit Ja beantworten, wir müssen an die Arbeitszeitmodelle für Lehrerinnen und Lehrer ran.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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