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StartseiteEuropa heuteWenn der Krieg trennt und die Musik verbindet30.08.2017

KosovoWenn der Krieg trennt und die Musik verbindet

Der Fluß Ibar trennt die kosovarische Stadt Mitrovica in einen serbischsprachigen Norden und einen albanischsprachigen Süden. Wer in den anderen Teil will, braucht auch Jahre nach Kriegsende einen guten Grund. Für die Band "Proximity Mine" heißt der: Musik.

Von Rayna Breuer

Brücke über den Fluss Ibar in Mitrovica (EPA /Valdrin Hemaj)
Zwei Brücken und ein Fußgängerüberweg verbinden und teilen die Stadt Mitrovica zugleich. Immer wieder ist es hier in der Vergangenheit zu schweren Unruhen gekommen. (EPA /Valdrin Hemaj)
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Ein stickiger Raum, dreckige Fenster, Graffiti an den Wänden. Das ist der Proberaum von Ilda, Alem, Tringa, Stefan, Lazar und Zlatko. Zusammen sind sie "Proximity Mine". Für zehn Tage sind sie alle hier ins mazedonische Skopje gekommen, um an ihrem Album zu arbeiten, um Zeit zusammen zu verbringen, vor allem auch außerhalb des Proberaums. Denn Zuhause in Mitrovica ist das für die Bandmitglieder von unmöglich.

"Mitrovica ist eine geteilte Stadt. Die Menschen im Norden haben Angst, in den Süden der Stadt zu gehen, und umgekehrt auch, einige von uns im Süden gehen nicht auf die andere Seite. Wegen all dem, was vor 18 Jahren passiert ist."

Die Folgen der Teilung sind bis heute zu spüren

Tringa ist Gitarristin und Kosovo-Albanerin. Zlatko, Lazar und Stefan sind Serben und leben im Norden der Stadt. So wie der Bosnier Alem. Ilda ist auch Bosniern, lebt aber im Süden der Stadt. Eine Mischung, die in Mitrovica ungewöhnlich bis unvorstellbar klingt.

Nach dem Kosovo-Krieg 1999 wurde die Stadt geteilt. Der Norden ist mehrheitlich serbisch besiedeltet, im Süden leben fast ausschließlich Kosovo-Albaner. Beide Teile sind administrativ und politisch getrennte Einheiten. Zwei Brücken und ein Fußgängerüberweg verbinden und teilen die Stadt zugleich. Immer wieder ist es hier in der Vergangenheit zu schweren Unruhen gekommen, mit Toten und Verletzten. Heute ist die Hauptbrücke meistens menschenleer.

"Ich habe die bosnische Nationalität und spreche beide Sprachen, Albanisch und Serbisch. Das ist mein Trick. Wenn ich im Norden bin, spreche ich Serbisch und alle denken, ich sei Serbin. Wenn ich im Süden bin spreche ich Albanisch und alle denken, ich sei Albanerin. Für mich ist das wie ein Spiel", erzählt Ilda, die Sängerin der Band.

Für ihre beste Freundin Tringa, die im Süden lebt, war die erste Bandprobe im Norden jedoch eine Überwindung: "Als ich meinen Freunden gesagt habe, dass ich auf die andere Seite gehe, um Rockmusik zu machen, haben mich alle gefragt: Ist das nicht gefährlich, wie traust du dich zu Fuß über die Brücke? Meine Eltern waren auch sehr skeptisch, aber nach zwei, drei Proben haben sie gesehen, wie viel ich lerne. Das war meine erste Erfahrung mit einer E-Gitarre, alle in der Band waren so hilfsbereit. Alem, der andere Gitarrist, hat mir viel geholfen. Ich habe mich gut gefühlt."

Vor allem die Eltern der Musiker waren besorgt

Kennengelernt haben sich die Bandmitglieder an der Mitrovica Rock School. Die Schule wurde von der Nichtregierungsorganisation "Musicians without Borders" Ende der 1990er gegründet. Ihr Ziel: Die Musikszene der Stadt zu beleben und vor allem junge Musiker auf beiden Seiten des Flusses Ibar zusammenzubringen. Der Anfang war schwer, erinnert sich Gründerin Wendy Hassler-Forest: "Als wir das erste Mal ein Konzert mit gemischten Bands im Kosovo organisiert haben, waren die Eltern sehr besorgt. Wir haben Elternabende organisiert, um sie darüber zu informieren, was wir vorhaben, wie der Transport zum Konzertort ablaufen wird. Wir mussten sie beruhigen, dass die Jugendlichen immer durch Lehrer begleitet werden, dass sie sich nicht in der Umgebung bewegen werden, dass wir das Publikum kennen, dass wir wissen, wen wir einladen."

Die Organisation hat im Norden und im Süden der Stadt eine Schule, die Kosovo-Albaner proben im Süden, die Serben im Norden. "Proximity Mine" wollte aber zusammen üben. Vor zehn bis fünfzehn Jahren wäre das noch unvorstellbar gewesen, doch laut Wendy Hassler-Foster habe sich vieles zum Positiven geändert: "2008 haben wir mit dem Projekt gemischte Bands begonnen. Es war das Jahr, in dem Kosovo seine Unabhängigkeit erklärte. Damals war die Situation sehr angespannt. Von Jahr zu Jahr wurde es einfacher. Jetzt hier in Skopje, wenn sich die Jugendlichen im Bus sehen und von vorherigen Besuchen kennen, dann begrüßen sie sich mit High Five."

Die Band hat schon auf mehreren Bühnen gespielt, demnächst auch in Wien, aber in ihrer eigenen (geteilten) Stadt können sie kein Konzert geben - aus Angst.

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