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StartseiteInformationen am Morgen"Es gibt vieles zu würdigen"07.02.2019

Kosslicks letzte Berlinale"Es gibt vieles zu würdigen"

Nach 18 Jahren nimmt Dieter Kosslick als Berlinale-Chef seinen Hut. Bei aller berechtigten Kritik, die er im Laufe der Jahre habe einstecken müssen, habe er mit seinen Verdiensten doch für eine große Berlinale-Erfolgsgeschichte gesorgt, sagte Dlf-Filmkritikerin Maja Ellmenreich.

Maja Ellmenreich im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

Dieter Kosslick, Direktor der Internationalen Filmfestspiele Berlin (dpa/ Christoph Soeder)
Dieter Kosslick, Direktor der Internationalen Filmfestspiele Berlin (dpa/ Christoph Soeder)
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Dirk-Oliver Heckmann: Kosslick ist ja als Gute-Laune-Bär der Berlinale bekannt, der sein Festival zu einem Publikumsrenner entwickelt hat, der die Stars auf den roten Teppich holt – allerdings gab es auch immer wieder Kritik an seiner Festivalleitung. Wie sehr steht dieser letzte Kosslick-Jahrgang nun im Zeichen des langjährigen Mr. Berlinale?

Maja Ellmenreich: Überraschend unauffällig bis gar nicht wird der Abgang von Dieter Kosslick in Szene gesetzt. Kosslick scheut ja eigentlich weder das Rampenlicht noch das Mikrofon: für seine Pointen – oder besser: für seine gerne auch mal verunglückten Kalauer – ist er ja bekannt. Aber von der Selbstdarstellung, die ihm immer wieder auch mal vorgeworfen wurde, ist eigentlich nichts zu sehen im 69. Berlinale-Programm. Keine Abschiedsgala, keine Best-of-Dieter-Kosslick-Filmreihe – all das wird es wohl nicht geben. Ich finde aber schon auffällig, dass die diesjährige Wettbewerbsauswahl eine deutliche Kosslick-Handschrift trägt.

Viele Berlinale-Stammgäste

Heckmann: Was hat denn der Wettbewerb Kosslick-Typisches zu bieten?

Ellmenreich: Das fängt an mit der beachtlichen Zahl von drei deutschen Filmen in einem Wettbewerb von 17 Filmen. Für den deutschen Film hat sich Kosslick ja immer stark gemacht, hat an ihn geglaubt, als überall laute Klagegesänge gesungen wurden: Er hat die Reihe "Perspektive Deutsches Kino" im Rahmen der Berlinale gegründet. Und jetzt also gleich drei Filme: Am prominentesten sicher der Hamburger Filmemacher Fatih Akin, der zum ersten Mal einen Horrorfilm gedreht hat: nämlich die Verfilmung des Romans "Der goldene Handschuh" von Heinz Strunk – das ist die wahre Geschichte des Frauenmörders Fritz Honka, spielt also im Hamburg der 70er-Jahre und verspricht, in die tiefsten menschlichen Abgründe zu blicken.

Dann noch Angela Schanelec, eine Protagonistin der sogenannten "Berliner Schule". Und – auch das keine Selbstverständlichkeit im Wettbewerb – das Debüt einer jungen Filmemacherin mit einem abendfüllenden Spielfilm: Nora Fingscheidt heißt sie und hat mit "Systemsprenger" einen Film über ein Mädchen gedreht, dessen gesamtes Umfeld ratlos und hilflos ist ob der Impulsivität und Aggressivität dieses Kindes. 

Soviel zu den drei sehr unterschiedlichen deutschen Filmen: Ansonsten fällt mir an dem – der übrigens überraschend US-Filmbranchen-frei ist– auf, dass viele Berlinale-Stammgäste geladen sind. Da könnte man also vermuten: Kosslick hat insbesondere Weggefährten eingeladen, die pünktlich zur Berlinale einen Film fertig hatten: die Dänin Lone Scherfig eröffnet mit ihrem neuen Film heute Abend die Berlinale, die polnische und überaus politische Filmemacherin Agnieszka Holland stellt ihren neuen Film vor. Dann sind gleich drei chinesische Filmemacher im Wettbewerb vertreten – auch das darf man als Kosslick-Merkmal deuten: Denn für den asiatischen Film hat er sich immer stark gemacht. Wie gesagt: Ein Wettbewerb aus 17 Filmen – und dann gibt’s ja auch noch sechs außer Konkurrenz – auch mit dem einen oder anderen Kosslick-/Berlinale-Bezug. Also, ich deute diesen Wettbewerb als versteckte Kosslick-Hommage.

"Die US-Amerikaner glänzen durch Abwesenheit"

Heckmann: Und die Stars? Kommen die in Scharen, um sich von Dieter Kosslick zu verabschieden?

Ellmenreich: Nicht in den Scharen, die man von der Berlinale eigentlich gewöhnt war in den vergangenen Jahren. Kein George Clooney – hätte man sich zum Kosslick-Abschied ja durchaus vorstellen können. Keine Coen-Brüder. Wie gesagt: Die US-Amerikaner glänzen im Großen und Ganzen durch Abwesenheit – die sind alle im Oscar-Fieber. Da ist Christian Bale, der aber auch gebürtiger Brite ist, vielleicht noch die größte Ausnahme. Caterine Deneuve wird erwartet, Tilda Swinton. Dann – bloß nicht zu vergessen – die Französin und Oscar-Preisträgerin Juilette Binoche als Jury-Präsidentin. Diese Große Jury, die am Ende über den Goldenen und die diversen Silbernen Bären entscheiden wird, sie lohnt auch noch ein besonderer Blick: Denn mit drei Männern und drei Frauen ist sie paritätisch besetzt. Das gilt es lobend hervorzuheben – wie ohnehin der Frauenanteil bei dieser Berlinale beachtlich ist. Das kann man im Jahr 2019 auch verheerend finden: Aber Tatsache ist, dass 7 von 17 Wettbewerbsfilmen von Regisseurinnen stammen. Das sind gut 41 Prozent - damit liegt die Berlinale weit vor ihren Konkurrenten: den Filmfestspielen von Cannes und Venedig.

Heckmann: Wie geht’s nun weiter?

Ellmenreich: Hoffentlich erst einmal mit einer angemessenen Würdigung von Dieter Kosslick: Denn bei aller auch berechtigten Kritik, die er im Laufe der Jahre einstecken musste, hat er mit seinen Verdiensten doch für eine große Berlinale-Erfolgsgeschichte gesorgt: Aus Nah und Fern kommt man nach Berlin im Februar – stundenlang campieren Berlinale-Fans vor den Ticketschaltern, um für "irgendeinen Film" eine Karte zu bekommen; die ganze Stadt erfasst ein Berlinale-Brummen – denn auch in den Berliner Kiezkinos sind die Filmfestspiele zu Gast. Er hat den Blick auf den, wie gesagt, deutschen Film gerichtet, den experimentellen, das Schaffen indigener Filmemacherinnen und –macher. Also, es gibt vieles zu würdigen. 

Heckmann: Und was kommt nach Kosslick?

Eine Doppelspitze – dafür hatte sich Kosslick immer wieder ausgesprochen – aus einem künstlerischen Leiter und einer Geschäftsführerin. Kinokunst und Geld, um’s mal vereinfacht zu sagen, werden auf zwei Schulternpaare aufgeteilt: Geschäftsführerin wird die Niederländerin Mariette Rissenbeek, die zuvor die Auslandsvertretung des deutschen Films geleitet hat "German Films". Und künstlerischer Leiter wird der Italiener Carlo Chatrian, der zuletzt das Filmfestival in Locarno geleitet hat. Und er hat schon vor seinem ersten offiziellen Berlinale-Auftritt mit offenen Karten gespielt: Er sei kein "Showtalent", hat er gesagt. Da wird also – inhaltlich-filmisch – aber auch marketing-gastgeberisch ab dem kommenden Jahr einiges anders laufen auf der Berlinale.

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