Kraftwerksstrategie
Neue Gaskraftwerke: Nötiges Backup oder Rückfall ins Fossile?

Neue wasserstofffähige Gaskraftwerke sollen als Backup die Energieversorgung sichern und in dieser Funktion die äußerst klimaschädlichen Kohlemeiler ersetzen. Kritiker sehen die Pläne als Ausbremsung umweltfreundlicherer Alternativen.

    Außenansicht des Heizkraftwerks Leipzig-Süd,
    Das Heizkraftwerk Leipzig-Süd ist nach Angaben der Leipziger Stadtwerke das erste Gaskraftwerk weltweit, das schon vollständig bereit für den Einsatz von grünem Wasserstoff ist - laut den Plänen der Bundesregierung sollen weitere folgen (picture alliance / dpa / Jan Woitas)
    Seit vielen Jahren steigt der Anteil Erneuerbarer Energien am gesamten Stromverbrauch Deutschlands. Bis Ende des Jahrzehnts sollen vier Fünftel des Bedarfs von ihnen gedeckt werden. Wenn die Sonne aber kaum scheint und wenig Wind weht, etwa bei Dunkelflauten im Winter, wird auch weniger Energie produziert. Um die Energieversorgung zu sichern, plant die Bundesregierung den Bau neuer Gaskraftwerke, die dann als Backup einspringen könnten. Langfristig sollen sie auch auf grünen Wasserstoff umgerüstet werden. 
    Doch die Kraftwerke sind für die Industrie wenig attraktiv. Da sie nur als Backup genutzt werden sollen, lassen sich die Kosten für den Bau und Betrieb darüber nicht finanzieren, weshalb die Bundesregierung sie staatlich fördern möchte. Von der Industrie werden die Pläne begrüßt, Kritiker sehen einen drohenden Rückfall in die Abhängigkeit gegenüber fossilen Energieträgern.

    Inhalt

    Was ist die Kraftwerksstrategie der Bundesregierung? 

    Der Anteil der Erneuerbaren Energien am Bruttostromverbrauch des Landes ist laut Umweltbundesamt von 6,3 Prozent im Jahr 2000 auf 54,1 Prozent im Jahr 2025 gestiegen. Die Kraftwerksstrategie der Bundesregierung sieht vor, diesen Anteil bis 2030 auf 80 Prozent zu erhöhen. Zusätzlich soll ab 2038 kein Strom mehr aus Kohle erzeugt werden. 
    Da aber nicht immer Sonne scheint oder Wind weht, ist ein verlässliches Backup vonnöten – dann sollen Gaskraftwerke einspringen und die Stromerzeugung gewährleisten. Auf diese Strategie hatten sich grundsätzlich die Spitzen der Vorgängerregierung schon geeinigt, ohne dazu aber ein Gesetz verabschieden zu können, bevor die Koalition zerbrach.  

    Wie lauten die aktuellen Pläne für den Neubau? 

    Noch in diesem Jahr will die Regierung neue Kapazitäten mit einer Leistung von insgesamt 12 Gigawatt ausschreiben, 10 Gigawatt davon sollen neue Gaskraftwerke sein, die auf Wasserstoff umgerüstet werden können, die restlichen 2 Gigawatt sollen technologieoffener ausgeschrieben werden. Die Anlagen sollen bis 2031 in Betrieb gehen, weitere Ausschreibungen sind für die Folgejahre geplant. Noch im Herbst 2025 wollte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche deutlich größere Kapazitäten mit Gaskraftwerken aufbauen – bis zu 20 Gigawatt.  
    Die jetzt bewilligten 10 Gigawatt werden als Kompromiss gesehen, der Raum lässt für alternative Systeme, etwa Biomasse, Kraft-Wärme-Kopplung, Wasserkraftwerke und Stromspeicherlösungen. 

    Wie werden Bau und Betrieb finanziert? 

    Weil diese Kraftwerke nur als Backup dienen sollen, zum Beispiel bei sogenannten Dunkelflauten in den Wintermonaten, also bei geringer Sonneneinstrahlung und Windstille, lohnen sich Bau und Betrieb für private Betreiber nicht. Deswegen soll es staatliche Beihilfen geben, deren Einsatz nun von der EU-Kommission grundsätzlich genehmigt wurde. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer rechnet mit Kosten von mindestens fünf Milliarden Euro pro Jahr. 
    Wo das Geld herkommen soll, aus dem Klima- und Transformationsfonds, aus dem Kernhaushalt oder per Umlage auf die Verbraucher, ist derzeit offen. Eine Umlage würde die jetzt schon relativ hohen Strompreise in Deutschland weiter nach oben treiben.  
    Damit diese Kraftwerke in Zukunft dann wirtschaftlich betrieben werden können, soll ein sogenannter Kapazitätsmarkt eingerichtet werden, allerdings erst ab 2032. Darin sollen die Anbieter für die Bereitstellung von Kapazitäten belohnt werden, nicht für die Produktion. Auch diese Idee wurde schon von der Ampelkoalition formuliert. Dafür muss aber noch der Strommarkt reformiert werden. Und auch hier wird die EU-Kommission als Wettbewerbsbehörde eine wichtige Rolle spielen. 

    Welche Reaktionen gibt es? 

    Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft begrüßt die Pläne und die grundsätzliche Einigung mit der EU wegen der staatlichen Beihilfen. Auch der Energieökonom Andreas Löschel von der Ruhr-Universität Bochum hält den Bau der Kraftwerke wegen der Sicherung der Energieversorgung für geboten. Dies sei durch verschiedene Studien nachgewiesen. 
    Es gebe viele Stunden, in denen Erneuerbare nicht lieferten, da brauche man dann ein Backup, auch weil immer mehr Kohlekraftwerke vom Netz gingen, die bisher für diese Absicherung sorgten. Der Ausbau von Speicherkapazitäten sei ebenfalls Bestandteil der Energiesicherung, so Löschel, aber bisher könnten Batterien nur einen kleinen Teil dieser Absicherung tragen. 
    Die Deutsche Umwelthilfe hat jedoch gegen die Pläne des Bundes Beschwerde bei der EU eingelegt. Sie kritisiert, dass die einseitige Förderung den Wettbewerb verzerre. Stattdessen fordert der Verein in seiner Stellungnahme staatliche Förderung für Batteriegroßspeicher, Programme, die den Stromverbrauch in Spitzenzeiten senken oder zeitlich verschieben (die sogenannte Nachfrageflexibilisierung), sowie Maßnahmen rund um den Ausbau und die bessere Nutzung der Stromnetze.  
    Die geplante Förderung drohe, saubere Alternativen auszubremsen und neue fossile Abhängigkeiten zu schaffen. Auch Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung bezweifelt die Notwendigkeit der neuen Kraftwerke und kritisiert die neue Bindung an fossile Energieträger. 

    Was bedeuten die Pläne für die Energiewende? 

    Wirtschaftsministerin Reiche hatte im Herbst 2025 ihre energiepolitischen Pläne vorgestellt, und dabei schon den Bau neuer Gaskraftwerke angekündigt – und eine Verlangsamung des Ausbaus der Erneuerbaren. 
    Ihre Maßnahmen begründete Reiche mit den Ergebnissen des Energiewende-Monitorings, einer von ihrem Ministerium in Auftrag gegebenen externen Meta-Studie. Darin wird ein eher sinkender Strombedarf bis 2030 prognostiziert. Reiches Schlussfolgerung: Wenn man den Ausbau der Erneuerbaren etwas bremse, könne man bis zu 40 Milliarden Euro einsparen.
    Reiche betonte damals, dass sie weiterhin am Ziel festhalte, Deutschland bis 2045 klimaneutral zu machen, doch Umweltverbände und Oppositionspolitiker warnten vor dem neuen Kurs der Bundesregierung und einem Ausbremsen der Energiewende. 
    Die nun erfolgte Zustimmung der EU-Kommission zum Neubau von Gaskraftwerken bezeichnet Reiche als entscheidenden Schritt für die Energiesicherheit in Deutschland. Kritiker wie die Deutsche Umwelthilfe sprechen von einem politischen Fehlanreiz durch eine Bevorzugung staatlich unterstützter Gaskraftwerke gegenüber umweltfreundlicheren Alternativen.

    rja