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Krebs
Experten fordern mehr Früherkennungsprogramme

Fast jede Tumorart kann heutzutage früh erkannt und behandelt werden. Dadurch steigen die Heilungschancen, doch bisher existieren in Deutschland nur Programme für die Früherkennung von Brust-, Dickdarm-, Gebärmutterhals- und Hautkrebs.

Von Isabel Fannrich-Lautenschläger | 18.03.2014

    Ein Risiko-Nutzen-Kalkül stand im Vordergrund der Veranstaltung "Krebsfrüherkennung: Ein teures Placebo?". Krebsforscher und Mediziner der "Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie", DGHO, kritisierten, dass in Deutschland nur vier Programme zur Krebs-Früherkennung existieren: die für Brust-, Dickdarm-, Gebärmutterhals- und Hautkrebs.
    Dies ist auch deshalb unverständlich, weil nationale und internationale Untersuchungen zeigen, dass eine frühzeitige Entdeckung bösartiger Tumore die Heilungschancen steigern. So können Polypen im Darm als Vorstufe von Krebs so zeitig entfernt werden, dass dieser gar nicht erst entsteht. Oder ein Tumor wird so früh bekämpft, dass er mit größerer Wahrscheinlichkeit beseitigt werden kann.
    Die bestehenden Programme seien bisher nicht ausreichend auf ihre Wirkung hin analysiert worden, bemängelten die Experten. Es gehe nicht nur darum, die Zahl der Todesfälle zu verringern, sagte Professor Bernhard Wörmann, medizinischer Leiter der DGHO:
    "Sondern auch weniger krank sein könnte ein Faktor für Früherkennung sein. Man kann sich eine ganze Reihe von Erkrankungen, ausgedehnte Hautkrankheiten vorstellen, bei denen ein sehr ausgedehnter Krebs zu sehr ausgedehnten chirurgischen oder strahlentherapeutischen Maßnahmen führt, und das zu verhindern, kann auch ein Ziel von Früherkennung sein. Und selbstverständlich, Therapie von fortgeschrittenen Krebserkrankungen ist teuer – es gibt einen ökonomischen Faktor."
    Patienten und Patientinnen in Deutschland müssen besser über den Nutzen und die Risiken einer Krebsfrüherkennung aufgeklärt werden, betonten die Mediziner. Wie hoch die Chance ist, dass ein Tumor früh erkannt wird, wie gut ein Krebsfrüherkennungs-Programm greift, muss aber erst noch erforscht werden.
    Besser über Nutzen und Risiken von Krebsfrüherkennung aufklären
    Früherkennung macht bei jenen Tumor-Arten Sinn, bei denen das Stadium der Erkrankung direkt mit der Heilbarkeit zusammen hängt. Anders als die unheilbare chronische Leukämie könne ein Lungenkarzinom, rechtzeitig erkannt, in über 70 Prozent der Fälle, spät erkannt nur bei weniger als der Hälfte der Patienten überwunden werden.
    Professor Ulrich Bick, stellvertretender Direktor am Institut für Radiologie der Charité Berlin, verwies auf die Belastungen für die Betroffenen. Das Risiko von Strahlung und falscher Diagnose beim Mammografie-Screening dürfe man nicht überbewerten. Zu wenig werde jedoch über individuelle Unterschiede und Übertherapie diskutiert,...
    "Dass die Mammografie zum Beispiel in Abhängigkeit von der Risikokonstellation und der Drüsenkörperdichte unterschiedlich nützlich ist. Und das muss man den Frauen eigentlich mitteilen. Etwa zehn bis 20 Prozent der im Screening entdeckten Karzinome wären nie während der Lebenszeit der Patientin entdeckt worden, also Überdiagnosen.
    Das lässt sich grundsätzlich nicht komplett verhindern, weil wir natürlich frühe Karzinome finden wollen, und man sieht den Karzinomen vorher nicht an, ob sie wirklich gefährlich werden. Inzwischen gibt es aber genetische Daten der Tumoren, dass man schon bei bestimmten Karzinomen in Zukunft sagen kann, diese beobachten wir nur und behandeln sie nicht."
    Während in Deutschland immer noch ein von den Krankenkassen finanziertes Programm zur frühzeitigen Erkennung von Lungenkrebs fehlt, sei das Netz zur Bekämpfung von Brustkrebs gut und dicht, konstatiert Ulrich Bick. Zehn Jahre nach Einführung regelmäßiger Mammografie-Screenings für 50- bis 69-Jährige und spezieller Untersuchungen der Hochrisiko-Gruppen, liege allerdings auch hierfür noch keine Analyse vor. Studien belegen aber, dass - je nach Alter - zwischen 20 und 30 Prozent der Frauen durch rechtzeitiges Erkennen nicht an ihrer Krankheit sterben.
    Die bisher üblichen Verfahren zur Früherkennung sollen, so eine Forderung, aktualisiert und durch neue Methoden ergänzt werden. Insbesondere jüngere Frauen müsse man stärker berücksichtigen, fordert Bick.