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StartseiteInterview"Die Kurden fühlen sich im Stich gelassen"19.03.2018

Krieg in Syrien"Die Kurden fühlen sich im Stich gelassen"

Cahit Basar von der Kurdischen Gemeinde in Deutschland hat die defensive Haltung der Europäer nach der Eroberung der nordsyrischen Stadt Afrin durch die türkische Armee und die Freie Syrische Armee kritisiert. "Mit Afrin ist auch Europa gefallen im Nahen Osten", sagte Basar im Dlf.

Cahit Basar im Gespräch mit Silvia Engels

Männer mit Gewehren stehen auf einer Mauer und halten ihre Waffen nach oben (imago/Depo Photos)
Kämpfer der Freien Syrischen Armee feiern die Einnahme von Afrin (imago/Depo Photos)
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Silvia Engels: Vor gut zwei Monaten begann die türkische Armee ihren international umstrittenen Angriff in Nordsyrien. Ihr Ziel: Die kurdisch dominierte Region Afrin und dort speziell der Kampf gegen die kurdische Miliz YPG. Sie wird von der Türkei als Terrororganisation betrachtet. Die YPG wiederum war in ihrem Kampf gegen den islamistischen IS auch von westlichen Staaten unterstützt worden. Nun ist alles anders: Nach langen blutigen Gefechten meldete die Türkei gestern die Einnahme von Afrin, unterstützt von Kämpfern der Freien Syrischen Armee.

Am Telefon ist nun Cahit Basar. Er ist Generalsekretär der Kurdischen Gemeinde Deutschlands, kurz KGD. Das ist ein Dachverband kurdischer Organisationen in Deutschland, der sich für die Anerkennung der kurdischen Identität und das friedliche Zusammenleben verschiedener Gesellschaftsgruppen einsetzt. Eines der Anliegen ist aber auch, die PKK, die ja auch in Deutschland als Terrororganisation eingestuft ist, zumindest zu entkriminalisieren. – Guten Morgen, Herr Basar.

Cahit Basar: Guten Morgen.

Engels: Welche Nachrichten erreichen Sie über die Kämpfe in der kurdisch geprägten nordsyrischen Region Afrin über Ire Quellen?

Basar: Grauenhafte Nachrichten, die uns wirklich den Schlaf rauben, die Ruhe rauben und ein Stück weit auch an der westlichen Wertegemeinschaft verzweifeln lassen. Denn das wahre Ausmaß dessen, was jetzt und demnächst in Afrin passieren wird, werden wir wahrscheinlich erst später erfahren.

Aber es finden willkürliche Hinrichtungen auf der Straße statt, Folterungen, Menschen werden mit Stöcken geschlagen, mit Ruten geschlagen und verfolgt. Wir haben gerade Afrin verloren und mit Afrin ist auch Europa gefallen im Nahen Osten, denn Afrin war ein Demokratieprojekt, nicht perfekt, das ist uns auch allen bewusst, aber man hat das Möglichste versucht, daraus zu machen und die Kurden fühlen sich im Stich gelassen.

"Es ist schlimm, was da gerade passiert"

Engels: Sie haben jetzt harte Vorwürfe erhoben. Inwieweit können Sie denn mit Menschen in Afrin direkt sprechen, um Ihre Beobachtungen zu stützen?

Basar: Wir haben zahlreiche Mitglieder in den einzelnen Vereinen, die direkte Beziehungen und Verwandte und Familienangehörige dort haben, die sie auch in den letzten Wochen leider teilweise verloren haben, durch die Bombenangriffe und die Kämpfe, die uns zahlreich viele Nachrichten übermitteln konnten über ihre direkten Kontakte. Dann erreichen uns über die Flüchtlinge, die vor zwei, drei Jahren nach Deutschland gekommen sind, etliche Informationen, denn auch von dort aus Afrin kamen viele Menschen ursprünglich und haben dann sehr viele Verwandte, die auch in den anliegenden Dörfern oder umliegenden Städten und Regionen sich noch mal angesiedelt haben, so dass wir sehr viele, voneinander unabhängige Quellen haben, die letztendlich eines bestätigen: Es ist schlimm, was da gerade passiert.

Cahit Basar bei einer Gedenkveranstaltung (Archivbild 2015) (dpa/ Thalia Engel)Cahit Basar: "Grauenhafte Nachrichten, die uns wirklich den Schlaf rauben und ein Stück weit auch an der westlichen Wertegemeinschaft verzweifeln lassen" (dpa/ Thalia Engel)

Engels: Was halten Sie der türkischen Argumentation entgegen, die ja argumentiert, mit der kurdischen Gruppe YPG in der Region Afrin bekämpfe man eine Terrormiliz? Man versuche, die Zivilisten zu schonen.

Basar: Dass die Zivilisten verschont werden, kann ich leider nicht bestätigen. Ich wünschte, es wäre so. Und dass die YPG eine Terrormiliz ist, ist bisher lediglich die Sichtweise, die Perspektive der türkischen Regierung, die nun – da braucht man auch kein Nahost-Experte sein – kein Freund des kurdischen Volkes ist und alles, was sich letztendlich ein Stück weit um die kurdische Identität und um kurdische Gleichberechtigung und Partizipation dreht und sich dafür einsetzt, ohnehin für terroristisch erklärt wird. Das machen sie ja im eigenen Land mit der Opposition ohnehin und das ist ja auch für uns alle sehr sichtbar.

Daher wundert mich dieser Vorwurf von der türkischen Seite nun gar nicht. Aber dass sich die europäische Seite von diesem Vorwurf so beeindrucken lässt und auch aus Angst vor dem Flüchtlingsdeal, der platzen könnte, dass man sich so sehr zurückzieht und ein Stück weit ein Demokratieprojekt, ein säkulares Projekt vor allem, wo auch auf Gleichberechtigung der Frauen zum Beispiel sehr großen Wert gelegt wurde, viele Spitzenpositionen wurden von Frauen besetzt in Afrin, so fallen lässt, damit anschließend eine Dschihadisten-Armee, die sich Freie Syrische Armee nennt, in diese Stadt und Region einfällt, das erweckt kein Verständnis bei uns.

"Eine Verflechtung, die das Land stabilisiert hat"

Engels: Die Verflechtung zwischen YPG und der verbotenen, hierzulande auch als Terrororganisation eingestuften Organisation PKK sieht aber nicht nur die Türkei so, sondern auch viele Experten, die der türkischen Regierung nicht nahestehen.

Basar: Die Verflechtung kann sich ja durchaus daraus ergeben, dass die Menschen in der YPG im Norden Syriens ja eine Kraft gesehen haben, die das Land stabilisiert hat. Sie müssen sehen, dass Afrin und die Gegend in einem bürgerkriegsgebeutelten Land wie Syrien eine der sehr, sehr wenigen sicheren Regionen war, in die auch zahlreiche Menschen geflohen sind. Und im Übrigen haben in der Region Afrin, wo die YPG über einige Jahre jetzt eine Selbstverwaltung aufgebaut hat, amerikanische Soldaten und russische Soldaten ihre Militärbasen gehabt. Es ist doch wirklich sehr fraglich, dass russische und amerikanische Soldaten zugleich, Armeen zugleich ihre Basen in einer, von einer terroristischen Organisation letztendlich verwalteten Region haben und teilweise oder nicht nur teilweise, die Amerikaner sogar sehr intensiv mit dieser Organisation gemeinsam den IS bekämpfen. Das stellt doch unsere gesamte Werteordnung dann auf den Kopf.

Engels: Herr Basar, Sie haben mehrfach jetzt betont, Afrin sei sehr stabil und auf Frieden ausgerichtet gewesen. Wie passt dazu, dass jetzt aus Kurdengruppen zu hören ist, dass man sich auf eine Guerilla-Taktik in der Region vorbereitet? Bleiben die Menschen dort auf Dauer nicht erst recht in einer Kampfzone?

Basar: Die Alternative wäre ja, sich kampflos, so gut wie kampflos aus der Region zurückzuziehen. Aber Sie müssen auch hier ein Stück weit die Perspektive der Kurden noch mal anschauen. Die Kurden haben kein Rückzugsgebiet. Sie sind im Süden in einem arabischen Gebiet und im Norden in einem türkischen Gebiet. Wohin sollen sich also Kurden, deren angestammte Heimat nun mal Afrin ist, zurückziehen, ohne dauerhafte Diskriminierung, dauerhafte Ausgrenzung und dauerhafter letztendlich Verfolgung ausgesetzt zu sein?

"Europa kann eine Mediatorenrolle übernehmen"

Engels: Also haben Sie Verständnis für fortgesetzte Kämpfe?

Basar: Die Menschen müssen um ihre Heimat kämpfen. Aber eins ist auch klar: Zivilisten dürfen hier nicht zu Schaden kommen und man darf auch Afrin nicht den Dschihadisten überlassen. Das, glaube ich, ist auch ganz im Sinne Europas, dass man hier sehr schnell stabile Verhältnisse schafft. Im Übrigen kann Europa auch hier wesentlich stärker eine Mediatorenrolle übernehmen und diese Kämpfe sehr schnell verkürzen oder beenden, indem man ein deutlicheres Signal Richtung Ankara sendet und eine demokratische Selbstverwaltung im Norden Syriens auch wieder einfordert und auch etabliert.

Engels: Deutsche Innenpolitiker, um noch einen kleinen Schwenk zu machen, warnen seit einiger Zeit davor, dass sich auch aufgrund der Entwicklung in Afrin Teile der kurdischen Gemeinschaft hier in Deutschland radikalisieren könnten. Der Parlamentarische Staatssekretär im Innenministerium Maier warnt sogar davor, sie könnten sich mit linksextremistischen Gruppen zusammentun. Teilen Sie seine Sorge?

Basar: Das wäre in der Tat eine sehr unheilige Allianz, denn die Bundesrepublik Deutschland ist die zweite Heimat vieler Kurdinnen und Kurden geworden. 1,2 Millionen Kurdinnen und Kurden leben in diesem Land, haben hier Zuflucht gefunden und Schutz gefunden. Wir als die Kurdische Gemeinde Deutschlands appellieren daher immer wieder auch an die kurdische Bevölkerung, sich nicht instrumentalisieren zu lassen und nicht ihr politisches Engagement für Menschenrechte und Demokratie auf dem Rücken des deutschen Staates auszutragen.

Denn in diesem Land haben wir den Schutz und die Sicherheit gefunden, die wir in den Heimatländern, in den Herkunftsstaaten nicht hatten, und wir sind daher sehr dankbar dafür und wollen uns als konstruktive Bürgerinnen und Bürger hier einbringen, die natürlich die Entwicklungen in Kurdistan immer im Blick haben und sich auch gerne dafür einsetzen, dass Demokratie nicht nur bei uns, wo wir leben, sondern auch dort, was wir zurückgelassen haben, herrscht. Daher können wir nur appellieren an die Kurdinnen und Kurden, friedlich zu bleiben und auf demokratischem Wege ihre Rechte wahrzunehmen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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