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StartseiteEuropa heuteEine Stadt will nicht mehr Opfer sein08.07.2019

Kriegsschauplatz Vukovar in KroatienEine Stadt will nicht mehr Opfer sein

Vukovar an der Grenze zu Serbien wurde im kroatischen Unabhängigkeitskrieg fast vollständig zerstört. Heute beschwören kroatische Politiker die Stadtbewohner als Helden und Opfer dieses Krieges gleichermaßen. Vor allem die junge Generation kämpft gegen den Opferstatus.

Von Grit Eggerichs

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Voller Einschusslöcher - so sehen noch 20 Jahre nach Kriegsende viele Gebäude im kroatischen Vokuvar aus (Grit Eggerichs / Deutschlandradio)
So sehen 20 Jahre nach Kriegsende noch viele Gebäude in Vukovar aus. Eine Zeitlang überlegte man, die Stadt so zu lassen - als Mahnmal. (Grit Eggerichs / Deutschlandradio)
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"Vukovar ist nicht nur Opfer, sondern auch Heldenstadt – Vukovar ist ein Symbol für die Auferstehung unseres lieben Kroatiens. Die wichtigste, aber schmerzlichste Geschichte unserer lieben Heimat wurde hier in unser aller Seelen eingeschrieben und besonders in die deiner Bürger, liebes Vukovar, in deine verwundeten Mauern und die mächtige Donau."

200 Meter vom Theater entfernt auf dem Franjo-Tuđman-Platz laufen die Vorbereitungen für das Stadtfest – mit Folkloregruppen aus ganz Kroatien, Livemusik und Shows auf zwei großen Freilichtbühnen. Eine ganze als Erdbeeren verkleidete Grundschulklasse läuft vorbei.

Der frühere Reichtum kam nie wieder

Die Direktorin des Europahauses Dijana Antunović-Lasić ist auf dem Weg zu einem Empfang.

"Vukovar war ein Anziehungspunkt vor dem Krieg, es war ein Wirtschaftszentrum, wir hatten die Industrie hier, es war eine reiche Gegend, es gab Arbeit. Die Kleinbauern von der anderen Donauseite kamen her, um ihr Gemüse auf dem Markt zu verkaufen. Vukovarer fuhren mit der Fähre ans andere Ufer, um drüben Freunde zu besuchen. Das ist natürlich vorbei."

Heute verläuft die Grenze zu Serbien in der Mitte des Flusses – eine EU-Außengrenze, die von der kroatischen Grenzpolizei massiv gesichert wird. Die einzige Fähre, die hier zwölf Jahre nach Kriegsende erstmals wieder fuhr, mussten die Behörden einstellen.

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Slawonien in Kroatien - Nicht nur Hinterland".

"Die Niederlande haben uns einige Jahre nach dem Krieg eine Fähre gespendet. Die konnten wir benutzen. Also nicht jeder, nicht du. Nur Leute, die im Umkreis von 30 Kilometer wohnten. Das war eine gute Sache, aber wenn wir dem Schengenraum beitreten, geht das nicht mehr. Darauf bereiten wir uns im Moment vor. Und so wurde die Fähre wieder eingestellt."

"Die Jüngeren wollen diesen Opferstatus nicht mehr"

Dijana ist ethnische Kroatin und mit einem Serben verheiratet – ihr Mann gehört zu den gut 30 Prozent der serbischen Stadtbevölkerung. Sie leitet das Europahaus – nach dem Ende des Krieges lange Zeit der einzige Ort in der Stadt, an dem Serben und Kroaten zusammenkamen.

Das Nachbarschaftszentrum wurde vor fast 20 Jahren gegründet. Es sollte die Bürgerinnen und Bürger auf die europäische Integration einstimmen und sie im Beitrittsprozess zur EU unterstützen.

"Aber in dieser Zeit war Vukovar noch eine total kaputte Stadt, der Wiederaufbau war im Gange. Die Leute waren traumatisiert, und eigentlich wollten sie nichts von der EU hören."

Deshalb startete das Europahaus mit Angeboten für Traumatherapien und einem Selbsthilfeprogramm. Die Kurse laufen noch heute. Europäische Integrationsarbeit besteht in Vukovar vor allem darin, grenzüberschreitende Jugendtreffen zu organisieren und Spannungen zu überwinden. Die Lokalpolitik ist dabei nicht immer hilfreich, sagt Dijana.

"Der Schwerpunkt liegt immer auf dem Negativen, wenn es darum geht, öffentlich zu erklären, wie es uns hier geht. Wir waren und sind das Opfer! Und das bremst uns einerseits. Andererseits ist es natürlich wahr: Die Vukovarer haben sehr gelitten. Aber die Jüngeren haben es jetzt satt. Die wollen diesen Opferstatus nicht mehr."

Fokus auf Vergangenheit und Märtyrerrolle

Nach dem Krieg diskutierten wechselnde Stadtregierungen, ob Vukovar nicht als Freilichtmuseum des sogenannten Heimatkrieges belassen werden sollte, wie es war: Eine in Schutt und Asche gelegte Stadt. Schließlich hat man sich dagegen entschieden und stattdessen in den Wiederaufbau investiert. Aber von intakten Gebäuden kann man nicht leben, sagt Dijana.

"Die Regierung investiert seit 20 Jahren eben lieber ins Küstenland als in diese Gegend. Dabei gäbe es hier so viele Möglichkeiten: Wir haben die Donau, die Europa mit anderen Ländern verbindet. Wir haben sehr fruchtbaren Boden. Das hier war die Kornkammer Jugoslawiens und könnte es auch für die Republik Kroatien sein."

Bei der Festveranstaltung im Theater läuft unterdessen ein Imagefilm der Stadt. Minutenlang werden Kriegsszenen, Soldatenaufmärsche und die weißen Kreuze der Gefallenengräber gezeigt. Wie die Region sich wirtschaftlich wieder erholen könnte, ist kein Thema. Stattdessen betont der Premierminister in seiner Rede immer wieder die große Bedeutung Vukovars als Märtyrerstadt.

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