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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDer Preis der "indischen Ideologie"24.03.2014

Kritik an GandhiDer Preis der "indischen Ideologie"

Säkulare Demokratie und hinduistischen Chauvinismus sind zwei Pole, zwischen denen das Bild Indiens changiert. Der Westen bevorzugt die Metapher der "größten Demokratie der Welt". Der britische Historiker Perry Anderson übt in seinem neuesten Werk scharfe Kritik am modernen Indien und vor allem am Nationalhelden Mahatma Gandhi.

Von Sabina Matthay

Ein alter Rikscha-Fahrer zieht seine Rikscha mit einem Fahrgast durch eine Straße Kalkuttas, dahinter steht ein gelbes Taxi. (epa / Piyal Adhikary)
Wohin steuert das moderne Indien? (epa / Piyal Adhikary)
Weiterführende Information

Heiratsverbot und Sklavenarbeit in Indien (Deutschlandfunk, Hintergrund, Archiv, 14.02.2013)

Gandhis letztes Aufbäumen in Südafrika (Deutschlandfunk, Kalenderblatt, 06.11.2013)

Kurz und streitbar ist diese Betrachtung der jüngeren indischen Geschichte. Perry Anderson rechnet ab mit dem heute beliebten Klischee, dass Indien ein glänzendes Beispiel für Demokratie, Säkularisierung und Einheit sei. Zugleich ist sein Buch ein Angriff auf die vorherrschende Ansicht des liberalen intellektuellen Indiens. Hier nämlich wird vor allem die "Indische Ideologie" propagiert, die dem rasanten Aufschwung des diktatorisch regierten Chinas unbedingt eine postkoloniale liberale Erfolgsgeschichte entgegensetzen möchte. Das Indien der Gegenwart, hält Perry Anderson dagegen, wird dem Bild von der größten, vielfältigsten, säkularen Demokratie keineswegs gerecht, nach seiner Analyse ist das Land einem hinduistischen Chauvinismus verhaftet, der sich in religiös ausgerichteten Parteien und im Festhalten an einem vorsintflutlichen Kastenwesen manifestiert.

"Welchen Preis hat man für die Einheit der Nation entrichtet? Die indische Ideologie - ein nationalistischer Diskurs in einer Zeit ohne nationalen Befreiungskampf gegen einen äußeren Gegner, einer Zeit, da die weiterhin existierende Unterdrückung eine innere ist - vermeidet und verdunkelt derartige Fragen."

Gandhi - ein Autokrat

Diese Verwerfungen führt der marxistische Historiker auf die Entstehung des modernen indischen Staates zurück. In drei Kapiteln, die zuerst als Essays in der "Times Literary Review" erschienen sind, setzt Anderson sich mit der Geschichte Indiens seit der Unabhängigkeit 1947 auseinander und mit den Persönlichkeiten, die sie prägten. Das ist eine ätzende Entlarvung der Kongresspartei und ihrer Ikonen der Unabhängigkeitsbewegung, allen voran Mohandas Karamchand Gandhi und Jawaharlal Nehru. Gandhi beschreibt der Autor als selbstherrlichen Autokraten, der sich zunächst gegen die Unabhängigkeit stemmte, dessen viel gerühmte Taktik des gewaltlosen Widerstands heuchlerisch war und der seine besondere Form der Religion über die Politik stellte.

"Sein religiöser Glaube an sich selbst war felsenfest, von keinem Zweifel oder Einspruch bedroht, und dieser Glaube garantierte, dass am Ende alles, was er sagte, und sei es anscheinend noch so widersprüchlich, eine einzige monolithische Wahrheit bildete, wie die diversen Worte Gottes."

Den Hinduismus betrachtete Gandhi demnach als essenziell indisch, den Islam dagegen, den Eroberer vor Jahrhunderten nach Indien getragen hatten, als fremd. Das hinderte ihn Anderson zufolge aber nicht daran, die Muslime zu instrumentalisieren, wenn es ihm passte. Perry Anderson stellt dar, dass der Einsatz für soziale Gerechtigkeit, der Klassenkampf gar, der "Großen Seele" ein Graus war. Am Kastenwesen rüttelte der Mahatma nicht. Gandhi drohte sich gar zu Tode zu fasten, um Unberührbaren eigene Wahllisten zu verweigern, weil sonst die zahlenmäßige Überlegenheit der Hindus gegenüber den Muslimen gefährdet gewesen wäre. Auch Jawaharlal Nehru, Indiens ersten Premierminister, entzaubert Anderson. Der andere Säulenheilige der indischen Nation - ein mittelmäßig gebildeter Snob der Oberschicht, ohne echte eigene Ideen, der Gandhi in kindhafter Abhängigkeit verbunden war.

"Solange er im Umkreis der Kongresspartei agierte, konnte Gandhi darauf zählen, dass Nehru ihm nie den politischen Widerspruch eines erwachsenen Mannes entgegensetzen würde, während Nehru umgekehrt als Gandhis Favorit damit rechnen konnte, alle Rivalen um die Führung der Partei auszustechen und nach der Unabhängigkeit das Land zu regieren."

Anderson legt Nehru zur Last, dass er sein gutes Verhältnis zur britischen Kolonialmacht benutzt habe, um die muslimische Minderheit Indiens zu verunsichern und die Tradition politischer Erbhöfe zu etablieren, unter der Indien bis heute leidet. Und Nehru sei verantwortlich für den Kaschmirkonflikt, der ebenfalls weiter schwelt und das Verhältnis zu Pakistan vergiftet.

Mit Sympathie begegnet der Autor dagegen Bhimrao Ambedkar, dem Anführer der Unberührbaren und hauptsächlichen Gestalter der indischen Verfassung. Doch im Kern liefert Andersons Buch vor allem eine Diagnose der Missstände Indiens, basierend auf den ideologischen Biografien der beiden führenden Politiker, die den Anfang der indischen Nation prägten.

Klischee des toleranten Hinduismus

In Indien stieß Perry Andersons Buch vor allem auf ablehnende Reaktionen, die das Tabu der Kritik an den Säulenheiligen der Nation in Indien anschaulich belegen. Doch Perry Anderson liegt richtig, wenn er die Kasuistik jener tadelt, die die verstörenden Widersprüche und den tief verwurzelten Konservatismus des Mahatma Gandhi zu beschönigen versuchen. Seine Kritik an den Plattitüden über die angeblich tolerante und vereinheitlichende Natur des Hinduismus ist ebenso treffend wie seine Skepsis angesichts des indischen Anspruchs, eine postkoloniale Demokratie zu sein, die völlig frei ist von Unterdrückung und Ausgrenzung.

Die anhaltende Krise in Kaschmir, der jahrzehntealte maoistische Aufstand in weiten Teilen des Landes, die separatistischen Bewegungen im Nordosten und die Tatsache, dass Indien darauf mit Ausnahmegesetzen und Militäraufgebot reagiert, widersprechen dieser Fiktion. Man hätte sich gewünscht, dass der Marxismus-Kenner Perry Anderson die Missstände Indiens nicht nur an den persönlichen Mängeln der Gründer der Unabhängigkeitsbewegung abprüft, sondern auch eine strukturelle Analyse von Wirtschaft, Institutionen und gesellschaftlichen Gruppen bietet. Doch Anderson räumt auf mit historischen Unwahrheiten und Mythen, die Lektüre von "Die Indische Ideologie" lohnt sich allemal.

Sabina Matthay/Perry Anderson: Die indische Ideologie. Berenberg Verlag, 192 Seiten, 22 Euro, ISBN: 978-3-937-83470-2.

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