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StartseiteEssay und DiskursZum Verhältnis von Künsten und Medien13.10.2019

Kritik im Zeitalter der DigitalisierungZum Verhältnis von Künsten und Medien

Kulturrezeption findet heute im Internet statt, jeder hat eine Stimme, auch der Laie ist ein eigenmächtig auftretender Kritiker. In der Praxis der Kritik haben numerische Bewertungssysteme und die von Suchmaschinen angelegte Logik die klassische Kulturkritik verändert.

Von Mercedes Bunz und Corina Caduff

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Eine Mauer auf die "All we need ois more likes" gesprayt wurde (unsplash ( Daria Nepriakhina))
Sehnsucht nach digitaler Anerkennung (unsplash ( Daria Nepriakhina))
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Die Geschichte der Medien im Sinne der Eigenlogik medialer Hardware wurde von Friedrich Kittler als prägend für die Diskursgeschichte beschrieben. Inspiriert davon lassen sich vergangene und gegenwärtige Kritikverständnisse vor dem Hintergrund der Digitalisierung beschreiben: als eine in der Software von Suchmaschinen angelegte Logik, welche die Praxis der Kritik im Zeitalter der Digitalisierung als eine heitere oder affirmative besonders stark beeinflusst, schreibt Mercedes Bunz in ihrem Essay.

Aufmerksamkeit ist in der Mediengesellschaft eine omnipräsente und zugleich bedrohte Ressource, um die heute hart gerungen wird. Im künstlerischen Bereich ist der Wunsch nach Aufmerksamkeit und Anerkennung seit jeher zentral: Künstlerinnen und Künstler schreiben sich in der Regel mit Leib und Seele in ihre Werke ein und identifizieren sich stark mit diesen, was einen hohen Bedarf nach anerkennenden Worten mit sich bringt.

Das digitale Medienzeitalter hat nun aber numerische Bewertungssysteme sowie Rankings ohne Ende hervorgebracht, die das inhaltliche Argument ersetzen. Dieser mediale Umbruch stellt das künstlerische Bewusstsein vor neue Herausforderungen, stellt Corina Caduff in ihrem Essay dar.

Mercedes Bunz, Kulturwissenschaftlerin und Journalistin, schreibt über das Internet und Digitale Medien. Sie war unter anderem tätig für "Tagesspiegel", "Spiegel Online", "DeBug", "Telepolis", "Guardian" und andere. Seit 2018 ist sie Senior Lecturer in Digital Societies am King’s College London.

Corina Caduff, Vizerektorin sowie Literatur- und Kulturwissenschaftlerin an der Hochschule der Künste Bern. Neben Regie- und Dramaturgieassistenzen am Theater war sie Redakteurin bei Radio DRS 2, Gastprofessorin, Privatdozentin und Gastwissenschaftlerin unter anderem in Zürich, Berlin, Wien.


Moderation: Heute geht es in Essay und Diskurs um "Kritik im Zeitalter der Digitalisierung". Kulturrezeption findet heute im Internet statt. Das Internet hat die Kritikkultur verändert, und das nachhaltig, schon seit vielen Jahren. Jeder Nutzer hat eine Stimme, auch der Laie ist ein eigenmächtig und eigenverantwortlich auftretender Rezipient und beurteilt aus seiner Sicht, in seiner Lesart, hat eine individuelle Meinung.

"Der zeitgenössische Kulturpublizist tritt als Diskursproduzent und als Weitererzähler flüchtiger Wahrnehmung auf…", schreibt Ruedi Widmer im Buch "Laienherrschaft", das 2014 erschien, und weiter: "…oder einfach nur als subjektiver Leser mit Meinung." Geltung ist also relativ, je nach Filter oder Blase.

In der Praxis der Wahrnehmung von Kritik spielen Algorithmen und die von Suchmaschinen angelegte Logik eine große Rolle. Die Bewertungen und Rankings ersetzen dort das inhaltliche Argument der klassischen Kritik.

Selbstverständlich pflegen die klassischen Medien in Zeitungsfeuilletons und Radio‑Kulturberichterstattung weiterhin ein Kritikverständnis, das eine etablierte Autorität der Meinung über Literatur, Musik, Kunst in den Mittelpunkt stellt. Aber dieses Verständnis von Kritik ist jedenfalls bei weitem nicht mehr das einzige.

Im Zuge des medialen Umbruchs der Kulturkritik sieht sich auch das künstlerische Bewusstsein vor neue Herausforderungen gestellt. Aufmerksamkeit ist für Kulturschaffende eine wichtige Ressource, um die heute hart gerungen wird. Künstlerinnen und Künstler schreiben sich in der Regel mit Leib und Seele in ihre Werke ein und identifizieren sich stark mit diesen, was einen hohen Bedarf nach Anerkennung mit sich bringt. Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Corina Caduff stellt in ihrem nun folgenden Essay dar, welche Folgen in der digital gewordenen Mediengesellschaft das Ringen um die Aufmerksamkeit für Künstlerinnen und Künstler hat.

Dieser Essay von Corina Caduff, die an der Berner Fachhochschule lehrt, stammt aus dem bereits erwähnten Band über die "Laienherrschaft" der Kritik. Anschließend präsentieren wir aus demselben Band den Text der Journalistin und Kulturwissenschaftlerin Mercedes Bunz über die historische Wendung der Kritik zur positiven Empfehlungskultur. Beide Essays stammen aus dem Jahr 2014, gemessen an digitalen Zeiten schon ewig weit zurückliegende Blicke auf das Verhältnis von Künsten und Medien. Und doch haben beide einen Fokus, den es auch heute lohnt, noch einmal scharf zu stellen.

Hören Sie den Essay zu "Kränkung und Anerkennung im digitalen Medienzeitalter am Beispiel der Literatur".

Kränkung und Anerkennung im digitalen Medienzeitalter am Beispiel der Literatur

Von Corina Caduff

Es ist bekannt: Das klassische Feuilleton schrumpft, der Raum für traditionelle Rezensionen von Büchern, Premieren und Ausstellungen ist eng geworden, disziplinäre Fachkompetenz wird durch sogenanntes Generalistentum verdrängt, und der Trend zur Kurzform (Tipps) hält an. Gleichzeitig bilden sich im Internet mittels der technologischen Möglichkeiten zur Communitybildung interessenbezogene Klein- und Kleinstöffentlichkeiten heraus sowie numerisch geprägte Bewertungssysteme, die das inhaltliche Argument substituieren. Dieser doppelte Umbruch bedeutet eine neue Herausforderung für den Umgang mit Kränkung und Anerkennung. Ausschlaggebend für den Vollzug von Kränkung und Anerkennung ist der Faktor Aufmerksamkeit: Wird diese gewährt und positiv zum Ausdruck gebracht, erfährt man Anerkennung; wird sie einem hingegen verweigert, kann das kränkend sein. Die aktuelle Medienlage ist geprägt von Gier nach Zuwendung.

Der Kampf um die Aufmerksamkeit des Publikums

Das Schlagwort der "Ökonomie der Aufmerksamkeit" (Georg Franck) fasst Aufmerksamkeit als eine zentrale Ressource, um die in der neuen Mediengesellschaft hart gerungen wird: Die neuen Medien verkaufen nicht mehr, wie es einst die alten taten, die Information an und für sich, die ja schon längst umsonst zu kriegen ist. Gemessen und an die Werbeindustrie (weiter)verkauft wird vielmehr die Aufmerksamkeit des Publikums. Dieser Paradigmawechsel betrifft in der interaktiven Medienlandschaft auch traditionelle Kulturgüter wie zum Beispiel Bücher oder Konzerte: Der Literatur- und Kulturbetrieb, so Franck, folgt der aktuellen Medialisierung insofern, als "die Aufmerksamkeit die Rolle der Währung übernommen [hat]. Die Einheiten der Währung heiβen Auflage, Quote, Besucherzahl."

Im Zuge dieser Veränderungen – die notabene insbesondere bei konservativen Medien eine Öffnung des Kulturbegriffs in Richtung Alltagsbereiche und Popkultur stark forcierten – verschwinden traditionelle Diskursmuster der Kritik aus den Feuilletons, zugleich konzentriert sich die mediale Aufmerksamkeit auf immer weniger Personen. So gibt es beispielsweise im nach wie vor überbordenden belletristischen Angebot mehr und mehr Romane, die lediglich ein- bis zweimal besprochen werden; im schlimmsten Fall erscheint überhaupt keine Rezension. Der literarischen Produktion tut diese Entwicklung allerdings keinen Abbruch, im Gegenteil: Die Teilnehmerzahlen bei literarischen Wettbewerben sind ungebrochen hoch und bei Anfängerwettbewerben gar tendenziell steigend, was in der selbstdarstellerisch erprobten, auf Aufmerksamkeit zielenden Facebook-Generation begründet sein dürfte.

Zustimmung oder Ablehnung vollzieht sich grundsätzlich da, wo Kunst und Kulturbetrieb beziehungsweise Kunst und Medienbetrieb aufeinander prallen: Rezeption, Kritik, Kommentar – das ist der Umschlagplatz für Kränkung und Anerkennung. Im Rahmen des genannten doppelten Umbruchs in der Medienlandschaft – Verschwinden des Arguments, Karriere der Zahl – birgt dieser Umschlagplatz heute verschärfte Voraussetzungen.

Der künstlerische Akt zielt auf Dialog

In der Geschichte der Künste finden sich unzählige Beispiele für Wut und Verzweiflung ob ausgebliebener Aufmerksamkeit: Man ist deprimiert, wenn behördliche oder private Förderinstitutionen für ein eingereichtes Projekt keine Unterstützungsbeiträge gewähren oder wenn Kuratoren ein Werk nicht in eine Ausstellung aufnehmen, man ist frustriert und verzweifelt, wenn man bei einer Preisvergabe nicht berücksichtigt wird oder wenn das Feuilleton eine veröffentlichte Arbeit negativ oder gar nicht rezensiert. Das Ausbleiben von gesellschaftlicher Anerkennung konnte und kann bis zum Suizid führen (wie zum Beispiel der Selbstmordversuch von Schumann oder der Suizid von Kleist). – Weshalb aber ist Anerkennung für kreativ tätige Personen so wichtig?

Kunst bedeutet, die eigene Erfahrung, Wahrnehmung, Reflexion in eine künstlerisch gestaltete Aussage zu transformieren. Man hat den Drang, etwas noch Ungesehenes, Unerhörtes auszudrücken und es verbindlich zu machen. Man hat eine Wahrnehmung, die noch keine gesellschaftliche Form hat und die man erstmals verlautbaren möchte. In diesem Streben sind Künstlerinnen und Künstler mit den Produkten, die sie hervorbringen, von Beginn an zutiefst verwoben. Denn auch wo es sich nicht um autobiografische Akte handelt, ist das Selbst immer noch am und im Werk: "Was immer du schreibst, du gibst etwas von dir selbst preis", sagt der Schriftsteller Siegfried Lenz. In diesem Sinne fungiert jeder kreative Akt immer auch als Akt der Spiegelung: Der Produzent erkennt sich in dem Objekt, das er gerade selber herstellt. In der Anfangsphase sind Künstlerinnen und Künstler, sofern sie nicht arbeitsteilig vorgehen, auf sich allein gestellt, jeglicher Blick der Anerkennung eines anderen bleibt vorerst noch aus. Das einzige, was einen hier spiegelt und damit potenziell Anerkennung birgt, ist das werdende Produkt selbst: Es wertet, wo es zu gelingen scheint, das Selbstgefühl der Kunstausübenden auf, und mit dieser Aufwertung geht in Momenten des Gelingens eine narzisstische, selbstanerkennende Befriedigung einher.

Keineswegs sollte ein solches narzisstisches Gefühl als verwerflich oder egoistisch betrachtet werden, im Gegenteil: Es ist geradezu konstitutiv für kreative Akte, es ist ein Motor des Gestaltungsprozesses. Im Idealfall aber macht die narzisstische Besetzung des Produktionsaktes selbst einen Prozess durch, im Idealfall klingt sie wieder ab, denn sie selbst ist ja nicht Ziel und Zweck der Kunstausübung. Eher ist sie als ein notwendiges Durchgangsstadium des künstlerischen Aktes zu begreifen. Die unfesten Gefühle, die am Ausgangspunkt von Produktionsprozessen stehen und mit denen oft ein prekäres Existenzgefühl einhergeht, können über eine narzisstische Besetzung des werdenden Objektes zumindest zeitweise behoben werden.

Der künstlerische Akt zielt auf Dialog. Wenn das Objekt fertig ist, setzt eine neue Phase ein, jetzt geht es um Aufmerksamkeit, um Anerkennung: Wird das Buch positiv besprochen und gekauft, ist das Konzert gut besucht, finden die Arbeiten in der Galerie eine Käuferin?

Die Identifizierung des Künstlers mit seinem Produkt

Entscheidend für die Kränkung durch negative oder ausbleibende Kritik sind insbesondere zwei Momente: die Öffentlichkeit der Kritik, und die Identifizierung des Künstlers mit seinem Produkt.

Das Kunstprodukt enthält immer auch Verweise auf die Person des Künstlers, es behält Spuren von dessen Selbst, es zeugt von "schlaflosen Nächten, Wunden, Asthma und Krämpfen" (Proust), es birgt den Kampf der Entstehung, auch wenn dieser für den Betrachter nicht mehr zu lesen ist: "Wir würden schreckliche Dinge erfahren, wenn wir bei allen Werken bis auf den Grund ihrer Entstehung sehen könnten." (Schumann) Tatsächlich identifiziert sich der Künstler in beträchtlichem Ausmass mit seinen Produkten, und genau diese Identifizierung macht so anfällig: Weist jemand mein Werk zurück, so weist er mich zurück.

Wie eng beieinander Kränkung und Anerkennung liegen, zeigt etwa der jährlich live von 3sat übertragene Ingeborg Bachmann-Wettbewerb, bei dem über ein Dutzend Schriftstellerinnen und Schriftsteller im Laufe mehrerer Tage nacheinander aus ihren Texten lesen, die jeweils anschlieβend von den Jurymitgliedern öffentlich diskutiert und bewertet werden. Jeder Autor – vor seinem Auftritt beworben mit einem eigens produzierten Video-Porträt – hat die Möglichkeit vor Augen, als preisgekrönter Sieger aus diesem Wettbewerb hervorzugehen und dabei von Tausenden Zuschauerinnen und Zuschauern live gesehen zu werden. Diese Vorstellung kann aber jäh kippen, das anfängliche Anerkennungsgefühl – "ich bin eingeladen", "ich nehme in Klagenfurt teil" – kann sich sturzartig in Kränkung verwandeln, wenn sich eine Jurorin nach der anderen negativ äuβert. Dabei kann gerade das Fernsehen, das die Anerkennung und die Aufregung zunächst verstärkte, nun die Kränkung ihrerseits noch schlimmer machen. Je renommierter das Medium, je gröβer seine Reichweite, desto gravierender ist die öffentliche Bezeugung eines Misserfolgs. Etliche Schriftstellerinnen und Schriftsteller haben eine erfolglose Teilnahme in Klagenfurt nicht einfach nur als temporäre Kränkung, sondern als lang anhaltende literaturbetriebliche Traumatisierung erfahren.

Der Einzelautor verkommt zur Staffage im Literaturbetrieb

Schriftstellerinnen und Schriftsteller werden im aktuellen Literaturbetrieb wie in Klagenfurt zu Betriebsmaterial degradiert, indem man ihnen im fixen Setting eine so eng gefasste Rolle zuweist, dass sich ernsthafte intellektuelle Anliegen kaum mehr Ausdruck verschaffen können; dies ist etwa auch der Fall beim Event "Zürich liest" oder an der Leipziger Buchmesse, wo Hunderte von Lesungen innerhalb weniger Tage heruntergespult werden und bei denen der Einzelautor zur Staffage verkommt. Der anhaltende Dauerzwang zur Eventisierung trägt dazu bei, dass die allgemeine Aufmerksamkeit sich bei einigen wenigen 'Stars' einpendelt, während das Gros der weiteren Beteiligten marginalisiert wird. Groβverlage fördern solche Tendenz zum Mainstream heute unter anderem mit einer Gewinnbeteiligung von Lektorinnen und Lektoren, das heißt diese geben ihr Okay zu Manuskripten, die besonders verkaufsträchtig erscheinen.

Gezählt werden beispielsweise die Buchverkäufe bei Amazon: Mit jedem verkauften Exemplar ändert sich der Bestseller-Rang. Andere Anbieter führen ähnliche Rankings. Zählbar sind auβerdem Kundenrezensionen sowie die Anzahl von deren positiven oder negativen Bewertungen. Solch transparente Formen der quantitativen Evaluation betreffen nicht nur Künstlerinnen und Künstler, sondern auch Anbieter von anderen Produkten. Sie provozieren den Anschein direkter Vergleichbarkeit, durch welche der Vollzug von Kränkung und Anerkennung angestachelt wird. Gerade wenn einem eine bestimmte erhoffte Anerkennung versagt bleibt, dann nimmt man sehr genau wahr, wer sie denn sonst erhält – "warum die und nicht ich?"; "warum der, wo ich doch viel geeigneter wäre?" Es ist eine der giftigsten Eigenschaften von solcher Kränkung, dass sie ein riesiges Potenzial von Neid in sich birgt. Hierzu tragen nicht nur die Angaben der Bestsellerränge bei; mit Hilfe der Abrufstatistik von Wikipedia-Seiten beispielsweise kann jeder Schriftsteller sehen, wie oft seine eigene Website aufgerufen wird und wie oft diejenige seiner Kolleginnen und Kollegen.

Die neidgetriebene Beobachtung von Kolleginnen und Kollegen ist keineswegs neu. Im Zeitalter des Internets jedoch wird sie nicht nur unterstützt, sondern geradezu provoziert durch die frei zugänglichen digitalen Aufzeichnungsstatistiken; diese nicht dauernd aufzurufen und sich von den verfügbaren Informationen nicht verleiten zu lassen, erfordert ein von solchen Vergleichswerten unabhängiges Selbstverständnis.

Die Wirkung numerischer Bewertungssysteme und die narzisstische Verführbarkeit 

Numerische Bewertungssysteme, wie sie das Netz erzeugt, stellen zudem die narzisstische Verführbarkeit jeden Tag aufs Neue auf die Probe, denn sie schreien buchstäblich nach Manipulation, was natürlich auch den Bereich der Künste betrifft. Erscheinen beispielsweise positive Rezensionen in Radio oder Fernsehen und werden diese im Internet gepostet, so kann die Anzahl von "Views" ohne Weiteres manipuliert werden. Eine andere Strategie der Täuschung manifestieren die interessegeleiteten Kundenrezensionen: Einzelne Verlage ersuchen ihre Autoren systematisch darum, im Freundeskreis positive Amazon-Rezensionen zu rekrutieren. Ebenfalls anzuführen sind die Autoren selbst, die unter Pseudonym ihre eigenen Bücher besprechen, und hinzu kommen Negativkritiken, die man zu Produkten von Konkurrenten schreibt, um diese gezielt zu schädigen. Amazon selbst antwortet auf eine Anfrage zu diesem Problem, dass es sich um "interne Vorgänge" handle und daher keine weiteren Informationen erteilt werden könnten. Die technischen Möglichkeiten des Internets fordern richtiggehend dazu auf, manipulierend in Rezeptionsakte einzugreifen. Der Aufmerksamkeit heischenden Selbstvermarktung im Netz leistet eine Vielzahl von Anbietern Vorschub, die beispielsweise "Likes" oder "Freunde" verkaufen.

Verallgemeinerung von Kreativität und Kränkung im Medienzeitalter

Mit der Etablierung des neuen Medienzeitalters hat sich im Künstesystem ein Wertewandel vollzogen. Der traditionelle Diskurs der Künste behauptet die Unabhängigkeit der künstlerischen Produktion vom Markt. Aktuell jedoch verwischt sich diese Abgrenzung zusehends, was tendenziell für ältere, in den Nachkriegsjahrzehnten geborene Schriftsteller und auch für andere Künstler eine besondere Herausforderung darstellt. Manche von ihnen verfolgen gezielte Strategien, um ihre Produkte im Internet gut zu positionieren, etwa indem sie vermehrt die Unterstützung von IT-Experten beanspruchen, das heißt sie beteiligen sich aktiv an der Jagd nach einer Aufmerksamkeit, die sich im Vergleich zu früheren Zeiten weniger substanziell artikuliert und die auch weniger dauerhaft ist, sodass sie immer wieder aufs Neue gesichert werden muss. Andere, auch jüngere, halten sich hingegen bewusst abseits und behaupten so weiterhin die Trennung von künstlerischer Autonomie und Markt.

Die hohe Kränkungsanfälligkeit von Künstlern liegt grundsätzlich in der Spezifizität von künstlerisch-gestalterischen Produktionsprozessen begründet. Im aktuellen Medienzeitalter jedoch ist solche Kränkung und Anerkennung verallgemeinbar geworden: Jeder kann heute seine Videos, Fotos oder Texte posten und darauf hoffen, dass andere dafür Interesse bekunden, und jeder muss selbst fertig werden damit, wenn er dabei nicht beklatscht wird. Damit ist ein neuartiges Kränkungspotenzial auch für all jene kreativen netz-aktiven Personen eröffnet, die kein künstlerisches Selbstverständnis haben, weil sie keinem künstlerischen Werkbegriff folgen. Somit löst sich der dargelegte Zusammenhang von Kreativität, Kränkung und Anerkennung aus dem konventionellen Kontext der Künste heraus und schwappt hinüber in eine Gesellschaft, in der der kreative Akt allgemein geworden ist.

Moderation: Das war Corina Caduffs Essay zu "Kränkung und Anerkennung im digitalen Medienzeitalter am Beispiel der Literatur". Gelesen von Frauke Poolmann.

Der Text stammt aus dem Band "Laienherrschaft. Zum Verhältnis von Künsten und Medien", herausgegeben von Ruedi Widmer im Jahr 2014.

Das Verhältnis von Künsten, Medien und Kritik beleuchtet auch der zweite Essay in der heutigen Sendung. Er stammt von Mercedes Bunz, Kulturwissenschaftlerin und Journalistin und frühe Beobachterin aller digitalen Themen mit Sitz in London. Sie beschreibt darin, wie die Geschichte der Medien im Sinne der Eigenlogik medialer Hardware vor allem von Friedrich Kittler als prägend für die Diskursgeschichte beschrieben wurde. Inspiriert davon lassen sich vor dem Hintergrund der Digitalisierung vergangene und gegenwärtige Kritikverständnisse beschreiben: als eine in der Software von Suchmaschinen angelegte Logik, welche die Praxis der Kritik im Zeitalter der Digitalisierung als eine heitere oder affirmative besonders stark beeinflusst, schreibt Mercedes Bunz in ihrem Essay "Was ist Kritik im Zeitalter der Digitalisierung" aus dem Jahr 2014, gelesen von Nina Lentföhr.

Was ist Kritik im Zeitalter der Digitalisierung?

Von Mercedes Bunz

Digitalisierung hat die Kritik grundlegend verändert. Ihr Ton ist freundlich und weich geworden, am Beispiel der Kulturpublizistik ist das deutlich zu sehen. Es scheint, dass der Typus des "bissigen Kritikers", ähnlich wie das analoge Medium "Kassettenrekorder", rettungslos aus der Mode gekommen ist. Um das festzustellen, braucht man sich nur einmal Eröffnungsfeiern des Kulturbereiches beziehungsweise die dort anzutreffenden Berufe und Arbeitsverbindungen ins Gedächtnis zu rufen: Es gibt Fotografen und umtriebige Modeblogger, international herumreisende Kunst-Kuratoren, Künstler und Theaterschaffende, Universitätsangestellte, interessierte Journalisten, Jung- und Altverleger, DJs und Musiker, Designer und dann natürlich jede Menge Frauen und Männer, die einfach was mit Medien machen. Und oft macht man Dinge miteinander im gemeinsamen Netzwerk. Das verändert den Tonfall.

Noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war das deutlich anders. Kritik ist zu dieser Zeit Ausdruck der Kultur, mit der sie ins Gericht geht: In der Haltung des Zweifelns tritt die Kultur präzise und bissig sich selbst gegenüber. Beeindruckend kluge Köpfe wie Karl Kraus, Siegfried Kracauer oder Walter Benjamin, aber auch Theodor W. Adorno, Hannah Arendt und später Guy Debord, sie begriffen sich als Kritiker ihrer Zeit. Dies ist jedoch eine Position, die heute nicht mehr auf diese Weise bezogen wird. Bissig ist man heute vor allem auf der dunklen Seite des Internets, als Bully, Stalker oder Troll.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung von Medien für Kritik? Was also ist Kritik heute?

Die sogenannte Eigenlogik von Medien

Die Frage nach der Kritik hat das theoretische Denken namentlich im 20. Jahrhundert stark beschäftigt. Heute definiert der Duden Kritik als "etwas beanstanden" und "bemängeln", also als negative Tätigkeit; wenn man jedoch auf die Genealogie des Wortes blickt, merkt man, dass man Kritik auch schlichtweg, und in einem weitaus neutraleren und analysierenden Sinn, als die "Kunst der Beurteilung" bezeichnen kann. Bei Immanuel Kant ("Kritik der Urteilskraft") oder Walter Benjamin ("Zur Kritik der Gewalt") meint Kritik etwa die Bestandsaufnahme eines begrifflichen Feldes. Hat man damit den Begriff aus seiner zeitgenössischen Umklammerung ein wenig gelöst, gilt es, den medialen Einfluss der Technologie auf den Kulturdiskurs in den Blick zu bekommen.

Der Einfluss der Technologie auf Formen der Publizistik ist vorhanden, aber nicht einfach zu denken. Die sogenannte Eigenlogik von Medien ist den Geistes- und Kulturwissenschaften lange ein rotes Tuch gewesen, mit dem man entweder triumphierend wedelte oder das man apodiktisch verneinend in Grund und Boden treten wollte. Erst heute, im Zeitalter des Anthropozän, in welchem der Mensch zum wichtigsten biologischen, geologischen und atmosphärischen Einfluss auf die Entwicklung des Planeten Erde und die Technologie dem Menschen zur zweiten Natur geworden ist, kann die Frage nach dem Einfluss der Technologie erneut gestellt werden – dieses Mal mit einer Dringlichkeit, die eine tiefere Beschäftigung mit der Frage verlangt: Welche Rolle spielt Technologie für unsere Ordnungen des Wissens? Beziehungsweise in diesem Fall konkreter: Welche Rolle spielen Medien in der Kulturpublizistik, welchen Einfluss haben sie auf Kritik?

In Aufschreibesystemen

Nachdem Friedrich Nietzsche die doch etwas mühselige Bekanntschaft mit einer der ersten Schreibmaschinen gemacht hatte, der dänischen Skrivekugle mit kugelförmig angeordneter Tastatur, schrieb er im Februar 1882 an seinen Sekretär Heinrich Köselitz: "Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken." Ein Satz, den der Medienphilosoph Friedrich Kittler nicht nur in seine umfassende Untersuchung der "Aufschreibesysteme 1800 – 1900" aufnimmt, sondern den man fast als Motto seines Denkens beschreiben könnte. In "Towards an Ontology of Media" hat er ihn geradezu ausbuchstabiert.

Kittler beginnt, seine technische Studie in der Antike und dem Aufschreibesystem "Papyrusrolle". Da die Rolle beim Lesen mit beiden Händen gehalten werden musste und nur umständlich fixiert werden konnte, war der Leser ganz auf einen einzigen Text konzentriert. Erst mit der Bindung von Blättern in Buchform, so Kittler, kann eine wirklich neue Informationsverarbeitung von Text einsetzen: Die Gegenüberstellung verschiedener Schriften kommt auf, und mit diesem Vergleichen eine neue Form philosophischer Argumentation.

Mit Gutenbergs Druckerpresse wechseln dann die vormals handgeschriebenen Gedankengänge abermals ihre Form, denn die Auflage der Bücher erhöht sich. Autoren können deshalb ein Publikum weit über den Kreis internationaler gelehrter Experten hinaus adressieren. Doch dieses größere Publikum nationalisiert paradoxerweise das Denken: Descartes schreibt nicht mehr im international allen Experten verständlichen Lateinisch, erklärt Kittler. In einer ähnlichen Neuorientierung des Schreibens und Adressierens wie vor ihm Luther wendet er sich auch auf Französisch an Laien: seine Landsleute. Als er sich auf die Suche nach dem unhintergehbaren, archimedischen Hebelpunkt des Denkens macht, der als "Cogito, ergo sum" in die Philosophiegeschichte einging, vergisst er absichtlich alle bisherigen Traditionen und Schulen, in deren Neuauslegung man sich bislang als Gelehrter eingeschrieben hat. Als das Drucken immer schneller und einfacher geht, stellt sich auch das philosophische Argumentieren auf größere Schnelligkeit um. Der deutsche Idealist Johann Gottlieb Fichte lässt seine Vorlesung nur als einzelne Pamphlete und nicht als Buch drucken. Er denkt in Abschnitten – tatsächlich ist das fragmentarische Denken eine der spezifischen Formen dieser Zeit, und wird später in der Aphoristik Nietzsches perfektioniert.

Kittler verdeutlicht an diesen historischen Beispielen seine These, die Grundstruktur des Denkens stehe in Verbindung mit dem jeweils angewandten Medium, das deshalb im Sinne einer "Medienontologie" in den Blick genommen werden müsse, das heißt im Sinne einer Neuorientierung der ontologischen Frage, die sich im Zeitalter von allumfassenden Medien wie dem Internet nicht mehr nur mit der Frage nach Präsenz und Sein befassen dürfe. Entscheidend sei nicht nur, philosophisch die Präsenz zu denken, sondern ebenso die Distanz, so Kittler, denn angefangen mit dem Telefon bis hin zu den uns heute kontinuierlich begleitenden digitalen Medien ist man nicht mehr nur hier. Neben dieser Distanz sind es die technischen Merkmale der Computer, welche die Computerarchitekturen und informatorischen Logiken und damit die Ontologie der Medien ausmachen.

Was gut ist wird sichtbar gemacht

Blicken wir also auf die mediale Ontologie des Internets. Sie ist von zwei Aspekten gekennzeichnet: dem Charakter der Vernetzung und damit Verteilung, sowie der einfachen Kopierbarkeit des Digitalen. Tatsächlich findet man beide Elemente technisch miteinander verbunden. Die Vernetzung der Computer ermöglicht, verschiedene Orte miteinander zu verbinden. Verbindung wiederum heißt, die Information eines anderen Ortes aufzurufen, genauer: sie zu kopieren, denn im digitalen Netz geschieht das Senden von Daten per Erstellung einer quasi‑identischen Kopie. Seine technische Einfachheit erlaubt eine neue Dimension von Distribution, welche dazu führt, dass eine digitale Öffentlichkeit aus Webseiten, Blogs und kommunikativen Plattformen im Netz entstehen kann ("Mikroblogging"). Die Vielfalt der mit ihr entstehenden Information wurde einerseits als befreiend, andererseits aber auch als überfordernd empfunden. Um ihr Herr zu werden, entwickelt sich im Internet eine neue Kulturtechnik, die durch Algorithmen gesteuerte Suche nach bestimmten Schlagworten, bei der sich zu Anfang des 21. Jahrhunderts die Technologie der Firma Google durchgesetzt hat.

Da das digitale Umfeld der Kritik sich durch Informationsvielfalt auszeichnet, ist sie stärker als je zuvor dem Wettkampf um Aufmerksamkeit ausgeliefert. Und hier findet man nun einen der Gründe, warum sich der Tonfall der Kritik stark ins Positive verändert.

Die menschliche Aufnahmekapazität ist begrenzt. Wo tendenziell zu viel Information vorhanden ist, lohnt es sich, das Gelungene, Wunderbare oder Erfolgreiche zur Kenntnis zu nehmen – Misslungenes lässt man lieber dem Vergessen anheim fallen. Anders gesagt: Nicht mehr was schlecht ist und beim nächsten Mal verbessert werden sollte, sondern was gut ist und sichtbar gemacht, das heißt gefunden werden sollte, steht im Zentrum der Kritik und der Kultur im digitalen Zeitalter.

Immer noch spielen dabei konkretes Hinsehen, gelungene Argumentation sowie die Arbeit an und mit Sprache eine wichtige Rolle. Auch müssen, wenn man sich in der heutigen Netzwerkgesellschaft als unabhängiger Geist mit einem eigenen Urteil etablieren und behaupten will, berufliche Abhängigkeiten sorgsam abgewogen und kenntlich gemacht werden. Doch wenn dann die heutigen Köpfe in der Kulturpublizistik einen positiven Tonfall anschlagen, heißt das nicht unbedingt, dass sie oberflächlich sind. Die Kunst der Negation sollte man sicher nicht vergessen, doch auch sie hatte positive Tendenzen – Walter Benjamin beschrieb in seinem Aufsatz "Der destruktive Charakter" den Totalkritiker nicht von ungefähr als "jung und heiter". Wenn heute die besten und überzeugendsten der im Netz aktiven Kritiker und Kritikerinnen auf Plattformen ihren Blick sorgsam auf ihr Umfeld richten und Momente und Elemente der Kultur, die sonst übersehen werden könnten, mit der von Benjamin gemeinten Heiterkeit in die Aufmerksamkeit des Publikums rücken, dann stehen sie nicht weniger beeindruckend klug in ihrer eigenen Zeit als ihre bissigen Vorfahren.

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