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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWarum die Coronakrise ein Umdenken erfordert26.11.2020

Kulturwissenschaftlicher DiskursWarum die Coronakrise ein Umdenken erfordert

Corona ist ein Stresstest für unsere Gesellschaft. Die Pandemie hat unsere globalen Abhängigkeiten überdeutlich gemacht. Und sie provoziert neue Weichenstellungen für die Zukunft, die tiefgreifende Veränderungen mit sich bringen werden. Damit beschäftigten sich auch die Geisteswissenschaften.

Von Dörte Hinrichs

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Eine Frau mit Mund- und Nasenschutzmaske fasst sich mit beiden Händen an den Kopf. (Unsplash / Engin Akyurt )
Die aktuelle Krisenerfahrung erfordert ein Umdenken auf vielen Ebenen (Unsplash / Engin Akyurt )
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Der Riss in allem, der das Licht hineinlässt, er ist durch die weltweite Erfahrung der Corona-Pandemie überdeutlich geworden. Eine Krise, die zu ihrer erfolgreichen Bewältigung nicht nur die Expertise von Virologen und Epidemiologen erfordert, sondern auch die zahlreicher anderer Disziplinen. Sie können helfen, Wahrnehmungslücken zu füllen, blinde Flecken zu entdecken oder auch nur längst Bekanntes neu zu erhellen. Auf globaler wie auf individueller Ebene. So beobachten Sozialpsychologen bei uns ganz typische menschliche Reaktionsmuster, seitdem das unberechenbare Virus SARS-CoV-2 unseren bisherigen Alltag radikal verändert hat.

"Die Spannweite reicht gleichsam von besonnener Sorge für sich und andere und solidarischen Umgangsweisen, bis hin zu Bagatellisierung, Verleugnung oder komplementär überbordenden Angstreflexen oder auch Entlastung, gewissermaßen durch Konstruktion von Schuldigen", sagt Vera King, Professorin für Sozialpsychologie und Soziologie an der Universität Frankfurt am Main und Geschäftsführende Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts.

"Das ist etwas, was ganz typisch ist, was man ja auch aus der Geschichte kennt von früheren Seuchen und Pandemien. Dazu gehört zum Beispiel auch das Aufbegehren gegen staatliche oder medizinische Akteure, die den Gesundheitsschutz steuern oder übergreifend verantworten. Auch das ist eine typische Reaktion, die auch etwas zu tun hat mit der Ungewissheit, in der sich alle bewegen, die schwer zu ertragen ist. Also es tritt ja immer wieder sehr eindrücklich hervor in den Reaktionen, wie zum Beispiel die Ohnmacht angesichts eines unsichtbaren Virus, das potenziell jeden anderen zur Bedrohung werden lässt, in Aggression übergeht und zwar Aggression, die dann auf Sichtbares, Identifizierbares verschoben wird."

Ohnmacht provoziert Aggression

Der Zorn über die Ohnmacht und Ungewissheit äußert sich zum Beispiel in Verschwörungserzählungen von bösen Mächten oder Fremden, die das Virus ins Land bringen, so King, oder als "Aggression gegen diejenigen, die sich nicht adäquat verhalten. Die verantwortungslose Jugend, die egozentrischen Älteren".

Solange die Gefahr der Infektion mit SARS-CoV-2 weltweit noch gegeben ist, ist auch die oft verdrängte Konfrontation mit der eigenen Vergänglichkeit virulent. Unsere Verletzlichkeit und die Begrenztheit unseres Lebens werden uns stärker bewusst. Wir müssen uns mit der Unverfügbarkeit der Lebenszeit arrangieren; damit, dass wir nicht alles unter Kontrolle haben können – und dennoch handlungsfähig bleiben. Vera King:

"Die Gegenwartskulturen versuchen, dieser Unverfügbarkeit auf ganz unterschiedlichen Ebenen zu trotzen, durch Beschleunigung, indem sie Zeit zu gewinnen versuchen, um mehr von der Welt zu haben. Und dieses Höher, Schneller, Besser, ist auch ein Motor im ökonomischen Sinn und geht einher mit steter Steigerung und Grenzüberschreitung in allen Dimensionen der Lebenspraxis."

Das Ende vom "ewigen Aufbruch"

Der Club of Rome hat schon vor einem halben Jahrhundert die Grenzen des Wachstums verkündet. Die begrenzten Ressourcen werden verschlissen, und damit die ökologische Lebensgrundlage unserer Nachkommen aufs Spiel gesetzt. Vera King sieht dahinter ein kulturelles Muster, das sie "ewigen Aufbruch" nennt. Die Herausforderung besteht nun darin, Grenzen zu akzeptieren und Krisen zu antizipieren: "Stichwort die ökologischen Krisen, die Klimakrise. Hier hat die Coronakrise etwas sozusagen infrage gestellt. Dieser ewige Aufbruch ist in einem ganz konkreten Sinne gar nicht möglich. Der Lockdown ist sozusagen geradezu das Gegenbild dazu. Und es entsteht jetzt so eine enorme, könnte man sagen, Erschütterung in einem kulturellen Sinne, die noch tiefer geht, glaube ich, als nur die Unzufriedenheit über das, was jetzt alltäglich nicht mehr so ohne Weiteres möglich ist."

Ein Kassiererin arbeitet unter einer Plastikfolie, um sich vor Coronaviren zu schützen. (dpa / Frank Molter)Arbeiten unter Plastikfolie: Mitarbeiter in Supermärkten (dpa / Frank Molter)

Systemrelevante Berufe: Wenig Prestige, wenig Gehalt

Durch die Coronakrise werden auf verschiedenen Ebenen alte Gewissheiten in Frage gestellt. Gleichzeitig kommt bisher Ausgeblendetes plötzlich in den Fokus.

"Viele von uns erleben, dass sich die Arbeitswelt sehr verändert hat. Für diejenigen, die nur noch digital arbeiten, ist auf einmal das Homeoffice die eigene kleine Welt. Und man merkt, was fehlt im Umgang mit Kolleginnen und Kollegen. Und andererseits sind viele derjenigen, die jetzt weiterhin ihrem Beruf nachgehen müssen, zu systemrelevanten Gruppen erklärt worden", sagt Lisa Herzog, Professorin am Zentrum für Philosophie, Politik und Ökonomie der Universität Groningen. "Eine Sache, die sehr deutlich geworden ist, dass viele Formen von Arbeit, die ständig von Neuem ausgeführt werden müssen - in der Pflege, in der Logistik, bei der Versorgung mit Lebensmitteln und so weiter -, dass die keinen besonders hohen gesellschaftlichen Stellenwert haben und auch selten so ins Rampenlicht rücken, aber wir eben doch substanziell davon abhängig sind, dass sie ausgeführt werden. Und das wirft natürlich schon Fragen danach auf: Wie gehen wir damit um, dass unterschiedliche Berufsgruppen so unterschiedlich gut bezahlt werden, aber auch so unterschiedlich hohes Prestige haben? Ist das eigentlich angemessen, wenn man sich vor Augen führt, dass wir letztlich eben all diese Berufe brauchen und besonders diejenigen, die oft als besonders ja wenig qualifiziert und irgendwie wenig prestigereich betrachtet werden?"

Die Philosophin und Ökonomin erkennt in der menschlichen Arbeit mehr als einen Faktor im Produktionsprozess, der einzig auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist. Die neoliberale Marktlogik sieht sie als überholt an.

"Die Krise war einfach nochmal so ein Moment, in dem ein Schlaglicht geworfen wurde auf all diese Verhältnisse. Die Tatsache, dass es da zum Beispiel Leute gibt, die als scheinselbständige Lieferanten ganz wichtige Funktionen erfüllen, aber eben kaum Mitsprachemöglichkeiten haben bei der Gestaltung ihrer Arbeitsverhältnisse. Oder dass andere sehr, sehr schlecht bezahlt werden, obwohl ihre Arbeit wirklich andere Menschen am Leben hält, in der Pflege zum Beispiel."

Forderungen nach einer gerechteren Arbeitswelt

Schon in ihrem 2019 erschienenen Buch "Die Rettung der Arbeit" hat sich Lisa Herzog Gedanken über den gesellschaftlichen Wert von Arbeit gemacht. Damit bei den Entscheidungen für künftige Weichenstellungen nicht nur Ökonomen, sondern auch Sozialwissenschaftler gehört werden, hat sie kürzlich ein Manifest mitinitiiert. Über 3000 WissenschaftlerInnen von 600 Universitäten setzten sich darin für eine demokratischere und nachhaltigere Arbeitswelt ein. Konkret fordern sie:

"Mehr Mitsprache, Demokratisierung, dann eine Dekommodifizierung, also ein Abschwächen der reinen Marktkräfte in Bezug auf die Arbeitswelt, bis hin zur Möglichkeit einer staatlichen Jobgarantie. Und drittens, und das ist was, was bei der ganzen Corona-Diskussion ja oft so ein bisschen im Hintergrund geraten ist: Wir müssen uns auch die Frage stellen, wie die Arbeitswelt kompatibel gemacht werden kann mit einer klimafreundlicheren Wirtschaft, denn diese Krise geht ja nicht weg, nur weil wir gerade eine andere Krise obendrauf haben."

Wiederbelebung und Weiterentwicklung von Genossenschaften

Es geht unter anderem darum, Strukturen gelebter Solidarität und Verantwortung zu etablieren. Deshalb plädiert Lisa Herzog etwa dafür, das Modell der Genossenschaften zu stärken:

"Das Schöne an Genossenschaften ist eben, dass da ein Unternehmen denjenigen, die darin arbeiten, selbst gehört, die haben volle Abstimmungsrechte. Sie tragen natürlich auch das Risiko. Das heißt, das ist nicht unbedingt ein Modell, das für alle Industriezweige gleichermaßen geeignet ist. Aber ich denke, in sehr vielen Bereichen könnten Genossenschaften wirklich ein Schritt vorwärts sein."

Dabei könnte man sich hierzulande zum Beispiel durchaus von Ideen in anderen Ländern inspirieren lassen. Lisa Herzog:

"Was im Moment in den USA ausprobiert wird und wo es schon die ersten wirklich tollen Erfolgsgeschichten gibt, das ist das Modell der Genossenschaft auf Plattform-Firmen anzuwenden. Also zum Beispiel solche Dienstleistungsbetriebe, wo man sich stundenweise Putzkräfte oder sowas mieten kann. Das lässt sich auch als Genossenschaft derjenigen, die darin arbeiten, organisieren. Und dann könne die eben selber bestimmen, wie läuft die Preisgestaltung? Was passiert mit den Daten? Wie geht man damit um, wenn einzelne Mitglieder vielleicht mal nicht so viel leisten können? Fliegen die sofort raus oder können die trotzdem an Bord gehalten werden? All diese Fragen werden dann von den Arbeitenden selber entschieden. Und das finde ich ein sehr spannendes Modell und ich verfolge mit viel Interesse, wie sich das entwickelt."

Menschen mit Masken in der Shinagwa Station in Tokio. (picture alliance / AP Images / Yomiuri Shimbun)In asiatischen Ländern ist Masketragen in Erkältungs-Szenarien normal (picture alliance / AP Images / Yomiuri Shimbun)

"Über Europa hinausdenken"

Der Blick über den eigenen Tellerrand, jenseits nationaler Grenzen gehört zum klassischen Aufgabengebiet der Globalhistoriker. Sie schauen zum Beispiel, wie andere Regionen der Welt in der Vergangenheit mit Pandemien umgegangen sind und inwieweit dieses Erfahrungswissen nun bei SARS-CoV-2 aktiviert werden kann.

"Über Europa hinaus zu denken, führt uns nach Asien. Und da wäre die Antwort auf die Frage, warum in einigen asiatischen Ländern, natürlich nicht in allen - wir wissen, dass Indien, auch Indonesien nicht sehr erfolgreich waren im Umgang mit der Pandemie - aber in Südkorea, in Taiwan, in China, in Vietnam, dort hat man unmittelbar so zeithistorisches Erfahrungswissen aktivieren können, nämlich das der Sars-Epidemie von 2003/2004. Die wir hier nur aus der Distanz wahrgenommen haben, die aber eine große Gefährdung im asiatischen Raum darstellte, dann relativ erfolgreich und schnell eingedämmt werden konnte", sagt Jürgen Osterhammel, emeritierter Professor für Globalgeschichte an der Universität Konstanz. "Und das hat dazu geführt, dass die Alarmglocken in diesen Ländern relativ früh anschlugen, als die ersten Nachrichten über Infektionen offensichtlich ähnlicher Art auftraten. Da haben dann Länder wie Vietnam gewissermaßen ihre Sars-Pläne aus der Schublade gezogen, aktualisiert und innerhalb weniger Tage umgesetzt."

Erfolgreiche Pandemiebekämpfung in Teilen Asiens

Alle Kontakte der ersten Infizierten wurden penibel nachverfolgt und in Quarantäne geschickt, die Grenzen geschlossen und viel getestet. Maskentragen gehört aufgrund der Luftverschmutzung ohnehin zum Alltag in Vietnam und ein witziger Videoclip präsentierte das richtige Händewaschen als Tanz-Challenge. Mitte November gab es 1281 bestätigte COVID-19-Infektionen, 35 Infizierte starben. Die vergleichsweise positiven Erfahrungen einiger asiatischer Länder mit der Pandemie-Eindämmung habe man hierzulande allzu pauschal abgetan, kritisiert Jürgen Osterhammel:

"Man hat die Erfolge vielleicht zu sehr im Blick auf die Volksrepublik China, die natürlich ein sehr unangenehmes totalitäres System ist, diese Erfolge der Unterdrückung, in Ländern wie Südkorea und Taiwan, die Demokratien sind, zu stark abgebucht unter asiatischen Autoritarismus oder der Gefügigkeit von Bevölkerungen, die nicht tief in Demokratie verwurzelt seien gegenüber obrigkeitlichen Verfügungen."

Monitoring von Dauer-Bedrohungen

Das ist nicht der einzige blinde Fleck, den der Globalhistoriker ausmacht. Er beobachtet auch eine Katastrophen-Indifferenz in unserer Gesellschaft – wir würden viele potentielle Bedrohungen, wie die der atomaren Megarüstung, nicht als solche wahrnehmen.

"Ich denke, eine der Folgen der gegenwärtigen Pandemie wird sein, dass man weltweit das Dauer-Monitoring auf alle möglichen Gefahren hin verstärken wird. Also das Screening und Beobachten einer medizinischen und zwar vielfältigen Dauerbedrohung, denke ich, wird in der Zukunft eine viel größere Rolle spielen. So etwas wird immer von großen Katastrophen angestoßen, dass nach Tsunamis dann große Tsunami-Warnanlagen aufgebaut werden, wie das in Asien geschehen ist."

Die Globalgeschichte untersucht auch die Geschichte von Globalisierungsprozessen, nimmt die Wechselwirkungen über große Räume in den Blick. Die Pandemie wirft dabei ein Schlaglicht auf Globalisierungsprozesse, die auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichen Geschwindigkeiten ablaufen. Jürgen Osterhammel nennt ein Beispiel:

"Das eine wäre, dass sich in den letzten Jahrzehnten ökonomische Globalisierungsprozesse und Verdichtungen der internationalen Kommunikation natürlich dramatisch intensiviert haben. Auf der anderen Seite hat es kaum Fortschritte im Global Governance gegeben, also in politischer Integration, in der koordinierten Lösung von Menschheitsproblemen. Man sieht es an den Klima-Herausforderungen zwischen den Staaten, also die politische Globalisierung ist im Vergleich zur ökonomischen weit im Rückstand geblieben."

Systemische Transformationsforschung

Hier setzt auch die Transformationsforschung an. Sie sucht Muster in Umbruchphasen, verfolgt einen historisch-systemischen Ansatz, der die derzeitige Coronakrise im Kontext anderer Krisen und Entwicklungen betrachtet.

"Ich finde, gerade die Stimme 'wir müssen jetzt wirklich was sehr anders machen' ist so laut wie lange nicht. Es ist ja nicht davon auszugehen, dass sich jetzt alles normalisieren wird bald, sondern wir werden weitere Programme stricken müssen, müssen weitere Kooperationen zwischen Staat und Markt hinbekommen", sagt Maja Göpel, Politökonomin, Honorar-Professorin für Nachhaltigkeit an der Universität Lüneburg und wissenschaftliche Direktorin vom "New Institute", einer neuen Denkfabrik in Hamburg.

"Wir müssen uns wirklich darum bemühen, was sind die globalen Kooperationen und Abmachungen, mit denen wir jetzt auch tatsächlich Krisenbekämpfung hinbekommen? Und deshalb ist es so wichtig, finde ich, die Brücke zu schlagen zwischen denen, die sagen 'wir müssen die Wirtschaft stärken' und denen, die sagen, 'ja, aber es ist nicht egal, welche Wirtschaft'. Weil sich damit auch abzeichnen wird, ob wir weitere Risiken aufstauen oder ob wir es wirklich schaffen, diese langfristig bekannten Probleme zu lösen. Indem wir neue Technologien, neue Produkte, neue Mobilitätsstrukturen, andere Formen, Messen zu gestalten, andere Formen, Lebensmittel zu generieren, durch diese Kofinanzierung zwischen Staat und Markt, ja auch einfacher im Grunde genommen vorbereiten und verbreiten können."

Frau in Stewardessuniform blickt in die Kamera (Andreas Arnold/dpa/picture-alliance)Verdeutlicht die Coronakrise ein strukturelles Problem der Luftfahrt-Branche? (Andreas Arnold/dpa/picture-alliance)

Wiederaufbau der Wirtschaft mit Nachhaltigkeitsplan

Die Nachhaltigkeitsforscherin fragt nach dem großen Plan, der hinter den wirtschaftlichen Rettungspaketen steckt, nach den Bedingungen, die an einzelne Maßnahmen geknüpft sind:

"Man nennt es immer Konditionalitäten, und es wird dann als etwas Einschränkendes dargestellt, aber es sind ja eigentlich Ermöglichungen. Also wenn ich sage, wo ist dein Dekarbonisierungsplan, Lufthansa? Du weißt sowieso, dein Geschäftsmodell war angezählt. Wenn wir die Klimaziele erreichen wollen, die wir uns gesetzt haben, dann ist die Idee, dass jedes Jahr noch einmal fünf Prozent Zuwachs in den Flugrouten dann deine Shareholder glücklich macht, halt einfach auch nicht realistisch. Und deshalb ist es klar, dass das Geschäftsmodell sich ändern muss. Wo ist der Plan? Wo wollt ihr sein in zehn Jahren? Und dann kommt eben auch eine Co-Finanzierung vom Staat ja eigentlich als etwas sehr Ermöglichendes."

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Auch in anderen Branchen, die derzeit brachliegen, wie zum Beispiel der Messebau, könnten nach Ansicht von Maja Göpel Transferzahlungen an Weiterbildungen der Mitarbeiter und Umgestaltung der Wertschöpfungsketten hin zu einer Kreislaufwirtschaft gekoppelt werden. Der Wiederaufbau der Weltwirtschaft könnte dafür genutzt werden, die nötige Transformation hin zur Klimaneutralität zu beschleunigen.

Gesundheitsschutz bedeutet Klimaschutz

Denn Klimaschutz ist auch Gesundheitsschutz - und dafür setzten sich nicht nur Wissenschaftler wie "Scientists for Future" ein, die Maja Göpel mitgegründet hat.

"Das hat mich ziemlich beeindruckt im Mai auch wirklich - aus der Ärzteschaft, aus der Pflegeschaft gab es ja eine Unterschriftenaktion, die 40 Millionen dieser praktizierenden, also gesundheitspraktizierenden Menschen an die WHO herangetragen haben: Wenn ihr menschliche Gesundheit schützen wollt, seht zu, dass ihr die Ökosysteme schützt. Also einmal mit dem Übersprung des Virus, das zweite ist natürlich, dass Corona-Risikopatienten typischerweise die sind, die viel Luftverschmutzung eingeatmet haben, deren Lunge dadurch beeinträchtigt ist, die durch Fehlernährung mit Diabetes et cetera sich herumplagen müssen. Also das heißt, die physische Gesundheit der Menschheit ist ganz direkt mit der Gesundheit der Ökosysteme verbunden."

Ressourcenübergreifendes Denken und Handeln

Die aktuelle Krise erfordert ein Umdenken auf vielen Ebenen, ein Weiter-so wie bisher wird langfristig kein Erfolgsmodell sein. Viele Erkenntnisse sind längst da, fertige Pläne liegen in den Schubladen. Maja Göpel:

"Ich glaube, das ist der allerwichtigste Lernprozess wahrscheinlich für alle: Zu sehen, wenn der politische Wille da ist, lässt sich sehr viel in sehr kurzer Zeit auch anders machen. Ein Kooperieren wirklich über alle Ressorts hinweg, das ist ja auch etwas, um was die Nachhaltigkeitsforschung lange bittet. Wir müssen die Ressourceneffizienz-Strategie, die in einem Umweltministerium primär bearbeitet wird, mit der Rohstoffstrategie, die in einem Wirtschaftsministerium primär bearbeitet wird, natürlich zusammen denken. Wenn wir tatsächlich gucken wollen, wo wir unsere Ressourcen herbekommen und möglichst wenig neu aus dem Planet rausnehmen müssen und möglichst wenig damit auch Konflikte schüren. Und diese Form von Kooperation über Ressorts hinweg, wenn man wirklich Krisen, die sehr breit sind, wie es ja die nun die Nachhaltigkeitskrise ist, angehen möchte, das ist für mich der ganz, ganz große Lernprozess."

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