Donnerstag, 08. Dezember 2022

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LABOR: Hotspots der deutschen Lernforschung
Klassenzimmer als Testlabor

Inklusion? Läuft bei uns, sagen die Lehrer der Laborschule Bielefeld. Ob das stimmt, können sie als „Lehrer-Forscher“ mit Fragebögen und Interviews überprüfen. Dadurch tritt Überraschendes zutage. Auch wenn das Konzept einzigartig ist - mit etwas Fantasie kann jede Schule die Erkenntnisse nutzen.

Von Daniela Remus | 31.05.2019

Der Junge Kilian mit Down-Syndrom hält an seinem ersten Schultag in der Grundschule Bennigsen in Springe bei Hannover ein selbstgemaltes Bild in die Höhe.
Für das Gelingen der Inklusion im Alltag sei mehr Zusammenarbeit in multiprofessionellen Teams nötig, meinen die Lernforscher. Im Bild: Grundschule Bennigsen in Springe bei Hannover. (imago / epd)
"Wir haben halt eine Teamstruktur, und ein Beratungsteam und hier fühlt man sich wirklich nicht alleine gelassen als Lehrer oder Lehrerin, wenn man Kinder mit Problemen hat, weiß man immer wo man hingeht, wo man Unterstützung kriegt. Ich glaube, das ist das Wichtigste daran", erklärt Rainer Devantié, Schulleiter.
Die Laborschule in Bielefeld wurde vor 45 Jahren vom Reformpädagogen Hartmut von Hentig gegründet. Damals mit dem programmatischen Titel: "Schule für alle!" Bis heute ist diese Einrichtung die offizielle Versuchsschule des Landes NRW.
700 Schülerinnen und Schüler besuchen die Laborschule auf dem Campus der Bielefelder Universität. Rund 60 Lehrkräfte unterrichten hier von der Vorschule bis Klasse 10. Einzigartig ist diese Schule bis heute, weil sie ganz im Geist der Reformpädagogik gehalten ist: Keine geschlossenen Klassenzimmer, Jahrgangsdurchmischungen und schon die Jüngsten sind Teil des Schülerparlaments. Lehrer forschen zur Schulentwicklung und werden dabei ständig von Wissenschaftlern der Universität begleitet, beraten und evaluiert.
Inbegriff von Inklusion
Aktuell arbeiten die Lehrkräfte der Laborschule im Rahmen des sogenannten Lehrer-Forscher-Modells am Thema Inklusion. Dieses besondere Modell sieht vor, nicht nur zu unterrichten, sondern auch selbst wissenschaftlich zu arbeiten. Sabine Geist von der Schulleitung erklärt das Ziel des Projekts:
"Einige Kollegen haben damals gesagt, wir haben subjektiv das Gefühl, dass das bei uns an der Schule mit der Inklusion ganz gut läuft und es war wirkliches Interesse daran, ob dieses subjektive Gefühl durch irgendetwas zu belegen ist, dass es auch der Realität entspricht."
Wie klappt das mit der Inklusion an der Schule? Das ist die zentrale Frage, der die Bielefelder damit nachgehen wollen. Mit Fragebögen und ausführlichen Interviews. Denn das Konzept der Schule sieht beispielsweise vor, dass Kinder mit Förderbedarf und Hochbegabte in einer Lerngruppe zusammen sind. Ist das nicht schon der Inbegriff von Inklusion?
"Wir wollten rausfinden, wie wirkt sich denn das, was hier an Strukturen etabliert ist, und wie hier gearbeitet wird, auf der Ebene der Schülerinnen und Schüler aus? Das heißt, unser Blick in diesem Projekt, ist darauf gerichtet, wie ausgeprägt ist das Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler und zwar insbesondere derjenigen, für die eben ein sonderpädagogischer Förderbedarf besteht, aber auch alle anderen."
Schüler mit Förderbedarf benachteiligt
Bis jetzt steht fest: Die Zufriedenheit mit den inklusiven Unterrichts- und Lernstrukturen ist ziemlich groß. Aber das aktuelle Projekt fördert auch Überraschendes zutage: Die langen Plenarsitzungen zum Beispiel, ein pädagogisches Herzstück der Schule, schneiden bei der Befragung schlecht ab. Denn Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf können oft nicht lange stillsitzen, sich nicht so lange konzentrieren: Sie fühlen sich dadurch benachteiligt. Diese Erkenntnis zeige, dass Inklusion mehr sei als individualisierter Unterricht oder ausreichend viele Förderangebote, sagt Birgit Holler-Nowitzki:
"Es ist nicht die Inklusion das Problem, sondern es sind Probleme auf vielen Ebenen da, und durch die Kinder, die herausfordernd sind, kommen sie nach oben, sie sind nicht mehr ignorierbar."
Damit Inklusion auch wirklich im Alltag gelingt, müsse eben ganz vieles, was selbstverständlich erscheint, auf den Prüfstand gestellt werden, und das immer wieder. Davon sind die Lehrerinnen und Lehrer der Laborschule überzeugt. Deshalb arbeiten sie jetzt daran, die Ergebnisse ihrer Inklusionsforschung eins zu eins in die Praxis umzusetzen. Das ist typisch für die Laborschule, sagt Annette Textor, Professorin für Schulforschung an der Universität Bielefeld:
"Es gibt Elemente der Laborschule, die auf den ersten Blick so wirken, als wären sie schwer adaptierbar, die man aber mit ein bisschen Phantasie auch übernehmen kann."
Vorbild für alle Schulen
Denn wie das Inklusionsprojekt zeige, müsse es darum gehen, vorhandene Ressourcen effektiver zu verteilen und immer wieder kritisch zu hinterfragen, ob das was beabsichtigt worden ist, in der Praxis auch tatsächlich das bewirkt, was es soll. Vor allem die Teamarbeit der Lehrkräfte und die Bündelung in multiprofessionellen Teams sei dafür enorm wichtig. Nicht nur für gelingenden Unterricht, sondern auch für Lernerfolge und das Selbstbewusstsein der Schülerinnen und Schüler.
"Was man sich von der Laborschule abgucken kann, das man ein bisschen mehr datengestützt auch guckt, wie kann man Schulentwicklungsprozesse flankieren. Mir ist natürlich bewusst, dass Lehrerinnen und Lehrer oft in Deutschland eine ausgesprochen hohe Unterrichtsverpflichtung haben. Aber ich bin überzeugt, es würde Schule doch auch besser machen, wenn man stärker die Kollegien in Schulentwicklungsprozesse einbeziehen würde."
Die kontinuierliche wissenschaftliche Evaluation der Laborschule und ihrer Forschungsprojekte zeigt, dass sich der Lernerfolg mit dem an Regelschulen messen lassen kann. Kinder mit Inklusionsbedarf allerdings profitieren davon hier besonders. Ein Vorbild für alle Schulen, findet Schulleiter Rainer Devantié. Denn alle Schulen könnten sich so organisieren, dass die Lehrerinnen und Lehrer mehr im Team arbeiten. Und damit könnten viele Probleme, die im Schulalltag entstehen, schon viel nachhaltiger gelöst werden:
"Das Interessante ist, von der Ausstattung her, was die sonderpädagogischen Ressource angeht, haben wir nicht mehr als anderen Schulen auch, wir haben nicht mehr und nicht weniger."