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StartseiteInterviewHistoriker: D-Day entscheidend für Landkarte Europas 06.06.2019

Landung der Alliierten 1944Historiker: D-Day entscheidend für Landkarte Europas

Der Historiker Peter Lieb schreibt der Landung der Alliierten in der Normandie 1944 weniger eine militärische Bedeutung zu, dafür aber eine politische. Durch diese militärische Operation sei verhindert worden, dass West- und Mitteleuropa in die Hände Stalins gefallen wären.

Peter Lieb im Gespräch mit Christiane Kaess

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Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 (dpa/picture alliance/prismaonline)
Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 (dpa/picture alliance/prismaonline)
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Christiane Kaess: Theresa May neben Prinz Charles und der Queen, daneben Donald und Melania Trump – so standen sie gestern in der ersten Reihe bei den Feierlichkeiten in der südenglischen Stadt Portsmouth. Staats- und Regierungschefs aus aller Welt kamen zusammen, um bei einer bildgewaltigen Vorführung der Invasion der Alliierten in die von Nazi-Deutschland besetzte Normandie vor 75 Jahren zu gedenken. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel war dabei und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. An die 150.000 alliierten Soldaten brachen damals im Jahr 1944 vom britischen Portsmouth über den Ärmelkanal nach Nordfrankreich auf. Damit begann die Befreiung Europas von der Nazi-Herrschaft am sogenannten D-Day, dem 6. Juni. Heute gehen deshalb die Gedenkveranstaltungen in Frankreich weiter.

Vor wenigen Minuten konnte ich mit Dr. Peter Lieb sprechen. Er ist Militärhistoriker und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr. – Hitler und die Wehrmacht wussten, die Invasion würde kommen, aber nicht, wann und wo. Ich habe Peter Lieb deshalb gefragt, ob die deutschen Soldaten am D-Day völlig ahnungslos waren.

Peter Lieb: Die deutschen Soldaten wussten schon, dass eine Landung bevorstehen würde, aber sie wussten nicht genau, wie gesagt, an welchem Tag und an welchem Abschnitt es genau passieren würde. Erst ein paar Stunden, bevor die Landung tatsächlich passierte, wurden sie richtig alarmiert – allerdings meistens nur die Truppen direkt in den Bunkeranlagen an den Küsten, und es hat dann natürlich länger gedauert, bis die restlichen Truppen weiter im Hinterland alarmiert wurden.

"Eine Landung barg damals ein großes Risiko des Misserfolges"

Kaess: Dass die Alliierten dieses Landeziel in der Normandie geheim halten konnten, war das auch entscheidend, um erfolgreich zu sein?

Lieb: Es war durchaus entscheidend, um erfolgreich zu sein, weil eine Landung barg damals ein großes Risiko des Misserfolges, und da war das Überraschungsmoment ganz, ganz wichtig. Die Alliierten haben alles getan, um sowohl Zeitpunkt als auch Ort geheim zu halten.

Kaess: Wie waren die Soldaten der Alliierten vorbereitet?

Lieb: Die alliierten Soldaten haben wochen- oder sogar monatelang auf dieses Ereignis hingeübt. Immer wieder wurde an den Küsten Südenglands und in Wales diese amphibische Landung durchgeübt, durchgeplant, wie sieht die Kooperation aus zwischen Luftwaffe, Seestreitkräften, Landstreitkräften. Sie haben genau mit nachrichtendienstlichen Erkenntnissen geschaut, wo sind die deutschen Bunkeranlagen, wie lassen sich die am besten ausschalten. Es war ein sehr gewissenhaft vorbereitetes Unternehmen.

Kaess: Was heißt "amphibische Landung"?

Lieb: Amphibische Landung heißt, dass alle drei Teilstreitkräfte, Luftwaffe, Seestreitkräfte und Landstreitkräfte, gemeinsam in einer Operation zusammenarbeiten, um über das Meer an Land zu kommen.

Kaess: Wie waren auf der anderen Seite die Soldaten der Wehrmacht vorbereitet?

Lieb: Die Wehrmacht hatte das große Problem, dass sie an der Ostfront in den vergangenen Monaten und Jahren unglaubliche Verluste an Menschen hatte und gleichzeitig durch den Luftkrieg der Alliierten wirtschaftlich und rüstungstechnisch ins Hintertreffen geraten ist. So ist es, dass 1944 in Frankreich nicht mehr die Wehrmacht des Jahres 1941 steht, als sie auf dem Höhepunkt ihrer militärischen Leistungsfähigkeit war. Es ist eine Wehrmacht 1944, wo bereits viele ältere Leute oder auch sehr junge Soldaten dienen müssen und sich versuchen, gegen die Landung der Alliierten zu stemmen.

"Rommel hat die Gefahr durchaus erkannt"

Kaess: Es heißt ja auch, dass Erwin Rommel, damals der Befehlshaber der deutschen Divisionen, der eigentlich diese Invasion aufhalten sollte, an dem Tag im Urlaub war. Ein Zeichen dafür, dass man die Situation völlig falsch eingeschätzt hat?

Lieb: Rommel hat durchaus erkannt die Gefahr und auch die Wichtigkeit dieser Landung und sie abzuwehren. Aber Rommel hat sich unterschätzt, hat die Wetterprognosen unterschätzt, weil die Wetterprognosen waren für den 6. Juni laut Deutschem Wetterdienst nicht gut. Es wurde festgelegt, die Deutschen haben gedacht, da wird keine alliierte Landung stattfinden. Rommel ist deswegen zum Geburtstag seiner Frau nach Herrlingen ins Schwäbische gefahren und auch viele Kommandeure vor Ort waren an diesem Tag zu einem sogenannten Kriegsspiel auf einer Übung in der Bretagne und waren nicht vor Ort.

Der alliierte Wetterdienst hingegen hat für diesen 6. Juni ein Schönwetterfenster vorausgesagt und Eisenhower, der Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte, hat sich dann entschieden, genau an diesem 6. Juni den D-Day anlaufen zu lassen.

Kaess: Es war ja so, dass zwei Jahre davor schon mal ein alliiertes Kommando genau mit dem gleichen Versuch gescheitert ist. Warum war das für die Alliierten so schwierig, gegen die Wehrmacht anzukommen?

Lieb: Ja, 1942. Das ist in Dieppe im August 1942. Das ist ein Unternehmen, was wirklich in der Tat blutig scheitert für die Alliierten. Der große Unterschied zwischen Dieppe 1942 und der Normandie 1944 ist, dass die Alliierten 1944 die Luftüberlegenheit haben über der Normandie oder über Frankreich und somit ihre Truppen ungestört anlanden können, während das 1942 noch nicht der Fall war. Dort konnte die Luftwaffe in die Landungskämpfe eingreifen und somit zur Abwehr der alliierten Landung in Dieppe 1942 beitragen.

"Die Briten haben es vorgezogen, im Mittelmeer anzugreifen"

Kaess: Der D-Day ist ja sehr lange geplant gewesen. Wenn man sich mal anschaut, dass 1941 schon, als deutsche Truppen die Sowjetunion überfallen hatten, dass damals Stalin die Alliierten schon aufgefordert hat, im Westen eine zweite Front zu errichten. Warum haben die Amerikaner und die Briten so lange gezögert?

Lieb: Die Amerikaner wären sehr gerne schon 1942 in Westeuropa gelandet, während die Briten gesagt haben: Nein, wir können noch nicht in Westeuropa landen, die Deutschen sind noch viel zu stark, eben wegen der deutschen Luftwaffe. Die Briten haben es vorgezogen, im Mittelmeer anzugreifen, sprich die Deutschen und die Italiener damals noch an der schwächsten Stelle zu treffen. Sie landen ja dann auch 1943 in Italien. Italien schert aus dem Bündnis mit Hitler zusammen aus. Allerdings kommen dann die Alliierten in Italien nicht so recht voran, so dass sich dann doch letztlich die amerikanische Vorstellung durchsetzt, dass man in Westeuropa landen sollte.

Es bleibt allerdings noch ein Punkt zu sagen. Die Forderung der zweiten Front, die Stalin ja immer wieder erhoben hat, ist eigentlich schon ab Ende 1942 Realität, als die Alliierten erstmals in Nordafrika anlanden und dort die Deutschen gezwungen sind, viele Truppen vor allen Dingen an Luftstreitkräften nach Nordafrika zu schicken.

Kaess: War den Alliierten klar, dass das so vielen Soldaten das Leben kosten würde? Hat man das einfach in Kauf genommen?

Lieb: Ja, man musste das in Kauf nehmen. Es ist so: Der Zweite Weltkrieg ist ein Krieg mit Verlustzahlen und Todeszahlen, die wir uns heute gar nicht mehr vorstellen können und was uns heutige Gesellschaften nicht mehr bereit wären, zu bringen, diese Opferzahlen. Die Alliierten sind in ihren Planungen von bis zu 10.000 Toten allein am ersten Tag, am Landungstag, am D-Day ausgegangen. Glücklicherweise waren es dann für die Alliierten doch deutlich weniger Tote. Aber dass es Tote geben würde bei einem Unternehmen dieses Ausmaßes, das war den Alliierten von vornherein klar.

"Spannungsfrei war es im westlichen Bündnis nie"

Kaess: War der D-Day nicht nur eine Militäroperation, sondern war er die entscheidende Weichenstellung in der Geschichte, damit sich ein freies demokratisches Westeuropa entwickeln konnte?

Lieb: Ja. Wenn man die geschichtliche Bedeutung des D-Days definieren will, dann ist es weniger die militärische Operation, weil zu diesem Zeitpunkt der Krieg eigentlich für Deutschland bereits verloren war. Es ist vielmehr die politische Entscheidung, die am D-Day getroffen wird. Es ist klar, dass mit diesem Erfolg Westeuropa und auch Mitteleuropa nicht in die Hände Stalins fallen werden, sondern in westliche demokratische freiheitliche Hände fallen wird. Sprich: Der D-Day ist entscheidend, wie die Landkarte Europas nach dem Zweiten Weltkrieg ausschauen wird.

Kaess: Wenn wir mal einen großen Zeitsprung in die heutige Zeit machen: Seit dem Amtsantritt von Donald Trump als US-Präsident glauben ja viele Beobachter, dass die westliche Allianz bröckelt. War das damals zu Beginn dieser Allianz einfacher, denn es gab den gemeinsamen Feind? Oder gab es auch damals schon in dem Bündnis und auch in den Jahren danach durchaus Differenzen?

Lieb: Ja, wie Sie schon gesagt haben. Es ist richtig: Es gab damals den gemeinsamen Feind. Die Zielstellung war klar: Der Feind muss erst besiegt werden. Auch später im Kalten Krieg gibt es auch wieder einen Feind mit der Sowjetunion. Es ist auch damals so, dass es zwei Großmächte mit Großbritannien und den USA gibt, und darunter sind einige kleinere Länder (später kommt auch noch Frankreich hinzu als größere Macht), die sich unterordnen. Allerdings hat dieses Bündnis eine große Integrationskraft.

Es ist aber trotzdem nicht so, dass es niemals Spannungen gab in diesem Bündnis. Es gab bereits im Zweiten Weltkrieg Differenzen der Briten und Amerikaner über die Strategie, soll man im Mittelmeer angreifen, soll man in Westeuropa angreifen. Es gibt Streitereien über Personaldebatten. Vor allen Dingen entzündet sich dies an den Personen Eisenhower, dem amerikanischen Oberbefehlshaber, und Montgomery, dem britischen Oberbefehlshaber.

Und auch, wenn man sich die Zeit nach 1945 anschaut, da ist dieses westliche Bündnis nie spannungsfrei. Ich sage jetzt mal die Suez-Krise 1956, als sich die USA gegen die französisch-britische Intervention in Ägypten stellt. Es ist der NATO-Austritt Frankreichs 1966. Es gibt den griechisch-türkischen Konflikt auf Zypern. Es gibt den NATO-Doppelbeschluss, der wenn auch durchgezogen wurde von der NATO, aber innenpolitisch zu großen Diskussionen und Spannungen in den Mitgliedsstaaten geführt hat. Spannungsfrei war es im westlichen Bündnis nie.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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