Donnerstag, 09. Dezember 2021

László Krasznahorkai: "Herscht 07769"Reine Gegenwart mit Neonazi

Der 67-jährige Ungar László Krasznahorkai ist der Mystiker unter den großen Gegenwartsautoren, jedoch einer mit Hang zum Drastischen. Sein neuer Roman spielt unter Neonazis in einer thüringischen Kleinstadt - und zeigt, wie verzichtbar Punkte in Texten sind.

Von Jörg Plath | 24.10.2021

László Krasznahorkai: "Herscht 07769: Florian Herschts Bach-Roman" Zu sehen sind der Autor und das Buchcover
László Krasznahorkai: "Herscht 07769: Florian Herschts Bach-Roman" (das Bild zeigt den Autor und das Cover) (Cover: S. Fischer Verlag / Foto: dpa / picturedesk / Neumayr/Leo)
Eines bietet dieser Roman im Überfluss, anderes lässt er vollkommen vermissen. Es fehlen etwa Psychologie und Charaktere, eine Botschaft, eine Moral, eine überschaubare Handlung. Und Punkte am Ende des Satzes. Denn "Herscht 07769" besitzt keinen einzigen. Die Sätze, durch zahllose Kommata gegliedert und auch vom nächsten getrennt, sind trotz ihrer beachtlichen Länge von bis zu einer Seite mühelos lesbar, was nicht das einzige Verdienst der Übersetzerin Heike Flemming ist. Der Roman fließt in Kommatakaskaden dahin und vermeidet sogar Kapitelüberschriften. Unterteilt wird der absatzlose 409-seitige Textblock nur von wenigen "Regenbogenbänder" genannten Halbsätzen oder Wendungen, die unvermittelt in etwas größerer Schrift mitten im Text stehen.
László Krasznahorkai, einer der großen Solitäre der Gegenwartsliteratur und einer ihrer großen Mystiker, seit dem Debüt "Satanstango" von 1985 berühmt, hat bereits in mehreren Veröffentlichungen bewiesen, wie verzichtbar Punkte sind. Sein glänzender gleitender Stil schafft ein eigenes Zeitkontinuum, dem man sich nach wenigen Seiten bedingungslos übergibt. Auch wenn der Inhalt doch sehr erstaunlich ist und auf den ersten Blick einem Genreroman entlehnt scheint: "Herscht 07769" erzählt von einem naiven und grundguten Menschen namens Florian, der nach der Ermordung von zwei Unschuldigen zum gnadenlosen Rächer wird. Am Beginn dieses gewaltigen Umschwungs herrscht allerdings Ruhe, Stillstand, Ereignisarmut und fast Gemütlichkeit;
"… und eine Weile fuhren sie wortlos mit dem Opel, dann bekam Florian eins auf den Nacken, wie es der Boss scherzhaft nannte, einfach so, plötzlich, eins auf den Nacken, und fertig, damit beendete er es, was Florian schon seit langem als selbstverständlich hinnahm, der Boss beendete ein Thema im Allgemeinen damit, ihm eine zu knallen, und er zog dann nur den Kopf ein, als akzeptierte er, dass das Schicksal so war, der Boss war das Schicksal, an dem man nichts ändern konnte, er akzeptierte es …"
Der ungarische Schriftsteller László Krasznahorkai bei einer Lesung in Zagreb
László Krasznahorkai: "Baron Wenckheims Rückkehr"
László Krasznahorkai, laut Susan Sontag der "derzeitige ungarische Meister der Apokalypse", wird weltweit gelesen und verehrt. Seine Spezialität sind düstere, surreal anmutende Geschichten.

Riesenbaby, King Kong, Muskel-Godzilla

Das seltsame Paar fährt im angejahrten Opel durch Thüringen. Der Boss ist der Anführer einer Neonazigruppe. Er hat Florian Herscht aus dem Waisenhaus geholt und lässt ihn für ein Taschengeld, schwarz auf die Hand, in seinem Unternehmen "Alles wird rein" arbeiten. In der Beseitigung von Graffiti zeigt sich die groß gewachsene, kraftvolle Waise,
"… das ‚Riesenbaby’, der ‚riesige King Kong’, der ‚Muskel-Godzilla’",
und weder die fortwährenden Schläge des Bosses noch dessen politische Umtriebe können seine Dankbarkeit und Anhänglichkeit erschüttern. Florian lässt nichts kommen auf den Boss. Er verteidigt ihn auch gegenüber den Nachbarn in der fiktiven, südlich von Jena gelegenen Kleinstadt Kana, die ihn alle wegen seiner Gutmütigkeit lieben und vor dem Boss warnen.

Tritt aufs Gaspedal

Krasznahorkai zeichnet das Duo aus dem Bösen und dem Naiven, dem Herrn und dem Knecht, mit großer Lust an der Parodie: Florian bleibt gutmütig und gelassen bis zur Begriffsstutzigkeit, während der Boss ihn mehr oder weniger zärtlich schlägt, über das schöne Deutschland schwadroniert, insbesondere seine Musik, und dazwischen immer wieder Flüche ohne Vokale ausstößt:
"...er, Florian, solle sich mit den praktischen Dingen beschäftigen, könne er zum Beispiel überhaupt alle Zeilen der Nationalhymne, könne er die ganze Nationalhymne, denn er müsse sie können, ein Deutscher beginne die Dinge immer von vorn, habe er verstanden?!, und nicht bei der dritten Strophe, welche liberale Verbrecherbande hat uns diese ganze Schße aufgezwungen, dass wir die eigene Hymne nicht von Anfang bis Ende singen sollen, das kann uns keiner nehmen, gttvrdmmmich, denn das ist hier der Ausgangspunkt von allem, doch da brüllte er meistens schon aus voller Kehle, denn von der heftigen Erregung, dass ihm wieder das mit der ganzen Hymne durch den Kopf ging, trat er ordentlich aufs Gaspedal, bei dem einem oder anderen besonders betonten Wort stellte er sich fast auf dieses Pedal, wovon der Motor des Opels natürlich aufheulte, und er musste schon allein deshalb brüllen, um den Lärm zu überbrüllen, sing, Florian, sing, gttvrdmmmich, sing, lass die wunderbare erste Strophe erklingen, und die zweite Strophe, uns soll hier keiner mehr sagen, was UNSERE NATIONALHYMNE ist …"
Das sind keine Tippfehler – genau so steht es im Buch – und die Musik ist des Bosses große Leidenschaft. Er verehrt Johann Sebastian Bach, vermag die Namen sämtlicher Bach-Gedenkstätten "wie aus der Pistole geschossen" aufzusagen und hat in Kleinstadt Kana eigens die Kanaer Symphoniker gegründet, damit sie die Musik Johann Sebastians spielen. Die Symphoniker lauschen auf den Proben aber lieber dem Boss, wenn der mal wieder seiner Begeisterung für den großen Thüringer freien Lauf lässt:
"während er also darüber predigte, hörten ihm die Musiker gern zu, und der Boss kam im Grunde nie darauf, dass nicht die Geschichten interessant waren, sondern dass, solange er erzählte, Pause war, denn die Kanaer Symphoniker bestanden ehrlich gesagt aus Amateurmusikern, die etwas auf ihren Instrumenten spielen konnten, aber nicht so, wie es Johann Sebastian Bach erfordert hätte, sie waren eher auf den Vortrag von Evergreens eingestellt, auf Let the Sunshine aus Hair, auf die Beatles oder auf Dragonstone und Blood of My Blood aus Game of Thrones, so etwas, doch Bach war selbst euphemistisch ausgedrückt schwer, der Boss war deshalb ziemlich wütend, weil er glaubte, sie probten nur nicht oft genug, einmal wöchentlich, und es ging deshalb nicht, das fünfte Brandenburgische Konzert scheiterte deshalb wieder und wieder oder die Instrumentalpartien aus der Matthäus-Passion, so dass er, wenn er es bei einer Probe nicht mehr aushielt, immer dermaßen auf die Pauke schlug, dass alle auf der Stelle die Instrumente herunternahmen und sich beschämt die Standpauken anhörten, die der Boss über sie ergoss, sie hatten es also lieber, wenn er von Bach erzählte und Pause war …"
Illustration eines Bleistifts und eines Kugelschreibers, die neben eines Bücherstapels liegen.
2015 - László Krasznahorkai ausgezeichnet
Der ungarische Schriftsteller László Krasznahorkai ist mit dem Man Booker International Prize 2015 ausgezeichnet worden. Die mit rund 80.000 Euro dotierte Auszeichnung gab es in diesem Jahr zum sechsten Mal. Sie geht an Autoren im Bereich Fiktion aus aller Welt für deren Gesamtwerk.

Der Untergang ist nah!

Florian hört allerdings nur halb zu. Ihn beschäftigt das Ende der Welt. In der Volkshochschule hat er zweimal denselben Kurs des ehemaligen Physiklehrers Adrian Köhler über Quantenphysik besucht und glaubt nun, dass sich die Existenz der Erde lediglich dem Ausbleiben eines Elements von Antimaterie verdankt. Was aber, wenn das Antimaterieteilchen auftaucht und die Materie, also die Erde, auslöscht? Florian schreibt wiederholt an die Bundeskanzlerin Angela Merkel, um sie auf die eminente Gefahr hinzuweisen. Als Absender vermerkt er auf den Briefen seinen Nachnamen und die Postleitzahl von Kana: "Herscht 07769". Weil die Antwort ausbleibt, fährt er schließlich nach Berlin und gerät ins Visier der Sicherheitsbehörden. Dann spitzen sich die Dinge allerdings an ganz anderer Stelle zu:
"… wir brauchen jeden deutschen Patrioten, und du bist ein Patriot, stimmt’s?!, und was hätte er anderes darauf sagen sollen als, ja, ein Patriot, na also, in Ordnung, so beendete der Boss das Gespräch, er musste wieder die Hymne singen, und der andere sagte nichts mehr, er war sichtlich wieder sehr in seinen Gedanken versunken, und schon fuhren sie auf der B 88 gegen einen alten Škoda, er sah nicht wirklich, was geschah, so schnell geschah es, nur dass sowohl er als auch der Boss nach vorn geschleudert wurden und ihre Köpfe heftig gegen die Windschutzscheibe prallten, während die herausspringenden Airbags sie zurück in die Sitze drückten und die Sicherheitsgurte auf ihnen sich spannten, na vrdmmt, das hat mir gerade noch gefehlt, und der Boss kletterte mühsam aus dem Auto, ging zu dem Fahrer des Škodas, der schon sein Auto hinten untersuchte, und streckte ihn mit einem einzigen Schlag nieder, trat dem am Boden liegenden Mann noch einmal kräftig ins Gesicht, dann spazierte er, als wäre nichts Besonderes geschehen, zum Opel zurück, stieg ein, schaltete die Zündung ein, und schon fuhren sie weiter …"
Und schon kehrt Krasznahorkai zurück zu der katatonischen Gemächlichkeit seines Stils, die nun allerdings neben leiser Ironie und nicht allzu leisem Sarkasmus etwas Drohendes, Lauerndes besitzt. Die Angst beginnt, den Roman zu durchdringen, insbesondere die Angst vor den Nazis. Bis auf einen, der sich engagiert und in Jena gegen Nazis demonstriert, schließen die Einwohner von Kana ihre Türen, Fenster und Augen und hoffen, die örtlichen Nazis mögen verschwinden, das schöne Leben von früher möge zurückkehren. Krasznahorkais Erzähler folgt den Kleinstädtern, der Hotelbesitzerin, der Postangestellten, der Bibliothekarin, dem Hausmeister und ihren Mühen, Ängsten, Hoffnungen so, wie er dem Boss und Florian folgt: Mit göttlicher Ungerührtheit blickt er von oben und doch von ganz nah auf das Geschehen.

Das Glück der Melancholie

Mit dem Einbruch des Schreckens, der Gewalt, des Grauens, des Unvorstellbaren in eine geschlossene Welt ist der Ungar beim Thema aller seiner Bücher. Doch so sehr die Katatonie, die emotionale Ungerührtheit geblieben ist – die Narration hat gewaltig abgespeckt. In "Satanstango" aus dem Jahr 1985 wird noch ein ganzes Dorf in der ungarischen Tiefebene, eine "Welt aus lauter Schlamm", Opfer eines falschen Propheten. In "Melancholie des Widerstands", erschienen 1989, steht die Zeit still, bricht das Chaos aus unfassbaren Gründen aus.
Was damals noch als Menetekel des dahinwelkenden Spätsozialismus gelesen wurde, war auch Ausdruck der Krasnahorkaischen Melancholie. In einem der wenigen Interviews hat der Ungar sie unterschieden von der romantischen und umgangssprachlichen Bedeutung des Wortes. Diese Melancholie sei keine "Gebremstheit, damit der Mensch nicht wahnsinnig wird", keine Resignation. Seine Helden entdeckten "die Präsenz der Transzendenz". Der China-Reisende in Krasznahorkais "Der Gefangene von Urga" etwa erfahre voller Glück, dass die
"Transzendenz nicht (..) nicht gesondert von dem Realen, gewissermaßen über ihm existiert", sondern dass die Transzendenz Realität ist. Er steht nicht vor den Skulpturen von 500 Lohans, sondern vor den Lohans selbst. Wird diese Glückserfahrung überprüft, gehe das freilich, sagt Krasznahorkai, "mit traurigen Konsequenzen einher. Man verliert den Weg, der einen noch einmal zu diesem Glück zurückführen würde, man verliert ihn, erlebt dies alles aber nicht in einem Zusammenbruch, sondern in einer Melancholie. (…) aus dem zuvor geschilderten glücklichen Erfahren, aus der Existenz der Transzendenz wird mit der Zeit eine eigenartige Melancholie, die im Wesentlichen fast leer ist und die Erinnerung beinhaltet ‚ich war glücklich‘."

Schläge auf den Hinterkopf

Erstmals reiste Krasznahorkai 1990 nach China und erfuhr ein unübersehbar von buddhistischen Motiven geprägtes Glück. Einige Bücher seiner mittleren Periode spüren ihm nach: "Der Gefangene von Urga" und auch "Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluss". Im Erzählungsband "Seiobo" aus dem Jahr 2008 löst sich die Glückserfahrung von Asien, nun ist sie auch in Europa, in der Alhambra etwa, zugänglich. Immer wieder beschreibt Krasznahorkai in "Seiobo" Handwerker, die Kenntnisse durch Übung und Wiederholung wie in einem Ritus, nicht durchs Begreifen und Befragen weitergeben. Vereinzelt finden sich solche Szenen auch schon in der "Melancholie des Widerstands". In "Seiobo" wird diese Form der Überlieferung dominant und geht mit Schlägen auf den Hinterkopf einher …
"Warum hast du nicht besser aufgepasst? Aber ich habe doch aufgepasst … Halt den Mund!"
Mit Schlägen in den Nacken sucht der Boss in "Herscht 07769" seinem Gehilfen Florian die Liebe zur Musik Johann Sebastian Bachs einzutrichtern, und es gehört zu den kleinen, durchaus nicht ironischen Wundern in László Krasznahorkais Roman, dass dieses Bemühen schließlich von Erfolg gekürt ist. Nach einem Bach-Konzert in der Leipziger Thomaskirche ist Florian zwar zunächst nur mitgenommen und verspannt. Doch Tage später schreibt er Angela Merkel in seinem letzten Warnbrief, Bach sei das "Paradies", und es sei in dessen Musik nicht nur zu hören, sondern auch zu erfahren. Und das verändert alles. Das Universum sei nämlich eine reichere Ganzheit,
"… die nur für eine andere, eine verglichen mit der wissenschaftlichen Sicht radikal andere Anschauung fassbar werde, und das sei kein unwissenschaftliches oder wissenschaftsfeindliches, also kein mystisches oder transzendentes oder sonstiges dummes Hirngespinst, sondern das Bild der Wirklichkeit in einer anderen Anschauung, nur haben wir die Struktur, die Logik dieser Wirklichkeit noch nicht vor Augen, wir können noch nicht wissen, was das ist, was dort an Stelle des Systems von Ursache und Wirkung tritt, und das sei es, was er hier sagen wolle, seiner Meinung nach müsse man in der Entscheidung des Sicherheitsrats berücksichtigen, dass die Sorge um das jederzeit mögliche Eintreten der Katastrophe berechtigt sei …"

Ein blutiger Schocker

Aber andererseits relativiere sich die Katastrophe, geht Florians Brief an die Kanzlerin weiter. Denn Bach hörend könne man ein größeres Reich erkennen, von dem aus unsere "teure Erde" nur eine Vorstellung sei. Über dieses größere Reich sei kaum etwas zu sagen, es fehlten Wortschatz und Grammatik, doch wer Bach höre, wisse, dass es nicht nur existiere, sondern auch, dass es einen Weg dorthin gebe, ob man ihn nun Gott oder Glaube nenne.
Krasznahorkais Verbeugung vor der Musik hat eine lange Tradition, ebenso wie Schwierigkeiten der Mystiker, von ihrer Erfahrung des Wesen Gottes in der herkömmlichen Sprache zu berichten. Florian formuliert zentrale Topoi der Mystik, der Tumbe wird mystischer Philosoph – jedoch nur für die Dauer des Briefes.
Danach zieht das Tempo des bis dahin gemütlich-brutal dahinplätschernden Romans zieht ordentlich an: Ein Wolf hat zwei Kanaer angefallen, und der Naturschutzbund NABU, dem übrigens ein wenig vertrauenswürdiger Ungar vorsteht, sucht den Bürgern die Angst vor den vermeintlichen "Ungeheuern" zu nehmen. Zumal sich die wahrhaft ungeheuren Dinge unter Menschen zutragen: In Jena und Suhl gibt es mutmaßlich neonazistische Anschläge, und in Kana fliegt die Tankstelle in die Luft. Dabei stirbt das immigrierte Pächterehepaar, und Florian findet zufällig heraus, dass die Nazigruppe des Bosses die Morde begangen hat. Er tötet seinen Gönner sofort, im Anschluss zwei weitere Nazis. Die Jagd auf die anderen, flüchtigen Mitglieder der Bande nimmt die zweite Hälfte des Buches ein, führt durch ein verschneites Thüringen und ist stellenweise ein Schocker, weil Krasznahorkai von der stilistischen Katatonie nicht lässt, jedoch einige Genreelemente benutzt;
"… dann musste er nur noch den Eingang beobachten, und obwohl er mit jemand anderem gerechnet hatte, nicht mit Andreas, sah er ihn hineingehen und wartete auf ihn, dann folgte er ihm in eine ausgestorbene, schmale Straße, aus der Andreas nicht mehr herauskam, er versteckte ihn noch nicht einmal, ließ ihn dort neben einem großen Müllcontainer liegen, denn alles Weitere interessierte ihn nicht mehr, und überhaupt, eigentlich interessierte ihn nichts, was er hinter sich wusste, es ging ihm damit irgendwie so, dass das, was hinter ihm lag, nicht war, und was vor ihm lag, noch nicht war, sein Ziel war die vollkommene Leere …"
Die reine Gegenwart also, das Ideal der Mystiker. Nur ist sie bei Florian leer, denn verloren hat er mit dem Glauben an den Boss Halt, Liebe und Menschlichkeit. Krazsnahorkais "Ich war glücklich" gilt auch für ihn. Sein Namensvetter, der Heilige Florian, begab sich zu seinen von den Römern gefolterten Glaubensbrüdern, um mit ihnen zu sterben – Florian denkt nicht daran, die andere Wange hinzuhalten, er räumt auf mit den Heiden. Anfangs hört der im Verborgenen operierende Nazijäger mit Hilfe des Laptop Bach, dann, als dessen Akku erschöpft ist, ohne jedes technische Hilfsmittel. Es ist eben Himmelsmusik.
Photoshooting mit Laszlo Krasznahorkai anlässlich seines neuen Buchs 'Tango Satánico' in der Residencia de Estudiantes. Madrid, 30.10.2018
László Krasznahorkai: "Die Welt voran"
Der Ungar László Krasznahorkai fängt das menschliche Leben in Szenen ein, die besorgniserregend, befremdlich, erschreckend komisch und oft überwältigend schön sind. Das trifft auch auf diese Erzählungen zu.

Noch eine Himmelsmusik: die Sprache

Wozu das alles, dürfte sich freilich jene fragen, denen die Unmenge an Kommata nicht ausreichend Quell der Freude ist. Die biblischen und religiösen Anspielungen von Kana für Kanaan über den Heiligen Florian bis hin zum Paradies sind unübersehbar, die aktuellen politischen Bezüge sind es auch – nur passt all das auch auf den dritten Blick nicht so recht zusammen, von den Genreelementen aus Fantasy und Horror, der Herrschafts- und der Herr-und-Knecht-Problematik, der Bachmusik und ein, zwei anderen Dingen ganz zu schweigen.
Rätseln und Staunen musste der Rezensent freilich schon über Krasznahorkais letzten Roman "Baron Wenckheims Rückkehr", und es hat ihn, wie man seit einer guten Viertelstunde hören kann, nicht davon abgehalten, "Herscht 07769" rezensieren zu wollen. Denn Krasznahorkais Bücher sind seltene Leseerlebnisse. Dass man sie nicht kopfschüttelnd in die Ecke wirft, liegt allein an der Sprache: Sie ist dicht und fließend, sie bringt das Wunder und die Apokalypse, den Nazi und den Toren mühelos zusammen. Das Staunen über diese Kraft der Sprache weicht nicht beim Lesen, es bleibt, und auch dafür ist man Krasznahorkai und seiner Übersetzerin Heike Flemming dankbar: Der Leser wird nicht überwältigt, weder mit Ereignissen noch mit Moral, auch nicht mit markigen Kurzsätzen. Allerdings mit Rätselhaftem.
Florian, das einstige Unschuldslamm, meidet die Menschen, verwildert und wird bald einem Steinadler begleitet. Niemand erkennt ihn mehr, den Menschen, der den Nazis ein Wolf ist – nicht die erste Anspielung Krasznahorkais auf den düsteren "Leviathan" des Philosophen Thomas Hobbes –, und am Ende erkennt sich auch Florian nicht mehr. Mit den Werken von Bach, mit ihrem unauflöslichen Ineinander von Schönheit und Regel, teilt dieses seltsame, sperrige Buch ein bezwingendes totales Vertrauen auf seine Mittel und sein Thema. Verböte es sich nicht, müsste man von Gottvertrauen sprechen. Niemand schreibt so wie László Krasznahorkai: Er lässt einen fortdauernd staunen über dieses Erzählen und das Erzählte und ihren unentwirrbaren Zusammenhang.
László Krasznahorkai: "Herscht 07769. Florian Herschts Bach-Roman"
Aus dem Ungarischen von Heike Flemming
S. Fischer Verlag. Frankfurt am Main
416 Seiten, 26 Euro.