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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie tote Sprache und ihre lebendige Wirkung12.09.2019

LateinkenntnisseDie tote Sprache und ihre lebendige Wirkung

Latein schult das logische Denken, stärkt das Verständnis für Deutsch und erleichtert das Erlernen romanischer Sprache - so heißt es. Forscher der FU Berlin wollten wissen, ob die Transfereffekte wirklich so groß sind. Ihr Fazit: Hinter der deutschen Lateinbegeisterung stecken oft ganz andere Gründe.

Von Andreas Beckmann

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Ein lateinisches Wörterbuch wird am 03.04.2013 in einer Buchhandlung in Köln (Nordrhein-Westfalen) aus einem Regal genommen. Nordrhein-Westfalens SPD und Grüne wollen die Latinums-Pflicht für Lehramtsstudenten auf den Prüfstand stellen. (dpa / Oliver Berg)
Latein habe vor allem in Westdeutschland noch ein elitäres Image, haben Forscher der FU Berlin herausgefunden (dpa / Oliver Berg)
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"Ich habe Latein in der Schule gehabt, also ich müsste Latein können, kann es aber nicht mehr."

So wie Ulrich Kohler, Professor für Empirische Sozialforschung an der Uni Potsdam, geht es vielen, deren Schulzeit schon einige Jahre zurückliegt. Deshalb hat sich Ulrich Kohler, gemeinsam mit Kollegen von der Freien Universität Berlin, gewundert, dass Latein immer noch ein beliebtes Schulfach ist. Also haben die Soziologen Eltern von gut 500 Kindern an westdeutschen Gymnasien befragt, warum sie ihren Nachwuchs in Latein-Klassen schicken. Und erfahren, dass viele davon ausgehen, dass der Latein-Unterricht sogenannte Sekundär- oder Transfereffekte habe, die ihren Kindern helfen würden, in der Schule gut voranzukommen, erzählt der Soziologe Tim Sawert von der FU Berlin.

"Die Zuschreibung von positiven Transfereffekten, dass unterstellt wird, dass Latein eben das Lernen von Deutsch, also der deutschen Muttersprache positiv beeinflusst, es leichter macht, romanische

Sprachen zu lernen, das logisches Denken zu verstärken. Jetzt gibt es aber eine gute empirische Studienlage in Deutschland, die zeigt, dass wenn man die positiven Transfereffekte, die aus dem Lernen von Latein resultieren, mit denen aus dem Lernen von Französisch, der populärsten Alternative, vergleicht, dass dann Latein nicht wirklich effektiver ist."

Umstrittene Transfereffekte

Mit anderen Worten: Latein schaffe zwar eine hilfreiche Basis für das Lernen anderer Sprachen – das leiste Französisch als lebendige Sprache aber genau so gut. Der Sprecher des Deutschen Alt-Philologenverbandes Karl Boyé hat diese Schlussfolgerung in der Dlf-Sendung "Campus und Karriere" jedoch zurückgewiesen, weil die von den Berliner und Potsdamer Sozialforschern verwendeten Studien zum Teil veraltet seien und eine zu schmale empirische Grundlage hätten. Außerdem sieht Boyé weitere Transfereffekte.

Alte Schultafel mit Aufschrift "CARPE DIEM" | Verwendung weltweit, Keine Weitergabe an Wiederverkäufer. (picture alliance / imageBROKER / Florian Hiltmair)Alte Schultafel mit Aufschrift "CARPE DIEM" (picture alliance / imageBROKER / Florian Hiltmair) Altphilologe zu "toter Sprache" - "Latein und Griechisch bieten diesen Mehrwert"
Der Deutsche Altphilologenverband widerspricht einer Studie, wonach Lateinlernen an Schulen wenig sinnvoll ist. Im Dlf kritisierte der Altphilologe Karl Boyé das Design und die ideologischen Ansätze dieser Studie. Der Erwerb von Latein oder Altgriechisch biete sehr wohl große Gewinne.

"Einmal gibt es natürlich, sehr sinnfällig, sehr große Erträge im Erfahren, worin die verschiedenen Linien und Bestandteile der europäischen Kulturgeschichte bestehen. Man atmet den Geist dieses Denkens, meistens der Antike, aber manchmal auch nachantiker Dinge, und genau das schafft eben doch diesen Mehrwert, den Latein und in anderen Fällen Griechisch bieten."

Die lange Tradition des Faches sehen die Berliner und Potsdamer Soziologen auch. Latein war im Mittelalter die Sprache der gehobenen Schichten in Europa. Im Zuge der Entwicklung des deutschen Schulsystems wurde das Fach dann zu einem zentralen Lehrinhalt am humanistischen Gymnasium. Nur dort konnte man bis ins 19. Jahrhundert die allgemeine Hochschulreife erlangen.

Latein hat immer noch ein elitäres Image

Auch wenn es dieses Alleinstellungsmerkmal längst verloren hat, besitzt es immer noch ein elitäres Image, meint Ulrich Kohler:

"Vieles deutet darauf hin, dass Menschen das humanistische Gymnasium wählen, weil es dort ein gutes Lernumfeld gibt und dann gewissermaßen das Latein in Kauf nehmen, weil es in dieser Schule, oft ab der 5. Klasse schon, eben Pflicht ist.

Dieses explizite Suchen nach einer guten Lernumgebung ist etwas, was stärker von Familien gemacht wird, die einen starken Bildungshintergrund haben."

Wenn schon die Eltern Abitur gemacht und Latein gelernt haben, und vielleicht sogar die Großeltern, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass auch die Kinder in eine Latein-Klasse geschickt werden, fügt Ulrich Kohler hinzu. Latein werde so zu einem Distinktionsmerkmal, mit dem sich bildungsbürgerliche Schichten von anderen abgrenzten.

Abgrenzungsverhalten oder Sprachbegeisterung?

Dem widerspricht Melanie Möller, Professorin für Latein an der FU Berlin. In einer Mail an den Deutschlandfunk erklärt sie, nicht nur sie selbst, sondern auch ein Großteil ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Studenten stamme gerade nicht aus akademischen Kreisen, sondern aus solchen, in denen die Alten Sprachen überhaupt keine Rolle spielten. Die Entscheidung für Latein sei allein der Begeisterung für Sprache geschuldet. Diese Begeisterung werde im Latein- und auch im Griechisch-Unterricht in besonderer Weise geweckt, meint auch Karl Boyé.

"Wegen des mikroskopischen Lesens beim Übersetzen, denn das ist ein typisches Alleinstellungsmerkmal der klassischen Sprachen. So mikroskopisch wird eigentlich, zumindest in der Schule, nur noch in diesen zwei Fächern gearbeitet. In Deutsch gelegentlich, wenn man mal Lyrik macht, aber das ist dann eine sehr punktuelle Sache, und sehr schnell ist man gezwungen, von den Zielen des Faches her, wieder in Siebenmeilen-Stiefeln irgendwo hin zu gehen und dann Ganzschriften in groben Zügen erst einmal zu erfassen."

Wer Goethe lese oder Shakespeare übersetze, lerne auch sehr fein mit Sprache umzugehen, argumentieren dagegen die Berliner und Potsdamer Soziologen. Sie wollten mit ihrer Studie zudem herausfinden, ob Latein Vorteile fürs spätere Leben bringe, berichtet Tim Sawert.

"Was wir uns da angeschaut haben, war, ob das schulische Fremdsprachenprofil sich selbst nach dem Abschluss eines Studiums noch auf die Arbeitsmarkt-Chancen auswirkt. In diesem Rahmen haben wir insgesamt 1.024 Bewerbung auf ausgeschriebene Stellen verschickt für Nachwuchsführungspositionen oder Führungspositionen. Bei unseren Bewerbungen haben wir variiert, welches Fremdsprachenprofil die Bewerber hatten, und dann haben wir uns angeschaut, welche dieser Bewerber werden denn am häufigsten zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Und da haben wir einen interessanten Befund gehabt: das sind Menschen, die Latein ab der 5. Klasse gelernt haben, die eine deutlich höhere Einladungswahrscheinlichkeit haben."

Das wiederum sei ein starkes Indiz dafür, dass die Teilnahme am Latein-Unterricht Kinder später bessere berufliche Chancen eröffne. Und es korrespondiere mit Beobachtungen, die Elitenforscher schon häufig gemacht haben: Auf Führungspositionen werden bevorzugt Bewerber aus bildungsnahen Familien eingestellt. Und Latein-Kenntnisse gelten als Ausweis dieser Bildungsorientierung.

Mehr Chancen mit Latein

Melanie Möller bietet eine andere Interpretation an: Latein, schreibt sie, könnte tatsächlich ein Karriere-Schlüssel sein – aber eben nicht aufgrund falsch verstandener sozialer Vorannahmen, sondern als Folge einer guten Ausbildung. Karl Boyé unterstützt dieses Argument.

"Gerade Latein kann im sehr umfangreichen Maße ein Modell von Sprache bieten, anhand dessen man ergründen kann, wie Sprache funktioniert und wie vor allem sehr viele europäische Sprachen funktionieren. Und da gibt es durchaus dann Transfereffekte für deutsche Muttersprachler zum Beispiel, aber auch für Leute mit anderen Muttersprachen, die sich vom Deutschen nicht zu sehr unterscheiden."

Die Muttersprachen vieler Kinder in deutschen Großstädten unterscheiden sich aber doch recht deutlich vom Deutschen: Türkisch, Arabisch, Polnisch und Russisch zum Beispiel. Was nützt Latein-Unterricht also Kinder aus migrantischen Familien? Oder bleiben sie außen vor, weil ihre Eltern gar nicht auf die Idee kämen, dass ein so altes und ihnen völlig unbekanntes Fach von Nutzen sein könnte? Für Ulrich Kohler sind das noch offene Fragen.

"Wir können nur spekulieren. Da ja Latein vor allem von Leuten mit einem akademischen Hintergrund gewählt wird und dann noch mal besonders stark von Leuten, bei denen auch die Großeltern schon einen akademischen Hintergrund hatten, dann würde man schließen, dass das bei Migranten nicht so verbreitet ist."

Lehrbücher für den Lateinunterricht (dpa / picture alliance / Marcel Mettelsiefen)Lehrbücher für den Lateinunterricht an deutschen Gymnasien (dpa / picture alliance / Marcel Mettelsiefen)Diskussion um "tote Sprache" - "Es macht wenig Sinn, heute  noch Latein zu lernen"
Heute noch Latein zu lernen, sei Zeitverschwendung, sagte   Jürgen Gerhards, Mitautor einer Studie über den Nutzen von   Lateinunterricht, im Dlf. Man könne seine begrenzte Lernzeit   gewinnbringender einsetzen – mit dem Erlernen lebender   Sprachen, die durch die Globalisierung immer wichtiger würden.

Ein Fach vor allem für Westdeutsche?

Denn die wenigsten von ihnen hatten je Gelegenheit, ein humanistisches Gymnasium zu besuchen. Das gilt übrigens auch für Ostdeutsche, denn die SED hatte das Fach weitgehend abgeschafft.

Ob Latein heute in der ehemaligen DDR immer noch als verpönt gilt oder vielleicht eine Renaissance erlebt, lässt sich schwer einschätzen. Die Zahlen schwanken. Eines aber, meint Tim Sawert, könne man mit Sicherheit sagen.

"Das Ausmaß der Beliebtheit von Latein ist ein deutsches Phänomen. Wenn wir auf die Schulen schauen, sehen wir, dass Deutschland mit großem Abstand das Land ist, wo am meisten Latein gelernt wird."

Latein vor allem in Deutschland beliebt

Wer Theologie oder Philologie studieren wolle, brauche sicher Latein, um Originaltexte lesen zu können. Für andere Fächer wie Jura oder Geschichte gelte das weniger. Das zeige ein Blick ins Ausland, meint Tim Sawert.

"Wenn man dann allgemein im internationalen Vergleich sich die Universitäten anschaut, sieht man relativ gut, dass sehr viele Länder es sehr gut schaffen, ohne Lateinkenntnisse ihre Fächer zu unterrichten. Also dass es keinesfalls eine funktionale Notwendigkeit ist, Latein zu können, um irgendwelche Fächer zu lernen."

Die Entscheidung für oder gegen Latein hängt wohl vor allem davon ab, wie intensiv man liebgewordene deutsche Bildungstraditionen pflegen will. Oder ob man in Zeiten der Globalisierung stärker auf moderne Fremdsprachen setzt, die die Kommunikation mit Menschen aus anderen Ländern erleichtern.

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