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StartseiteHintergrundWenn das Essen zu teuer wird18.07.2021

LebensmittelpreiseWenn das Essen zu teuer wird

Zwischen Mai 2020 und April 2021 sind die Lebensmittelpreise im Schnitt um 25 Prozent gestiegen – so stark wie seit zehn Jahren nicht. Grund sind logistische Probleme, Mangel an Arbeitskräften und durch den Lockdown gesunkene Einkommen. Die Zahl der Hungernden steigt.

Von Brigitte Scholtes und Stefan Ehlert

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Mann auf einen Markt in Agadez, Niger (pa/robertharding/Michael Runkel)
Für Produkte aus Afrika besteht kaum Zugang zum lukrativen EU-Agrarmarkt, zudem verschärfen steigende Preise für Grundnahrungsmittel die Lage in Entwicklungs- und Schwellenländern. (pa/robertharding/Michael Runkel)
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"4,77 Euro macht's dann."

Anderthalb Jahre Corona-Pandemie liegen hinter den Bürgern. Eine Zeit, in der sich auch das Einkaufsverhalten geändert hat. Haben die Kunden in diesem Supermarkt das Gefühl, dass sie mehr ausgeben für Lebensmittel?

"Ich glaube nicht, ich bin mir nicht so sicher. Ich brauche nur für zwei Personen und da macht sich das nicht so bemerkbar."

"Ja, in der letzten Zeit, muss ich sagen, gebe ich mehr aus, das stimmt. Aber das kann an anderen Gründen liegen. Also es kann daran liegen, dass man vielleicht wertvoller isst oder anders, ich weiß es nicht."

"Nein, habe ich nicht, das Gefühl. Ich denke, eigentlich sind sie wahrscheinlich teilweise zu billig immer noch."

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Witterung und Pandemie als Preistreiber

Tatsächlich sind Lebensmittel in Deutschland in den vergangenen Monaten nicht deutlich teurer geworden. Aber es gibt immer wieder Ausnahmen. Etwa wenn zu kühles Wetter wie in diesem Jahr die Erdbeeren erst spät reifen lässt. Eigentlich gebe die Edeka-Gruppe die Preise dabei weitgehend vor, sagt Jan Stumpf, der einen kleinen "nah und gut"- Supermarkt betreibt, die kleineren Märkte der Edeka-Gruppe. Aber ein wenig Spielraum habe er doch:

"Dann versucht man natürlich schon, das nicht so ins Extreme laufen zu lassen. Auf der anderen Seite muss man dann irgendwann mal auch, wenn der Einkaufspreis steigt, den Verkaufspreis anpassen."

Im vergangenen Jahr war es neben der Witterung auch die Corona-Pandemie, die die Preise für Lebensmittel im Supermarkt von Jan Stumpf mitunter schlagartig in die Höhe trieb. Eine Entwicklung, die weltweit stattfand. Die Konsequenz: Der Preisindex der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO war im Mai im zwölften Monat in Folge geklettert – und lag insgesamt sogar um rund 40 Prozent höher als im Mai 2020. So teuer wie heute waren Lebensmittel seit September 2011 nicht mehr. In Deutschland zum Beispiel wurden während des ersten Lockdowns ab Ende März manche Waren einfach knapp. Die Konsequenz auch hier: Steigende Preise. Das fiel auch den Studierenden von Hans-Peter Burghof auf, Professor für Bankwirtschaft an der Universität Hohenheim.

"Viele Dinge konnte man ja gar nicht mehr kaufen, andere wurden dagegen mehr nachgefragt, und wir haben uns dann ein Segment rausgegriffen, eben Nahrungsmittel, und haben geschaut, wie sich da die Preise entwickeln und haben dann festgestellt, dass zumindest in der Anfangsphase der Coronakrise diese Preise doch sehr viel deutlicher gestiegen sind, als das der offizielle Inflationsindex zeigt."

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Der große Einfluß des Rohölpreises

Burghof und sein Team benannten ihren neuen Teilindex nach einem bei Studierenden relativ beliebten Gericht: den "Chili-con-Carne-Index". Sie nahmen dabei die etwa 70 Zutaten, die für die Herstellung infrage kommen, genauer unter die Lupe. Das Ergebnis: Mitte Mai vergangenen Jahres kosteten die enthaltenen Zutaten bereits 7,5 Prozent mehr als noch Anfang Februar. Mitte Juli wiederum waren es dann nur noch drei Prozent. Was einerseits daran lag, dass saisonales Gemüse wie etwa Tomaten wieder billiger wurde – und andererseits an der vorübergehenden Mehrwertsteuersenkung. Zwischenzeitlich hat sich die Lage beruhigt. Aktuell liegt die Inflationsrate bei relativ normalen 2,3 Prozent.

Im Juni 2021 stiegen die Verbraucherpreise in Deutschland gegenüber dem Vorjahresmonat um 2,3 Prozent. Somit stiegen die Verbraucherpreise den sechsten Monat in Folge, nachdem sie zuvor sechs Monate lang gefallen oder stabil geblieben sind. (VeröffentlichungsdatumJuli 2021) (Statista / Statistisches Bundesamt) Im Juni 2021 stiegen die Verbraucherpreise in Deutschland gegenüber dem Vorjahresmonat um 2,3 Prozent. Somit stiegen die Verbraucherpreise den sechsten Monat in Folge, nachdem sie zuvor sechs Monate lang gefallen oder stabil geblieben sind. (Statista / Statistisches Bundesamt)

Und einen großen Einfluss darauf haben aktuell vor allem die im Vergleich zum Vorjahr teilweise deutlich gestiegenen Energiepreise wie zum Beispiel für Rohöl. Generell steigen die Preise in Industrieländern meist sowieso recht moderat: Hier müssen die Menschen zwischen 15 bis 30 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aufwenden, in Deutschland sogar nur gut zehn Prozent. Doch in den Entwicklungs- und Schwellenländern sind es zwischen 60 und 100 Prozent. Ein Grund für diese Differenz sind die deutlich höheren Einkommen in den Industriestaaten, sagt Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim. Ein weiterer:

"Uns schützt in Deutschland ein relativ intensiver Wettbewerb, der dafür sorgt, dass, wer versucht, die Preise nach oben zu treiben, sehr schnell merkt, dass die Kunden das herausfinden und dann entsprechend auch reagieren."

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Betriebsgeheimnis Preisgestaltung

Die großen Supermarktketten lassen sich bei ihrer Preisgestaltung kaum in die Karten schauen. Man äußere sich nicht zu Preisen und Preisentwicklungen, heißt es etwa fast gleichlautend bei Rewe, Lidl oder Aldi Süd. Und Discounter Aldi Süd ergänzt:

"Die Preisfindung folgt grundsätzlich dem Prinzip von Angebot und Nachfrage auf dem gesamten (Welt-)Markt und wird beeinflusst von weiteren Faktoren wie etwa Qualität- oder Nachhaltigkeitskriterien."

Auf dem Weltmarkt kosteten Agrar-Rohstoffe nach den Daten der Welternährungsorganisation FAO im ersten Pandemie-Jahr 2020 insgesamt 31 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Ölsaaten wie Raps gar doppelt so viel. Mit etwas Verzögerung könnte das ebenfalls einen Einfluss auf die Preise für Nahrungsmittel nehmen. So kostet Mais inzwischen etwa doppelt so viel wie vor einem Jahr, auch Soja und Weizen sind deutlich teurer geworden. Ein Grund dafür war die Lagerhaltung in Pandemiezeiten, sagt Michael Heise, früherer Chefvolkswirt der Allianz und heute beim Vermögensverwalter hq-Trust:

"Es kam hinzu, dass die USA und China in einen Handelsstreit gekommen waren und die Lieferungen von Soja nach China gestoppt wurden. Und zu alledem kamen wohl auch noch Wetterbedingungen hinzu, die die Ernten auch in diesem Jahr jetzt nicht besonders üppig ausfallen lassen. Die Preise gehen dann hoch."

IWF-Ökonomen rechnen für 2022 mit Preissteigerungen

Bis Preisentwicklungen im normalen Handel von den Rohstoffen auf die Nahrungsmittelpreise durchschlagen, können laut einer im Juni veröffentlichten Kurzstudie des Internationalen Währungsfonds aber wiederum sechs bis zwölf Monate vergehen. Ökonomen rechnen ohnehin damit, dass die Preise spätestens im kommenden Jahr deutlich zulegen werden. Steigen werden sie allerdings auch schon in den nächsten Wochen. Und zwar wegen der vorübergehenden Mehrwertsteuersenkung im Juli des vergangenen Jahres.

"Wir müssen uns darauf einstellen, dass wirklich schon ab dem Juli die Inflationsrate deutlich nach oben schießen wird. Ich würde selbst drei Prozent im Juli nicht ausschließen."

Sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der Direktbank ING:

"Gleichzeitig aber haben wir vielleicht den besten Nährboden aller Zeiten für die so genannten Zweitrundeneffekte. Also: dass höhere Produzentenpreise weitergegeben werden können an den Endverbraucher. Dass aber auch höhere Produzenten- oder Verbraucherpreise letztendlich auch sich wieder in der Form von höheren Löhnen zurückfinden können."

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Entwicklungsländer - kaum Zugang zum lukrativen EU-Agrarmarkt

In diesem Umfeld generell steigender Preise kommt bei Nahrungsmitteln auch noch die Spekulation hinzu. Denn Agrar-Rohstoffe werden an der Börse gehandelt – ein eigentlich vernünftiges Instrument, das den Landwirten zur Absicherung ihrer Verkaufspreise dienen soll, sagt Markus Wolter, Referent für die Themen Ländliche Entwicklung, Hunger und Agrarhandel beim katholischen Hilfswerk Misereor. Schwierig werde es nur dann, wenn Investoren auf fallende oder steigende Preise wetten – und sie einen komplexen Markt damit global verzerren.

"Und, wenn Preise unbeabsichtigt steigen, zum Beispiel durch den Eintritt eines Hedge-Fonds, der auf steigende Reispreise spekuliert, dann kann das zum Teil verheerende Auswirkungen haben in den Ländern, in denen Reis gekauft wird."

Gerade in Entwicklungs- und Schwellenländern, die neben der Rohstoff-Spekulation auch mit anderen Herausforderungen konfrontiert sind: so haben sie zum Beispiel kaum Zugang zum lukrativen EU-Agrarmarkt – und leiden immer häufiger auch unter politischen Konflikten sowie klimawandelbedingten Wetterextremen wie Dürren oder Starkregen. Die Folgen: Mindererträge, Knappheit – und dadurch steigende Lebensmittelpreise.

Existenzangst der Menschen in Niger

In Agadez, der Oasenstadt im Norden Nigers, weit weg von deutschen Supermarkt-Kassen, kann man beobachten, wozu steigende Lebensmittelpreise führen können. Hier geht die Existenzangst schon länger um. Die Durchreise afrikanischer Migrantinnen und Migranten in Richtung Nordafrika und Europa ist dort eingebrochen - mit bösen Folgen für die lokale Wirtschaft. Hotels, Transportunternehmen und Handel machen weniger Geschäft. Die landwirtschaftliche Produktion in der Region ist eher bescheiden. So ist es kein Wunder, dass die jüngsten drastischen Preiserhöhungen für Lebensmittel zu Beginn dieses Monats zu ersten Protesten führten. Abdoulkarim Sidi gehört zur neu gegründeten "Vereinigung gegen das teure Leben in Agadez". Der 49-Jährige erläutert, warum die Lage für die Verbraucherinnen und Verbraucher aus seiner Sicht so belastend ist:

"Die Bevölkerung Nigers ist jung und zahlreich, die Familien sind arm. Aber die Preise sind hoch, und Niger importiert fast alles, was es braucht, von außen. Covid-19 hat den Austausch zwischen den Ländern behindert und außerdem die Produktion innerhalb des Landes."

Fischerboote am Niger in Mali. (Bildagentur-online/pa//Tips Images)Fischerboote am Niger in Mali: Produkte aus Entwicklungsländern finden kaum Zugang zum lukrativen EU-Agrarmarkt (Bildagentur-online/pa//Tips Images)

UN: Zwischen 720 und 811 Millionen Menschen weltweit unterernährt

Niger gilt als eines der ärmsten Länder der Welt. Im Entwicklungsindex der Vereinten Nationen belegt der Wüstenstaat mit seinen rund 24 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern den letzten Platz. Schon heute ist nahezu die Hälfte der Kinder mangelernährt. Und Niger ist keine Ausnahme. Laut aktuellem UN-Welternährungsbericht waren im Jahr 2020 insgesamt zwischen 720 und 811 Millionen Menschen weltweit unterernährt. Den stärksten Anstieg gab es laut Bericht mit rund 21 Prozent in Afrika. Reserven, um so genannte Schocks wie Dürren, Krieg oder eben eine Pandemie abzufedern, sind nicht nur in Niger selten vorhanden. Wenn dann Grundnahrungsmittel wie Reis oder Speiseöl teurer werden, kann es auf dem Markt schon mal laut werden.

"Ich versuche mit den Händlern über die Preise zu diskutieren. Aber sie senken die Preise nicht. Und mit meinem kleinen Gehalt habe ich bemerkt, es ist einfach zu teuer, das Öl, die Tomaten, die Hirse."

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Hoffnung auf staatliche Preisregulierung

Fatima Mohamed hat sogar eine Arbeit. Sie ist Beamtin. Aber ohne drastische Einschränkungen beim Essen, sagt sie, könne sie ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten. Eine ausgewogene und gesunde Ernährung - unter diesen Bedingungen kaum mehr ein Thema. Wie geht es da erst einem Arbeitslosen? Ibrahim Salissou ist zum Überleben auf seine Familie angewiesen. Dabei ist er schon 30 Jahre alt:

"Wir alle, die wir keine Arbeit haben, appellieren an die Regierung, die Preise der Lebensmittel zu kontrollieren und zu senken und auch dafür zu sorgen, dass die Händler die Preise herabsetzen."

Die Menschen in Agadez sehen ihre Regierung in der Pflicht, für bezahlbare Lebensmittel zu sorgen, indem sie Preise festsetzt und kontrolliert. Viele glauben, der lokale Markt sei außer Kontrolle und man sei der Willkür der Händler ausgeliefert, so auch Fatima Mohamed:

"Vielleicht kann der Staat uns helfen und die Preise kontrollieren und stabilisieren, denn oft setzen die Händler einfach ihre Preise fest."

Preise oft 15 bis 40 Prozent über dem Vor-Corona-Niveau

Und diese Preise liegen oft 15 bis 40 Prozent über dem Vor-Corona-Niveau. Das hat eine Kommission der westafrikanischen Staaten für Ernährungssicherheit im Juni festgestellt. Besonders dramatisch sei die Lage in den Bürgerkriegsgebieten wie Mali, rund um den Tschad-See und in Nordnigeria. Die Zahl unterernährter Kinder in diesen Gebieten belaufe sich auf fast zehn Millionen.

Wenngleich auch Niger vom Terrorkrieg in der Sahel-Zone betroffen ist, so ist die Lage dort noch etwas besser als etwa in Mali, sagt Abdoulkarim Sidi in Agadez, der die Proteste gegen die Teuerung mitorganisiert hat. Sein Plädoyer: Statt externer Hilfe müsse jetzt die Nachfrageseite gestärkt werden:

"Der Staat muss Vorsichtsmaßnahmen treffen. Es ist doch nicht nachvollziehbar, dass die Menschen heute in einem Land wie Niger leiden müssen, ja leiden! Weil es Covid-19 gab. Aber ich finde, man müsste andere Lösungen finden, damit die Bevölkerung für sich sorgen kann."

Arbeit zu schaffen und bessere Löhne zu zahlen, sagt Sidi, sei besser als die Menschen zu Almosenempfängern zu degradieren.

  (AA/Abacapress.com/Salih Zeki Fazlioglu) (AA/Abacapress.com/Salih Zeki Fazlioglu)10 Jahre Arabischer Frühling - Was von den Revolutionen bleibt
Vor zehn Jahren herrschte Aufbruchstimmung in vielen nordafrikanischen Staaten: Die Proteste des Arabischen Frühling forderten Meinungsfreiheit, Demokratie und Gleichberechtigung. Was wurde erreicht? Wir blicken nach Tunesien, Marokko und Algerien.

Lebensmittelpreise als Auslöser für den Arabischen Frühling

Auch Tausende Kilometer weiter nördlich blicken viele Bürgerinnen und Bürger bangen Auges auf die Preisschilder, und zwar im Königreich Marokko. Dort lebt die 38-jährige Erzieherin Saida Oulba in der Stadt Goulmima im Zentralen Atlasgebirge:

"Alle Preise sind gestiegen, das Mehl, die täglichen Lebensmittel, Zucker, Gemüse. Alles wurde teuer, und dann konnten die Leute nicht arbeiten gehen wegen der Pandemiekrise. Sogar die Medikamente konnten wir nicht mehr kaufen. Deswegen hat uns die Pandemie ganz schön mitgenommen, auch psychisch."

Spätestens seit dem so genannten Arabischen Frühling gelten Lebensmittelpreise im arabischen Raum als hochsensibles Thema. Denn vor zehn Jahren – so glauben manche Beobachterinnen und Beobachter – soll der Ärger über die hohen Preise zu den Umstürzen beigetragen haben. Marokko ist zwar im Gegensatz zu Niger ein erfolgreich exportierender Agrarstaat. Doch extreme Armut gibt es auch hier. Und besonders während der Corona-bedingten Ausgangsbeschränkung 2020 konnten sich viele Menschen ihr tägliches Brot kaum mehr leisten – teilweise bis heute nicht. Zu ihnen zählt sich der tschadische Migrant Koudema Abdoulbaki. Die Gruppe der Geflüchteten, berichtet der 24-Jährige, habe schwer gelitten:

"Das war überhaupt nicht einfach für uns. Erst durften wir nicht mehr aus dem Haus zum Arbeiten. Und dazu kam dann noch der Anstieg der Lebensmittelpreise. Wir bekamen keine Hilfe, keine Unterstützung vom Staat. Wir haben wie im Gefängnis gelebt und zeitweise nur hartes Brot gegessen. Das war eine sehr komplizierte Periode."

Zorn und Protest in Sozialen Netzwerken

Zu Beginn der Pandemie und im harten marokkanischen Lockdown sorgte sich der Staat durchaus um die Ärmsten der Armen und ließ Lebensmittel austeilen. Doch nicht alle bekamen etwas ab, sagt die Erzieherin Saida Oulba in Goulmima.

"Wir leben auf dem Dorf, wir sind auf unsere Tiere angewiesen. Wir haben alle verkauft und dann waren wir von unseren Verwandten abhängig. Im Fernsehen haben wir Ankündigungen gesehen, dass uns das Ministerium unterstützen werde, aber wir haben nichts bekommen. Man hat uns vergessen."

Und dass sie vergessen wurden, werden die Betroffenen selbst wohl kaum vergessen. Wer keine Ersparnisse hat, der muss den Gürtel bis heute enger schnallen. Vor allem im Tourismus und im informellen Sektor der Wirtschaft hätten die Menschen Existenzsorgen, sagt Rachid Aourraz, Ökonom vom Marokkanischen Institut für Politikanalyse. Doch im Vergleich zu vielen Nachbarstaaten stünde Marokko immer noch sehr gut da:

"Es gibt den Zorn in den Sozialen Netzwerken, es gibt Leute, die protestieren. Aber wenn wir berücksichtigen, dass es eine generelle Krise ist, dass viele Menschen ihre Arbeit verloren haben, so glaube ich persönlich, dass die Lage im Vergleich mit anderen Ländern der Region sicherlich schwierig ist, aber unter Kontrolle."

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Hin zur Landwirtschaft, die nicht gegen die Natur arbeitet

Existenzsorgen, die für den Großteil der Bevölkerung in westlichen Industrieländern keine Rolle spielen. Die wirtschaftlich und politisch oft unsichere Lage in vielen Entwicklungsländern, ihre Abhängigkeit von den Märkten der Industrieländer und vor allem der Klimawandel: all das macht die Produktion von Nahrungsmitteln für den eigenen Bedarf langfristig aber immer schwieriger. Und teurer - auch in Deutschland und Europa. Markus Wolter von Misereor fordert daher nicht weniger als eine Veränderung des bestehenden Systems.

"Wir erwarten bis 2050 im Schnitt durch die Klimakrise 20 bis 30 Prozent weniger Erträge in Deutschland für den Weizen, der Hauptkultur in Deutschland. Ich möchte noch nicht von Hunger in Deutschland reden, davon sind wir gottlob noch weit entfernt. In anderen Ländern eben nicht. Aber wir müssen uns global auf eine neue Landwirtschaft einstellen, die weg von den Maximalerträgen hin zu einer robusten ökologischen Landwirtschaft führt, die wirklich mit Vielfalt, mit der Natur und nicht gegen die Natur arbeitet."

Lösung: eine Weltgemeinschaft, die Probleme anerkennt

Ein guter Anfang wäre laut Wolter: mehr Transparenz bei den "wahren Kosten" der Lebensmittel im Supermarkt herzustellen – und alle Faktoren des Preises mit einzubeziehen. Wie das aussehen könnte, das habe im vorigen Jahr eine Aktion beim Discounter Penny in Berlin gezeigt, bei der die wahren Preise von Bio- und konventionellen Produkten verglichen wurden. Das Ergebnis:

"Dass Bio-Produkte in der Regel lange nicht so viel höhere Preise mit sich bringen würden wie zum Beispiel konventionelle und dass aber mit konventionellen Produkten immer höhere Preise zum Beispiel für Energie, Treibhausgasemissionen und ähnliches zu Buche schlagen, und die deswegen, relativ gesehen, deutlich teurer wurden als zum Beispiel ökologisch produzierte Produkte."

Mehr Transparenz in deutschen Supermarkt-Regalen könnte beim Verbraucher zu einem wachsenden Problembewusstsein führen – sowohl für landwirtschaftliche Prozesse, als auch für globale Lieferketten und Abhängigkeiten. Experten sind sich jedoch einig: Für faire, stabile Lebensmittelpreise und weltweite Ernährungssicherheit ist weitaus mehr nötig. Zum Beispiel eine Weltgemeinschaft, die die bestehenden Probleme anerkennt.

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