InflationWarum steigen die Preise?

Die Verbraucherpreise legten laut Statistischem Bundesamt im November 2021 gegenüber dem Vorjahresmonat um über fünf Prozent zu. Ähnlich hoch war die Inflation in Deutschland zuletzt vor fast 30 Jahren. Wie entsteht Inflation und wie wird gegengesteuert?

29.11.2021

Eine Frau holt eine 5-Euro-Banknote aus ihrem Portemonnaie
Sorgen um die Kaufkraft in Deutschland: Die Inflation steigt (picture alliance / dpa / Fernando Gutierrez-Juarez)
Die Inflation in Deutschland hat im November erstmals seit rund 29 Jahren wieder die Fünf-Prozent-Marke erreicht. Die Verbraucherpreise erhöhten sich gegenüber dem Vorjahresmonat um 5,2 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am 29.11.2021 in einer ersten Schätzung mitteilte. Eine Fünf vor dem Komma hatte die Wiesbadener Behörde zuletzt im September 1992 mit damals 5,0 Prozent gemessen. Im Oktober des laufenden Jahres hatte die Rate noch bei 4,5 Prozent gelegen.

Wie entstehen Inflation und Deflation?

Inflation ist der anhaltende Wertverlust von Geld durch steigende Preise. Preissteigerungen können verschiedene Ursachen haben, etwa die Verknappung bestimmter Güter oder Dienstleistungen. Derzeit sind zum Beispiel viele Baustoffe knapp, aber auch Computerchips. Wegen der hohen Nachfrage erhöhen sich die Preise der Produkte. Dieser Preisanstieg wird von den Unternehmen an die Verbraucher weitergegeben.
Eine Deflation ist sozusagen das Gegenteil der Inflation. Hier gehen die Preise stetig zurück, Güter und Dienstleistungen werden billiger. Die Gründe können ebenfalls unterschiedlich sein: die Nachfrage privater Haushalte sinkt oder die Nachfrage aus dem Ausland nach Importwaren. Gefährlich ist eine Deflation, weil sie eine Abwärtsspirale in Gang setzen kann: werden fallende Preise erwartet, werden Investitionen und Käufe zurückgestellt – die Wirtschaft stockt.

Was treibt aktuell die Preise?

Besonders tief mussten die Menschen in Deutschland im November erneut für Energie in die Tasche greifen. Haushaltsenergie verteuerte sich innerhalb eines Jahres um 22,1 Prozent. Der Anstieg beschleunigte sich damit. Im Oktober waren die Energiepreise gegenüber dem Vorjahr um 18,6 Prozent gestiegen und im September um 14,3 Prozent. Die Preissteigerungen bei Energiekosten werden seit Monaten von der weltweiten Konjunkturerholung nach dem wirtschaftlichen Einbruch durch Corona angeheizt.
Zudem schlägt die Rücknahme der temporären Mehrwertsteuersenkung in Deutschland inzwischen voll durch. Seit Januar 2021 gelten wieder die regulären Mehrwertsteuersätze, Waren und Dienstleistungen werden also tendenziell wieder teurer. Hinzu kommen Materialmangel und Lieferengpässe sowie die Einführung der CO2-Abgabe Anfang 2021. Seit Anfang 2021 sind 25 Euro je Tonne Kohlendioxid fällig, das beim Verbrennen von Diesel, Benzin, Heizöl und Erdgas entsteht.

Was sind Auswirkungen und Gefahren von Inflationsraten?

Steigende Inflationsraten können für die Verbraucher einen Verlust ihrer Kaufkraft bedeuten. Das heißt: für eine bestimmte zur Verfügung stehende Geldsumme können bei einem Anstieg der Inflation nicht mehr in gleichem Maße Güter oder Dienstleistungen in Anspruch genommen werden. Daher ist es für die Beurteilung inflationärer Tendenzen sehr wichtig, auf die Entwicklung von Löhnen und Gehältern zu schauen. Steigen sie in der Teuerung nicht oder im Verhältnis zum Anstieg der Preise zu wenig, schwindet die Kaufkraft der Konsumenten.
Zwei Hände tragen Plastiktüten.
Zwei Hände tragen Plastiktüten. (picture alliance / Eibner-Pressefoto | Fleig / Eibner-Pressefoto)
Die Verlierer sind die Armen
In Deutschland ist die Inflationsrate seit langer Zeit wieder sprunghaft gestiegen. Der Grund: Sondereffekte der Pandemie. Auf Teuerungen reagieren die Deutschen allerdings höchst sensibel. Doch die Europäische Zentralbank bleibt ihrer lockeren Linie treu. Wie lange kann das noch gut gehen?
Wichtig ist die Inflation auch für die Geldanlage und den Vermögensaufbau etwa zur Altersvorsorge. Steigt die Inflation, nicht aber die Zinsen, wird angelegtes Vermögen immer weniger wert.

Was besagt die Inflationsrate?

Als Inflationsrate wird der prozentuale Anstieg des allgemeinen Preisniveaus in einem bestimmten Zeitraum bezeichnet, in der Regel ein Jahr, und zwar gemessen an einem Preisindex.
In Deutschland wird die Inflationsrate von den Statistischen Landesämtern und dem Statistischen Bundesamt in Wiesbaden berechnet. Jeden Monat werden zu diesem Zweck Einzelpreise erfasst, und zwar von Waren und von Dienstleistungen. Insgesamt werden Preise von rund 600 Güterarten erhoben: Sie bilden den sogenannten Warenkorb. Er wird als repräsentativ angesehen, allerdings gibt es auch immer wieder Diskussionen dazu, ob er richtig zusammengesetzt ist.

Wie nehmen Zentralbanken Einfluss auf Preisstabilität?

Die Sicherung stabiler Preise ist in der Regel die originäre Aufgabe der Zentralbanken. Sie sind daher idealerweise nicht an Weisungen von Regierungen gebunden. In Deutschland hat über viele Jahre die Deutsche Bundesbank die Steuerung der Geldpolitik verantwortet. Seit der Einführung des Euro-Systems, deren Mitglied die Bundesbank ist, ist die Europäische Zentralbank (EZB) zuständig. Auch sie ist vorrangig dem Ziel der Preisstabilität verpflichtet. Das unterscheidet sie zum Beispiel von der US-amerikanischen Zentralbank Federal Reserve (Fed). Diese berücksichtigt in ihren geldpolitischen Entscheidungen auch Effekte für den Arbeitsmarkt.
Preisstabilität sieht die EZB dann als erfüllt an, wenn die Inflationsrate im Euro-Währungsgebiet bei "unter, aber nahe" zwei Prozent liegt. Hier sieht die EZB sozusagen die ideale Mitte gewährleistet: Die Gefahr einer Deflation besteht dann nicht, weil es eine maßvolle Teuerung gibt. Die Bedrohung durch eine "galoppierende", also stark zunehmende Inflation wäre bei einer beherrschbaren Preissteigerung von nahe zwei Prozent ebenfalls nicht gegeben.
Das Ziel einer Inflationsrate von nahe 2,0 Prozent hat die EZB aber über lange Zeit nicht erreicht. Normalerweise erhöhen die Zentralbanken die Zinsen, wenn die Teuerung zunimmt, um die Preise stabil zu halten. Die EZB hat die Zinsen gesenkt, um auf diese Weise ein Anziehen der Inflation zu erreichen. Seit März 2016 liegt der Leitzins im Euroraum bei 0,0 Prozent.

Auf die Coronakrise reagierte die EZB angesichts der ohnehin schon bei Null liegenden Zinsen mit einem anderen Mittel: mit gigantischen Aufkäufen von Anleihen, um so die Wirtschaft zu stabilisieren. Mit den jüngsten Fortschritten in der Bekämpfung der Pandemie zieht auch die Wirtschaft im Euroraum wieder an. Da auch andere wichtige Volkswirtschaften wie China oder die USA deutlich zulegen, ist ein Wettlauf um produktionsnotwendige Rohstoffe entstanden. Deren Preise steigen deutlich und heizen die Inflation auch im Euroraum an. Im September 2021 ist sie hier mit 3,4 Prozent so hoch ausgefallen wie seit 13 Jahren nicht mehr. Im Oktober 2021 stieg sie dann sogar auf 4,1 Prozent.
Der Neubau der Europäischen Zentralbank (EZB) überragt am 04.06.2014 die Zentrale der Bundesbank in Frankfurt am Main (Hessen).
Bundesbank und EZB (picture alliance / Boris Roessler)
Die Bundesbank und ihr Verhältnis zur EZB
Im Streit um die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank spielt die Bundesbank eine wichtige Rolle. Sie ist an die Beschlüsse des Eurosystems gebunden. Wie ist das Verhältnis der beiden Banken?

Wie wird die hohe Inflationsrate eingeschätzt?

Trotz der hohen Inflationsrate im Euroraum sieht die EZB in diesem Zusammenhang keinen Grund zum Handeln. Sie vertritt die Auffassung, dass ein Großteil des derzeitigen Preisauftriebs nur vorrübergehend und durch die Folgen der Corona-Krise bedingt ist.
EZB-Chefvolkswirt Philip Lane bestärkte diese Position am 11. Oktober 2021 bei einem Auftritt einer Veranstaltung des Instite of International Finance: "Der Auslöser für geldpolitisches Handeln ist nicht vorhanden." Damit der Anstieg der Preise dauerhaft sei, müsse er sich erst von den Güterpreisen auf die Dienstleistungen und die Löhne hin ausbreiten, so Lane. Bislang geht die Notenbank davon aus, das die Teuerung im Euro-Raum 2022 wieder unter der Zielmarke von zwei Prozent liegen wird.
EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel bekräftigte diese Haltung am 29.11.2021 im ZDF-Morgenmagazin: "Wir gehen davon aus, dass im November der Höhepunkt der Inflationsentwicklung erreicht ist und dass die Inflation im kommenden Jahr wieder allmählich zurückgehen wird, und zwar in Richtung unseres Inflationsziels von zwei Prozent."
Auch der Ökonom Jens Südekum erwartet ab 2022 wieder "deutlich entspannte Inflationsraten". Er warnte zudem vor Panikreaktionen – verfrühte geldpolitische Maßnahmen wie Zinserhöhungen durch die EZB seien vorerst nicht nötig. Das würde die Situation nur verschlimmern, sagte Südekum am 14. Oktober 2021 im Dlf.
Ähnlich sieht es Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft. Auch Ende November 2021 sieht der Wirtschaftswissenschaftler noch keinen Grund zur Sorge. Entscheidend werde sein, wie sich die Situation im neuen Jahr 2022 entwickle, sagte er im Dlf (30.11.) Aber: Die Verbraucher müssten sich daran gewöhnen, dass fossile Rohstoffe teurer werden. Für Haushalte mit geringem Einkommen forderte der IW-Direktor gezielte Ausgleichsmaßnahmen. „Ansonsten werden wir sicherlich Unruhen oder ein Unruhegefühl bekommen und das kann nicht gut gehen“, warnte Hüther. Diese Transformation müsse man organisieren. „Insofern ist diese Inflationserfahrung auch ein bisschen ein Test dafür, wie wir mit diesen Preiserhöhungen, die wir bei den fossilen Rohstoffen brauchen, umzugehen haben“, sagte Hüther.
Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft
Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, nimmt an der Eröffnung der Veranstaltung "Neue Wege in der deutschen Regionalpolitik - Das gesamtdeutsche Fördersystem für strukturschwache Regionen" im Bundeswirtschaftsministerium teil. (picture alliance/dpa | Wolfgang Kumm)
Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, zeigte sich Mitte Oktober weiterhin angesichts des Rekordhochs nicht besorgt: "Eine dauerhaft hohe Inflation ist sehr unwahrscheinlich und wäre eher ein Luxus-Problem, denn dies würde eine dauerhaft boomende Wirtschaft erfordern", sagte Fratzscher. Die Preise für fossile Energieträger wie Öl und Gas würden aber auch in Zukunft weiter steigen und das sei auch gut so. "Denn dies gehört zu einer klugen Strategie in Sachen Klimaschutz dazu," so der DIW-Präsident. Die Politik sollte Menschen allerdings mit geringen Einkommen gezielt finanziell entlasten, aber nicht Topverdiener oder Unternehmen.
Inflation werde zum Problem, wenn sie sich verstetige, erklärte Fratzscher bereits am 18. September im Dlf : "Das Problem einer verstetigten Inflation entsteht dann, wenn es einen Wirtschaftsboom gibt, wenn die Nachfrage größer ist als das Angebot – und davon sind wir im Augenblick wirklich weit entfernt." Auch eine Lohn-Preis-Spirale, bei der kräftig steigende Löhne von den Unternehmen über höhere Preise weitergegeben werden, sei derzeit nicht zu erkennen.
Prof. Dr. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, DIW Berlin, in der Bundespressekonferenz
Prof. Dr. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, DIW Berlin, in der Bundespressekonferenz (imago / Jürgen Heinrich )
Fratzscher (DIW): "Meine Sorge gilt vielmehr den Mieten"
Die Inflationsentwicklung als Ganzes bereite ihm weniger Sorgen, es seien vor allem die stark steigenden Mieten, sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher im Dlf. Das treffe vor allem Menschen mit geringen Einkommen.
Weniger optimistisch reagierte die die Dienstleitungsgewerkschaft Verdi auf die veröffentlichte Inflationsrate von über vier Prozent im September. Ihr Vorsitzender Frank Werneke forderte am 14. Oktober "deutlich spürbare Reallohnsteigerungen", damit die Beschäftigten und ihre Familien den Preisanstieg auffangen könnten. Die Preissprünge träfen vor allem Menschen mit geringeren und mittleren Einkommen.
Ebenfalls kritisch bewertet Carsten Linnemann, stellvertretender Vorsitzender der CDU-Bundestagsfraktion, die Situation. Er sieht die Gefahr hoch für eine anhaltend hohe Inflation von über zwei Prozent. "Das trifft die Haushalte in Deutschland mit voller Wucht", sagte Linnemann gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Was lehrt die Geschichte?

Dass die Bundesbank für die D-Mark eine sehr strikte, auf Preisstabilität ausgerichtete Geldpolitik verfolgte, hat mit dem historischen Trauma der Deutschen zu tun: nämlich der Erfahrung der Hyperinflation des Jahres 1923. Als Hyperinflation wird eine Geldentwertung bezeichnet, die 50 Prozent im Monat in der Spitze übersteigt. Die Bilder von Schubkarren voller Geldscheine waren im Bewusstsein der Deutschen im 20. Jahrhundert gegenwärtig. Letztlich war die "harte D-Mark" eine Folge dieser Erfahrung.
(Quellen: Klemens Kindermann, dpa, Reuters, AFP, cp, pto)