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StartseiteHintergrundHaltbarkeitsdatum - künftig ohne?20.05.2016

LebensmittelverschwendungHaltbarkeitsdatum - künftig ohne?

Wegen des Mindesthaltbarkeitsdatums (MHD) werden zu viele Lebensmittel weggeworfen, die eigentlich noch genießbar wären. Besser wäre es, ein Verfallsdatum anzugeben, so Ernährungsminister Christian Schmidt. Verbraucherschützer sehen das anders. Und die Chefin der Tafel, Sabine Werth, befürchtet, dass dadurch künftig weniger Lebensmittel an Arme verschenkt würden.

Von Jantje Hannover

Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) gekennzeichnet auf einem Ei (Imago)
Verbraucherschützer wollen, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum gesetzlich geregelt wird und nicht wie bisher durch den Hersteller festgelegt wird. (Imago)
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Vor dem Lager der Tafel auf dem Großmarkt in Berlin. In den riesigen Hallen ringsum kaufen die Lebensmittelhändler der Hauptstadt ihre Waren ein. Mittendrin die Berliner Tafel, die nimmt, was keiner mehr haben will. Vor dem Eingangstor stehen Topfblumen, Kartoffelsäcke und Kisten mit Obst, fleißige Helfer fahren die Waren mit Hub- und Rollwagen über die Schwelle ins Lager.

Es ist acht Uhr früh, ein frostiger Morgen im April. Eine Gruppe Männer, die meisten von ihnen Ein-Euro-Jobber, steht um eine Palette mit Bananen herum. Die Früchte im Karton haben teilweise Schimmel angesetzt. Der Kollege bricht die Bananenschale auf, beherzt beißt er in die gelbe Frucht.

"Ist fest, ist nur die Schale, meine Herren, die Schale!"

Die Mitarbeiter der Berliner Tafel machen hier vor, was offenbar längst aus der Mode gekommen ist: die eigenen Sinne, Geruch und Geschmack einsetzen, um zu überprüfen, ob ein Lebensmittel noch essbar ist. Jahr für Jahr landen in Deutschland elf Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. In großen LKW-Containern hintereinandergestellt ergäbe das eine Schlange von Berlin bis Barcelona.

Christian Schmidt: Das Mindesthaltbarkeitsdatum hat sehr viel Puffer

Eine Studie aus dem Jahr 2012, vom damaligen Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz beauftragt, hat herausgefunden, dass besonders viel Abfall in den Privathaushalten anfällt. Oft wird zu viel eingekauft oder voreilig entsorgt. Und das will Christian Schmidt, der aktuelle Minister für Ernährung und Landwirtschaft, jetzt ändern. Eine der Ursachen für die sinnlose Verschwendung hat sein Ministerium bereits identifiziert:

"Leider stellen wir fest, dass sehr viele Produkte, die eigentlich noch genießbar sind und gut sind, wegen des Ablaufs des Mindesthaltbarkeitsdatums weggeworfen werden, und da will ich dagegen vorgehen. Das Mindesthaltbarkeitsdatum, wie der Name schon sagt, hat sehr viel Puffer.

Jeder, der den sensorischen Test bei Joghurt oder abgepacktem Käse ab und zu stattfinden lässt, wird feststellen, dass ein Joghurt nach ein, zwei Wochen über dem Datum immer noch gut genießbar ist. Allerdings sind es viele, die aus dem Vorsicht – und Vorsorgeprinzip sagen, nee, das Risiko gehe ich nicht ein."

Das Mindesthaltbarkeitsdatum verführt viele also dazu, abgepackte Produkte früher auszumustern, als das nötig wäre. Immerhin: Zucker, Salz, alkoholische Getränke und Kaugummi werden bereits heute ohne das möglicherweise problematische Datum gehandelt. Der erste Schritt sei also schon getan, erklärt Christian Schmidt:

"Und zum anderen, dass wir da, wo es draufsteht, es ersetzen durch ein Verfallsdatum, der ehrlicheren Information für den Verbraucher. Im Vordergrund steht natürlich die Gesundheit des Verbrauchers, aber auch ein Stück weit Unterstützung bei der Entscheidung, kann ich das noch genießen oder nicht?"

Verfallsdatum statt Mindesthaltbarkeitsdatum. Ist das Verfallsdatum erreicht, darf und muss das Produkt dann wirklich weggeworfen werden. Die ursprüngliche Idee des Ministers, den Zustand des Lebensmittels mit einem elektronischen Chip anzuzeigen, hat er mittlerweile in die Zukunft verlegt:

"Soweit sind wir noch nicht. Im Mittelpunkt muss die Gesundheit des Verbrauchers stehen. Es soll sich ja niemand ängstigen und sagen: mein Gott, da muss ich dann irgendwie noch einen QR-Code anschließen, um überhaupt zu wissen, ob ich das essen kann…"

Lebensmittelverschwendung bis 2030 halbieren

Eine neue Richtlinie zum Mindesthaltbarkeitsdatum, das muss auf EU-Ebene geregelt werden. Der Minister hat bereits die Niederlande mit ins Boot geholt. Und er weiß die Vereinten Nationen hinter sich:

"Wir haben uns zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2030 die Lebensmittelverschwendung zu halbieren. Das ist übrigens sogar ganz allerhöchst unterstützt, weil wir bei den sustainable development goals, bei den nachhaltigen Entwicklungszielen, die die Vereinten Nationen beim großen Gipfel in New York im September letzten Jahres beschlossen haben, gerade diese Reduzierung der Lebensmittelverschwendung durch die Null-Hunger-Strategie erreicht werden soll."

Sabine Werth, Chefin der Berliner Tafel, unterstützt das Anliegen des Ministers:

"Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist eine rein fiktive Angelegenheit des Handels. Der Produzent garantiert bis zum Ablauf dieses Mindesthaltbarkeitsdatums, dass sich an Form, Farbe und Geschmack nichts verändert. Das ist alles.

Es führt aber dazu, dass in der Bevölkerung das Gefühl ist, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum ein Verfallsdatum ist, und sie schmeißen prompt die Dinge weg, kurbeln dadurch also wieder den Handel an. Das heißt, für den Handel ist es von sehr großem Interesse, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum existiert."

Im Supermarkt stellen sich die Menschen auf die Zehenspitzen, um ganz hinten im Regal die Produkte mit der längsten Haltbarkeit zu ergattern. Dabei wissen laut Umfragen die meisten genau, dass die Dinge auch nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum, dem MHD, noch gut sind.

Die Studentin Noelle Ganglof ist jetzt angetreten, an dieser Gewohnheit etwas zu ändern. Für ihr Projekt "Nimm mich zuerst" hat sie im April den "Zu gut für die Tonne – Bundespreis" in der Kategorie Förderpreis gewonnen. Er wird vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft vergeben.

"Es geht um Ausschussware in Supermärkten. Die Produkte, die so zwei, drei Tage vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum sind, wurden mit einem Sticker gekennzeichnet, wo draufsteht: nimm mich zuerst, ich bin lecker und ich bin unbedenklich."

Ein Mülltonne ist bis zum Rand mit teilweise noch verpackten Lebensmitteln gefüllt. Jeder Bundesbürger  wirft im Schnitt 82 Kilogramm Lebensmittel im Jahr weg.Oftmals ist der Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums der Grund. Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner hat am Montag, 19.03.2012 eine Kampagne gegen Lebensmittelverschwendung gestartet. ( imago/epd)Über 60-Jährige werfen nur zwei Prozent Lebensmittel wöchentlich weg, unter 30-Jährige dagegen 25 Prozent ( imago/epd)

Tatsächlich wurden diese Artikel vermehrt gekauft, auch deshalb, weil sie 30 Prozent weniger kosteten. Wie viel Lebensmittelabfall tatsächlich vermieden werden könnte, wenn es das MHD nicht mehr gäbe, ist bis jetzt nicht klar – das Ministerium hat hierzu bereits eine Studie auf EU-Ebene in Auftrag gegeben. Das Problem der Lebensmittelverschwendung werde in Zukunft eher zunehmen, wenn niemand entschieden gegensteuere, warnt Minister Christian Schmidt:

"Wir haben in Untersuchungen meines Hauses festgestellt, dass über 60-Jährige nur zu zwei Prozent Lebensmittel wöchentlich wegwerfen, dass unter 30-Jährige 25 Prozent dieser Lebensmittel wegwerfen.

Das ist für mich auch ein Hinweis, dass wir durchaus auch Information-, Bewusstseinsbildung machen müssen, und dass wir das in der Digitalisierung offensichtlich ein Stück übersehen haben."

Ein stärkeres Bewusstsein beim Konsumverhalten: beim Einkauf, bei der Lagerung und bei der Verwertung von Nahrungsmitteln. Hier gehen die Verbraucherzentralen inhaltlich mit. Dass sich der Minister jedoch so stark auf das MHD konzentriert, überzeugt die Fachleute bislang nicht. Jessica Fischer betreut bei der Verbraucherzentrale Berlin den Bereich Lebensmittel und Ernährung:

"Das würde eher wohl noch ein bisschen Verwirrung stiften bei den Verbrauchern. Das Mindesthaltbarkeitsdatum gibt es ja jetzt schon über 30 Jahre. Es ist tatsächlich immer noch so, dass viele Verbraucher das vielleicht nicht ganz richtig verstehen, aber eine Abschaffung löst jetzt aus unserer Sicht nicht das Problem der Lebensmittelabfälle."

Für den Handel ist das Mindesthaltbarkeitsdatum von großem Interesse

Das MHD durch das Verfallsdatum ersetzen – auch darin sieht Jessica Fischer keine Lösung:

"Das wird wahrscheinlich dann auch, vermute ich, der Handel dementsprechend ausnutzen, dass er das Verfallsdatum so legt, dass er dann auch schnell neue Produkte nachlegen kann, und der Hersteller wird da auch drauf einwirken. Also der Handel wird nach Verfallsdatum auch keine Produkte mehr verkaufen."

Mehr Erfolg versprechen sich die Verbraucherzentralen davon, das Mindesthaltbarkeitsdatum gesetzlich zu regulieren. Denn bisher bleibt die Festlegung dem Hersteller überlassen. Dieser ist sogar regresspflichtig, wenn das MHD nicht hält, was es verspricht:

"Es gibt eine Untersuchung aus Großbritannien, da könnte man sehr viele Lebensmittelabfälle zum Beispiel einsparen, indem man das MHD nur einen Tag verlängert. Das ist natürlich politisch geregelt, man könnte auch die Richtlinien für die Festlegung von dem MHD noch mal fester zurren oder standardisieren, weil das ist bis jetzt dem Händler ganz allein überlassen."

Auch Nicole Maisch, verbraucherpolitische Sprecherin bei den Grünen, hält die Initiative des Ministers auf der einen Seite für nicht ausreichend durchdacht:

"Und das Zweite ist, dass wir uns sehr ärgern, dass wir im Bundestag sehr viele Maßnahmen gemeinsam mit allen Fraktionen beschlossen haben, die Herr Schmidt einfach nicht umsetzt. Zum Beispiel haben wir mehrmals schon beschlossen, dass er mit allen Beteiligten der Wertschöpfungskette, mit den Caterern, den Händlern, den Restaurants verbindlich vereinbart, wie viel Lebensmittelmüll sie einsparen sollen.

Grüne Nicole Maisch: Ich nenne es eine PR-Aktion

Und von diesen verbindlichen Absprachen haben wir noch nichts gesehen, und warten darauf schon seit Beginn der Legislatur, deshalb sind wir ein bisschen ärgerlich über Herrn Schmidts... ich nenne es eine PR-Aktion."

Nicole Maisch kritisiert, dass der Minister sich auf die Verbraucher fokussiert und die Ernährungswirtschaft kaum in die Pflicht nimmt:

"Bei den Privathaushalten hat man es eben auch mit 80 Millionen Individuen zu tun. In deren Verhalten in irgendeiner Form einzugreifen ist natürlich viel schwieriger, als wenn man große Ansprechpartner wie Lidl oder Aldi oder Rewe hat, wo man mit einer Maßnahme sofort größere Mengen bewegen könnte.

Dazu gehören Vereinbarungen wie: wie breit soll das Angebot gerade in den Abendstunden bei Brot- und Backwaren sein, das ist ein großer Punkt. Die nächste Frage: was machen wir mit Obst und Gemüse, das ist ja auch ein sehr großer Teil, der weggeschmissen wird. Hier denke ich, müsste man über Rabattsysteme nachdenken, auch über Aktionen mit nicht perfektem Gemüse."

Warum hat der Lebensmitteleinzelhandel solche Ideen nicht schon längst umgesetzt? Stephan Becker-Sonnenschein ist Geschäftsführer des Vereins "Die Lebensmittelwirtschaft". Der Verein macht Öffentlichkeitsarbeit für Ernährungsindustrie, deutschen Bauernverband und Lebensmittelhandel:

"Ich sehe das so, dass wir in unserer Gesellschaft bestimmte Wertvorstellungen haben. Ich möchte heute, wenn ich in einen Laden gehe, heute auch abends um achtzehn oder um zwanzig Uhr, wenn ich zum Back Shop komme, die Auswahl haben, die ich den ganzen Tag über hatte, bloß konnte ich leider in der Früh nicht einkaufen gehen."

Vielleicht ein Fall für die Bewusstseinsbildungsarbeit, von der der Minister spricht. Denn an das Versprechen unserer freien Marktwirtschaft, dass alles, für das man zu zahlen bereit ist, auch immer zu kriegen ist, haben wir uns gewöhnt. Und daran, dass nur Obst und Gemüse im Regal liegt, das so gut wie keine Makel hat.

"Das ist jetzt die Frage, ob das ein Fehler ist oder ob das richtig ist. Aber dass das Marktangebot zunächst einmal da ist und wir es uns leisten können, dieses Marktangebot zu unterbreiten, ist eine Errungenschaft. Wenn der Konsument sagt, ich möchte abends nicht sechs oder acht unterschiedliche Semmeln zur Auswahl haben, sondern mir genügt es, wenn ich nur noch die Reste bekomme, gerne.

Bewußtsein der Verbraucher ändern

Aber wenn ich mir den Verbraucher in den Märkten anschaue, der dann sagt: wieso habt ihr denn keine Mohnsemmeln mehr hier liegen, und es heißt dann, ja schau mal auf die Uhr, es ist schon 19.30 Uhr, glaubst du, wir haben den ganzen Tag hier Semmeln rumliegen, dann wird der Verbraucher nicht rausgehen und sagen: das war ein kundenfreundliches Unternehmen."

Auch von der Abschaffung des Mindesthaltbarkeitsdatums hält die Lebensmittelwirtschaft nicht viel, abgesehen von Dauerprodukten wie Linsen, Nudeln oder Kaffee, erläutert Stephan Becker-Sonnenschein:

"Bei anderen Produkten ist es sehr fraglich, ob man ein Mindesthaltbarkeitsdatum einfach so wegmachen kann, weil es hätte auch rechtliche Konsequenzen. Weil das Unternehmen dann natürlich vor dem Problem steht: wie lange will ich die Verantwortung für mein Produkt übernehmen können oder übernehmen müssen, wenn ich nicht sage: Ab dem Termin ist das Produkt für mich nicht mehr regressfähig."

Ein Verfallsdatum würde immerhin dieses Problem lösen. Nur ein Fünftel des Lebensmittelmülls fällt bei den Herstellern, also der Ernährungsindustrie und beim Handel an. Das sagt zumindest die Studie des zuständigen Ministeriums aus dem Jahr 2012. Die grüne Bundestagsabgeordnete Nicole Maisch vermutet, dass die Menge deutlich größer sein könnte. Denn die Forscher durften die Tonnen der Lebensmittelindustrie nicht prüfen. Lebensmittel sind einfach zu billig, klagt sie:

"Das ist ja wie bei allen Umweltfragen so, Ressourcen sind leider billig zu haben im Vergleich zu zum Beispiel Arbeitskraft. Niemand macht sich die Mühe, aus einer Kiste Orangen die fünf angeschimmelten rauszusortieren, ganz einfach weil am Ende die Ressource Lebensmittel billiger sind als die Arbeitskraft der Person, die dann sortieren müsste. Ich glaube, da ist noch Spielraum, wirklich Ressourcen zu sparen."

Dass die großen Supermarktketten immer noch viel wegwerfen, nützt immerhin den Tafeln in Deutschland. Thomas Merten und Norbert Guthmann sind gerade mit einem der Lieferwagen auf Abholtour. Die erste Station ist eine Lidl-Filiale in einer engen Straße in Berlin-Kreuzberg. Hier einen Parkplatz zu finden, ist eine Kunst:

"Stell dich hier vorne hin, hinter den roten."

Die Männer gehen durch den Supermarkt zum Lagerraum:

"Guten Tag, die Berliner Tafel ist wieder da."

"Ich hol mal ein paar Sachen hoch."

Mit einem Lastenaufzug holt der Angestellte die Reste aus dem Keller. Es gibt Suppengrün, Möhren und Paprika, Bananen und Äpfel mit verschiedenen Makeln. Thomas Merten und Norbert Guthmann stapeln alles im Laderaum des Wagens. Am frischesten sehen zwei volle Kisten mit grünem Spargel aus.

"Wenn irgendwas verschimmelt ist oder eine Banane offen ist, das können wir natürlich nicht nehmen".

"Inzwischen ist es so, dass der Handel sehr viel besser disponiert und gar nicht mehr so viel ordert, dafür aber mehr abverkauft. Selbst Häuser wie das KaDeWe verkaufen nach MHD mit einem Hinweis die Sachen preiswerter. Dadurch kriegen wir inzwischen viel weniger."

Das ist für die Tafeln durchaus ein Problem, sagt Sabine Werth. Denn die Lebensmittelsammler müssen ständig mehr Menschen versorgen. Trotzdem ist die Tafel-Chefin stolz auf den Bewusstseinswandel, den ihr Team mit den Abholtouren bewirkt hat:

"Denn die Firmen haben natürlich permanent gesehen, wie viel sie bei uns abgeben, und dabei haben sie gemerkt, dass das natürlich ein Irrwitz ist, was sie machen. Denn dem Handel geht es um den Verkauf, nur dann macht es Sinn. Wenn der Handel aber wesentlich damit beschäftigt ist, Lebensmittel zu verschenken, sprich an uns abzugeben, dann müssen sie natürlich sich selbst eine Existenzfrage stellen."

Der größte Lebensmittelretter Deutschlands neben den Tafeln ist wahrscheinlich Stefan Lankowski. Er wurde ebenfalls mit dem Bundespreis "Zu gut für die Tonne" ausgezeichnet. Der Spediteur betreibt mit Unterstützung der Firma Salt Solutions das Projekt "Im Angebot".

Ob Leberwurst, Butter oder Hüttenkäse, der Handel nimmt nur Produkte ab, die noch lange genug haltbar sind. Aber oft genug verkalkuliert sich der Nahrungsproduzent. Stefan Lankowski bestückt fünf Supermärkte in Sachsen-Anhalt mit herabgesetzter Ware, die nicht mehr lange hält:

"Das ist die Leistung, die es bedarf diesen straffen Prozess, dass man nicht drei Tage braucht, um ein Produkt von A nach B über so eine große Distanz zu bekommen, sondern eben in 24 Stunden. Und die Logistik ist europaweit schon so effizient aufgestellt, die schafft das sozusagen binnen 24 Stunden von Warschau nach Berlin was zu bringen."

Wo besser verwertet wird, fällt weniger für die am Rande ab

Sechs bis acht Tonnen Lebensmittel rettet Stefan Lankowski mit dieser Geschäftsidee - pro Tag! Ein überzeugter Mitstreiter also für Ernährungsminister Christian Schmidt beim Kampf gegen die Verschwendung. Beim praktischen Teil. Beim theoretischen in Sachen MHD muss Schmidt jetzt noch die EU-Kommission überzeugen:

"Leute überzeugen müssen, das ist klassisches politischen Handwerk. Ich hab‘ mit den Niederlanden gemeinsam bereits im letzten Jahr eine Initiative im Ministerrat eingebracht. Jetzt befasst sich die Kommission damit.

Da muss man ab und zu einen Blick drauf richten, dass die Kommission sich auch zügig damit beschäftigt, das ist Brüsseler Alltag, und gleichzeitig arbeiten wir an Vorschlägen zur Lebensmittelkennzeichnung in diesem ganz konkreten Bereich Mindesthaltbarkeitsdatum. Mein Ziel wäre, dass wir doch in den nächsten ein, zwei Jahren hier zu Regelungen kommen."

Eine lange Menschenschlange hat sich im Hof bei den Maltesern in Berlin-Wilmersdorf angesammelt. Alle hier warten auf ein Mittagessen. Die Tür zur Küche steht offen, alles ist blitzblank geputzt, armlange Schöpfkellen hängen an der Stange über Herd und Kesseln. Hier wird auch das Gemüse von der Tafel verkocht. Brigitte Minke leitet Küche und Essensverteilung schon seit vielen Jahren:

"Es kommen viele Altersarmutsleute her, wir haben Obdachlose, Stadtarme wie wir sie nennen und viele Osteuropäer, die auf der Straße leben, sie kriegen hier ein Mittagessen, und sie kriegen auch Sachen mit, Brot, Brötchen, die wir als Spenden haben, die werden dann hier verteilt."

Der Essenscontainer wird über das Kopfsteinpflaster herangerollt. Es gibt Nudeln mit Gemüse und Leberkäse. Rund 30 Plätze bietet der Speisesaal, wer gegessen hat, steht auf, dann kann der nächste hereinkommen. Brigitte Minke hofft, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum erhalten bleibt:

"Wenn es abgeschafft werden würde, würden wir ja auch weniger bekommen, denn viele Leute nehmen die Sachen schon gar nicht mehr mit, wenn es am nächsten Tag abgelaufen ist. Somit kann es die Tafel einsammeln, somit kommen wir auch an Lebensmittel ran, die nicht mehr gekauft werden."

Wo besser verwertet wird, fällt auch weniger ab für die, die am Rande stehen. Trotzdem ist es richtig und wichtig, dass weniger Lebensmittel weggeworfen werden. Das Mindesthaltbarkeitsdatum abzuschaffen kann hierbei aber nur eine Maßnahme sein.

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