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StartseiteInterview"Durch diese Krise einen digitalen Durchbruch geschaffen"25.04.2020

Lehre an den Hochschulen"Durch diese Krise einen digitalen Durchbruch geschaffen"

Durch die Coronakrise habe man innerhalb weniger Wochen geschafft, was sonst fünf Jahre gedauert hätte: die Umstellung auf die digitale Lehre, sagte Martin Wortmann, Präsident der Rheinischen Fachhochschule Köln, im Dlf. Auch nach Ende der Krise werde man diese Instrumente im Uni-Betrieb weiter nutzen.

Jürgen Zurheide im Gespräch mit Martin Wortmann

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Digitale Kommunikation in Zeiten der Coronakrise (imago / Panthermedia)
Digitale Lehre sei auch wichtig, um die Studierenden auf die berufliche Wirklichkeit vorzubereiten, sagte Martin Wortmann, Präsident der Rheinischen Fachhoschule Köln (imago / Panthermedia)
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Deutschland hinkt bei der Digitalisierung extrem hinterher. Durch die Coronakrise müssen jetzt gerade Schulen und Hochschulen aufrüsten, um ihren Unterricht und ihre Vorlesungen durchführen zu können. Martin Wortmann, Direktor der Rheinischen Fachhochschule Köln in Köln und gleichzeitig Vorstandsmitglied der Landesrektorenkonferenz in Nordrhein-Westfalen, sagte im Dlf, dies sei seiner Hochschule in kürzester Zeit gelungen. Zwar fehle den Studenten der soziale Kontakt, es gebe einige Herausforderungen und der Unterricht sei sehr viel anstrengener als zuvor, aber nach der Krise werde das Digitale aus dem Unterricht nicht mehr wegzudenken sein.

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)


Zurheide: Wie läuft denn der Unterricht an Ihrer Hochschule im Moment ab?

Wortmann: Ja, irgendwie ganz anders als früher, es ist alles digital geworden. Die Präsenz dürfen wir ja nicht mehr machen oder nur in Ausnahmefällen bei Prüfungen – dann natürlich unter den entsprechenden Auflagen. Wir haben in kurzer Zeit, ein oder zwei Wochen, die Hochschule völlig umgestellt von Präsenz auf digitalen Unterricht.

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Zurheide: Wie läuft das ganz praktisch? Das fängt ja damit an, dass man erst mal sichere Verbindungen braucht beziehungsweise stabile Verbindungen. Geht das in diesem Entwicklungsland Deutschland besser, als ich das als böser Journalist wieder vorgebe?

Wortmann: Da sind ja immer zwei Seiten involviert, das ist einmal die Hochschule und dann der Studierende. Wenn der Studierende jetzt in der Eifel sitzt und sich zuschaltet zu einer Onlineveranstaltung, dann kann das schon schwieriger sein. In Köln ist das eigentlich nicht ganz verkehrt, es funktioniert alles.

Wir haben dieses Problem auf jeden Fall nicht, das ist relativ stabil – Ausnahmen bestätigen die Regel. Was vielleicht ein anderer Punkt ist, wir mussten natürlich unsere Dozierenden auf diese Verfahren einstellen, das heißt wir haben innerhalb von zwei Wochen circa 600 Dozierende geschult, damit die überhaupt mit diesem Instrument umgehen können.

"Die Studierenden haben schon ihre Probleme damit"

Zurheide: Ich habe eigentlich hier stehen zu fragen, wo war es schwieriger, bei den Studierenden oder bei den Lehrenden. Jetzt haben Sie es schon fast beantwortet oder?

Wortmann: Die Dozierenden werden ja schon lange darauf vorbereitet. Wir haben natürlich die Älteren, die ihre alten Vorlesungssysteme und Verfahren gewöhnt sind, die natürlich bevor diese Krise eingetreten ist gesagt haben, na ja, ist doch besser Präsenz und warum sollte ich da eine Onlinevorlesung machen, da gibt es ja das Problem, dann kann ich auch nicht genau sehen, wie die Studierenden sich verhalten und so weiter und so fort. Es gab also immer einen Grund, etwas nicht zu tun oder es zu vermeiden.

Nichtsdestotrotz haben wir natürlich auch viele Dozierende von vorneherein, die auf das Instrument gesprungen sind und gesagt haben, das ist ja auch eine Bereicherung für die Lehre. Da gibt es Unterschiede, jetzt sind sie alle dazu gezwungen – und sie haben es auch wirklich alle gemacht – auch da, die Ausnahme bestätigt die Regel.

Die Studierenden, auch wenn die vielleicht Digitalnerds sind oder wir sie so wahrnehmen, die haben schon ihre Probleme damit. Die haben ja nicht mehr ihre Kommilitonen neben sich sitzen, sondern sie sind weit entfernt, der soziale Kontakt ist dann nicht mehr so da, das ist schon etwas, worunter sie leiden.

"Die Professoren sagen: Ich bin abends völlig fertig"

Zurheide: Ich wollte gerade fragen, wie verändert das den Unterricht? Sie haben jetzt ein paar Aspekte genannt, verändert das den Unterricht?

Wortmann: Ja. Ich fange gleich auf der einen Schiene an, was die Praxis betrifft. Ich kann natürlich die Laborveranstaltungen nur marginal machen, das heißt der Lehrer ist im Labor und zeigt dann halt Experimente, die kann ich natürlich physisch oder haptisch gar nicht mehr durchführen. Das ist schon eine drastische Veränderung, das ist auch schwierig, das digital zu ersetzen.

Das andere ist, Sie haben im Unterricht als Lehrende erst einmal gar keine Möglichkeit dieses Gefühl der Reaktion der Studenten zu verstehen, das kriegen Sie ja nur über den Bildschirm oder über die Sprache vermittelt. Das, was so zwischenmenschlich läuft über kleine Gesten, über den Blick, der mal nach links oder rechts oder wo auch immer hingeht, das kriegt er nicht mehr mit, das ist schon ein Nachteil.

Auf der anderen Seite, wir merken auch, man konzentriert sich ganz anders, wenn man Onlineunterricht macht. Die Konzentration ist enorm und meine Dozenten, Professoren, die sagen auch, ich bin abends völlig fertig, weil das sehr anstrengend ist, solche Unterrichte durchzuführen.

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"Zugänge zur Digitalisierung werden nach dieser Krise anders sein"

Zurheide: Kommt die spannende Frage, was bleibt davon, wenn die Zeiten sich wieder verändern? Sie haben gerade einen Bereich genannt, natürlich, wenn man Versuche macht – und Sie sind eine Hochschule für angewandte Wissenschaften, die Fachhochschulen –, da wird viel so etwas gemacht. Kann man da auf Dauer drauf verzichten oder sagen Sie, das geht nur eine begrenzte Zeit?

Wortmann: Wir haben ja schon lange daran gearbeitet, das machen wirklich auch alle meine Kollegen, alle Hochschulen, digitalen Unterricht in das System der Hochschule einzuführen. Es gibt einen ganz einfachen Grund, Digitales ist nicht mehr wegzudenken auch aus meinem Beruf, das heißt wir müssen unsere Studierenden darauf vorbereiten, sie müssen dann natürlich auch im Unterricht in der Ausbildung natürlich auch lernen, damit, umzugehen. Das ist ein wesentliches Merkmal.

Was sich ändern wird, wir haben durch diese Krise eigentlich einen Durchbruch geschaffen. Das heißt, wo ich sagen würde, da braucht man noch fünf Jahre, damit man auf ein Niveau kommt, was wir jetzt heute haben in der Digitalisierung, das haben wir wirklich jetzt in den letzten paar Wochen geschafft. Nach dieser Krise, wenn sie denn zu Ende geht, wird sich alles ändern, das heißt wir werden wesentlich mehr mit diesen Instrumenten arbeiten, wir werden wesentlich mehr die ganzen Plattformen auch benutzen, wir sehen das bei unseren Plattformen, die früher zu, sagen wir mal, 30 Prozent genutzt worden sind, das sind zum Beispiel unsere digitalen Datenbanken, wo der Student und Studierende Zugang und Zugriff drauf hat.

Wenn ich da diese 20 oder 30 Prozent hatte, dann haben wir jetzt eine Nutzung von 70, 80 Prozent. Da kommt natürlich auch eine Gewohnheit rein, das bedeutet, dass die Zugänge zur Digitalisierung nach dieser Krise anders sein werden, der Unterricht wird sich völlig anders durchmischen.

Zurheide: Letzte Frage, was brauchen Sie von der Politik, hat die das schon verstanden?

Wortmann: Die Politik hat es verstanden und hat es nicht verstanden. Ich gehe mal einmal vielleicht auch auf die Schulen ein, weil da gibt es ja einige Milliarden, die zur Verfügung stehen, aber die Verfahren sind so kompliziert, dass diese Gelder nicht oder kaum abgerufen werden. Das ist schon ein Problem für die Schulen.

Bei uns gibt es unter anderem in Nordrhein-Westfalen die digitale Hochschule NRW, so heißt dieses Konstrukt, das ist der Zusammenschluss von Hochschulen unter der Leitung und Führung des Ministeriums, wo eben diese Themen konsequent angegangen werden. Da wird viel gemacht, da wird auch viel unterstützt, aber ich gehe auch davon aus, dass wir da noch viel, viel mehr machen können und müssen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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