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StartseiteInterview"Ich glaube, dass die Verunsicherung wachsen wird"26.05.2021

Lehrervertreter zu Impfdiskussion"Ich glaube, dass die Verunsicherung wachsen wird"

Corona-Impfungen für Kinder und Jugendliche – ja oder nein? Eltern und Lehrer seien verunsichert ob der Uneinigkeit zwischen Gesundheitsministerium und Ständiger Impfkommission, sagte Heinz-Peter Meidinger vom Deutschen Lehrerverband im Dlf. Nicht nur deshalb würden Schutzmaßnahmen an Schulen Thema bleiben.

Heinz-Peter Meidinger im Gespräch mit Barbara Schmidt-Mattern

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Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. (picture alliance / dpa / Armin Weigel)
Heinz-Peter Meidinger ist Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (picture alliance / dpa / Armin Weigel)
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Corona-Impfstoffe sind bislang nur für Erwachsene zugelassen. Derzeit prüft die europäische Arzneimittelbehörde EMA eine Zulassung des mRNA-Impfstoffs von Biontech/Pfizer für 12- bis 15-Jährige (Stand 26. Mai 2021). 

Aber wie es anschließend weitergeht, ob es etwa eine generelle Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) für Kinder und Jugendliche in Deutschland geben wird, ist nicht ausgemacht. Der STIKO-Vorsitzende Thomas Mertens sagte im Deutschlandfunk, er können nicht ausschließen, dass keine Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche ausgespochen werde. Dabei verwies er unter anderem auf die noch sehr begrenzte Datenlage.

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Momentan sei noch nichts über Nebenwirkungen von Corona-Impfungen bei Kindern bekannt, sagte auch STIKO-Mitglied Rüdiger von Kries in einem rbb-Interview. Gesundheitsminister Jens Spahn wiederum will Kinder und Jugendliche auch ohne STIKO-Empfehlung in die laufende Impfkampagne einbinden – in Absprache mit Eltern und Ärzten, wie er RTL/ntv sagt.

"Genau hinschauen bei Nebenwirkungen"

Lehrer und Eltern empfänden diese Uneinigkeit als verwirrend und verunsichernd, sagte der Präsident des Deutschen Lehrerverbands Heinz-Peter Meidinger im Dlf. Grundsätzlich sei es wünschenswert, Schüler möglichst schnell zu impfen. Allerdings hätten Eltern und Lehrer bei Kindern eine besondere Fürsorgepflicht und müssten besonders genau hinschauen bei möglichen Impf-Nebenwirkungen.

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Meidinger geht in jedem Fall davon aus, dass auch im Herbst 2021 noch viele Schüler ungeimpft sein werden. "Bestimmte Maßnahmen muss man weiterlaufen lassen", sagte er im Dlf. Maskenpflicht, Schnelltestungen und bessere Raumluft-Filterung an Schulen werde weiter Thema bleiben.


Das Interview in voller Länge:

Barbara Schmidt-Mattern: Wie schnell müssen Kinder und Jugendliche in Deutschland jetzt geimpft werden?

Heinz-Peter Meidinger: Wir würden uns das wünschen, dass eine Impfung von Kindern und Jugendlichen – es geht ja insbesondere um die Altersgruppe zwischen 12 und 15 und natürlich dann auf längere Sicht auch um die jüngeren Kinder -, dass die möglichst schnell kommt. Nur wir sind als Lehrerverband jetzt auch nicht die Experten für die medizinische Notwendigkeit. Das heißt, um eine hohe Impfbereitschaft dann auch zu haben, brauchen wir erst einmal natürlich die Impfzulassung und als zweites natürlich auch dann die Empfehlung der Experten. Deswegen, muss ich schon sagen, sind wir als Lehrerverband durchaus auch verunsichert, wenn die dafür zuständige Ständige Impfkommission sagt, sie sieht da derzeit diese Notwendigkeit noch nicht.

Schmidt-Mattern: Sie sprechen diese Vielstimmigkeit schon an. Auf der einen Seite die Stiko, die zurückhaltend ist; auf der anderen Seite die Gesundheitsminister*innen von Bund und Ländern, die sich ja möglicherweise schon morgen beim Impfgipfel über die Ministerpräsidenten und mit der Kanzlerin darauf einigen wollen, so ein Impfangebot zu machen. Wenn Sie sagen, Sie verwirrt diese Unstimmigkeit, was hören Sie denn von den Eltern? Wie ist dort die Stimmungslage?

Meidinger: Das ist natürlich jetzt eine ganz neue Entwicklung. Bisher ging man ja davon aus, dass das ein gewisser Automatismus ist, wenn die Europäische Zulassungsbehörde, die EMA das macht, dass dann auch Deutschland folgt. Aber es ist grundsätzlich eine Verunsicherung da. Sie kennen ja die Diskussion um die Nebenwirkungen auch bei Erwachsenen. Ich glaube, bei Kindern schaut man nochmals genauer hin, weil wir da eine ganz große Fürsorgepflicht haben – als Eltern, aber natürlich auch als Lehrkräfte. Deswegen glaube ich, dass da die Verunsicherung wachsen wird, wenn die Vielstimmigkeit in der Politik beziehungsweise bei den Experten so bleibt.

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"Das Entscheidende sind die Inzidenzen"

Schmidt-Mattern: Sie weisen zu Recht darauf hin, Sie sind kein Medizin-Experte, wohl aber ja ein Experte, was das Lehren und Lernen angeht. Was wäre denn aus dieser Perspektive gesprochen? Wäre es da nicht für Sie zwingend wünschenswert, dass so viele Kinder so schnell wie möglich geimpft werden?

Meidinger: Ich glaube, man muss die Dinge gegeneinander abwägen. Das Entscheidende für die Frage – und um das geht es ja dann letztendlich auch in der Bildungspolitik und bei Unterricht und Schulen -, das Entscheidende, ob man Schulen komplett öffnen kann, vollständigen Präsenzunterricht geben kann oder in den Wechselbetrieb gehen muss, oder nur Distanzunterricht halten kann, das sind ja die Inzidenzen, die Infektionszahlen in den jeweiligen Regionen. Und da sehen wir schon optimistisch in die Zukunft. Die gehen zurück. Wir haben auch im letzten Jahr gesehen, dass die im Herbst weiterhin sehr niedrig waren. Dazu kommen jetzt die dann doch bis Herbst wohl möglichen Impfungen für alle Erwachsenen, die sich impfen lassen wollen. Insofern haben wir eine deutlich bessere Situation an den Schulen im Herbst, wenn nicht irgendwas dazwischenkommt. Über irgendwelche Mutationsvarianten kann man natürlich keine Aussagen treffen.

Die Impfung, das wäre ein zusätzlicher Baustein an Gesundheitsschutz. Wir haben aber im Herbst dann auch die veränderte Situation. Die Lehrer, zumindest alle Lehrkräfte, die sich impfen lassen wollen, die werden dann auch geimpft sein, weitgehend auch zum zweiten Mal geimpft sein. Und bei den Kindern werden wir mit Sicherheit noch eine Lage haben, wo ein großer Teil ungeimpft ist. Das wieder konkret heißt, bestimmte Gesundheitsschutz-Maßnahmen muss man weiterlaufen lassen. Ich bin der Auffassung, Maskenpflicht, auch die Schnelltestungen, um die werden wir auch im Herbst nicht herumkommen.

Fest auf sinkende Inzidenzen zu vertrauen, wäre falsch

Schmidt-Mattern: Aber man kann immer nur bedingt Prognosen für die Zukunft treffen. Wenn ich Sie jetzt richtig verstehe, dann sagen Sie, die geltenden Maßnahmen, die wir schon haben, auch die fortschrittlichen Impferfolge in der erwachsenen Bevölkerung, das hilft uns, auch die sinkenden Inzidenzen. Gleichwohl: Die Lage kann sich wieder drehen, und dann wäre die Frage, ob es nicht noch andere Vorbereitung braucht, um wieder mehr Präsenzunterricht, als es bisher der Fall ist, zu ermöglichen, um da auch wieder mehr Sicherheit für Schülerinnen und Schüler zu schaffen, dass sie wirklich wieder in Ruhe und vor Ort im Klassenzimmer lernen können.

Meidinger: In der Tat: Es wäre falsch, jetzt zu sagen, wir vertrauen darauf, dass die Inzidenzen weiter zurückgehen, dass wegen der Impfungen die auch nicht mehr hochgehen und den sonstigen Gesundheitsschutz beziehungsweise auch die Vorbereitung auf eine eventuell doch kommende nächste Welle zu vernachlässigen. Deswegen wie gesagt: Schnelltestungen, am besten natürlich täglich. Wir haben sie jetzt zweimal in der Woche. Dann die Frage der Raumluft-Filteranlagen, die übrigens generell mehr Gesundheit an Schulen bringen, mehr Luftqualität. Da sind wir auch deutlich im Hintertreffen. Da sind viele Mittel noch gar nicht abberufen worden an den Schulen, von den Schulträgern.

Schmidt-Mattern: Warum nicht? Warum werden die nicht abgerufen?

Meidinger: Das ist eine gute Frage. Das hängt damit zusammen, dass die Länder bei den mobilen Raumluft-Filteranlagen 50 Prozent Zuschuss geben, und das heißt, die jeweilige Gemeinde, die Kommune, die Stadt muss selber 50 Prozent aufbringen, und das ist den häufig finanziell klammen Kommunen vielfach zu viel.

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"Sehr große Flexibilität gefordert"

Schmidt-Mattern: Welche Forderung hören Sie denn möglicherweise von Ihren Verbandsmitgliedern, von Lehrerinnen und Lehrern, die sagen, nein, die Kinder müssen so schnell wie möglich geimpft werden, weil die Sorge unter den Lehrerinnen und Lehrern umgeht, dass man sich anstecken könnte über die Kinder? Gibt es diese Forderungen?

Meidinger: Das war die ganz große Sorge jetzt in diesem Schuljahr und ist sie teilweise auch heute noch. Aber das hat sich geändert. Wir haben mittlerweile doch eine weitgehende Impfung, zumindest bei allen, die sich impfen lassen wollen, und das ist ein hoher Prozentsatz bei Lehrkräften, bei Grund- und Förderschullehrern, und wir sind mitten in der Impfphase bei den Lehrkräften weiterführender Schulen. Das heißt, wenn wir jetzt aufs nächste Schuljahr blicken – und in dem Schuljahr haben wir teilweise nur noch ein paar Wochen in manchen Bundesländern -, dann ist die Angst der Lehrkräfte, sich bei Kindern anzustecken, jetzt nicht mehr das Entscheidende.

Das Entscheidende, glaube ich, ist, inwiefern Kinder sich dann gegenseitig anstecken können, und wir wissen auch von Long Covid und ob dann wirklich die Eltern alle durchgeimpft sind. Das ist eher, glaube ich, jetzt das Problem. Und langfristig wollen wir auch wieder ganz normalen Unterricht haben, ohne Masken und so weiter, und dazu bräuchten wir mit Sicherheit auch eine hohe Impfquote bei Kindern und Jugendlichen.

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Schmidt-Mattern: Nun gibt es nicht wenige Psychologinnen und Psychologen, die fordern, gerade die Schule, die Lehrerinnen und Lehrer müssten auch mehr psychologischen Beistand den Kindern anbieten. Wir haben zu Beginn der Sendung die Jugendpsychologin Elisabeth Raffauf, heute Morgen bei uns im Interview, gehört. Sie argumentiert, Lerninhalte oder Wissensinhalte, die vermittelt werden, müssen gegebenenfalls zurücktreten. Schließen Sie sich dieser These an?

Meidinger: Ich glaube nicht, dass man da das eine gegen das andere ausspielen sollte. Bei uns ist ja sowieso jetzt zurzeit sehr große Flexibilität gefordert. Und man darf auch nicht vergessen: In der Distanzphase und auch teilweise beim Wechselbetrieb ist die direkte psychologische Betreuung durch Lehrkräfte auch schwierig. Natürlich sind in erster Linie die Eltern dort gefordert. Nur wir kennen viele Kinder, wo die Eltern nicht präsent sind oder nicht helfen können, und jede Lehrkraft wird sich natürlich bemühen, nach ihren Kräften, vor allem, wenn sie die Schüler gut kennen, da auch Unterstützung zu geben. Aber das stößt an Grenzen. Das muss man auch sagen. Zu glauben, Lehrer könnten das alles auffangen, das ist nicht wahr.

"Eine Lernstandserhebung brauchen wir natürlich"

Schmidt-Mattern: Herr Meidinger, noch eine kurze Frage zum Abschluss. Die Bundesbildungsministerin Anja Karliczek möchte jetzt eine flächendeckende Lernstandserhebung durchführen lassen. Schließen Sie sich dieser Forderung an? Ist das sinnvoll oder ist das neue Bürokratie?

Meidinger: Es soll keine neue Bürokratie sein, aber grundsätzlich, dass wir jetzt die Lerndefizite feststellen, ob das jetzt in Form einer schriftlichen Lernstandserhebung ist, oder ob das Lehrkräfte auf anderem Wege zustande bringen in ihren Fächern, das ist jetzt mal egal. Aber eine Lernstandserhebung brauchen wir natürlich, damit wir dann auch sehen können, welche Kinder im nächsten Schuljahr diese besonderen Fördermaßnahmen des Bundes und der Landesprogramme brauchen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

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