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Lettlands Angst vor Fremdbestimmung

Lettlands Regierungschef Valdis Dombrovskis und seine Koalitionspartner planen die Währungsumstellung von Lats auf Euro. Diese Hürde muss das Land nehmen, wenn es am Beitritt zur Eurozone zum 1. Januar 2014 festhalten will. Doch die lettische Bevölkerung will den Euro nicht.

Von Alexander Budde | 05.02.2013
    Irena steht an der Kasse vom Supermarkt. Erst schaufelt die Studentin die Ware in ihre Einkaufstüte, dann forscht sie in der Börse nach Scheinen und Münzen. Der lettische Lat ist eine kleine Währung, Spekulanten könnten sie leicht erschüttern. Irena hat die Argumente alle schon gehört, doch die Aussicht auf den Euro versetzt sie nicht in Jubelstimmung.

    "Ganz nüchtern und aus der Perspektive der Wirtschaft betrachtet führt wohl kein Weg daran vorbei. Aber es sind auch viele Emotionen im Spiel. Erst wurde uns die EU aufgezwungen und jetzt kommt auch noch der Euro dazu."
    Es gibt wieder Zuversicht in Lettland. Die junge Baltenrepublik mit ihren wenig mehr als zwei Millionen Bewohnern hat das schwere Finanzbeben von 2009 überstanden und wirtschaftlich schon fast wieder das Vorkrisenniveau erreicht. Viele Berater hatten damals empfohlen, die heimische Währung abzuwerten. Doch die Regierung ließ den Lat weiterhin dem Eurokurs folgen. Mit internationaler Kredithilfe und einem grausamen Sparprogramm kam Lettland wieder auf die Beine. Gehälter und Renten wurden massiv gekürzt, Schulen und Spitäler geschlossen. Zehntausende Letten verließen in der Not ihre Heimat. Als postsowjetische Gesellschaft, Leid und Entbehrung nicht fremd, erduldeten die Letten all diese Zumutungen ohne zu Murren und mit stoischer Disziplin. Regierungschef Valdis Dombrovskis treibt die Euro-Einführung mit dem Argument voran, dass Lettland nur als Mitglied der Eurozone an künftigen Entscheidungsprozessen teilhaben wird.

    "Wir beobachten doch gerade, dass sich Europa mit verschiedenen Geschwindigkeiten fortentwickelt. Und da müssen wir Letten uns fragen, ob wir fortan zum Kern Europas gehören wollen oder lieber in der Peripherie verharren wollen."

    In zahlreichen Sendungen, Foren, Seminaren werben Experten für die rasche Einführung der europäischen Gemeinschaftswährung. Vor allem für die Exportwirtschaft werde sie mehr Früchte als Sorgen bringen, betonen die Euro-Befürworter. Zumal sich die Eurozone durch allerhand Rettungsschirme und Reformversprechen spürbar stabilisiert habe. Die Währungshüter geloben, mit Argusaugen auf die Preise zu achten, jegliche Wucherei schon im Keime zu ersticken.

    Das Problem: die Letten wollen den Euro nicht. In Umfragen spricht sich eine beharrliche Mehrheit gegen die Einführung aus. Da ist zum einen die Sorge, der zarte Aufschwung könnte durch neue Sparzwänge abgewürgt werden. Auch die Letten sind nicht ganz frei von Ressentiments gegen die vermeintlich sparunwilligen Südeuropäer. Nichts mehr aber fürchten die Gegner einer vertieften Integration, als mit dem Lat auch ihre gerade erst errungene Selbstbestimmung zu verlieren. Die Mitte-Rechts-Regierung habe nur ihren Fahrplan vor Augen, klagt Andrejs Elksnins vom linksgerichteten Harmonie-Zentrum.

    "Es heißt, an der Integration in die EU geht kein Weg vorbei. Aber wir können uns auf dieser Reise auch selbst verlieren. Wir haben 1991 für unsere Freiheit und Souveränität gekämpft. Unsere Außenpolitik sollte dem Wohlstand, der Stabilität, der demokratischen Mitbestimmung verpflichtet sein. Aber der europäische Föderalismus zerstört die Fundamente unserer staatlichen Souveränität."
    Warum dürfen die Letten nicht in einem Referendum entscheiden, fragt sich Ludmilla. Sie ist in der Schlange im Supermarkt bis an die Spitze vorgerückt. Als Russin ohne Pass ist sie an fehlenden Einfluss gewöhnt. Wie so viele bezieht Ludmilla ein schmales Gehalt, die horrenden Heizkosten bringen sie Nachts um den Schlaf. Und doch ist sie nicht wenig stolz auf ihr Lettland, das so unerschrocken durch alle Krisen geht.

    "In Russland müssen sie 30 Rubel hinblättern, um einen Dollar einzutauschen. Wir hier bekommen für einen Lat gleich zwei Dollar ausgezahlt. Und schauen Sie sich doch nur mal unsere Münzen an: Hier sehen Sie einen Schornsteinfeger. Aber es gibt auch welche mit einem Herzen als Motiv, mit einem Lachs oder einer Kuh. Solch bunte Vielfalt haben wir in unserem kleinen Lettland hier."