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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturLeidenserfahrungen chinesischer Christen29.09.2014

Liao Yiwus neuer Interview-BandLeidenserfahrungen chinesischer Christen

2011 flüchtete der chinesische Autor Liao Yiwu aus seiner Heimat - nachdem ihm die Regierung mehrmals die Ausreise verboten hatte. Von Berlin aus veröffentlicht er nun Interviews, die er mit Chinesen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten geführt hat. Im neuesten Band kommen Christen zu Wort.

Von Katharina Borchardt

Weiterführende Information

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"Erzählen Sie bitte, was geschehen ist", ermutigt der chinesische Autor Liao Yiwu seine Gesprächspartner immer wieder. Und er fügt hinzu: "Ihr Augenzeugenbericht wäre sehr wichtig, auch für spätere Generationen". In den Jahren 2005 bis 2010 reist Liao durch seine Heimatprovinz Sichuan und die angrenzenden Provinzen Qinghai und Yunnan, um dort Interviews mit älteren Chinesen zu führen. Eigentlich will er aufzeichnen, wie diese die kommunistische Bodenreform in den 50er Jahren erlebt haben. Doch dann kommt Liao immer wieder mit Christen in Kontakt, und er erfährt, dass auch sie von den aufgepeitschten Massen als Grundbesitzer beschimpft wurden. Selbst wenn sie gar nicht viel besaßen, wie sich Presbyter Zhang Yingrong erinnert:

"Sie waren außer Rand und Band, sie haben mich beschimpft, ich sei ein Lügner, so arme Grundbesitzer, wie ich vorgäbe zu sein, gäbe es auf der ganzen Welt nicht! Dann haben sie eine Kampfversammlung abgehalten, ich musste mich auf den Boden knien, durfte drei Tage und drei Nächte nicht aufstehen, Volksmiliz stand neben mir, mit großen Knüppeln; wenn ich einnickte, schlugen sie auf mich ein, wenn ich mich streckte, schlugen sie auf mich ein, und wenn ich die Knie bewegte, schlugen sie ebenfalls auf mich ein."

Nach drei Tagen in Hockstellung konnte sich Zhang Yingrong kaum noch bewegen. Kriechend kehrte er nach Hause zurück, vertraut seine Frau Liao Yiwu an. Ein gutes Dutzend solcher Gespräche hat Liao für den Band "Gott ist rot" gebündelt, und er legt damit erneut eine bestürzende Auswahl aus den knapp dreihundert Interviews vor, die er seit Mitte der 90er Jahre in China aufgenommen hat. Diese Gespräche hatte er 2011 im Gepäck, als er nach Deutschland kam. In "Gott ist rot" spricht er mit Katholiken und Protestanten, mit Han-Chinesen und nationalen Minderheiten, mit Männern und mit – leider wieder einmal nur sehr wenigen – Frauen. Sie erzählen Liao von ihrer Bekehrung durch westliche Missionare, von der Bedeutung des christlichen Glaubens für sie persönlich und für ihre Familien, von der Unterdrückung zu Mao-Zeiten und vom aktuellen Gemeindeleben. Die Begegnungen mit den Christen berühren Liao tief, obwohl er selbst kein Christ ist. Bei Presbyter Zhang übernachtet er auch und notiert:

"Wir haben den 6. August 2006, es ist halb neun Uhr in der Früh, die Morgensonne strahlt und erhellt die Küche, die vorher dunkel war wie eine Höhle. Immer wieder wehen, begleitet von undeutlichem Vogelgezwitscher, die Klänge geistlicher Lieder herein, die im Handumdrehen die traurige Stimmung, die uns umfangen hielt, davontragen."

Liao zeigt ein besonderes Sensorium für seelische Zerstörungen

Liao erlebt an diesem Tag eine Eucharistie-Feier mit und fühlt sich wohl: "Um mich herum waren nur Christen, alle wohlerzogen."

Es ist die Erfahrung aufrichtiger Freundlichkeit, die Liao Yiwu intensiv genießt. Vielleicht weil er selbst in seinem Leben viel Härte und Elend erlebt hatte: Die Kommunistische Partei hatte seinen Vater verfolgt, seine Familie vertrieben und ihn selbst aufgrund eines kritischen Gedichtes inhaftiert. Ähnliche Erfahrungen machten viele Chinesen im 20. Jahrhundert. Misstrauen gegen jedermann und Mangel an Empathie sind seither weit verbreitet. Auch der christliche Arzt Dr. Sun betont dies:

"Das Wesen der Bibel ist Ehrfurcht, ist Liebe, und in China fehlte all das, es fehlte an Ehrfurcht, es fehlte an Liebe, für den kleinsten persönlichen Vorteil war man bereit, alles zu tun."

Liao hat ein besonderes Sensorium für die seelischen Zerstörungen, die das 20. Jahrhundert verursacht hat. Dieser tiefen kollektiven Beschädigung ist er auch in früheren Interviewbänden bereits nachgegangen. Ganz offensichtlich spricht ihn die 'Frohe Botschaft' an, wie seine Interviewpartner die Bibel häufig emphatisch nennen. Obwohl Liao die Bibel kaum kennt, schleicht sich christliches Vokabular in seine Fragen ein. Beispielsweise gebraucht er die Wendung "mit Gottes Segen" und beendet das Gespräch mit einer 100-jährigen Nonne mit "Amen". Außerdem flicht er gelegentlich Bibelzitate in seine Interviews ein. Zum Beispiel sagt er:

"Es werde Licht, und es ward Licht."

Als er davon erfährt, dass sich einst im Schutze der Nacht siebzig bis achtzig Dorfbewohner versammelt haben, um von ihrem Pastor Wang Zhiming Abschied zu nehmen. Wang Zhiming wurde während der Kulturrevolution nach einem mehrtägigen Schauprozess erschossen. Heute ist er einer der zehn christlichen Märtyrer, die an der Westseite der Londoner Westminster Abbey verewigt sind.

Manchmal wäre mehr Kritik gut gewesen

Liao Yiwu hat zwei lange Interviews mit Wangs Sohn geführt und in sein Buch aufgenommen. Ein wichtiges historisches Dokument! Eindrücklich liest sich übrigens auch, dass der christliche Glaube – ist er einmal in einer Familie angekommen – von Generation zu Generation weitergegeben wird. Und auch politische Verfolgung übersteht. Viele Familien sind inzwischen in der vierten Generation Christen und erinnern sich noch an ihre Urgroßeltern, die sich teils schon im 19. Jahrhundert haben bekehren lassen. Über die westlichen Missionare erzählen sie nur Gutes:

"Sie halfen jedem. Wo die anderen wegliefen, gerade dort gingen sie hin, und wenn du schon aus dem letzten Loch gepfiffen hast, sie haben dir noch Medizin in den Mund geschoben. Die ausländischen Priester bohrten auch Brunnen und bauten Häuser und bauten unsere Heimat wieder auf; sie lehrten uns, Mensch und Vieh zu trennen, die Quellen zu schützen, auf Hygiene zu achten und die betrügerischen Tricks der Zauberer zu durchschauen."

Das alles klingt sehr sympathisch, doch liegt hier auch ein Problem des neuen Buches von Liao Yiwu: Es ist in seinem moralischen und politischen Urteil sehr schlicht. So fühlt Liao den Verehrern der westlichen Missionare und den Anhängern der Heiligen Schrift nicht auf den Zahn, sondern lässt sich auf ihre Beseeltheit ganz und gar ein.

Und auch zur kommunistischen Idee entwickelt Liao keine differenzierte Haltung. Er behauptet sogar schlichtweg, dass der "Satan" China beherrsche. Aber er kommt seinen Gesprächspartnern sehr nahe – vielleicht gerade weil sie sich von ihm nicht kritisiert fühlen. Auf diese Weise gelingt es ihm, ein großes Stück rezenter chinesischer Geschichte einzufangen. Auch wenn sie teils etwas kritischer hätten ausfallen können, sind Liaos Interviews doch 'oral history'; es sind Quellen aus erster Hand.

Liao Yiwu: "Gott ist rot. Geschichten aus dem Untergrund – Verfolgte Christen in China."
Deutsch von Hans Peter Hoffmann, S.Fischer Verlag, 352 Seiten, 21,90 Euro.

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