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StartseiteKalenderblattGeburtsstunde eines Mythos14.04.2015

Lincoln-AttentatGeburtsstunde eines Mythos

Heute vor 150 Jahren wurde das erste Attentat auf einen Präsidenten der USA verübt: Abraham Lincoln starb einen Tag später an den Folgen seiner Schussverletzungen. Seine Ermordung durch einen prominenten Schauspieler, der sich mit der Niederlage der Südstaaten im Bürgerkrieg nicht abfinden konnte, trug wesentlich zur historischen Aura Lincolns bei.

Von Bert-Oliver Manig

Das Lincoln Memorial, ein zwischen 1915 und 1922 erbautes Denkmal zu Ehren Abraham Lincolns, in Washington, aufgenommen am 11.04.2012. (picture alliance / dpa / Tim Brakemeier)
Das Lincoln Memorial, ein zwischen 1915 und 1922 erbautes Denkmal zu Ehren Abraham Lincolns, in Washington. (picture alliance / dpa / Tim Brakemeier)
Weiterführende Information

Abraham Lincolns Jugend - Harte Kindertage in Kentucky
(Deutschlandfunk, Sonntagsspaziergang, 15.03.2015)

Gettysburg-Rede - Schnelles Gedenken
(Deutschlandfunk, Kalenderblatt, 19.11.2013)

Das Ende der Sklaverei
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 19.01.2013)

Obwohl es Karfreitag war - gewöhnlich kein Freudentag für Theaterbesitzer -. war das Ford Theatre in Washington am Abend des 14. April 1865 ausverkauft. Auf dem Programm stand eine etwas betagte Komödie, doch die Attraktion des Abends war US-Präsident Abraham Lincoln, sein Entschluss, die Aufführung zu besuchen, war rasch durch Plakate und Nachmittagszeitungen unters Volk gebracht worden. Als Lincoln eine Viertelstunde nach Beginn der Vorstellung seine Loge betrat, wurde er mit musikalischen Ehren empfangen.

Die amerikanische Bundeshauptstadt war seit Tagen in patriotischer Feierlaune: Erst fünf Tage zuvor hatten die Streitkräfte der abtrünnigen Südstaaten kapituliert, der verheerende Bürgerkrieg, dem eine Dreiviertelmillion Menschen zum Opfer gefallen waren, war beendet. Trotz anfänglicher militärischer Niederlagen des Nordens hatte Abraham Lincoln unbeirrbar an der Einheit der amerikanischen Union festgehalten. Im Augenblick des Triumphes aber trat er staatsmännisch für eine Aussöhnung mit den Südstaaten ein. Damit kam er einer weitverbreiteten Stimmung in der kriegsmüden Bevölkerung entgegen. Lincoln, kürzlich in seine zweite Amtszeit eingeschworen, stand auf der Höhe seines Ansehens.

Doch der Theaterabend des 14. April sollte für ihn verhängnisvoll enden. Der Washington-Korrespondent der New York Times berichtete:

"Im dritten Akt, während einer kurzen Pause vor dem Auftritt eines Schauspielers, hörte man den schrillen Knall einer Pistole, was zunächst zwar Aufmerksamkeit erregte, aber nichts Ernstes zu bedeuten schien, bis ein Mann in der Präsidentenloge erschien, mit einem langen Dolch herumfuchtelte und ausrief 'Sic semper tyrannis!', um unmittelbar danach auf die Bühne hinunter zu springen. Vor den Augen des völlig verwirrten Publikums überquerte der Mann die Bühne, verschwand durch den Hinterausgang des Theaters und floh auf einem Pferd. Erst durch Mrs Lincolns Klagerufe begriff das Publikum, dass der Präsident erschossen worden war."

Mit dem Attentat erst zur Legende geworden

Nur wenige Zuschauer erkannten, dass es sich bei dem Attentäter um den bekannten Schauspieler John Wilkes Booth handelte. Niemand ahnte, dass Booth Komplizen hatte, die zur selben Stunde auch den Vizepräsidenten und den Außenminister ermorden wollten, was aber misslang.

Die Verschwörer konnten sich mit der Niederlage des Südens nicht abfinden. In einem Bekennerbrief schrieb Booth:

"Dieser Krieg ist ein Kampf für die verfassungsmäßigen Rechte des Südens und seine Institutionen. Die Tyrannei zu hassen und Freiheit und Gerechtigkeit zu lieben, das Falsche und die Unterdrückung zu bekämpfen, haben uns die Verfassungsväter gelehrt. Dieses Land wurde für Weiße, nicht für Schwarze geschaffen. Und als jemand, der die Sklaverei vom gleichen Standpunkt betrachtet, wie die ehrwürdigen Schöpfer unserer Verfassung, habe ich sie stets als eine der größten Segnungen Gottes angesehen, für die Schwarzen wie für uns."

In Abraham Lincoln, der die Abschaffung der Sklaverei in der gesamten Union durchgesetzt hatte, erblickte Booth einen Despoten und Unterdrücker der Südstaaten. Dass Lincolns Plädoyer für eine Begrenzung des Wahlrechts der Schwarzen auf gediente Soldaten und Schriftkundige den Weißen im Süden weit entgegenkam, begriff Booth in seiner Verblendung nicht.

Tief enttäuscht musste er nach seiner Flucht feststellen, dass seine Tat im Süden nicht als Fanal aufgefasst, sondern auch dort von der Presse einmütig verurteilt wurde. Zwölf Tage nach dem Mord wurde Booth in seinem Versteck, einer Scheune in Bowling Green/Virginia, von Soldaten entdeckt, und nach Gegenwehr erschossen. Vier seiner Mitverschwörer wurden gehenkt.

Abraham Lincoln erlag am Morgen danach seinen Verletzungen, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Als Erster soll Kriegsminister Edwin Stanton am Totenbett Worte gefunden haben:

"Nun gehört er der Ewigkeit an!"

Dieses Wort erwies sich als prophetisch: Das Opfer seines Lebens machte aus einem erfolgreichen Präsidenten einen politischen Heiligen der amerikanischen Nation. Während der 20 Tage dauernden Überführung des Leichnams in Lincolns Heimatstadt Springfield/Illinois erwiesen Millionen Amerikaner dem Toten die letzte Ehre. Der Aufstieg Abraham Lincolns in das Pantheon der Geschichte war das genaue Gegenteil dessen, was John Wilkes Booth mit seinem Attentat hatte erreichen wollen.

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