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StartseiteTag für TagÜber die klaffende Wunde in der arabischen Welt16.08.2016

LiteraturÜber die klaffende Wunde in der arabischen Welt

Adonis ist einer der bekanntesten Lyriker Syriens. Seit mehr als 30 Jahren lebt er im Pariser Exil. Seine vernichtenden Urteile über den arabischen Islam polarisieren in europäischen Ländern ebenso wie in seiner Heimat. In seinem neuen Buch "Gewalt und Islam" bündelt er alte Gedanken. "Wir können nur weiterkommen, wenn wir Laizisten werden", fordert er.

Von Suleman Taufiq

Der syrische Poet und Essayist Adonis alias Ali Ahmed Said Esber, aufgenommen 2013 (imago/GlobalImagens)
Der syrische Poet und Essayist Adonis alias Ali Ahmed Said Esber (imago/GlobalImagens)
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"Es gibt heute kaum einen Schriftsteller bei uns, der sich noch traut, religiöse Probleme zu behandelt. Denn Religion und Macht sind bei uns eine Einheit. Die islamisch-religiöse Kultur ist zu einer Machtkultur geworden. Es ist unmöglich, eine kulturelle Institution oder eine Universität außerhalb dieser Macht zu gründen, nicht einmal in den Ländern, die ein wenig laizistisch sind. Die Macht beansprucht das Wort und die Wahrheit für sich allein, wie Gott. Und die Macht auf Erden ist nur ein Abbild der himmlischen Macht."

In seinem neuen Buch "Gewalt und Islam" beschreibt Adonis, einer der weltweit bekanntesten arabischen Lyriker und Intellektuellen, wie die Geschichte der Araber zu einer Geschichte der Gewalt und des Despotismus wurde. Der heute 86-Jährige Adonis stammt aus Syrien und lebt seit über 30 Jahren in Paris. Er wird nicht müde, die arabische Kultur infrage zu stellen.

Er wählt diesmal für sein Buch die Form des Gesprächs, um seine Thesen zur arabischen Geschichte und Gegenwart zuzuspitzen.

"Das Buch ist eine Möglichkeit, den Islam neu zu verstehen. Das ist nicht nur für Muslime nützlich, sondern auch für die Menschen im Westen. Der Islam heute ist wie eine Wolke, die uns alle zudeckt, und niemand versteht, was los ist. Das Missverständnis und die Verwirrung im Westen sind beabsichtigt. Ich glaube, die Verantwortlichen im Westen wollen die Probleme der Muslime nicht sehen und auch nicht dabei mithelfen, sie zu lösen."

Adonis sieht Radikalisierung in der islamischen Kultur

In seinem Buch "Gewalt und Islam" diskutiert Adonis mit der in Paris lebenden marokkanischen Psychoanalytikerin Houria Abdelouahed unter anderem die anhaltende Gewalt in den meisten Ländern der arabischen Welt. Er sieht eine Radikalisierung in der islamischen Kultur – seiner Ansicht nach eine Folge ihrer "historischen Ohnmacht".

"Wenn wir eine Gruppe von diesen Radikalen nehmen und ihren gesellschaftlichen, psychologischen und kulturellen Ursprung untersuchen, kommen wir zu erstaunlichen Ergebnissen, die ganz anders sind als das, was man in der Presse und im Rundfunk zu hören bekommt. Denn diese Gewalt war in der Geschichte schon immer vorhanden. Auch die Entstehung des islamischen Staates ist auf dem Boden von der Gewalt entstanden, selbst unter den Muslimen. Selbstverständlich gibt es moderate, jedoch auch radikale Muslime. Aber sie unterscheiden sich nur in der Lesart des Koran."

Adonis galt seit jeher als ein umstrittener Freigeist. Seine Markenzeichen sind Rebellion, Verweigerung und Provokation. Schon früh stellte er sich gegen den arabisch-islamischen Kanon, indem er bereits mit 17 Jahren seinen ursprünglichen Namen Ali Ahmed Said gegen den Namen Adonis austauschte, unter dem er heute in der ganzen Welt bekannt ist. In dem Austausch seines islamischen Namens gegen einen heidnischen steckt bereits etwas von seinem Anliegen, dem Bruch mit den religiös-nationalistischen Traditionen der arabischen Gesellschaften.

Das Buch "Gewalt und Islam" lässt sich als eine Zusammenfassung seiner Gedanken zur islamisch-arabischen Geschichte und Kultur lesen.

"In der islamischen Geschichte finden wir keinen Denker im islamischen Sinn. Was wir im Islam finden, sind religiöse Gelehrte und Theologen, aber keinen Philosophen, keinen Denker, übrigens auch keinen Dichter. Anders als in der christlichen Welt, wenn wir beispielsweise Pascal oder Baudelaire nehmen, dagegen gibt es in der arabischen Welt keinen Dichter, den wir mit Fug und Recht islamisch nennen könnten. Alle Dichter waren dezidiert anti-religiös. Ich wünschte mir, dass die Intellektuellen aufgrund der Erfahrung des Arabischen Frühlings das arabisch-islamische Erbe von Grund auf reflektieren und erneuern."

Adonis stand dem "Arabischen Frühling" von Anfang an kritisch gegenüber, vor allem in Syrien. Diese Haltung brachte ihm scharfe Kritik vonseiten der syrischen Opposition ein. Anfang des Jahres spitzte sie sich vor der Verleihung des Osnabrücker Remarque-Friedenspreises zu. Syrische und arabische Intellektuelle griffen ihn persönlich an und meinten, dass Adonis den Preis nicht verdient habe. Er habe dem Assad-Regime gegenüber zu wenig Distanz gewahrt und der syrischen Revolution gegenüber eine viel zu kritische Haltung bezogen. Adonis, der sich an solchen Diskussionen sonst selten beteiligt, wies diesmal die Vorwürfe scharf zurück. In einem Interview erläuterte er seine Position: "Ich habe in einem Brief den syrischen Machthaber aufgefordert, die Macht abzugeben. Was soll ich noch mehr tun? Ich habe mein ganzes Leben lang gegen diese Diktatur gekämpft."

Arabische Kultur gleiche einem Fertighaus

Adonis sieht eine klaffende Wunde in der arabischen Welt: Ein Denken, das immer nur auf die Vergangenheit gerichtet bleibe, sei eine Katastrophe: kulturell obskur; menschlich brutal und moralisch erniedrigend, eine emotionale und geistige Verwundung.

"Am Anfang der islamischen Geschichte wurde alles, was vorher entstanden war, bekämpft. Es gibt keinen kulturellen und zivilisatorischen Platz, außerhalb des Islam. Das glauben viele, die den Islam radikal interpretieren. Das ist eine Wort wörtliche Übernahme dessen, was in den Texten steht."

Adonis vertritt die Ansicht, dass die arabische Kultur einem Fertighaus gleiche: Das Individuum spielt darin nur eine Nebenrolle.

"Es gibt keine Subjektivität in der islamischen Kultur. Subjektivität bedeutet nämlich, dass du frei denken kannst, eine individuelle Identität hast und dass du diese Identität offen darlegen kannst."

Im Islam dagegen gibt es nur eine Gruppenidentität, und das Individuum ist nur ein Teil dieser Identität. Die Existenz des Ich manifestiert sich nur in der Gruppe. Deshalb existiert der Einzelne auch nur als Sprachrohr dieser Gruppe."

Adonis spricht in diesem Zusammenhang von einem "Stammesdenken". Auch der Krieg und die Gewalt haben mit dieser Denkweise zu tun. Und das Wichtige ist dabei für ihn: Die islamistische Ideologie hat gerade aufgrund dieses rückwärts gerichteten Denkens Erfolg.

"Die arabische Gesellschaft entstand auf der Grundlage des Stammes, das heißt, moderne Nationalstaaten wie Syrien und Ägypten sind auf diesem Hintergrund praktisch bedeutungslos. Viel wichtiger ist das islamische Kalifat. Deswegen ist der Ort im Islam im Grunde auch unbedeutend, denn der irdische Ort stellt nur eine Brücke dar zum ewigen Ort im Himmel, dem Paradies. Die Geschichte, die Menschen, die Erinnerung, das Leiden, die Reisen, die Suche, der Tod – alles das ist irdisch - und damit unwichtig."

"Wir sollten uns dem Glauben eines einzelnen Menschen nicht entgegen stellen"

Einer der spannendsten Momente in dem Gespräch ist Adonis’ Darstellung der Frage, was mit dem Islam geschehen würde, wenn es keine Islamophobie gäbe. Er schlägt vor, dass man Staat und Religion in den islamischen Ländern strikt trennen sollte - eine sicher von Frankreich geprägte Vorstellung des Laizismus. Die Islamophobie des Westens verhärtet seiner Meinung nach die Reaktion der islamischen Welt auf gesellschaftliche Forderungen nach Schritten in Richtung Laizismus. In der Folge darauf klammern sich Muslime an ihre Tradition und sind für solche Veränderungen nicht mehr erreichbar.

"Wir sollten uns dem Glauben eines einzelnen Menschen nicht entgegen stellen. Jeder soll glauben, was er möchte, aber ohne Zwang. Wenn wir uns auf diese Voraussetzung einigen können, dann ist das ein Anfang. Die westlichen Länder, die die Freiheit und die Menschenrechte auf ihre Fahnen schreiben, sollten uns bei dem Prozess der Trennung von Religion und Staat helfen. Wir können nicht weiter kommen, wenn wir nicht Laizisten werden."

Wenn es überhaupt eine Hoffnung auf Frieden oder Fortschritt in der arabischen Welt gebe, so Adonis, sei es daher unerlässlich, diese Haltungen zu überwinden. An ihrer Stelle setzt Adonis einen neuen Geist der Forschung, der sich die Freiheit nimmt, die Vergangenheit und die Probleme der kulturellen Normen erneut gründlich zu untersuchen.

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