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StartseiteSport AktuellOhne Esprit und große Ambitionen19.05.2021

Löws EM-AufgebotOhne Esprit und große Ambitionen

Bundestrainer Joachim Löw hat sich bei der Kader-Präsentation und den Zielen für die Fußball-EM überraschend zurückhaltend gegeben, kommentiert Klaas Reese. Das Führungschaos im DFB könnte sich auch auf das DFB-Team übertragen. Sympathien würden Team und Verband nur im Erfolgsfall zurückgewinnen.

Von Klaas Reese

Bundestrainer Joachim Löw bei der Bekanntgabe des EURO-Kaders in einer virtuellen Pressekonferenz in Frankfurt am Main am 19.05.2021 (Thomas Boecker / DFBPool via Norbert Schmidt)
Bundestrainer Joachim Löw bei der Bekanntgabe des EURO-Kaders (Thomas Boecker / DFBPool via Norbert Schmidt)
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Joachim Löw hat die Chance als erster Bundestrainer nach Helmut Schön in seiner Amtszeit nicht nur Weltmeister, sondern auch Europameister zu werden. Allerdings könnte Löw auch der erste Bundestrainer sein, der nach dem frühen Ausscheiden bei der WM in Russland auch bei einem zweiten internationalen Turnier krachend scheitert.

Zurückhaltung statt Aufbruchsstimmung

Löw kämpft also bei seiner letzten EM darum, wie er in Erinnerung bleiben wird und es überrascht deshalb, dass er sich bei der Präsentation des Kaders am Mittwoch (19.05.2021) so zurückhaltend gab, erst auf Nachfrage eines älteren Fans das Ziel Finale formulierte und das deutsche Team nicht zu den Top-Favoriten zählte.

Sicherlich ist die Gruppenphase mit Frankreich, Portugal und Ungarn nicht ohne, aber die mit Fanfragen in die Länge gezogene Videokonferenz am Nachmittag verursachte so gar keine Aufbruchsstimmung für ein Turnier, das mit seinen Spielen in elf Ländern inmitten der Corona-Pandemie ohnehin auf viele Vorbehalte stößt.

Führungschaos beim DFB, Kampf um Sympathien

Vorbehalte, die auch dem DFB insgesamt mit seinem Führungschaos rund um den zurückgetretenen Präsidenten Fritz Keller entgegenschlagen. Hier droht auch weiterhin Unruhe, die sich auf das Team übertragen kann. Da kann die Charmeoffensive des DFB bei der Vorstellung des Kaders noch so groß sein - doch ein paar Gespräche per Videokonferenz erzeugen noch keine Fannähe. Und Sympathien werden Team und Verband nur im Erfolgsfall zurückgewinnen.

Fritz KELLER DFB-Praesident waehrend der Pressekonferenz, PK, Konferenz, Brustbild, 43.Ordentlicher DFB-Bundestag am 27.09.2019 in Frankfurt/ Deutschland. *** Fritz KELLER DFB president during the press conference, PK, conference, breast portrait, 43 Ordinary DFB Bundestag on 27 09 2019 in Frankfurt Germany (IMAGO / Sven Simon) (IMAGO / Sven Simon)Keller ist gescheitert - von Anfang an 
Fritz Keller ist als DFB-Präsident zurückgetreten und nach seinem Nazivergleich gescheitert, gerade an seiner kommunikativen Unbeholfenheit, kommentiert Matthias Friebe. Nun übernimmt sein Gegenspieler Rainer Koch interimsweise die Führung des DFB – doch Koch sei ein Teil des Problems im Verband.
 

Blickt man auf Löws Kader, dann ist ein erfolgreiches Turnier nicht unmöglich, denn neben den acht Spielern des FC Bayern versammelt die Mannschaft Kicker aus den Top-Ligen Europas. Doch der Bundestrainer weiß auch, dass aktuell keiner aus dem Team heraussticht. Deutschland hat keinen Ronaldo oder Mbappé, der große Hoffnungen weckt.

Nicht einmal der in den letzten Jahren so überzeugende Manuel Neuer war für seinen Klub Bayern München der überragende Rückhalt der letzten Jahre. Dazu ist Mittelfeldmotor Toni Kroos an Corona erkrankt. Teilnahme: fraglich. Marco Reus hat selbst abgesagt und Torwart Marc-André ter Stegen lässt sich operieren und verzichtet auf ein weiteres Turnier als Ersatzmann.

Angekündigter Umbruch nicht vollzogen

Dafür dürfen Mats Hummels und Thomas Müller nach einer gelungenen Bundesligasaison wieder ran. Löw erklärte zwar, dass man erkannt habe, dass ohne sie die nötige "Erfahrung" und "Stabilität" fehle. Es ist aber schlicht ein Eingeständnis, dass es Löw mit seinem Team in den drei Jahren nach der verkorksten WM in Russland nicht gelungen ist, den groß angekündigten Umbruch erfolgreich zu vollziehen. Erinnert sei in diesem Zusammenhang nur an die Niederlage gegen Nordmazedonien oder an das 0:6-Debakel in Spanien.

Deutschland hat also keinen Star, muss also über die mannschaftliche Geschlossenheit ins Turnier finden. Das 26-köpfige Team ist dazu passend strukturiert. Es bietet mit dem Münchner Talent Musiala, dem in Frankreich kickenden Volland und dem Freiburger Günter nur wenige Überraschungen, ist allerdings dennoch wenig eingespielt.

Große Zweifel bei Löws EM-Mission 

Um ein Team zu werden, bleiben wenige Tage nach Ende der Bundesliga nur knapp drei Wochen. Deshalb ist die große Frage, ob es Löw in dieser kurzen Zeit gelingt, eine Spielidee zu entwickeln, die die mit international erfahrenen Kickern gespickte Mannschaft so inspiriert, dass die hoch veranlagten Havertz, Gnabry oder Werner in ihr glänzen können.

Möglich ist das, aber nach der Vorstellungsrunde ohne große Ambitionen und Esprit bleiben große Zweifel, ob das mit einem Nationaltrainer Joachim Löw gelingen kann.

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