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StartseiteRock et ceteraFrauen hinter der Bühne04.08.2019

Männerdomäne Live-MusikFrauen hinter der Bühne

Einige Festivals haben sich verpflichtet, bis 2022 zur Hälfte Frauen und Männer auftreten zu lassen. Aber wie sieht es eigentlich hinter und neben der Bühne aus? Am Sound- oder Lichtpult sind Frauen immer noch eine Ausnahmeerscheinung. Aber es gibt sie!

Von Anke Behlert

Mehrere Frauen sitzen am Bühnenerand (Caroline Momma)
Women In Live Music Crew - Malle Kaas (zweite v.r.) (Caroline Momma)
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"Ich hatte einmal so ein Highlight, das war beim Brian Adams-Konzert 2002 oder 2003. Da hab ich Monitore betreut und es gab eine Backlinerin. Wir haben Linecheck gemacht, sie an den Instrumenten und Mikros, ich am Pult. Das ist ganz normal in diesem Job, aber es war so einmalig für mich, das mit einer weiblichen Backlinerin zusammen zu machen, dass es wirklich ein Highlight war."

Sagt Miriam Wernet, sie ist 53, Meisterin für Veranstaltungstechnik und lebt im Schwarzwald. Seit 34 Jahren arbeitet sie in diesem Bereich. Angefangen hat sie als Truckerin und Aushilfe, später kam Tontechnik und auch Höhenarbeiten auf der Bühne - das sogenannte Rigging - hinzu. Von kleinen Jazzclubs über Hallentourneen mit DJ Bobo oder Marianne und Michael bis zu großen Festivals wie dem Wacken hat sie jede Menge Erfahrungen gesammelt. Vor allem in der Anfangszeit war das alles andere als leicht. Neben dem Druck, mindestens genauso gut zu sein wie die männlichen Kollegen, waren sexistische Sprüche und anzügliche Bemerkungen an der Tagesordnung.

Eine Frau sitz an einem Mischpult (Privat)Miriam Wernet ist Meisterin für Veranstaltungstechnik (Privat)

"Ich hab mir dann vorgestellt, wie das für die Frauen war, die als erste Medizin studiert haben, oder die Frauen, die fürs Frauenwahlrecht gekämpft haben. Und für mich war klar, ich wollte diesen Job machen, weil ich den toll fand. Und ich kämpfe das jetzt durch, fertig. Vor 80 Jahren haben die Frauen andere Sachen für uns durchgekämpft. Und mir war klar: Ich kämpfe das jetzt durch, und irgendwann wird es mehr Frauen geben, die das dann auch machen dürfen oder können." 

Auch für Kirsten Baumberg ist Live-Tontechnik ein Traumjob. Sie kommt aus dem Ruhrgebiet, hat viele Jahre in Kanada gelebt und hat dort bei Konzerten und am Theater gearbeitet. Die Skepsis gegenüber Frauen in technischen Berufen ist ihr auch dort begegnet.

Soundman gesucht

"Als ich größere Festivals gemacht habe, hatte ich auch Bands, die gesagt haben: Ja, wo ist denn der Soundmann? Das bin ich. Äh, nein, nein, wir suchen nach dem Soundmann, der am Mischpult steht. Ja, das bin ich. Wir gucken aber nach einem Mann, da muss doch ein Mann sein."

Ständiges Nicht-Ernstgenommen-Werden und dumme Bemerkungen können sehr zermürbend sein. Außerdem hat es für Frauen auch ganz praktische Nachteile im Arbeitsalltag gegeben, erzählen Miriam Wernet und Kirsten Baumberg.

"Auf Tournee schläft man ja im Bus, man hat quasi sein Bett mit einem Vorhang davor und einer Lampe drüber und duscht in der Halle. Dann hatte ich mir angewöhnt, wenn die Künstler wegwaren und wir abgebaut haben, mir die Künstlergarderobe zu krallen. Weil die Jungs natürlich alle zusammen duschen, in so großen Duschen...Das sind so Specials, die für eine Frau anders sind, als für die Männer, solange noch so wenige unterwegs sind."

"Erstens mal sind wir ja anders gebaut als Männer, und dann gehst Du hin und willst einen safety harness haben - ich bin ziemlich klein ungefähr 1,61m und da gibt's nichts, es passt nichts. Ich hab große Brüste und wenn ich einen Fünf-Punkt-Harness haben will, der nun mal der sicherste ist, ich kann den nicht in meiner Größe finden. Es gibt für Frauen nicht die gleichen Möglichkeiten wie für Männer, zum Beispiel Kleidung oder safety-gear zu bekommen."

Neue Ausbildungs- und Studiengänge

Im Vergleich zu den 90er-Jahren, als Baumberg und Wernet angefangen haben, hat sich aber schon einiges geändert. Mittlerweile gibt es für alle Interessierte verschiedene Studiengänge und eine Ausbildung zur Fachkraft für Veranstaltungstechnik. Das erleichtert jungen Frauen - und natürlich nicht nur ihnen - den Einstieg in den Job. Eine davon ist Lily Daigle, sie ist 22 und lebt in Stuttgart.

Eine Frau mit rötlichen Haaren blickt in die Kamera (Privat)Lily Daigle besuchte den Studiengang MusicTechnology (Privat)

"Nach dem Abi wusste ich nicht, was ich beruflich machen sollte. Durch Zufall hab ich den Studiengang "Music Technology" gefunden und angefangen zu studieren. Ich hab mir verschiedene Jobs rausgesucht und bin dann als Stage Hand gestartet. Als ich diese Jobs gemacht hab, kam eben die erste Firma auf mich zu und meinte "Werde doch bei uns Werkstudent". Und nach dem Studium bin ich gleich in die Selbständigkeit gegangen und arbeite mittlerweile für neun Unternehmen freiberuflich."

Trotz großer Fortschritte sieht man Frauen immer noch viel seltener hinterm Mischpult, als Männer. Um Frauen sichtbarer zu machen und sich gegenseitig zu unterstützen, hat die dänische Tontechnikerin Malle Kaas 2018 die Organisation Women in Live Music gegründet.

Women In Live Music ist eine Community für Frauen in Europa, die hinter der Bühne arbeiten. Sei es am Sound oder Licht, als Managerin, als Truckfahrerin, im Catering oder der Produktion. Also alles, was nötig ist, um ein Live-Konzert zu veranstalten.

Women in Live Music bietet unter anderem Workshops für interessierte Frauen an, die vorher noch nicht so viel Erfahrung in diesem Bereich gesammelt haben. Denn oftmals ist es die Anfangsphase im Beruf, in der besonders viele Frauen wieder aussteigen, weil sie verunsichert sind und von der männlichen Übermacht vielleicht auch ein bisschen eingeschüchtert. Ein geschütztes Lernumfeld findet auch Kathleen Chen wichtig. Sie kommt aus Los Angeles und arbeitet seit eineinhalb Jahren in Berlin.

Kathleen Chen: "Wenn man eine Community hat, die nicht nur aus Männern besteht, lernt man viel besser und leichter. Man verhält sich einfach anders, traut sich mehr, hat keine Angst vermeintlich dumme Fragen zu stellen. Das ist sehr hilfreich."

Mehr Frauen am Mischpult

Wichtig sind auch Vorbilder. Wenn es mehr Frauen in Crews gibt, die auch mal technische Leitung inne haben, steigt das Vertrauen und es wird einfach normaler, dass eine Frau das Mischpult bedient. Das ist eines der Ziele von Women in Live Music, sagt Malle Kaas.

"Frauen stellen weniger als 10 Prozent der Arbeitskräfte im Live-Bereich. Und wenn man immer die einzige Frau im Team ist, kann man sich schon mal alleingelassen fühlen. Unser Eindruck ist aber, dass Künstler, Festivals, Booking Agenturen etc. mehr Diversität unterstützen. Und dabei können wir helfen. Wir machen die Frauen sichtbarer. In unserer Facebook-Gruppe kann man Jobangebote posten und das passiert fast täglich."

Eine Liste von Frauen, die verschiedenste Jobs im Live-Bereich machen, ist auch auf der Webseite der Organisation zu finden. Neue Anmeldungen sind jederzeit willkommen. Dann sind Erfahrungen wie die von Miriam Wernet vielleicht bald nur noch seltsam anmutende Anekdoten aus einer längst vergangenen Zeit.

"Im Sommer 2005 kam der Papst auf das Marienfeld in Köln, es gab zwei Bühnen. Wir waren fünf Tontechniker an den Livemischpulten, es gab natürlich auch noch unendlich viele Radio- und Fernsehtonleute. Es gab sehr viele Delay-Tower, und es musste an jedem Delay-Tower ein Tontechniker sitzen, um zu gewährleisten, dass man jederzeit alles hören kann. Als wir uns gesammelt haben, waren wir - ich glaue - 67 Tontechniker und ich habe dann gemerkt, dass ich die einzige Frau bin. Das war schon seltsam."

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